Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 43 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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i r&{ iijyqyr { i i < i i 7. Jahrgang Nummer 43 l!«i*U änUiJ#1 2. Beilage 28.0ffober 1927 Der Kultus, die Gemeinschaft und das Zudividuum Referat für die Frankfurter Hauptversammlung von Erich Bayer-Vreslau In vielen Erzählungen der Bibel spielen die wechselseüigcn Beziehungen von Individuum und Gemeinschaft eine besondere Rolle, Wir lesen von dem Dulder Hiob, der seiner Kinder und seiner Habe beraubt, von schrecklicher Krankheit beimgesuch: über die Ursachen seines Unglücks grübelt. Zu ihm eilen drei Freunde, um ihm Trost zuzusprechen. Diese Männer sind die Vertreter jener Gemeinschaft, die an der Anschauung sesthcilt, daß jedes Leid eine Strafe des richtenden Gottes sei. Diese ihre Anschauung spricht aus den Trostesworlen, die sie an Hiob richten, und erweckt in ihm Widerspruchsgeist und Widerstandskraft. Ganz allein kämpft Hiob gegen, diese billige Erklärung seiner Leiden, die der Ansicht der Menge entspricht, als Jichividuum steht er im Kampf gegen die Gemeinschaft. In anderer Form zeigen sich diese Beziehungen vvn Individuum und Gemeinschaft in den Berichren über Moses. Tie Wüste ist der Schauplatz vieler Kämpfe, die er gegen das Volk bestehen muß. Immer wieder empört cs sich gegen ihn, immer wieder sagt die Menge dieser Jichrcrpersönlichkeit den Gehorsam aus. Häufig muß auch Moses seine Pläne unter dem Truck des widerspenstigen Volkes ändern. An der Grenze des verheißenen Landes angelangt, weigert sich das Volk, den Kampf mit den Bewohnern aufzunehmen, und Moses muß kurz vor Erreichung des Zieles umkehren und in vierzigjähriger Wüstenwanderung aus das Volk wirken, um es in ständigen Bemühungen für seine Pläne und Ziele heranzubilden. Diese Erzählung zeigt zunächst die Einwirkung der Gemeinschaft auf das Individuum und dann den Einfluß der Persönlichkeit aus diie Menge, mit anderen Worten, den Widerstreit von Gemeinschaft und Individuum. Ter Gegenstand, um den der Kampf gchr, ist bei Hiob die Anschauung, bei Moses Volk und Land als geistiges und praktisches Ziel. Bei anderen Berichten der Bibck, wie z. B. der Erzählung vom Propheten Elias, der die Baalspriester, die Repräsentanten des herrschenden Götzendienstes vernichtet, oder vom Propheten Hosea, der das Kalb von Samaria, den Mittelpunkt des damals üblichen Bilderkultus verspottet, entbrennt der Streit zwischen Individuum nnp Gemeinschaft, um eine Institution, um die religiöse Anschauung, die sich im Kultus offenbart. Der Kultus ist die Ursache dieses Gegensatzes von Gesamtheit und Einzelpersonen. Wie Erfindungen, die der Mensch macht, Maschinen, die er anfertigt, Resultate menschlicher Einwirkung sind, die wiederum auch auf den Menschen insofern wirken, als sie seine Fähigkeiten und Kräfte steigern, so ist auch der Kultus eine Institution, die religiöse Menschen geschaffen haben, und die wiederum auf den Menschen zurückwirkt, den Einzelnen und die Gemeinschaft anregt und beeinflußt. Es zeigt sich, daß die drei Begriffe Kultus, Gemeinschaft urü> Individuum in wechselseitigen Beziehungen zu einander stehen, die wir näher untersuchen wollen. Es wird also unsere Aufgabe sein: Tie Beziehungen des Einzelnen und der Gemeinschaft zum Kultus und die Rückwirkung des Kultus historisch zu betrachten, zu untersuchen, wie der moderne Mensch zum Kultus stcht und inwieweit er uns beeinflußt, um aus den Betrachtungen zu ersehen, welche Aufgaben uns in Bezug auf die Entwicklung des Kultus gestellt sind und welche Versuche wir zu' machen haben, um sie zu lösen. An einzelnen Beispielen wollen wir die Beziehungen der Gemeinschaft und des Einzelnen zum Kultus zeigen, um dann zu beobachten, wie der Kultus die Meng« und das Individuum beeinflußt hat. Wenn auch über die Anfänge des