Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 43 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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dersdenlender nicht verletzt werden." Und weiter sagte er: „Was hat hier im Osten das deutsche Judentum geleistet und was haben hier im Osten die deutschen Juden durch den Verlust deutscher Landesteile gelitten!" Mit Florian Geyer müsse es heißen: „Ter deutschen Z wietracht mitten ins Herz!" Ter Kampf des deutschen Judentums müsse ein Kampf für die Frecheit sein, für die Achtung der Ueberzeugung anderer, für die Autorität der Wahrheit und des Rechtes, ein Kampf voller Disziplin und Pflichtbewußtsein. Ein gut deutscher Kampf!" — Die von allen Anwesenden stehend gesungene letzte Strophe des Deutschlandliedes schloß die eindrucksvolle Versammlung. Am Nachmittag fand dann die interne Bundessitzung und am Abend ein Festessen als Schluß der Tagung statt. I. W. jüdisches Lexikon Das im Jüdischen Verlag erscheinende Jüdische Lexikon zählt zu seinen Mitarbeitern Männer aus den verschiedenen Parteilagern des deutschen Judentums. Die zu große Zahl der Mitarbeiter und die mangelnde Einflußnahme der Redaktion dürften die Hauptschuld daran tragen, daß dieses groß angelegte Werk, das sicherlich auch jetzt noch dem gebildeten Laien etwas zu geben vermag, den gehegten Erwartungen in keiner Weise gerecht wird. Man vermißt bei der Durchsicht des ersten Bandes immer wieder ein festes System für die Gliederung des Werkes. So stößt man z. B. fortgesetzt auf ausführliche Artikel über Persönlichkeiten, deren Verdienst nicht auf jüdischem Gebiet liegt, und bei denen man dann am Schluß der langen Betrachtungen die drei Worte findet: „Er war konfessionslos." Bei anderen Artikeln fehlt völlig die Aufzeigung der Verknüpfung mit dem Jüdischen. So findet man beispielsweise die Schauspielerin Elisabeth Bergner in dem Jüdischen Lexikon, wobei jedoch neben einer Auszählung ihrer Rotten nur ihre „kindliche, fast knabenhafte Erscheinung" und die „seelische Reichweite ihrer produktiven Genialität" gepriesen wird. In besonderem Grade unangenehm wirkt ein Artikel über den Barmatprozeß, der ja bekanntlich noch in der Schwebe ist und erst in einigen Monaten beendet sein dürfte. Ein solcher Artikel sollte in jedem Lexikon unmöglich sein, in einem Jüdischen Lexikon wirkt er besonders peinlich. Hier finden sich Sätze wie: „Es wiederholten sich nun zwischen Zentrum und Sozialdemokratie, den Regierungsparteien der Inflationszeit, sowie dem „Ausländerkonzern" Barmat die gleichen kapitalistischen Beziehungen und Verbindungen, die im kaiserlichen Deutschland etwa zwischen Schwerindustrie und Agrariertum einerseits und den Rechtsparteien andererseits in viel stärkerem Maße an der Tagesordnung waren." Oder: „Viele von den Beschuldigungen haben sich inzwischen als ungerechtfertigt herausgestellt." Wir möchten auch glauben, daß Aufsätze über Basel oder Castiglioni (der zudem bereits 1912 aus dem Judentum austrat) in einem Jüdischen Lexikon nichts zu suchen haben. In nachstehendem Aufsatz aus der Feder von Lazarus Goldschmidt, dem bekannten Talmudübersetzer, wird die wissenschaftliche Unzulänglichkeit des Werkes eingehend aufgezeigt. Wir hoffen, daß dieser Aufsatz dazu beitragen wird, daß die weiteren Bände des vorliegenden Werkes und die vom Verlag Eschkol geplante Enzyklopädie mit größerer Sorgfalt und Gründlichkeit verbreitert werden. Die Red. