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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-28 · 43 (28.10.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
43 (28.10.1927)
Date
1927-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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und sich daher den Laxus nicht gestatten können, diejenigen zionistischen Rabbiner, die dir Berbalinspiration sowie die Verbindlichkeit bes Zeremonialgesetzes leugnen und das Entwicklungsprinzip für die Wische Religion anerkennen, aus ihrer Standesorganisation auszuschließen. Dagegen hat die Liberale Bereinigung die Grenze gegen tyai Rationaljudentum klar durch die Resolution des Gesamtvorstandes vom 8. Mai 1927 gezogen, in der es heißt, daß die Bereinigung „die Grundlage und das Wesen des Judentums in der Religion erküickt. Wer seinen Glauben wechselt, scheidet aus der jüdischen Gemeinschaft aus; wer sich zur jüdischen Religion bekennt und ihre Pflichten erfüllt, ist vollwertiges Mitglied der jüdischen Gemeinschaft", 4 gleichgültig welcher Abstammung und weichen Volkes er ist. Die in unserer Bereinigung mitarbeilenden Rabbiner haben sich ausnahmslos zu unserer Resolution bekannt. Die theoretische Klärung, die durch die Resolution gegeben worden ist, zeigt, daß unser antizionistischer Standpunkt religiös fundiert ist. Praktisch bedeutet die Resolution eine Erleichterung der Gemeindewahlkämpfe, die während der letzten drei Jahre besonders zahlreich zu führen waren. Besonders heftig waren sie in Berlin, Köln, Königsberg und Gelsenkirchen. Leider haben unsere liberalen Freunde im Reiche die aus Anlaß der Gemeindewahlen neu ins Leben gerufene Religiöse Mittelpartei für Einheit und Frieden in der Gemeinde überschätzt. Diese Mittelpartei hat in gehässigster Weise mit allen Mitteln der Demagogie gegen uns gekämpft; in Köln hat sie sich sogar dazu verstiegen, uns Liberale als christlich gefärbte deistische Sekte zu bezeichnen. In keiner Gemeinde aber hat sich die Mittelpartei auch nur eine nennenswerte Anzahl von Repräsentantensitzen erringen können; es fehlt ihr an Stoßkraft, denn sie bildet nach einem Worte Sterns einen Salon der aus allen Parteien Zurückgesetzten. In Königsberg haben sogar zwei Religiöse Mittelparteien für Einheit und Frieden um die Berechtigung zur Führung dieses Namens vor den bürgerlichen Gerichten prozessiert! (Heiterkett.) Im Landesverband ist sie bei allen wichtigen Entscheidungen auSeinandttgesallen. Unsre Freunde sollen daraus für die Zukunst lernen, daß diese Partei kein ernsthafter Gegner ist. Nach wie vor ist unste wichtigste Front diejenige gegen den Zionismus. Die Vorgänge bei der Gründung des Pro Palästina-Komitees im Dezember 1926 haben gezeigt, daß deutsche Politiker, Wirtschaftler und Künstler bereits in erschreckendem Maße von nationaljüdischen Ideen eingefangen sind; die Judenfreunde unter ihnen sprechen bereits von einem nach Palästina gehörenden jüdischen Volke und unterstützen damit, in bester Absicht aber in Verkennung des tatsächlich Notwendigen, die Rückwanderung der Juden in ihren asiatischen Winkel. Auf diese Tatsache sollen besonders neutrale jüdische Organisationen hingewiesen sein, damit sie bei zukünftigen Gemeinde- Wahlen ihre Mitglieder auffordern, unter allen Umständen eine der religiösen Parteien und nicht die Liste der zionistischen Volks- Partei zu wählen. An dieser Aufklärungsarbeit seitens der neutralen Organisation hat es in den letzten Jahren vielfach gefehlt. Unsre eigenen Ortsgruppen aber müssen mit dem System brechen, sich zu bloßen Wahlvereinen zu degradieren. Sie müssen durch religiöse und wissenschaftliche Vorträge jüdische Religiosität