Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 43 (28.10.1927)
- Date
- 1927-10-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Zahrgang Rümmer 43 1. Beilage 28. Oktober 1927 Eröffnung der Berliner Vorbereitungsanstatt für jüdische Lehrer u. Lehrerinnen Amtlich. Am Montag, den 24. Oktober 1927, fand im Musiksaal der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die feierliche Eröffnung der vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden zu Berlin errichteten Vorbereitungsanftalt für jüdische Lehrer und Lehrerinnen statt. Herr Prof. Türk, der Vorsitzende des Kuratoriums, gab der Trauer darüber Ausdruck, daß es dem verewigten Justizral Lilienthal nicht vergönnt gewesen sei, die Eröffnung der Anstalt zu erleben, nachdem er die Beratungen über ihre Gründung geleitet chatte. Darauf begrüßte Prof. Türk im Namen des Landesverbandes und des Kuratoriums der Anstalt Lehrer und Schüler und wies auf die hohe Aufgabe hin, die Jugend dem Judentum zu erhallen und sie in seinen Lehren zu erziehen, und dem Judentum neue und frische Kräfte zuzuführen, um seinen Bestand zu sichern. In die Reihen der jüdischen Lehrer habe Krieg und wirtschaftliche Not beängstigende Lücken gerissen. An Hand der amtlichen Statistik zeigte der Redner, daß die Zahl der jüdischen Schulstellen in den letzten fünf Jahren um 33,83 Prozent gesunken und daß die Zahl der jüdischen Volksschullehrer um 29,41 f rozent zurückgegangen sei. Er beklagte, daß eine große Zahl leingemeinden von Lehrern völlig verwaist sei. Es gehöre zur vornehmsten Aufgabe des Landesverbandes, das erstorbene religiöse und geistige Lebeu durch Schaffung neuer Lehrerstellen wieder zu erwecken. In der neuen Anstalt zur Ausbildung von Lchrern sollen zunächst sämtliche Schüler für die Reifeprüfung unter gleichzeitiger Ausbildung in den Religionswissenschaften geführt werden, nach! der Reifeprüfung soll es den Schülern überlassen bleiben, ob sie die pädagogische, Akademie oder eine von chem Landesverband noch zu begründende Religionsleyrer-Akademie, verbunden mit einer Einrichtung zur Ausbildung von Kantoren, besuchen wollen. Tie Leitung der Anstalt sei in die Hände des Studiendirektor Tr. Gutmann gelegt worden. Damit sei die Gewähr für gedeihliche Arbeit gegeben. Herr Professor Türk gab dann dem Wunsche Ausdruck, daß es dem Leiter und seinen Mitarbeitern gelingen möge, die Jugend zum aufopfernden Dienst am Judentum, Deutschtum und Menschentum zu erziehen. Hieraufergriff Herr Rabbiner Tr. Baeck das Wort. Er machte auf die Bedeutung dieser Stunde aufmerksam. Jüdische Kulturgeschichte sei wesentlich Geschichte des Lchrens und Lernens. Ten heranzubildenden Jugenderziehern sei diese Arbeü und damit die Zukunft des Judentums anvertraut. Das Judentum erst gebe dem Leben Sinn und Deutung. Ausgabe der Erziehung sei es, zu einem erneuerten und verinnerlichten Judentum zurückzuführen. Rückkehr zur wahren Religiosität und Geistigkeit wünschten alle Parteien. Verschieden würden die Begabungen und ^Individualitäten der Einzelnen sein; aber Talent und selbst Genie seien ohne Wille und Fleiß unfruchtbar. Ter Redner ermahnte zu Fleiß und Geduld und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die neuen Jugenderzieher dre Jugend das Judentum richtig schen lehrten. Zuletzt sprach der neu ernannte Leiter der Anstalt. Herr Studiendirektor Tr. Gutmann. Er versicherte, daß seitens der Lehrer alle Kraft daran gesetzt werden würde, die Hoffnungen, die man für die neue Gründung hege, zu erfüllen. Er wies aus das Beispiel der beiden um das Judentum so verdienten Männer wie Direktor Dr. Holzman und Oberkantor Friedmann hin, die aus der alten Berliner jüdischen