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Banden. Dies der stolze Name eines Werkes, von dem nun der -erste, die Buchstaben A—C fassende Band fertig vorliegt. Schon beim Durchblättern des schön ausgestatteten Bandes — Druck und Ausstattung sind vorzüglich und dem Verlage gebührt alles Lob — weiß man nicht recht, ob man ein Lexikon des jüdischen Wissens vor sich hat, ob ein Wörterbuch des jüdischen Jargon, oder gar einen Panegyrikus zionistischer Größen. Aber nichts von allem ist -es in Wirklichkeit. Zwar sind manche Artikel nicht schlecht aus anderen enzyklopädischen Werken übersetzt (ob es zulässig ist, unter solche ein, .Autorensignum zu setzen und als eigene Leistung auszugeben, ist eine andere Frage), die oft bekundete Unwissenheit der Redaktion aber, die offenbar die Materie nicht beherrscht, die ganz unzuverlässigen Angaben über Literatur und Quellen, in denen oft über den behandelten Stoff entweder übei> haupt nichts oder bedeutend weniger als im Artikel selber zu finden, und endlich das Fehlen vieler wichtiger Artikel, über die man vergeblich Auskunft erwartet, entziehen dem „Handbuch" jede Bedeutung als Nachschlagewerk. Oder kann jemand derartiges als zuverlässiges Nachschlagewerk benutzen, wenn Liederlichkeit das Stichwort Orsch ans ki in Arsch ans ki wandelt, weil aus der offenbar in hebräischer Lettern abgefaßten Vorlage falsch nachgeschrieben? Die nicht hineingehörende Sabäerkönigin Bilkis findet freundliche Aufnahme; wer aber sucht sie unter Belkis? Der Ruf der „Chelmer Narren" (bei den Oftjuden soviel wie Schildbürger) ist in die Redaktion des „Jüdischen Lexikons" nicht gedrungen, um so mehr aber die Weisheit des „Kelmer Maggid"; wer aber ist in der Namensverwechselung so kundig, ihn unter dem Stichworte „Chelmer Maggid" zu suchen? Wie wenig die Redaktionsmänner ihrer Aufgabe gewachsen bezw. mit dem „jüdischen Wissen" vertraut, mögen folgende Beispiele zeigen. Der rabbinische Gelehrte Abraham D a n z ig , im Anfang des vorigen Jahrhunderts Rabbinatsassessor in Wilna, begründete seinen Ruf durch sein populäres Kompendium Chaje Adam, eine volkstümliche Bearbeitung des Orach Chajim für das Laienpublikum. Weniger Verbreitung fand seine den Namen Chochmath Adam führende Bearbeitung weiterer Teile des 8cbu!cban Arucb, da nicht für den täglichen Gebrauch. Dem weniger bekannten Buche Chochmath Adatn wird ein ausführlicher, eine halbe Spalte füllender Artikel gewidmet, beim Artikel Chase Adam hingegen wird auf Abraham Danzig verwiesen. Woher diese Inkonsequenz, die die Benutzung des Werkes beeinträchtigt? — Weil die Redaktion den Zusammenhang dieser drei, offenbar von verschiedenen Mitarbeitern herrührenden Artikel nicht kennt. Die Namen Ben-Ascher und Ben-Naftali sind jedem Kenner der jüdischen Literatur und ihre Divergenzen über verschiedene Lesarten im Bibeltext jedem Massorakundigen bekannt. Sind sie stichwörtlich unter ihrem Vornamen aufzunehmen oder unter ihrem Vatersnamen? Dies ist eine Frage der Technik, von der Redaktion zu entscheiden. Weshalb aber wird dieser unter seinem Vatersnamen behandelt, während bei jenem auf den Vornamen