Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 43 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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ihm seinen literarischen Nachlaß und auch den intimsten Teil davon, das viele Jahre geführte Tagebuch, vererbt. Johann Wolfgang Brenk wurde am 1. März 1704 als der Sohn des Pfarrers Martin Caspar Brenk zu Eichelsdors bei Königsberg in Franken geboren. Brenks Eigenart zeigte sich, schon darin, daß er sich, ohne einen Gruich diafür an- ZUgeben, konsequent „Brenck" mit „cf" schrieb, und daß er es stets vermied, seinen Geburtsort und sein Geburtsdatum zu verraten, sodaß er sich mal jünger, mal wieder MeV machte. Will bekam aber Einsicht in den Taufschein und kann daher die genauen Daten angeben. Brenk erhielt zuerst von seinem Vater Unterricht. Angeeisert durch das Beispiel eines gelehrten Bauern, der mit dteißig Jahren lateinisch, griechisch, orientalische Sprachen und Philosophie studierte, wurde der junge Johann Wolsgang ein Freund der Wissenschaften. Da er nach dem Wunsche seines Vaters gleichfalls Theologe werden sollte, befaßte er sich mit dem Studium der Bibel. Besonders das alte Testa!- ment zog ihn an, und um ganz in, dessen Geist einzudringen, -lernte ermit soviel Eifer Hebräisch, daß er die Mühe nicht scheute, vier Jahre lang, Sommer und Winter, bei Hitze und Frost, eine Stunde Weges über Land zu Juden zu gehen». Nm dort Unterricht zu nehmen. Brenk besuchte dann das Anspachsche Gymnasium, und mü 18 Jahren — die Immatrikulation erfolgte am 30. Oktober 1,722 — bezog er die Universität Altdorf. Seine Verhältnisse als Sohn eines armen Dorfpfarrers waren die denkbar kümmerlichsten; aber er war zu stolz, um das zu zeigen und Hungerte lieber, eh^er sich eine Blöße gab. - In Altdorf studierte er mejhr Philosophie als Theologie. Dann ging er nach Jena und sattelte um — er wurde Jurist. Hernach ging er wieder nach Altdorf zurück, wo er in dem Kanzler Johann Peter von Ludewig einen warmen Beschützer fand. Brenks reiche hebräische und sonstigen philologischen und theologischen Kenntnisse sowie sein .juridsches ^Wissen kamen Ludewig bei dessen Arbeiten sehr zustatten. Dafür sorgte Ludewig dafür, daß Brenk nicht gar zu arg vhn materiellen Nöten geplagt wurde und außerdem hielt er seine schützende Hand über Brenk, wenn dieser es gar zu toll trieb. Die Renommisterei, von der Will spricht, war damals an den Universitäten üblich. Je toller man es trieb, ails desto studentischer galt es. Saufen, Raufen, Liebeshändel, das war Tages- und Nachtbeschäftigung. Brenk stand an der Spitze, war unerschrockener Rädelsführer, später das Borbild des „bemosten Hauptes", der immer in Schwulitäten steckte, gegen alle Philister und alles Philiströse in steter .Fehde lag, aber seinen Freunden unverbrüchlich die Treue hielt, für sie zu jeder Tat bereit war und der Freundestreue schließlich -seine ganze Karriere zum Opfer brachte. ' Die Jahre 1722—1749, also zweiundfünfzig Semester, brachte Brenk aus den verschiedenen Universitäten zu: neben Alidorf waren es Anspach, Jena, Göttingen, Marburg, Halle, Berlin, München, Wien, wo er hörte, lernte, wirklich ernsthaft wissenschaftlich arbeitete, aber auch focht, soff und jede Art Allotria trieb. Unterbrochen wurde dieses Leben durch Hofmeisterposten, ViH Brenk nach Ungarn, nach Siebenbürgen bis in die damals wilde Walachei führten. ' Doch die Wissenschaften wurden dabei niemals vernachlässigt. Trotz aller tollen Streiche war Brenk als Gelehrter unerkannt und geschätzt, aber eine Professur konnte er nicht erlangen und er durfte nur — geduldet — als Privalibozent Kollegien abhalten. Doch eine gelehrte geheime Gesellschaft in Halle — eine Art Loge — di« sich gegründet hatte, unh. deren Zweck „Das Studium des Menschen" war, wählte Brenk zmn Vorsitzenden. Dieser Gesellschaft