in die Herzen ihrer Mitglieder pflanzen, wie es die Jüdisch-liberalen Jugendvereine (Jlis) in ihren Heimabenden und Vortragskursen tun. Diese freilich verfallen oft ins andre Extrem, sie halten sich von der praktischen Gemeindearbeil unserer Ortsgruppen gänzlich fern, anstatt, wie es nötig ist, für Kontinuität zwischen Alten und Jungen und damit für liberalen Nachwuchs in den Gemeindestuben zu sorgen. Einen hoffnungsvollen Ausblick für künftiges Zusammenarbeiten der beiden Generationen bildet die im Sommer dieses Jahves geschafftne monatliche Jlibeilage der „Jüdisch-liberalen Zeitung". Der Referent würdigt dann die Verdienste der „Jüdisch-liberalen Zeitung" um die Bewegung und begrüßt die Schaffung der „Kölner Jüdisch-liberalen Zeitung", die im Dezember 1925 gegründet wurde. Er dankt insbesondere hierfür Rechtsanwalt Dr. Kaufmann (Köln) und Dr. Braun (Köln). Nach Erörterung weiterer organisatorischer Fragen schloß er seine Ausführungen mit einem Appell an die Delegierten der Ortsgruppen, die liberale Organisation zu unterstützen, damit sie in der Lage 'sei, der liberalen Bewegung ein Förderer und Helfer zu sein. (Stürmischer Beifall.) R.--A. Stern (Berlin) dankt dem Generalsekretär für seinen Bericht und seine Tätigkeit, sodann dem Redakteur der „Jüdischliberalen Zeitung" und den Mitarbeiterinnen im Büro. Dem Beifall schließt sich die Versammlung an. Ostberg (Berlin) erstattet den Kassenbericht, der mit einem Defizit von etwa Mk. 21000,— abschließt. Er schlägt vor, in den Ortsgruppen Finanzkbrnmissionen zu bilden, um dieses Defizit abzudecken und Mittel für weitere Arbeit zu schassen. Satzungsänderungen. — Borstandswahlen. Ein Antrag, das stimmfähige Alter der Jlimitglreder aus 18 Jahve heraufzusetzen, wird nach kurzer Debatte zurückgezogen. Für di« Aufnahme von Mitgliedern werden die Bestimmungen in § 4, Abs. 3 des Statuts wie folgt abgeändert: „Ueber die Aufnahme von Einzelmitglieder entscheidet überall da, wo Ortsgruppen bestehen, ■ der Vorstand der Ortsgruppe. Wird gegen die Ausnahme von einem Mitglied des Gesamtvorstandes Einspruch erhoben, so entscheidet über diesen Einspruch der Gesamtvorstand. Bei dieser Entscheidung ist ein Vertreter der betreffenden Ortsgruppe hmzuzuziebcn. Di« Ablehnung kann nur mit Zweidrittel-Majorität erfolgen. Ueber di« Aufnahme von Einzclmitgliedern an Orten, wo keine Ortsgruppen bestehen, entscheidet der Arbeitsausschuß des Gesamtvorstandes. Ueber di« Ausnahme von Vereinen in die Vereinigung entscheidet der Arbeitsausschuß des Gesamtvorstandes. Gegen ablehnenden Beschluß steht di« Berufung an den Gesamtvorstand offen." Ferner wurde die Bestimmung betreffend Vorstandswahl im Statut geändert. In der hierauf folgenden Wahl für den Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum wurden wiedergewählt: Justizrat Bernhard Breslauer (Berlin), Ehrenvorsitzender; Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin), Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a! Main), stellvertretender Vorsitzender. Das Ergebnis der übrigen Wahlen werden wir in der nächsten Nummer veröffentlichen. Aussprache. Mit der Aussprach« über den Geschäftsbericht wurde die Debatte über die eingegangcnen Anträge verbunden. Insbesondere wurde von seiten der Mittelgememden die Forderung nach dem Einheitsgcbctbuch stark unterstrichen. Rektor Gold - fchmidt (Dortmund) wünscht, daß wenigstens der erst« Teil des Einheitsgebetsbuchcs zu Pessach vocliegen möge, der zweite Teit zu den Hohen Feiertagen des nächsten Jahres. — Falke nberg (Berlin) wünscht Verstärkung der Kleinarbeit. Der Weg des liberalen Judentums gebe über das Soziale, das Kultische und das Häusliche. Die „Jüdisch-liberale