Kultus in Israel Dunkelheit herrscht, so kann doch mit Bestimmtheit angenommen werden, daß sie dem der primitiven Menschen ähnelten^ Der Kultus war von Anbeginn eine Sache der Gemeinschaft, dem aus dem Gemeinschastsbewußtsein immer neue Kräfte zuströmten. Zu dieser Annahme führt uns die klare Erkenntnis, daß der primitive Mensch nur durch das Berbundensein mit einer Gemeinschaft, sei es Familie, Stamm oder Volk, existieren konnte. Der Einzelne hattein völliger Einsamkeit zugrunde gehen müssen, weil er ohne die HUfe der mit ihm verbundenen Menschen hilflos den Gewalten der Natur, wilden Tieren und räubernden Nomaden preisaegeben war. Sicherlich hat einst ein Einzelner zum ersten Mal eine Ahnung von der Existenz höherer Wesen gehabt, die vermöge chrer großen Machtmtttel die Natnr und auch den Menschen beherrschen. Not und Gefahr und die daraus entstehende Furcht haben ihm diese Vorstellung vermittelt. Diese Gefahr, aus der ihm die Ahnung entstand, betraf jedoch nicht ihn allein als! Einzelperson, sondern die Gemeinschaft, der er angehörte, sodaß aus diesem Bewußtsein der Verbundenheit mit der Gemeinschaft die Vorstellung vom Dasein göttlicher Machte, die man in irgend welchen Formen verehren müsse, entstand. Als eine Gemeinschaft ziehen die Jsraeltten in Kanaan ein und der Kultus, der sich dort entwickelt, ähnelt dem der anderen Völker darin, daß er ans einer primitiven Gottesvorstellung und dem Bewußtsein der nationalen Gemeinschaft beruht. Das Verhältnis des Primttiven zu Gott gleicht dem des Knechtes zu einem despotischen, unberechenbaren Herrn, den man durch Geschenke, Lobpreisungen und Zeichen der Unterwürfigkeit umstimmen und gewinnen kann. Das Eigenartige dieser Auffassung ist der Glaube an die Bestechlichkeit und Veränderlichkeit der göttlichen Macht. Im alten Palästina opfert man auf Höhen und in Hainen, an den Haupts esten, dem Fest der Aehrenreife, der Weizenernte und der Weinlese werden die Erstlinge der Früchte dargebracht, weil man durch diese Opfer der Gottheit danken und sie auch für sdie Zukunft günstig stimmen wÜl. Dieser Kultus zeigt auch eine starke nationale Gebundenheit. Jedes Volk hat sein Land, in dessen Grenzen Gott der oberste Herrscher ist, von dem man Hilfe und Beistand in allen nationalen Angelegenheiten erwartet. Daß diese Auffassung auch im alten Israel herrschte, das gcht aus der Klage Davids hervor, der vor Saul aus dem Lande fliehen muß, daß er nun außerhalb Palästinas Gott nicht dienen könne. In der religiösen Auffassung und im Kultus zeigt sich also das Bewußtsein der nationalen Gemeinschaft. Diese Enge der Auffassung schwindet vor der Erkenntnis der großen Individualitäten, die die Grenzen der primitiven Gottesvorstellung sprengen. Die Propheten, jene großen Persönlichkeiten, verkünden, daß die Macht Gottes nicht durch Schranken begrenzt wird, weil die Eigenschaften Gottes nicht eine Multiplikation menschlicher Wesenszüge sind, sondern daß sie Universale sind, wie das Recht, die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Damit verliert das Opfer jede Bedeutung. Doch den Propheten war es nicht möglich, diese sittlichen Ideale, die manche Einzelpersönlichkeil, aber nicht die Gesamtheit erfassen konnte, auf den Kultus zu projezieren. Sie haben allerdings insofern eine Wirkung auf die Gestaltung des Kultus ausgeübt, als die Kultusresormen durch Josna und des Esra unter dem Einfluß prophetischer Gedankengänge stehen. So beeinflußt die Individualität den Kultus in seiner Entwicklung, der aber Rücksicht nchmen muß auf die Gemeinschaft und daher müssen die prophetischen Ideale bei der Uebertragung auf den Kultus eine starke Vergröberung und Veräußerlichung erleiden. Das zeigt sich besonders darin, wie sich die Lehre von Her Einheit und der Gerechtigkeit Gottes sowie die Forderung der Sittenreinheit im Kultus darstellt. Durch die Reform