verwiesen wird, so daß der Benutzer nicht ein weiß und nicht aus? — Redaktionsgeheimnis. Die kabbalistische Lehre kennt vier Welten: Aziluth, Beria, Jezira und Assija, von denen drei alphabetisch in den vorliegenden Band gehören. Beria und Assija sind tatsächlich vertreten, während Aziluth nur als Schöpfungsprinzip Erwähnung findet, jedoch nicht als eine des Vierweltensyftems. Weshalb diese Zurücksetzung? — Wie aus dem Literaturnachweis zu ersehen, ist die Erklärung des Letzteren nicht aus einem Spezialwerke, sondern aus einem Wörterbuche gezogen, dessen Aufgabe nur die wörtliche Erklärung. Vom Zusammenhang und der Zugehörigkeit hat die Redaktion keine Ahnung. Redaktionelle Eingriffe in die Artikel der Mitarbeiter, die zuweilen von strotzender Unwissenheit der Redaktionsherreil zeugen, fordern Lachen oder Kopfschütteln heraus. Beispiel ad 1: Auf Seite 799 lese ich den hebräischen Satz, malbiin pene chawtro, in Originallettern und lateinischer Umschrift, also kein Druckfehler. Trotzdem der Verfasser Belesenheit zeigt, glaubte ich diesen groben Fehler auf sein Konto buchen zu müssen. Eine Wiederholung desselben Satzes aber aus , Seite 1639 in gleicher Schreibweise, von einem anderen Mitarbeiter herrührend, belehrte mich, daß hier eine Redaktionsänderung vorliege. Die gelehrte Redaktion hielt nämlich die Endung in im Worte malbin für eine rabbinischhebräische Plüralform, und ohne zu ahnen, daß hier ein Bart. Hik. von laban vorliege, änderte sie diese puristisch in das zionistisch-hebräische im. Welchen Sinn hat nun dieser Satz? — Redaktionsgeheimnis. Vermutlich ist auch die famose hebräische Uebersetzung des Wortes Beleidigung (hebr. elbon) mit reehiluth oder lesehon bara am .Redaktionstische entstanden. Beispiel ad 2: Amrasel, lieber Leser, kannst du lange suchen, denn dieser Babylonierkönig wurde strafversetzt; er befindet sich trotz seines alphabetischen Prioritätsrechtes hinter A m r a m. Vermutlich aber nicht um seiner Gottlosigkeit willen, vielmehr wird der Verfasser Amraphel geschrieben haben, das die weise Redaktion in Amrasel verwandelt hat, ohne ihm den ihm gebührenden Platz einzuräumen. Während einerseits die vorschulbankartige Darstellung mancher Artikel darauf schließen läßt, daß dieses Werk für den gänzlich Unkundigen bestimmt (ein besonderer Artikel belehrt sogar, AI. heiße „Altes Testament", Fritzchen könnte „Alte Tante" deuten), bleiben andere hingegen auch dem Gebildeten, ja sogar dem Gelehrten, wenn nicht fachkundig, wegen ihrer gesuchten spezialwissenschaftlichen Wendung ganz und gar unverständlich. Wer weiß beispielsweise was „Thesaurus He, 202, 468; cheth, 709; Jod, 448 etc.“ (S. 896) bedeute? Desgleichen weiter S. 1306. Nur der Spezialist errät, daß hier das bibliographische Werk Benjakobs gemeint, das übrigens gar nicht Thesaurus. sondern Ozar Hassekarim heißt und von allen Benutzern bei diesem Namen zitiert wird. Zudem ist' diese Zusammenstellung nichts als Großtuerei oder Unbeholfenheit. Anstatt auf ein nach Autoren geordnetes Handbuch (Steinschneider, Fürst) zu verweisen — etwa Fehlendes kann nach getragen werden —, wird auf den nach Büchertiteln geordneten Benjakob verwiesen; die ungebräuchliche lateinische Benennung imponiert, aber dem Leser wird die Aufgabe gestellt, die