Zeitung" müsse stärker verbreitet werden und eine illustrierte Beilage erhalten. Ihre wertvollen Artikel müßten, insbesondere soweit sie zur jüdischen Bildung beitragen können, in Broschürensorm herausgegeben werden. Die früheren Hefte „Liberales Judentum" sollten neben der Zeitung wieder erscheinen. Die Jugend müsse stärker als bisher herangezogen werden. — Goldstein (Wiesbaden) befürwortet stärkere Unterstützung der Ortsgruppen mit Rednern und schlägt die Zusammenstellung von Reisen für Redner durch die Zentrale vor. — Rabbiner Dr. Lehmann (Berlin) vertritt die Gedankengänge der Reformgemeinde. Würde die Reforrngemeinde nur an sich denken, dann hätte sie sich schon längst von der großen Gemeinde gelöst; denn sie sei im Stande, mtt einem Fünftel dessen auszukommen, was heute ein einziges Mitglied von ihr an Kultussteuern an die große Gemeinde abfühtt. Wenn sie es trotzdem nicht tut, so geschehe das, weil sie den Liberalismus in den Einheitsgemeinden nicht gefährden wolle. Die Reformgemeinde wolle mtt der Liberalen Bereinigung Hand in Hand arbetten. — Stiefel (Frankfurt) macht Vorschläge für die größere Heranziehung von Geldern und einen Ausbau der „Jüdisch-liberalen Zeitung". — Stern (Berlin) wünscht die Schaffung von populärreligiöser Literatur und Bücher für häusliche religiöse Feiern analog t«r Hagadah Seligmanns. — Rabbiner Dr. G o l t s ch a l k (Frankfurt) wünscht stärkere Beteiligung der Juden an den interkonfessionellen Frrrdensorganisattonen. — Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt) unterstützt die Ausführungen von Gottschalk und tveist dann auf die Schwierigkeiten bei der Schaffung des Einheitsgebetbuches hin. Kommissionen bedeuten Hemmungen; die vom Landesverband eingesetzte Kommission sollte einem Manne die alleinige Ausarbeitung eines Entwurfs übertragen. — Geiger (Frankfurt) wünscht für das Einheitsgebetbuch die Klarstellung, daß dies nur da eingeführt werden soll, wo es einen Fortschritt gegenüber dem bestehenden Gebetbuch bedeutet, daß es keiner Gemeinde ausgezwungen wird. — Dr. Driesen (Frankfurt) betont, daß die Kraft der liberalen Idee darauf beruht, daß diese zunächst unter ihren eigenen Anhängern erkannt wird. Es müsse immer wieder nachgewiesen werden, daß das Judentum keineswegs vom Christentum überwunden sei. Der Friedensgedanke werde jetzt sowohl von christlichen Geistlichen, als auch von Politikern besonders innerhalb des Völkerbundes erörtert. Der Anteil des Judentums an diesem Friedensgedanken muß immer wieder öffentlich hervorgehoben werden. — Rabbiner Dr. Galliner (Berlin) erörtert die Gebetbuchfrage. insbesondere die Frage der Thora-Borlesung. Es gehe nicht an, Abschnitte vorzulesen, die dem Empfinden und den Anschauungen der Gegenwart widersprechen. — Rechtsanwalt Dr. Hoffmann (Frankfurt) und Betty Markus (Berlin) wünschen stärkere Unterstützung der Jugend. Auf Grund der Aussprache gelangt dann neben solchen organisatorischer Art folgender Antrag zur Annahme: „Die Bereinigung tritt für tätige Mitarbeit an dem allgemeinen Friedearwerk, insbesondere durch interkonfessionelles Zusammenwirken der ««Wichen und der Jugend ein und ersucht de» Borstand, die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten." (Ueber den weiteren Verlaus der Tagung berichten wir in nächster Woche.) ° " ~ uni) luöiuiöunm in ihren gegenfeiflgen Rechten nnü pflichten Generalreseral für die Frankfurter Hauptversammlung von Rabb. Dr. Dienemann-Offenbach Es sei eines von vornherein gesagt: so wichtig nnd notwendig es anch ist, das Thema Individuum und Gemeinschaft zu erörtern uiü) durchzusprechen, man muß sich dessen bewußt bleiben, daß man eine Endlösung, die ein für