gehörten Dr. Häusler, Prof, der Rechte in Halle, Baron v. Thüngen und andere sehr Nmrchaste Gelehrte an und auch Will, der Biograph Brenks zahlte zu den Mitgliedern. Die Gesellschaft beschäftigte sich mit Physiologie und Psychologie, zog jedoch auch Physiognomik, Phrenologie und Chiromantie in den Kreis ihrer Erörterungen. Der Wahlspruch des Ordens, der ziemlich strenge Statuten hatte, war: Prudentia, Amore, Experientia. Brenk war natürlich auch literarisch-wissenschaftlich tätig; unter anderem veröffentlichte er 1747 in Halle die Schrift: „Die nach Gottes Wort Recht und Vernunft nötige, mögliche Und beständige Verbesserung der Justiz", eine Arbeit, in der Brenks rechtlicher Sinn, seine Herzensgute mtb auch seine Berichrung für das alte Testament beredten Ausdruck finden. Doch gerade in Halle erreichte ihn das Schicksal. Er wurde in eine Geldsache, in die er, wie schon öfter, selbstlos für einen jungen Studenten eingetreten war, verwickelt. Der' Bursche war bei Nacht und Nebel davongegangen. Brenk, in geschäftlichen Dingen unpraktisch, konnte sich nicht loslösen und die weiteren Folgen waren die Relegation in Halle 1749. Brenk hatte als geschätzter Gelehrter auch in hebräischen Fragen seine Kenntnisse gerne nicht nur dem zu Brenks Unglück 1743 verstorbenen Kanzler von Ludewig, sondern auch anderen christlichen Gelehrten gerne zur Verfügung gestellt. Er befaßte sich! daher weiter mit der rabbinisch-talmudischen Literatur, besonders, seil er 1741 in Halle bei R. Tdfel und R. Wolf Gamarastudien getrieben hatte. Durch seine Lebensweise, die sich in vielen Dingen dem jüdischen Ritus anpaßte, hielt man ihn schon damals für einen Juden. Daß diese Annahme seinem Fortkommen nicht nützlich war, wird man verstehen. Bon 1745 ißt er während des Passahsestes nur mehr Mozzot, für seine kranke jüdische Freundin, die Lehmännin, fastet er am Versöhnungslage. Den Sabbat hielt er bereits seit Jahren ziemlich streng. * Nach seiner Relegation ging Brenk nach .Holland in der festen Absicht, nunmehr auch äußerlich seine innerlich längst erfolgte Bekehrung zum Judentum zu betätigen. Am 25. Oktober 1749 fand in Amsterdam durch R. Jehuda Löw - und zwei portugiesischen Mohelim im Beisein von zehn Männern die Beschneidung statt. Von da ab nannte sich Brenk nicht mehr Johann sondern Jochcman. In Holland blick Brenk IV2 Jahre. Seine vielseitigen, auch ärztlichen Fähigkeiten verschafften ihm den Unterhalt, zu dem auch, die Amsterdamer Juden etwas beitrugen und ihm Verdienstmöglichkeiten besorgten und erleichterten. Dank seiner, nicht geringen medizinischen Kenntnisse, die er eifrig zu vertiefen trachtete und eine Anzahl glücklich gelungener Udren erlangte er einigen Ruf als Arzt und faftd guten i Zuspruch' . Die Sehnsucht nach der Heimat trieb ihn aber zurück. Im Jahve 1751 ist Brenk in Nürnberg. Seinen offiziellen Uebertritt zum. Judentum verheimlichte er jedoch. Er heiratet 1752 nach evangelischem Ritus eine christliche Frau. Diese starb bei der Geburt des zweiten Kindes. Noch zweimal hat er das Unglück, seine Frau zu verlieren. Sechs Jahre nach dem Tode seiner zweiten Frau ehelichte er 1772 als Achtundsechzigjahriger die erst 19 Jahre alte Anna Marie Payer, die nach 17jähriger Ehe starb. Wenige Monate nach dem Tode heiratete der nun fünsundachtzig Jahre alte Brenk seine vierte Frau, die er nach kaum einem halben Jahre zur Witwe machte. Brenk lebte allerdings dem Namen nach als Christ. Innerlich hing er aber mit dem Judentum zusammen. Er hielt nach wie vor mehr am Sabbat als an dem Sonntag fest, aß kein Schweinefleisch und betete nach Sonnenaufgang in hebräischer Sprache. Im Jahre 1756 hatte Brenk endlich nach langen und abenteuerlichen Irrfahrten eine feste Anstellung gefunden. Er wurde wirklicher Legationssekretär, ein Titel, den er neben dem Magistertitel bis zu seinem