Lchranstalt hervorgegangen seien. Tie Augen der deutschem Judenh-eit seien auf die Anstalt gerichtet. Mit dem Gesang des Maasse jodenu kaunanehu (das Werk nnserer Hände kröne Gott) beschloß Herr Oberkantor Friedmann die erhebende Feier. Repräsentantenversammlung der Berliner Mischen Gemeinde Dorstandswahl — Festsetzung der Steuerquote Tie Repräseutantenversammlung der Berliner jüdischen Gemeinde trat am Tonnerstag, den 20. Oktober, abends zu einer Sitzung zusammen. Es galt eine große Reihe wichtiger Vorlagen zu verabschieden, die sich infolge der Verzögerung der Einberufung der im Mai 1926 gewählten neuen Repräsentantenversammlung angehäuft Hatten. Hauptpunkt der Tagesordnung war die Ergänzungsivvhl von Mitgliedern des Gemeindevorstandes. Ter zionistisch^tonsewativ-mittelparteiliche Block trat hierbei wieder in Funttion. Anstelle des Justizrats Felix Makower, der sein Amt als Mitglied des Gemeindevorstandes niedergelegt hatte, wurde Kommerzienrat Gerfon Simon mit 11 Sttmmen (7 Volksparteiler, 1 Konservativer, 2 Mittelparteiler, 1 Poale Zion) gewählt. Tie 10 liberalen Stimmen entfielen auf Herrn Leopold Badt, der in der Minderheit blieb. Zu besonderem Nachdenken über diese Wahl dürsten wohl die Wähler der Mittelpartei Anlaß Haben. War die Mittel- Partei es doch, die im Wahlkampf den Namen Badt sogar in ihren Flugblättern hervorhob, die seine Persönlichkeit für die Arbeiten der Gemeinde erhalten wissen wollte. Es ist bezeichnend für diese Partei, daß sie nun dem Block mit den Zionisten zuliebe ihre eigene Wahlsordcrung niederstimmte. Tie turnusweise aussch übenden Vorstandsmitglieder, die Herren Carl Fuchs, Bruno Galewski, und Georg Kareski, ebenso die Stellvertreter Tr. Aron Sandler und Wilhelm Kleemann, wurden aus 6 Jahre wiedergewählt. Ter Wahl des Herrn Fuchs war noch, ein kleines, aber lehrreiches Intermezzo oorangegangen. R.-A.'Dr. Klee machte in einer Rede die geschmackvolle Aeußerung, der Block würde Herrn Fuchs Wiederwahlen, er möge „seinen Friedhof ruhig weiter machen". Tie Aeußerung forderte sogar den öffentlichen Widerspruch seines Blockkollegen Oskar Cohn heraus, während die offensichtlich vollkommen von den Zionisten gegängelten Mittelparteiler und Konservativen nichts zu sagen wagten. Es braucht wohl nicht erst besonders betont zu werden, daß die Liberalen auf die Tauer nicht daran denken werden, nur Arbeit in den Verwaltungsressorts zu leisten, wenn ihnen das Mitbestimmungsrecht bei den wichtigen politischen Entscheidungen von dem zionistisch-konservaftv-mittelparteilichen Block vorenthalten wird. Tie zionistische Jüdische Volkspartei gab bei der Wahl der liberalen Herren Fuchs und Kleemann weißss Zettel ab, die liberale Frattton dementsprechend auch bei der Wahl der Zionisten Kareski und Sandler. Im Amte verbleiben bis 31. Tezember 1929 die Herren Kamrnergerichtsrat Leo Wolfs, R.-A. Tr. Koltenscher, Prof. Tr. Erich Seligmann und als Stellvertreter Herr James Goldschmidt. Ter Gemeindevorstand, der bisher aus 4 Liberalen, 2 Volksparteilern und einem Konservativen bestand, weift nunmehr die folgende Zusammensetzung auf: Trei Liberale (Kammergerichlsrat Wolfs, Prof. Seligmann, Carl Fuchs), zwei Volksparteiler (Tr. Koltenscher, Kareski), ein Konservativer (Galewski), ein Mittelparteiler (Simon). Es wurde dann noch eine Vorlage des alten Vorstandes, in dem die Liberalen die Mehrheit hatten, betreffend Festsetzung der Steuerquote behandelt. Es war beantragt, den Steuersatz auf 10°o hcrabzusetzen. Ter Finanzreferent des Vorstandes führte aus, daß nach dem Entwurf des Etats für 1927 der Steuerbeoarf in diesem Jahre rund 5 712000 Mark betragen würde. Tie vorjährige Steuerquote betrug 15 °o der R eichsein ko m menst eu er. Eine Herabsetzung der Steuerquote aus 10°/o wäre in Aussicht genommen, auf Grund der Erklärung des Landesfinanzamtes Groß-Berlin, daß. das Gesamtauffommen an Reichseinkommensteurrn in Groß-Berlin im Jahre 1926 um 30«° höher sein wird, als im Jahre 1925. Zur Entlastung der Steuerzahler mit geringem Einkommen wurde ferner beschlossen, diejenigen, deren Einkommensteuer 75.