des Josia sollte die Einheit Gottes in der Zentralisierung und der Monopolstellung des Gottesdienstes im Tempel zu Jerusalem ihren Ausdruck finden. Tie Vorstellung von der Gerechtigkeit nimmt in vielen Gebeten die Form an, daß für Befolgen der Gebote Belohnung, für Uebertretüng aber Strafe iu Aussicht gestellt wird. Es zeigt sich darin, daß rein maschinell jede Tat ihre göttliche Zensur erhalten soll, die starke Vergröberung. Tie prophetische Forderung der Stttenreinhett wird veräußerlicht durch die körperlichen Reinheitsgesetze, die sich im dritten Buch Moses finden. So zeitigt die Rücksicht aus die Gemeinschaft diese Veräußerlichung und Vergröberung der prophetischen Gedankengänge und Ideale. Dennoch sind durch den Einfluß der Propheten innere Werte im Kultus geschaffen worden. Es ändern sich die Ansichten über den Wert des Opfers, und so entstehen im Lande, wozu auch die Zentralisierung des Kultus in Jerusalem beitrug, Zusammenkünfte, bei denen man aus den Schriften vorlas und auch Gebete zu sprechen begann. Tie Anfänge des Gebetgottesdienstes sind gegeben, der im babylonischen Exil eine weitere Ausgestaltung und Festlegung erfuhr, dort übertrugen auch künstlerisch begabte Menschen die prophetischen Gedankengänge in dichterische Formen, es entstanden Psalmen, die Aufnahme in den Gottesdienst fanden und wesentlich zur Verinnerlichung des Kultus beitrugen. Nach Errichtung des zweiten Tempels wurden diese gottesdienstlichen Zusammenkünfte weiter ausgebreitet. Es bllden sich im Laufe der Zeit feste Formen, es entstehen bestimmte Gebetstexte, Brauche und Zeremonien führen sich ein, auch finden die gottesdienstlichen Versammlungen zu bestimmten Zeiten statt. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als die Juden sich über die ganze Welt zerstreuten, da nahmen sie diesen Gottesdienst mit, durch den das Gemeinschastsbewußtsein belebt wurde und der den aus der Heimat Vertriebenen Rückhalt und Widerstandskraft gab. Das ist der eine Grund dafür, daß der Kultus eine immer größere Bedeutung erlangte. Der andere Grund ist in der Auffassung zu suchen, daß die Jnnehaltung der kultischen Vorschriften und der Besuch des Gottesdienstes ein religiöses Gebot sei, für dessen Beachtung der! Mensch belohnt werde. Mit größter Sorgfalt werden die kultischen Gebote ausgeführt. Der Kultus wird als Gemeinschrftsstaat zu einem wichtigen Faktor des jüdischen Lebens. Die Ausübung der gleichen Gebote, das Sprechen derselben Gebete, die gemeinsame Pflichterfüllung, die häufige, zur bestimmten Tageszeit stattfindende Zusammenkunft der einzelnen Glaubensbrüder, das alles verbünd die Einzelnen zu einer festen Gemeinschaft, in der ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden war. So üben nicht nur die Gemeinschaft, die der Einzelne ihren Einfluß auf den Kultus aus, auch der Kultus wirkt wieder zurück auf die Gemeinschaft, auch auf das Individuum. Tie feste, unveränderliche Form des Kultus wird, wie wir gesehen haben, zu einem wichtigen Bestandteil des jüdischen Lebens. Dabei dürfen wir afcex die damit verbundenen Nachteile nicht übersehen. Die sich stets gleichblerbende Form des Kultus, der unveränderte Wortlaut der Gebete, prägen sich mit der Zeit dem Menschen so ein, daß sie an Wirkung verlieren. Tie Gebet« werden mechanisch heruntergelesen, ohne daß chr Inhalt znm Bewußtsein des Betenden Dringt. Tie feststehende Form des Kultus unterbindet jede Entfaltung individueller religiöser Kräfte, npr die herrschende Form ist gültig, sie ist heilig, ihr muß sich das Individuum gegen seine bessere Erkenntnis beugen. Wie unmöglich es für eine schöpferische Individualität war, in dieser Gemeinschaft, die der Kultus mit geschaffen und erhalten hat, zu wirken, das sagen zwei Namen: Uriel Acosta und Spinoza, von denen der eine an dieser starren Gemeinschaft zugrunde ging, der andere sich um seiner