Tode führte. Am 21. November starb Brenk in seinem Häuschen zu Schobdach, und am 23. November wurde er in Gailsheim zur ewigen Ruhe bestattet. Ueber die Religion hatte Brenk wohl seine eigenen Gedanken. „Das hieß bei Brenken", schreibt sein Biograph Will, „obwohl nichts anderes, als er mache sich auf gut synkrrtistisch aus allen Religionen eine eigene zusammen, die aber doch die jüdische als die unmittelbar göttliche zur Basis haben sollte. Er betete auch gegen den Aufgang der Sonne und meist oder allezeit hebräisch. Er aß kein Schweinefleisch, kein Wildpret, auch kein Gemüse, worin Bratwürste oder' Schweinefleisch gelegen. Er feierte den Sonnabend, der Sonntag war ihm wenig oder garnicht heilig. Gleichwohl ging er selbst am Sabbat über Land und weiter, als nach jüdischem Gesetze zu gehen erlaubt ist. Er war so gewissenhaft, daß er von allem, was er einnahm, auch von seinem Güllein zu Schobdach, den Zehenden abreichte, obgleich dasselbe zehendfrei war. Daß er, als er aus Holland kam, sich wieder, zu den Christen hielt, sein Judentum gänzlich verhehlte, sich von unserem Geistlichen seine Weiber autrauen, seine Kinder taufen ließ und selbst bisweilen eine christliche Predigt besuchte, scheint freilich eine Achselträgerei zu sein, mag aber doch mit seinen Begriffen und Grundsätzen sich vereinbart haben. Vielleicht war er ein Karait, der die talmudischen Zusätze zu dem Mosaischen Gesetz, die rabbinischen Traditionen verwarf und sich nur an das Wesentliche des Gesetzes hielt. Vielleicht hat er sich auch deswegen von portugiesischen und nicht von anderen Juden wollen beschneiden lassen, hat daher auch keinen Bart getragen und sich zu den deutschen Juden nie gesellt. Wir müssen nur raten, wenn wir die innerem Angelegenheiten dieses sonderbaren Mannes erklären wollen, und erraten sie etwa doch nicht. Gott allein kennt sein Herz; und dies war gut, wenn sich auch der Verstand sollte verirrt haben." Will, der seinem Freunde das ehrende Zeugnis ausstellt, daß „sein Herz rein war", der ihm „Frömmigkeit, Rechtschaffenheit, alte deutsche Treue und warme Freundschaft" nachrühmt, geht fehl und muß sehlgehen, wenn er Brenk der „Achselträgerei" verdächtigt, Brenk, der durch seine Geradheit bis zur Grobheit sich alle guten Chancen < im Leben verdorben hat. Will sagt aber selbst, man könne nur; raten und läßt andere Schlüsse zu über Brenks Verheimlichen der Zugehörigkeit zum Judentum. Uebrijgens macht sich Will eines Widerspruches schuldig: ganz verheimlicht hat Brenk ja seinen jüdischen Glauben nicht, denn er hielt an mancherlei jüdischen Bräuchen, er hielt am hebräischen Geber fest, das er mit nach Osten gewendetem Antlitz verrichtete. Daß er seine Zugehörigkeit nicht offen bekannte, hatte' eben seine einfache Ursache darin, daß man einer Idee anhängen könne, ohne sich deshalb gleich zum Märtyrer machen zu müssen. Von Brenks literarischen Schriften sind 22 bekannt geworden. Von ihnen wäre hier noch zu erwähnen: „Erklärung über die gradus prohibitos, Levit. 18, aus denen Lehrsätzen der jüdischen Schrift gelehrten, welche in dem 2ten und 3tep Theil der Gallischen gelehrten Anzeigen eingedruckt such." Im Nachlaß fand sich auch ein Manuskript: Medicina Hebraeorum. Was aus dem Tagebuche, das Will übernommen hatte, geworden ist, weiß man nicht. Wo mag es und auch der übrige handschriftliche Nachlaß geblieben sein? Es wäre nicht uninteressant, darüber einige Nachforschungen anzustellen. ' _ Dr. B. Schidl 0 f. Ksmeraäen Von Max Rosenfeld. Es ist von vier Kriegskameraden aus dem Feldzuge 70/71 zu berichten. In dem alten Teil Berlins, an der Fischerbrücke, trafen sich im Jahre 1872 an jedem Donnerstag Abend im „Goldenen Anker“ die vier Kriegskameraden: Hans Müller, zweibeinig; Fritz Kuntze, zweibeinig; Isaak Cohn, einbeinig; Wörth, vierbeinig. Wörth war nämlich ein Hund, eine