— Mt. nicht übersteigt (d. s. kinderlos Verheiratete mit einem Einkommen bis zu 2050 Mk.) ganz von der-Steuer freizulassen und bei denjenigen, deren Einkommensteuer jährlich bis 216 Mk. beträgt (d. f. kinderlos Verheiratete bis zu einem Einkommen von 3 600 Mk. jährlich) die Steuerquote aus 8<v° festznsetzen. Tie Vorlage wurde einstimmig angenommen. Für dir liberale Fraktion erinnerte Moritz Rosenthal die Konservativen an ihre blindwütige Wahlagitation, in der sie behauptet hatten, die Liberalen werden die Steuern auf 30«° erhöhen. Jetzt habe der in der Mehrheit liberale Gemeindevorstand eine Ermäßigung der Steuer auf 10«« vorgeschlagen. Tie liberale Fraktion erwarte, daß oer Steuerabbau fortgesetzt werde, und daß für das nächste Jahr höchstens 8"., zur Erhebung gelangten. Ter in der letzten Sitzung angenommene liberale Dringlichkeitsantrag auf Errichtung eines neuen Altersheimes müsse alsbald durchgeführt werden. Zu fordern fei ferner der baldige Beginn des geplanten Baus einer liberalen Synagoge in der Prinzregentenstraße. Nach Verabschiedung einer großen Reihe weiterer Vorlagen und Verweisung anderer an einen siebengliedrkgen Ausschuß wurde die Sitzung geschloffen. Versammlungskalender Verkn-Nordeii. Liberale Synagoge Norden lim Auerbachfchen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162): Freitag, den 28. Oktober, abends 7,15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, den 29. Oktober, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Der erste Gefellschaftsabend findet am 6. November d. I. in den Festraumen des Logenhaufes Kleiststraße 10 statt. Nähere Angaben bitten wir ans dem Inserat in der heutigen Nummer zu entnehmen. Liegnitz. Liberaler Verein der Synagogmgemeindc zu Liegnitz. Unser nächster Vortragsabend findet am Montag, den 7. November, abends 8.30 Uhr, Silesia-Loge statt. Rednrrin: Lotte Rosenthal-Breslau. Thema: „Meine Reise nach Prag".? IÜ-B erlin. 1. Borsitzender: Hans Rosenberger, Steglitz, Friedrichsruher Straße 56. Donnerstag, den 10. November, Rosenstraße 2-4, abends L Uhr: Heinz Kellermann: „Die Frage nach der gSttlichen Gerechtigkeit". Die Heimabende und Wanderungen werden in den Gruppen bekanntgegeben. Jli-Breslau „Abraham Geiger". Vorsitzender: Rabd. Dr. Halpersohn, Breslau 13, Moritzstr. 50. Briefadresse: Alfred Berger, Breslau 13, Augustastr. 67, Fernspr.: Stephan 37 754. Unsere Zusammenkünfte finden allwöchentlich Montag, abends 8.15 Uhr, im Saale der „Gerhart Hanptmann-Loge", Schweidniherstadtgraben 9, statt. 2. Bereinsabend Montag, den 31. Oktober, abends 8.15 Uhr. Herr Religionslehrer Davidsohn spricht üder das Thema: „Aus welchem Grunde und zu welchem Zweck treiben wir jüdische Geschichte und Literatur?" Weitere Vortrags- und Dislussionsabende finden in regelmäßiger Folge statt. Jli-Frankfurt a. M. Heimabend«: abends 8.45 Uhr, Sitzungszimmer der Synagoge Königsteiner Straße. Dienstag, L. November: „Aus jüdischen Dichtungen" lFrau Selma Eisemanns. Dienstag, 22. November: „Betrachtungen zum jüdischen Liberalismus" (Herr Dr. Rotharth). Arbeitsgemeinschaften: Montag, abends 8.30 Uhr, Bockenheimer Anlage 49, 14 tägig, ab 12. September: „Judentum und Christentnm" (Frau Dr. Edingerj. Montag, abends 8.30 Uhr, Niedenau 37, 14 tägig, ab 