Büchertitel an 15 oder 20 Stellen zusammenzusuchen. Abgesehen von der zwecklosen Ausdehnung des Artikels um einige Zeilen — die Zeile 10 Reichspfennige — sollen der absonderliche, sonst ganz ungebräuchliche Titel und die Zusammenstellung Gelehrsamkeit und Belesenheit bekunden; der Zünftler jedoch weiß, daß der Verfasser nichts weiter getan, als ein Register zum Benjakob für den eigenen Gebrauch gefertigt. In seinen eigenen, selbständig erscheinenden Schriften mag jeder Autor Hausrecht üben, auch wird der Leser mit den sonderbarsten Eigentümlichkeiten des Verfassers vertraut; bei Beiträgen für ein derartiges Werk aber sollte ein gewisser Grad von Einheitlichkeit angestrebt werden, die vollständig vermißt wird. An der einen Stelle werden die literarischen Eintagsfliegen eines Zunstgenossen peinlichst genau registriert, die Tünchereien eines bundesbrüderlichen „Künstlers" sorgfältigst aufgezählt, an einer anderen (S. 1282) wird von einem philosophischen Schriftsteller des Mittelalters lakonisch berichtet, er „habe 29 Schriften verfaßt", und an einer dritten hingegen wird der Leser auf die Suche geschickt, weil dem Verfasser diese Methode gelehrter erscheint. Zuweilen werden Artikel zerlegt und ermüdend wiederholt, so daß man wirklich im Zweifel ist, ob das Zeilenhonorar (die Wiederholung der eigenen Schreiberei kostet wenig Mühe und Zeit) oder die Gloria auctoritatis Leitmotive sind. Der Benschergelehrte zerlegt den ganzen „Benscher" in einzelne Artikel, die für den Kenner ohne Nutzen und den Nichtkenner nicht interessieren. In einem viel zu ausführlichen Artikel werden die „Berachot" behandelt und in drei Gruppen geteilt, übrigens ganz verfehlt, weiter aber wird jede der Gruppen abermals unnötig ausführlich wiederholt. Zu welchem Zwecke wird in einem volkstümlich sein sollenden Nachschlagewerke mit der Heranziehung von Schulchan-Aruchparagrap'hen paradiert? Der Talmud (Berakhoth 35 b) lehrt kurz: „Wer etwas ohne Segenspruch genießt, beraubt Gott." Eine religiös-ethische Behandlung dieses Satzes mit Berücksichtigung der diesbezüglichen rabbinischen Vor schriften würde der Aufgabe eines derartigen Werkes besser entsprechen. Daß nämlich über jeden Genuß ein Segenspruch herzusagen, gleichviel durch welchen der fünf Sinne er wahrgenommen wird. Gesicht (das Seyen abnormer oder historisch bedeutender Dinge), Oiehör (gute, aber auch böse Nachrichten), Geschmack (Speisen und Getränke), Geruch (Wohlgerüche) und Tastsinn (neue Kleidung) können ein Gefühl des Behagens oder Unbehagens austösen und sind sämtlich dem Gesetze der Danksagung unterworfen. Die „Berachot" wären mithin in zwei Gruppen zu teilen: bei sinnlichen Wahrnehmungen, bei Ausübung, religiöser .Handlungen. Die Rubrik „Fehler" ist einem zweiten Aufsatze Vorbehalten. Der Chumaschgelehrte glaubt sich der Wissenschaft unsterblich zu machen, wenn er aus dem Pentateuch einigeundfünfzig Artikel schindet, in denen ec den Inhalt der einzelnen Perikopen mitteilt, die Namen derselben „verdaascht" und die zu diesen gehörigen Haphtaras nennt. Als ob nicht jeder Interessent einen Chumasch besitzt oder einen solchen für 80 Reichspfennige erwerben und die Weisheit aus erster Quelle schöpfen könnte. Aus wer weiß welchem Grunde werden Artikel an den Haaren herbeigezogen, die