geistigen Freiheit willen von chr trennte. Diese Betrachtung zeigt, daß der Kultus vom Gemeinschaftsbewußtsein getragen wird, aber die wichtigen Anregungen von religiösen Persönlichkeiten erhielt. Er nahm mehr ans die Gemeinschaft als aus das Individuum Rücksicht und trug dadurch zum Aufbau und zur Festigung der Gemeinschaft bei. Wir erkennen also die starke Betonung des Gemeinschaftsbewußtseins auf Kosten der Individualität. Eine weitere Folgerung ist aus dieser Betrachtung zu ziehen. Fest geschlossene Gemeinschaften widerstehen viel wirkungsvoller äußeren Angriffen und Einflüssen, als der Einzelne. Tie Gesamtheit besitzt «in großes Beharrungsvermögen und wird naturgemäß alles schützen und fördern, was das Gemeinschastsbewußtsein belebt. Darum hat sich der Kultus nur sehr langsam und nach Ueberwindung großer Widerstände geändert. Er wurde von der Gemeinschaft getragen, auf die er Rücksicht nehmen mußte. Dadurch konnte die Gefahr der Veräußerlichung nicht vermieden werden. Dies« sehr langsame Entwicklung erschien denen ungenügend, bei denen das Individuelle stärker ausgeprägt war als die Rücksicht auf die Gemeinschaft, die darum die Persönlichkeit stärker betonen wollten, sodaß der Kultus Teilen der Gemeinschaft j nicht genügte. Es lag also im Wesen des Kultus begründet: Tie starke Betonung der Gemeinschaft und dadurch die Gefahr der Veräußerlichung und der Rückständigkeit, gegen die sich die Einzelpersönlichkeit wandte. So wurde der Kultus der Anlaß vieler Konflikte, in die Gemeinschastsbewußtsein und Individualismus miteinander gerieten. In der neueren Zeit hat diesen Streit um den Kultus der religiöse Liberalismus uns stark zum Bewußtsein gebracht, und als wichtiges Problem in den Vordergrund gerückt. Darum fragen wir uns: Wie steht der moderne Mensch mtt seinem Recht auf Individualität und seiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zum Kultus? Durch den Liberalismus ist dieser Widerstreit von Gemeinschaft und Individuum größer geworden, weil der Liberalismus im Gegensatz zur Orthodoxie, die noch stärker als der Kultus die Gemeinschaft betont, seinem innersten Wesen folgend, das Recht der Individualität hervorhebt. Es ist ja die grundlegende Idee der liberalen Anschauung, daß auch aus die Religion mit ihren Gesetzen, Gebräuchen und Lehren das Prinzip der Entwicklung Anwendung findet, daß diese nicht stark, fest und unveränderlich sind, denn wenn die Religion die notwendige Verbindung mit dem steter Entwicklung unterworfenen Menschen aufrecht erhalten will, so muß cs dem Menschen möglich sein, eigene individuelle Anschauungen auf die Religion zu übertragen, ohne dabei die Gemeinschaft zu vergessen. Tie Betonung des Individualismus liegt also im Wesen des liberalen Judentums begründet. Ter Gegensatz zwischen Liberalismus und Orthodoxie bedeutet den Konflikt des Individualismus mit Gemeinschaftsbewußtsein, der aber auch im Liberalismus in die Erscheinung treten mußte, weil man den Gemcinschaftsgedanken aus gefühlsmäßigen und sittlich pädagogischen Gründen als wertvoll erkannt hatte und ihn nicht zugunsten eines schrankenlosen Individualismus opfern wollte. Der Widerstrett von Gemeinschaft und Individuum wurde also ein wichtiges Problem des Liberalismus selbst. Dabei muß der Kultus einje wichtige Rolle spielen, der das Gemeinschastsbewußtsein stark betont, weil der Liberalismus die im Kultus vorhandenen seelischen und sittlich pädagogischen Kräfte nicht missen wollte. Darum sollte der Streit zwischen Gemeinschaft und Individuum nicht um die Existenzberechtigung des Kultus, sondern um seine Form und Wertung geführt werden. Wie steht also der moderne Mensch zum Kultus? Dabei muß festgestelll werben, daß der Kultus im Leben der Gesamtheit und des Einzelnen im Vergleich zu früheren Zeiten wesentlich an Raum und Geltung verloren hat. Es ist aus praktischen Gründen