12. September: „Aus jüdischer Geschichte" (Herr Rabb. Dr. Eotischall). Sonnabend, abends S Uhr, Bockenheimer Anlage 49, 8 tägig, ab 15. Oktober: „Geschichte des Sozialismus" (Herr Dr. Edingerf. Donnerstag, abends 8.15 Uhr, Malzimmer Synagoge Königsteinec Straß«, 14 tägig, ab 27. Oktober: „Religionsphilosophie" (Herr Rabb. Dr. Seligmannj. Donnerstag, abends 8.15 Uhr, Malzimmer Synagoge Königsteiner Straße, 14tägig, ab 3. November: „Ausgcwählte Stellen der heiligen Schrift, Lffen und Erklärungen" (Herr Rabb. Dr. Seligmann). Jugend gruppe: Jeden Sonnobend-Rachmittag um 5 Uhr. Auskunft durch Frau Rose Hofsmann, Niedenau 37. Wanderungen: Auskunft durch Werner Hochheimer, Fürstenberger Straßeftl69, Tel. R. 6288. Jtt-Magdeburg „Heimat". Anschrift: 1. Bors. Hans Frankenstein, Hasselbachstraße 8. Wegen der Feiertage ist es uns nicht möglich, unser« nächsten Programme an dieser Stelle zu veröffentlichen. Wir bitten unsere Mitglieder, dieselben jeweils in dem Jüdischen Wochenblatt für Magdeburg und Umgegend nachzulesen. Tagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten am 22.10. 27 in Breslau Am Sonnabend wurde die Veranstaltung mit einer Vorbesprechung eingeleitet. Um 9 Uhr begann dann ein Bierabend im Restaurant Friedeberg. Den Höhepunkt dieses Auftaktes bildete das Erscheinen von Dr. Lndwig Haas, der mit Jubel begrüßt und vom Bezirksvorsitzenden Dr. Fränkel mit einer verehrungsvollen Rede bewlllkommnet wurde. Sonntag früh 9 Uhr legte einq, Abordnung einen Kranz an der Säule des Ehrenfriedhofes in Cosel nieder, bei welcher Gelegenheit Gemeinderabbiner Tr. Hoffmaun ein Gebet sprach. Um 10 Uhr begann der Gedächtnisgottesdienst in der überfüllten neuen Synagoge. Ein hebräischer Gesang (Herr, was ist der Mensch...) vom Synagogenchor und Oberkantor Borin leitete die Feier ein. Tann ergriff Rabbiner Dr. Sänger, der als Feldrabbiner im Felde gestanden, das Wort. Er ging von der Predigt des letzten Festtages aus, in der zwei Männer der Treue geschildert wurden, Moses und Io jna. M oses, der für fein Volk starb, da sein Tod die Bedingung für die Eroberung des heiligen Landes war. Josna, der seinem Führer und Lehrer Moses stets die Treu-q gchallen. Auch die im Weltkrieg gefallenen 12 000 deutschen Glaubensbrüder feien mit zwei Millionen deutscher Volksgenossen in den Tod gegangen, zu Schutz und Wehr des Vaterlandes, und dis meisten von ihnen wären im Laufe des Krieges zur Auffassung gelangt, durch ihr Kämpfen dem alten jüdischen Gedanken des Völkerfriedens den Einzug in die Kulturwell zu ebnen. Diesen Helden der Aufopferung müßten wir Ueberlebenden die Treue halten, damit sich auch für zu ns das Gotteswort an Josua verwirkliche: „So tpie ich mit Mose gewesen, werde ich, auch mit Dir fei n." Mit dem dreifachen Priestersegen schloß die weihevolle Rede. Nach einem deutschen Liede des Chors folgte ein Gebet von Gemeinderabbiner Dr. Vogel stein, das von Davids Klage um die gefallenen Helden (auf der Gedenksäule des Coseler Ehrenfriedhofes) ausging, und. Kraft und Hoffnung für das Leben, ein Leben der Arbeit für Judentum und Vaterland erflehte. Dann senkten die in Wichs erschienenen studentischen Abordnungen die Fahnen, und Schläger und Oberkantor Borin sangen meisterhaft und tief empfunden das El mole reche mim, ein Kamerad trat vor die eröffnete Lade und sagte den Kaddisch Die deutsche Kedusche von Lewandowski schloß die erhebende Feier. Tie meisten Teilnehmer strömten in den großen, schon fast gefüllten Saal des Konzerthauses, in dem die große Kundgebung für den Siedelungsgedanken des R. j. F. stattfand. Tie Vertreter der Staats- und Kommunalbehörden, der Stadtkommandant von Breslau, Vorstand und