gar nicht in diesen Band hineingehören. Ein gänzlich veralteter Artikel über die Falas ch a s, den ein Mitarbeiter vor mehreren Decennien veröffentlicht und später in verschiedener Form an verschiedenen Stellen abgedruckt hat, soll durchaus in diesen Band, der aber nur bis C reicht. Die weise Redaktion ist um Rat nicht verlegen: die Fataschas sind in Abessinien beheimatet, also unter „Abessinien". Mit der Beschreibung Abessiniens in weniger als 2 Zeilen ist die Sache gedeichselt, worauf der fast, 4 volle Spalten fassende Falaschaartikel folgt. Diese Beschreibung Abessiniens, offenbar ein Produkt des Redaktionskollegiums, würde einem Schuljungen eine Tracht Prügel einbringen. Abessinien soll 1 Million Einwohner haben! („Million" in Lettern, also kein Druckfehler.) Der große Theodoros würde sicherlich die Zusammenschrumpsung seines Reiches schmerzlicher als den Fall Magdalas empfunden und einen zweiten Selbstmord begangen haben. Der Literaturnachweis nennt „Ludolf, Historia Aethiopica 1681", mit den Anhängen ein Folioband von ca. 1200 Seiten, ohne Seitenangabe. In Wahrheit enthält das genannte Werk nicht eine einzige Zeile über die Falaschas. Weiteres hierzu unter der Rubrik „Fehler" im folgenden Aufsatz. Was hat Bismarck an der Seite Nathan Birnbaums zu suchen? Berührung und Beziehung mit bezw. zu Juden und Judentum hat fast jeder Erdenbürger. Ob Rembrand, der Juden gemalt, ob Voltaire, der mit Juden prozessiert hat und über sie geschimpft; Staatsmänner und Fürsten selbstverständlich. Einen breiten Raum in den gar nicht hineingehörenden Artikel nimmt Bismarcks Verhältnis zu Bleichröder ein; über schon auf der folgenden Seite wird dieselbe Weisheit fast wörtlich im Stichwort „Bleichröder" wiederholt. Ein Platz weit über Gebühr wird den im Hebräischen und Jiddischen gebräuchlichen und ungebräuchlichen Abbreviaturen eingeräumt, jedoch nicht nach einem bestimmten System, nach dem Grade der Wichtigkeit, Bedeutung und Häufigkeit, sondern einzig und allein dem „Wissen" und der „Belesenheit" der Redaktionsgewaltigen und der „230 jüdischen Gelchrten und Schriftsteller" (weophssa hachochma würde der Türmer gesagt haben) überlassen. Schon auf der ersten Seite vermissen wir das Stichwort Abad, das wohl ursprünglich Abbreviatur (Ab beth din), jedoch durch den häufigen Gebrauch zum Terminus geworden und bei den Juden im Osten soviel wie Rabbiner bedeutet, dagegen aber finden wir auf derselben Seite die Kürzung Abag. Was ist Abag? — Die Buchstaben ABG, die Initialen des hebräischen Schriftstellers AbrahämBerGottlober. Wohlgemerkt, nicht etwa sein zuweilen gebrauchter Pseudonym, der M a h a l a l e l lautete, sondern die Initialen des Namens, wie auch von allen anderen hebräischen Schriftstellern bei kürzeren Aufsätzen und Briefen statt des dollen Namens gebräuchlich. Freilich kann jeder Unsinn einen gewissen Sinn erhalten, wenn System darin, wenn eine gewisse Vollständigkeit wenigstens angestrebt wird, in diesem Falle zur Orientierung eines Ueberspannten, der aus den Gedanken kommen sollte, nach den Initialen der hebräischen Schriftsteller zu forschen; aber nichts von all dem. Gottlob er bleibt der einzige, dem diese Auszeichnung. Vergeblich sucht man beispielsweise die tatsächlich als Pseudonym gebrauchte Kürzung