notwendig,' über die Ursachen dieser Erscheinung Klarheit zu schaffen, die m. E. in folgendem bestehen: Tie Wandlung des Menschen, die Verinncrlichuna. des Gottes begrifses, woraus sich eine Ueberspannung der Ziele, die dem Kultus gesetzt wurden, bemerkbar macht. Ter Mensch hat sich gewandelt: In der Geschichte vom Turmbau zu Babel wird geschildert, daß die Menschen in Ueberschätzung ihrer Kräfte sich zu Ehren ein gewaltiges! Werk begannen. Daraus spricht ein Mangel an Abhängigkeitsgefühl von einer höheren Macht und ein übermäßig gesteigertes Selbstvertrauen, das sich allein auf rein materielle Tipye stützt. Das könnte auch auf einen großen Teil unserer! heutigen Menschheit zulrefsen. Auch chr Leben ist erfüllt von materiellen Dingen, weil die Sorgen und Mühen des Alltags sie in eine stark materialistische Lebensführung drängt. Dazu kommt, daß die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung und die Erfolge der Technik das Selbstvertrauen sehr gesteigert haben. Dieses Gefühl der Unabhängigkeit und der Selbständigkeit sowie die materiellen Sorgen übertönen die seelische Not. Es fehlt sehr oft an Zeit für geistige Md seelische Tinge. Der Einfluß der Religion und des Kultus ist bei den meisten Menschen nicht von vornherein vorhanden, weil es ihnen an Muße zum Selbstbesinnen fehlt, weil sie im hastenden, raffenden Leben aufgehen. Für religiöse Dinge ist im besten Falle ein kleiner Platz in ihrem Dasein vor-, Händen. Auch die Aenderung des Gottesbegriffes spielt dabei eine Rolle. Es ist wohl dem Einfluß der Philosophie und besonders dem Eindringen spinozistischer und ka Wischer Gedankengänge zuzuschreiben, daß der Gottesbegriff abstrakter und unpttsönlicher geworden ist. Einem persönlichen Gott den Kultus zu weihen und ihn im Gebet zu bitten, das tut der Menschder an die Möglichkeit des göttlichen Eingreifens in sein persönliches Schicksal glaubt, dem also vorschwebt, der Mensch könne durch Bitten, Versprechungen und Taten auf Gottesurteil einwirken. Dieses persönliche, aber auch äußerliche Verhältnis zwischen Gott und Mensch weicht dem Einfluß der Auffassung, daß die mechanische Weltordnung unverändert und unveränderlich im Universum waltet, daß der Mensch! den Wirkungen dieser Gesetze auch nicht durch ein Wunder entzogen werden kann. Ter Gebundenheit in der mechanischjen Welt steht die Freiheit der sittlichen Weltordnung entgegen. Es kann demnach nicht der Zweck des Gottesdienstes sein, persönliche Vorteile zu erringen, sondern eine innere Erhebung durch die Stärkung sittlicher und seelischer Kräfte zu erreichen. Diese Verinnerlichung des Gottesbegriffes mußte die Stellung des Menschen zum Kultus ändern, da in den Gebeten dieses persönliche Verhältnis des bittenden Menschen zum richtenden Gott einen großen Raum einnimmt. Ter Einstuß der Philosophie hat dem Kultus viel von seiner Zauberkraft genommen, die in dem Glauben an eine von außen wirkende göttliche HUfe lag, er hat aber dxn Weg frei gemacht, zu einer Vertiefung und Vergeistigung des Gottesbcgriffes und der Religion. Mit dieser Auffassung, daß Gott nicht durch Gebete zu bestimmen sei und daß der Kultus nicht außerhalb des Menschen liegende Mächte — gewissermaßen zauberhaft — beschwören soll, sondern dem Zweck dient, geisttge und sitMche Kräfte im Menschen frei zu machen und so eine Offenbarung göttlicher Macht im Menschen selbst zu erwirken, hängt die Erkenntnis eng zusammen, daß die Ziele des Kultus, die Verbindung zwischen dem persönlichen Gott und dem Menschen herzustellen und eine gegenseitige Beeinflussung herbeizuführen unmögliche sind. Tie Menschen haben sich geändert, auch ihre Auffassung vom Wesen Gottes, wodurch wiederum die Stellung des modernen Menschen zum Kultus bedingt ist. Ter Kultus ist zu stark durch die Rücksicht auf die Gemeinschaft an beS? Ennvicklung gehindert und stellt dadurch nicht die Ueberi