Vertretung der Synagogengemeinde, die Rabbiner und zahlreiche andere Ehrengäste hatten der Einladung Folge geleistet. Nach einem Orgelvortrag („Seht, er kommt gezogen..." aus Juda Makkabäus) eröffnete Dr. Fränkel und sagte u. a.: Tr otz der bei der Tannenbergfeier erlittenen Kränkung würde der R.j.F. weiter seine Liebe zu Vaterland und Judentum b e st ä t i g e n und sich ob solcher Zurücksetzung das Tichterwort als Leitspruch dienen lassen: „Ich brauch als Jude nicht erröten, als Deutscher aber schäm' ich mich!" — Dann begrüßte Obervärgerm eist er Tr. Wagener die Gäste in den Mauern Breslaus und fand für die Zurücksetzung der jüdischen Frontkämpfer bei der Tannenbergseier scharfe Worte des Tadels und des Mitgefühls, namentlich in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der Hauptstadt Schlesiens, das durch die Tapferkeit auch der jüdischen Soldaten, vor dem Eindringen des Feindes bewahrt geblieben. Nach ihm erhielt das Wort der Vorsitzende des R. j. F. Tr. Löwenstein, Berlin. Zum zweiten Male hielte der Bund seine Jahresversammlung außerhalb Berlins ab. Das erste Mal im Westen, am Rhein. Damals Rückblick auf die Jahrhunderte alte Vergangenheit des Judentums in Deutschland, heute, im Osten, mit dem Blick auf die Zukunft. Im Grunde genommen sei es bedauerlich, daß überhaupt die Gründung eines R. j. F. nötig gewesen; aber sie war unabweislich zum Durchsetzen der Rechtsforderung als Juden und als Deut schr. Der Siedlunasgedanke solle vom R. j. F. in völlig unpolitischer Art in die Wiillichteit umgesetzt werden. Tr. Löwenstein schloß mit Scheffels schönem Spruche gegen „Rassenhaß und Klassenhaß und derlei Teufelswerle". — Und nun zum Vortrag von Professor Franz Oppenheimer, der ungefähr Folgendes ausführte: „W ir for dern d ie Scho lle, aber nicht zum Herrschen, sondern zum Dienen. Zum dienen dem deutschen Vaterlande und dem Judentum. Ter einstige Reichskanzler Dr. Luther habe einmal gesagt: „Die Siedlung ist nicht eine Aufgabe, sondern die Ausgabe." Tas bewiese eine von Prof. Dr. v. Golz -1893 sertiggestellte Statistik, nach welcher Abwanderung uüd Auswanderung aus Bezirken mit Großgrundbesitz mehrfach so stark sei, wie aus solchen mit Bauerngütern. Nicht durch Propagandaartikel könne man den „völkischen Wahnsinn" aus dem deutschen Volk ausrotten, auch nicht durch die 12000 gefallener. Juden. Er erinnert an Stellen aus Kleists Heirmaunschlacht. „Was brauch ich Römer, die mir Gutes tun?^ „Tie guten Römer sind die schlechtesten." Juden haben in den Römerstädten am Rhein großen Antell gehabt und mttgeholfen, westliche Kultur nach Germanien zu bringen, 500 Jahre vor den Burgundern. Ter Kamps umdas Recht und fü r da s R echt, auch g egen d en Siege r ift bit alte Sendung des Judentums. Tie Siedlung ist auch notwendig, um das Judentum gegen den numerischen Rückgang durch das fast ausschließliche Wohnen in Großstädten zu bewahren. Tqnn legte Prof. Oppenheimer seine bekannte Siedlungsmethode (Anteilssiodlung) dar und sprach! den Wunsch aus, daß diese machtvolle Tagung auch wirklich praktischen Erfolg haben möge. Sie werbe im Namen.der W i ss e n s cha f t u n d des R. j. F." — Auch der wirtschastspolttisch Andersdenkende konnte sich dem Eindruck dieser klaren und machtvollen Worte nicht entziehen. Tann Dr. Ludwig Haas. Er legte mit seiner gewohnten, zu Herzen gehenden Beredsamkeit dar, wie bitter nötig für unser Vaterland Einigkett, wie falsch es sei, dem Gegner nur unlautere Absichten zu unterschieben. Im neuen deutschen Schulgesetz stehe ein Satz, der eigentlich für das ganze Volksleben Geltung haben müßte: „In allen Volksschulen ist darauf Bedacht zu n ehmen, daß di e Em pfindun gen. An-