alle Mal abschließt, keineswegs finden kann, daß man mit dieser Fraye nie zu Ende kommt, ja nie zu Ende kommen darf. Käme man ze mit rhr zum Abschluß, so bedeutete das, daß Individuum und Gemeinschaft ein jedes in sich fertige Gebilde wären, als solche sich empfänden, und es ist der Stolz und die Größe des Judentums, daß in ihm niemals der Mensch sich und den Kreis, dem er sich einbezogen fühlt, als ein Fertiges empfindet, sondern immer als Werdende, immer als Suchende und Strebende, die auf dem Wege zu einem Ziele sind. So kann es sich nur darum handeln, der heutigen Situation Genüge zu tun, unter den Verhältnissen, den seelischen und materiellen dieser Epoche, die Frage aufs Neue zu durchdenken. Und weil es darauf ankommt, der h e u t i g e n Situation Genüge zu tun, darum sei auch davon abgesehen, mit einer Darstellung zu beginnen, wie sich die Erörterung und Auffassung der Frage in dem Ablauf unserer Geschichte vollzieht. Nur gesagt sei, daß das Problem nicht heute als ein funkelnagelneues an uns herantritt, daß eben erst in unserer Zeit und aus ihr geboren ist, sondern daß es der Epochen schon manche gegeben hat, in denen man man hier um eine Lösung rang. Um nur ein Beispiel anzuführen, wenn Jeremia und Ezechiel sich gegen die Gültigkeit des in Israel umgehenden Sprichwortes wandten: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und die Zähne der Söhne werden stumpf." Wenn Ezechiel im 18. Kap. eine ganze Theorie der persönlichsten Verantwortlichkeit entwickelt, so ist das auch ein Versuch, in einem Widerstreite zwischen Individuum und Gemeinschaft eine Lösung zu finden. Und sollte in seiner Zeit der Kampf gegen die 13 Glaubensartikel des Maimonides nur der Kampf gegen das Dogma und seine Autorität gewesen sein, klingt nicht auch hier, und sei es den Kämpfern ihrer Zeit gar nicht voll zum Bewußtsein gekommen,'der ewige Kampf zwischen Individuum und Gemeinschaft durch? Aber wie gesagt, es sott kein geschichtlicher Abriß gegeben werden. Um das Heute handelt es sich, und um die Erörterung der Frage in ihrer heutigen Gestalt. Daß wir sie heute als eine neu und stark an uns herantretende Frage empfinden, ist der Ausdruck dessen, daß wir fühlen, daß irgend etwas gegenüber der jüngsten Vergangenheit anders geworden ist. In der Tat ist unsere seelische Situation heute eine von Grund aus andere als die es war, von der man in der klassischen Zeit der Begründung und Ausreifung des Liberalismus ausging. Und es wird gut sein, das Andersgeartete der in Betracht kommenden Zeiten zu skizzieren, ohne daß man, wie stets bei diesen Dingen, etwa sagen könnte: Bis zu diesem Tage oder Jahre war es so und nun ist es anders, alle solche seelischen Wandlungen bereiten sich langsam vor. Sie sind schon in der Geburt, wenn noäi das Alte in voller Blüte steht, das Alte wirkt noch nach und lebt noch, wenn das Neue schon lange in Reife und Frucht dastehl und als Neues erkannt ist. Wie war doch die seelische Situation in der Hoch zeit der Begründung des Liberalismus? In den klassischen Jahren und Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts? Damals stand das ganze Denken und die gesamte Lebensbetätigung unter dem Zeichen eines ausgesprochenen Individualismus. Das individualistische Denken prägte sich aus in der Staatsgesinnung und in der Wirtschaft. Im Staatsleben rang man um die Befreiung aus den Fesseln des Ständestaates, man hatte das Recht des Einzelnen au* diejenige Stellung im Staate erkannt, die ibm kraft seiner Fähigkeit, seines Könnens zukam (man lehnte es ab, den Menschen als Glied seiner Gruppe, wo- - möglich seiner Geburtsgruppe zu werten), man wollte das Individuum in seiner Selbständigkeit, in