Ackir (Deinard), Cha8a53 lSlonimsky) findet keine Gnade, Bag (Goldberg), der diese Kürzung bei all seinen wissenschaftlichen Aufsätzen, sogar auf dem Titelblatte seiner Editionen, gebraucht, geht leer aus. Mancher Leser könnte glauben, Gott lob er nehme in der neuen hebräischen Literatur eine besondere Stellung ein, darum diese Huldigung. Weit gefehlt. Er ist nichts weiter als ein Glückspilz. Aus Gott weiß welchem Grunde findet sich die Abbreviatur seines Namens in Händlers Abbreviaturenverzeichnis des rabbinischen Schrifttums, das unserem Lexikon würdig zur Seite gestellt werden 'kann, und was dem einen recht, ist dem anderen billig. Bei einer derartigen „Auswahl" darf man sich wahrlich nicht wundern, daß beispielsweise der aus einer Abbreviatur zusammengesetzte kabbalistische Gottesname Ag!a fehlt, der sogar in Spamers Konversationslexikon zu finden! Bei der Aufnahme von Wörtern und Begriffen aus dem jüdischen Jargon herrscht eine noch größere Willkür, und man gewinnt die Ueberzeugung, daß die „230 Gelehrte und Schriftsteller" ohne Sach- und Sprachkunde nur das registriert, was sie zufällig aus dem Hörensagen kannten. Der näheren Bekanntschaft mit dem berühmten Charimsel verdanken wir die in klassischer Charimselsprache abgefaßte Belehrung, es sei „eine bei den Juden vielfach gegessene Mehlspeise aus Mazza-Mehl", der beim rituellen Schächten gebräuchliche Chat es hingegen, wofür gar kein adäquates Wort, fehlt, weil die Aufnahme desselben die Kenntnis einigerZchulehan-Aruelr-Paragraphen erheischt. Wörter wie b ad - kenen, Beheime, Baldarscher, Balmachlaukes (während Dutzende ähnlicher fehlen) übergeht man mit einem Lächeln, wenn 'man aber Stichworten'wie Bischlome, Besarheßcha, Bekowed begegnet, so ist es begreiflich, daß aus die Frage des Lehrers nach einem mit A beginnenden Hauptwort Moritzsche prompt antwortet — „A- Wichtigkeit". Weit schlimmer ist es um die historischen und literarischen Namen bestellt. Abälard, Berosos, Berthold aus Regensburg, Bismarck sind zu finden, vergeblich aber sucht man d'A quin, den Verfasser des ersten wissenschaftlichen Wörterbuchs zum Talmud, C h a j j u n, nicht nur als Autor vieler Schriften, sondern auch als Apostel der Sabbathianer in der Geschichte bekannt, die Familie Cardoso, ebenfalls in der Sabbathianergeschichte vertreten, Chajim Malach, Jekuthiel Blitz, Botarello usw. Ja, nicht einmal der durch seine gelehrten Werke und sein mannhaftes Auftreten während der Reformbewegung so bekannte A h r o n Chorin er findet Erwähnung! Statt über die Transaktionen und Geschäftsverbindungen des gar nicht mehr dem Judentum angehörenden, durch seine anrüchigen Geschäfte bekanntgewordenen Camillo Castiglioni zu berichten, sollte eher eine biographische Notiz über seinen in der jüdischen Literatur bekannten Vater, den Rabbiner Jsak Chajim C. gegeben werden. Was bedeutet Nathan Birnbaum, dem ein ausführlicher Artikel gewidmet, was bedeuten seine Schriften gegenüber dem nicht genannten Marquis d'- Argens, dem Verfasser der 6 Teile fassenden heitres juives? lieber einen zünftigen galizischen Bocher, dessen Wissen und Bildung sich einzig und allein in der Kenntnis der vulgärhebräischen Sprache summieren, dessen Leistung sich auf die Veröffentlichung einiger kleiner Erzählungen be-