Art Neufundländer, den der Grenadier Isaak Cohn nahe bei der berühmten Stadt, wo die Preußen über Mac Mahon siegten, in einem verlassenen Stall eingesperrt und faßt verhungert gefunden hatte. Isaak pflegte das Tier, das er nach dem Fundort benannte, der Hund blieb ihm seit dieser Zeit treu ergeben und folgte ihm überall nach. Die nächsten Kameraden Isaaks waren Hans und Fritz, diese drei Männer und der Hund schienen unzertrennlich. An Isaak hing der Hund aber ganz besonders, ihn betrachtete er als seinen Herrn; und als dem Grenadier das linke Bein zerschmettert wurde, kam der Hund Wörth mit in das Lazarett. Es wurde gestattet, daß der treue vierbeinige Kamerad neben dem Lager seines nun einbeinigen Herrn ruhte. Der Mutter Isaaks, die am Mühlendamm einen kleinen Trödelladen innehatte, brach fast das Herz, wie sie ihren einzigen Sohn, der ihr seit dem Tode ihres Mannes eine Stütze war, als Krüppel aus dem Felde heimkommen sah. Mit Bitterkeit mußte sie sich aber an die Verstümmelung ihres Sohnes gewöhnen, und die alte Jüdin war schließlich noch froh, daß ihr Isaak nicht das Los vieler anderer Kriegsinvaliden teilen mußte, die man, mit Orden geschmückt, den Leierkasten drehen sah, um durch Almosen das Leben zu fristen. Isaak trug stets seine Entlassungsuniform mit dem eisernen Kreuz; der Stelzfuß in Begleitung seines Hundes war eine gewohnte Erscheinung im Zentrum Berlins. Ein Fest bildete für den Einbeinigen immer der Donnerstag-Abend, wenn er sich in den „Goldenen Anker“ begab, wo er seine Kameraden Hans und Fritz traf. Da wurden dann ernste und heitere Kriegserinnerungen erzählt, wobei der Hund Wörth, auf dem Boden Hegend, alles belauschte, als verstünde er, wovon die Rede war. Isaak liebte die beiden Kameraden sehr, wie er auch seinen Hund Wörth liebte, eine Trennung von ihnen schien ihm gänzlich ausgeschlossen zu sein. Das kameradschaftliche Verhältnis hätte man ein ideales nennen können, wenn nicht etwas eingetreten wäre, das, so sinnlos und unbegreiflich es erscheint, doch nur das alte Ahasverusschicksal wiederholte^ allerdings in besonders erschütternder Weise. An einem Donnerstagabend kam Isaak mit seinem Hund wie gewöhnlich in die Gaststube des „Goldenen Anker“. Der Invalide bestellte sich ein Glas Bier, setzte sich an einen Tisch und wartete. Der Hund lag neben ihm am Fußboden. Nach längerer Zeit traten endlich die beiden anderen Kriegskameraden ein, doch gingen sie merkwürdigerweise an den Schanktisch, wo sie leise mit dem Wirt verhandelten. Wörth stand auf und ging zu Fritz und Hans hinüber, schweifwedelnd begrüßte der Hund die beiden Kameraden, die ihm das Fell klopften. Für Isaak schienen die beiden aber keinen Blick zu haben. Der Hund stand zögernd in der Mitte der Gaststube, er blickte bald seinen Herrn, bald wieder die beiden Kameraden an, bis er sich schließlich neben Isaak niederlegte. Isaak glaubte, die beiden Freunde hätten ihn nicht bemerkt, und er rief scherzend: „Nun, Kameraden, hier sitzt auch noch einer von 70. Guten Abend!“ Fritz und Hans sahen nun in ziemlicher Verlegenheit zu ihm hin, kamen langsam näher, reichten ihm aber nicht die Hand. „Was ist denn los? Was habt ihr denn?“ fragte Isaak erregt. Hans sah Fritz an, dieser raffte sich auf und sagte nun in schroffem Tone: „Isaak ... also ... wir können nicht mehr mit dir verkehren. Nämlich ... ja... weil du ein Jude bist..“ Isaak schaute die beiden verblüfft an, seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Das wußtet ihr doch schon immer. Ein Jude war ich, als wir zusammen ins Feld zogen, ein Jude war ich, als ich für Deutschland kämpfte, ja, ein deutscher Jude. Ein Jude war ich auch, als ich für Deutschland mein Bein opferte ...