seinem Eigenwert beurteilen, man nahm das Recht des Individuums nach ungebundener Gestaltung seines Lebens in Anspruch. Das Gleiche vollzog sich im Wirtschaftlichen, man trug alle Mauern, die die Gewerbefreiheit einengten, ab, man befreite Schritt für Schritt die Wirtschaft von allen Fesseln und ungehemmt sollte jeder sich wirtschaftlich entfalten können. All das wirkte sich ferner aus im Gesellschaftlichen, im Rechtsleben. Was Wunder, daß eine so das Individuum und sein Recht in den Vordergrund stellende Denkart die Menschen ergriff und daß sie auf alle Verzweigungen des Seelenlebens einwirkte, daß sie sich auch im Religiösen geltend machte. Der Jude war ja von vornherein nur zu sehr geneigt, sich dieser individualistischen Strömung in vollstem Maße zuzuwenden, für ihn war es Lebensbedürfnis und Selbsterhaltung, sich gegen den Ständestaat zu wenden, für ihn war es die Sicherung seiner Existenz, sich gegen jede wirtschaftliche Einengung zu wenden, so war alles geeignet, das individualistische Denken bei ihm in einer besonderen Betonung zur Reife zu bringen. Man mißverstehe nicht, ich will nicht etwa sagen, daß alle diese ftelischen Dinge sich zwangsläufig vollziehen müssen, daß die Einheit der seelischen Haltung, der Persönlichkeit sie erzwingt, das ist durchaus nicht der Fall, der Mensch ist nicht in diesem Sinne eine Einheit, in ihm laufen allerhand Widersprüche im Seelischen nebeneinanderher und er verträgt sie, man kann im Politischen liberal und im Religiösen konservativ und auch umgekehrt sein, aber es ist doch so, daß alles Seelische miteinander in Beziehung steht und nach der Einheitlichkeit strebt, umsomehr strebt, je mehr der Mensch nachdentt und das Ideal der Wahrhaftigkeit mit sittlichem Ernst zu verwirklichen sich müht. So prägte sich denn die individualistische Haltung im Juden mit starker Energie aus und rang nach Ausdruck im Religiösen. Das geschah im Religiösen mit einer vermehrten Wucht, noch aus einem anderen Grunde. Man war zunächst froh, der Fessel der Gemeinde ledig geworden zu sein; war doch die jüdische Gemeinde bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts nicht ein religiöses Gebilde gleich der unsrigen gewesen, sondern eine staatliche Zwangsanstalt, Instrument des Staates zum Zweck der Einpressung des Juden in die Ziele, die der Staat mit dem Juden vor hatte. Mit ihrer Sprengung war ein Hemmendes in der religiösen Haltung des Juden gefallen, seine Individualität konnte sich ungehindert äußern. Ganz anders ist die seelische Situation unserer Tage. Der Individualismus der vorigen Epoche hat einer stärkeren Gebundenheit des gesamten Lebens weichen müssen. Sowohl im Staatlichen, wie im Wirtschaftlichen, und vor allem im Gesellschaftlichen. Die Bindungen der Wirtschaft kennen Sie alle im Kartellwesen und in der Vertrustung, die Schichten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bilden sich, die Berufsgruppen spannen den Einzelnen in sich ein, oft fügt er sich gern ihnen ein, oft wird er in sie hineingezwungen, die einzelnen Gruppen stehen sich nicht mehr im freien Spiel der Kräfte gegenüber, man grenzt ihre Beziehungen durch Gesetz ab. Der Staat gestattet sich Eingriffe in die Beziehungen der Bürger zueinander, die man ihm noch vor kurzem niemals zugestanden hätte, der Staat gewinnt im ganzen eine alle' bindende dominierende Stellung. Man denke nur einmal, wie Hermann Cohen, im Staat die Vollendung der praktischen Sittlichkeit zu finden gedachte. Aber noch stärker als im Staatlichen und Wirtschaftlichen prägt der Sieg des Gemeinschaftsgedankens sich im Gesellschaftlichen aus. Er ist stark geworden durch die Rassentheorie, und selbst wenn wir die