“ Der Wirt rief eine spöttische Bemerkung herüber, die übrigen Gäste lachten, und die beiden Kameraden Hans und Fritz stimmten mit ein. „Kurz und gut“, begann Fritz wieder, „wir sind einem antisemitischen Verein beigetreten, der es uns verbietet, mit Juden zu verkehren.“ Der einbeinige Invalide sah wie irre um sich, seine Lippen bebten. „Ist denn so etwas möglich? Das sagt ihr mir, der ich mit euch in Dreck und Pulverdampf Schulter an Schulter gekämpft habe?“ „Für det Jewesene jibt der Jude nischt!“ schrie boshaft der Wirt, und alle Gäste wieherten. „Die Juden sind Schädlinge in Deutschland“, sagte nun Hans. „Wir haben das bisher nicht so gewußt, aber wir sind nun aufgeklärt. Wir raten dir, Isaak, komm nicht mehr in dieses Lokal, wir haben soeben das Vereinszimmer für unseren Verein gemietet.“ Isaak erhob sich schwerfällig, sein Stelzfuß stampfte den Boden. „fhr Schutte, ihr schändlichen Verräter!“ rief er zornrot. „Halte dein freches Maul, Jude!“ brüllte Fritz dagegen. Der Wirt kam jetzt herüber an den Tisch und rief: „Bezahle dein Bier, Mauschel, und dann mach, daß du! rauskommst!“ Hans lachte und begann unter dem Gaudium der übrigen Gäste ein Judenspottlied zu singen. Isaak wankte, als er das Geld aut den Tisch warf. Hans und Fritz hatten den Hund Wörth zu sich gelockt und fütterten ihn. Der Stelzfuß verließ leise die Gaststube. Als Isaak hinaus in die Dunkelheit kam, hätte er laut aufschreien mögen, sein Glaube an die Menschheit war zertrümmert. Der Invalide wankte zur Friedrichsgracht, er lehnte sich über das Spreegeländer, unsägliches Weh durchschnitt seine Seele. Im Schein der Straßenlaterne sah er die Wassertreppe, er stelzte hinab, setzte sich auf die Stufen und weinte wie ein kleines Kind. Er, der an Kameradschaft so fest geglaubt hatte, er vermochte den Treubruch der anderen nicht zu ertragen. Was galt ihm noch dieses Krüppeldasein? Voll unendlichen Ekels wollte er das Leben von sich werfen. In überquellender Verzweiflung ließ sich so der einbeinige Mann in die schwarzen Fluten hinabgleiten. Als dem Lebensmüden das kalte Wasser umschauerte, fiel ihm seine alte Mutter ein, er machte einige Schwimmbewegungen, um wieder die Treppe zu erreichen, doch das Holzbein machte ihn hilflos. Da kam plötzlich etwas durch die Dunkelheit winselnd die Treppe herab, und im nächsten Augenblick klatschte ein Körper ins Wasser. Der mit den Fluten Kämpfende fühlte die Schnauze eines Hundes an seinem Gesicht, und — „Wörth!“ gurgelte er und versank. Die Menschen hatten den armen Invaliden verraten, aber der Hund war ihm treu geblieben, ob auch sein Herr ein Jude, er hielt ihm treue Kameradschaft. Zwei Schiffer, die auf der anderen Spreeseite mit ihren Zillen vor Anker lagen, hatten das laute Weinen | von der Wassertreppe her vernommen, sie machten einen Kahn los, um hinüberzufahren, als sie sahen, wie eine Männergestalt in die Spree glitt. Gleich darauf sahen sie beim Schein der Straßenlaterne einen Hund die Treppe herunterkommen, der sich in das Wasser warf und auf den Ertrinkenden zuschwamm., Die Schiffer bargen Mann und Hund in ihrem Kahn, leider kam die Hilfe bei dem i Kriegsinvaliden zu spät, er war ertrunken. 1 Als man der alten Frau Cohn die Leiche ihres j Sohnes brachte, sank die arme .Mutter ohnmächtig zu I Boden. Niemand hätte jemals den Grund zu dem Selbstmorde Isaaks erforscht, doch die beiden verblendeten Kriegskameraden wurden von Gewissensbissen so gepeinigt, daß sie alles erklärten und sich selbst beschuldigten. Sie erzählten, wie der Hund Wörth in dem Gastzimmer unruhig wurde, als er seinen Herrn vermißte, wie er um sich biß und beim ersten Oeffnen der Tür hinaus in die Dunkelheit schlüpfte. Nach der Bestattung Isaaks magerte der Hund Wörth zusehends ab. Er lag hinten im Trödclladen der Frau Cohn auf dem alten iJniformrock Isaaks, seines toten Kameraden, und war nicht davon zu entfernen. Der Hund verweigerte jegliche Nahrung, und so ging er nach wenigen Tagen ein.