Auswüchse ihrer afsektbetonten Anwendung auf den Juden leidenschaftlich und sittlich entrüstet bekämpfen, sie ist da und ist Ausdruck eines neuen Gemeinschaftswitten der Menschen, der Krieg mit seinem Gesamterlebnis hat den Gedanken der Gesamtverbundenheit gestärkt. Die Jugendbewegung war Ausdruck eines neuerwachten Gemeinschaftswillens, die allerhand politischen Bünde unserer Tage legen von ihm Zeugnis ab. Der Völkerbundsgedanke auf der einen Seite und die Organisierung der von ihrem Stammlande gewaltsam abgetrennten Volksspsttter als nationale Minderheiten sind lebendige Zeugen dessen, wie stark der Gemeinschaftswitte und das Gemeinschaftsbewußtsein in unseren Tagen die Menschen ergreift, wie sehr sie das Individuum einspannen, welche Opfer das Individuum ihnen zu bringen bereit ist. Es ist gar nicht abzuweisen, daß diese veränderte seelische Haltung des Einzelnen sich irgendwie auch im Verhältnis zum Religiösen und zur religiösen Gemeinschaft bemerkbar machen muß. Ich wiederhole hier wieder meine Einschränkung von vor hin, nicht daß hier ein zwangsläufiges Maß zu Tage tritt, es handelt sich ja um Menschen, und Menschen haben ihren irrationellen Witten und die Einheitlichkeit der Seelenhaltung, die man rational erwarten könnte, hat ihre Grenze an der Irrationalität des Willens, und in jeder Epoche wirken noch lange die Einflüsse einer vergangenen Epoche nach, aber irgendwie fließen die aus der einen Lebenssphäre vertraut werdenden Ströme in die andere ein und beginnen, sacht und langsam ihre Einflüsse unbemerkt auszuüben. So sind wir heute in Ansehung der Frage Individuum und Gemeinschaft in einer anderen, neuen seelischen Lage, von vornherein darauf vorbereitet, der Gemeinschaft ein Recht zuzusprechen- Wir treten gleichsam mit einem neuen Seeleninhalt, mit neuen Voraussetzungen und Selbstverständlichkeiten an das Durchdenken des Problems heran. Und indem wir die Ausein^ andersetzung Individuum und Gemeinschaft als Liberale, als eine Frage des Liberalismus anpacken, sind wir hier einmal frei von der Tragik, die sonst dem Liberalismus begegnet und auf der die Schwierigkeit seiner Stellung und seines Sichdurchsetzens beruht. Denn er steht unter einer bestimmten Tragik. Seine Tragik besteht darin, daß er die Formbindung aus Grundsatz ablehnen muß und doch die Formbindung nicht entbehren kann, wenn er den Inhalt des Religiösen im Sichtbaren ansprägen und weitertragen und vererben will. Es gehört zum Wesen und zur Grundlegung des Liberalismus, daß er unter Betonung des Persönlichen die autoritative Bindung in Bezug aus die Form ablehnt, kann nicht anerkennen, daß die Form ein göttliches Gebot ist. Aber er kann sich mit jeder das Persönliche nicht aufhebenden und frei betonten, aus dem eigensten bejahten Gemeinschaftsbildung und Gemeinschaftsbindung wohl vertragen. Kann er sich nur mit ihr vertragen? Fordert er sie nicht sogar? Da er ja nicht ein in der Luft schwebender Liberalismus aus theoretischen Erwägungen ohne besondere Färbung ist, sondern ein an der Tatsache Judentum sich auswirkender, diese Tatsache voraussetzender und sie gestaltender Liberalismus ist, so entscheidet die Erkenntnis, ob Judentum notwendig einen Gemeinschaftscharakter in sich trägt und nur in der Gemeinschaft zu verwirklichen, ist, über die grundsätzliche Einstellung zu der Frage nach dem Recht der Gemeinschaft. Da ist dann zunächst uz sagen, daß das Judentum iu allen seinen geschichtlichen Phasen von jeher in einem viel höheren Sinne als andere Religionen au die Gemeinschaft gebunden war und als Gemeinschaftsäußerung sich kundtat. Man denke nur daran, daß in ihm 74615

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