Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie es besser gemacht werden soll, sondern auch die Erfenntnis in die Tat umzusetzen. Soziales Mitleiden und Helsen ist gewiß eine schöne Tugend und wer von .ins wollte nicht dafür eintreten, daß im größten Umfange Gemilus Chessed geübt werden soll. Wir sind aber nicht nur eine soziale Hilfsgemeinschaft, die für andere arbeitet, sondern wir wollen uns selbst eine religiöse GruMage schaffen, die wirksam wird nicht nur bei den Armen, sondern auch, bei den Reichen und auch diejenigen beim Judentum hält, die geben, nicht nur die, die nehmen. Tiefe religiöse Grundlage können wir nur schaffen, wenn wir arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten und wenn alle diejenigen, die in der Lage sind zu geben, nach ihrer! Kräften geben. Stete Arbeit ohne Erfolg macht müde. Auch diejenigen Frauen und Männer, die aus innerster Ueberzeugung hingebend ihre Pflicht tun, muffen müde werden, wenn der Erfolg ausbleibt. Ich richte daher an die deutschen liberalen Juden die erirstr Bitte in letzter Stunde: Ter Boden ist bereitet, auf dem gute Saat aufgehen kann. Schafft uns die Mittet, das Samenkorn zu legen und zu pflegen; dann erst habt Ihr Eure Pflicht getan Euch selbst gegenüber und gegenüber ganz Israel! Konsequenzen des Schulgesetz-Entwurfs 160 neue jüdische Klassen in Berlin notwendig. Die Berliner Stadtverordneten-Versammlung befaßte sich kürzlich mit dem Keudell'schen Schulgesetzentwurf. Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten brachten Anträge gegen den Entwurf ein. Die Demokraten betonten in ihrem Antrag, daß der Entwurf gegen die Reichsversassung verstoße und eine schwere Gefahr für die Einigkeit und Geschlossenheit sei. Stadtverordneter Dr. Kawerau, der radikale Schulreformen führte im Namen der sozialdemokratischen Fraktion aus: Durch Herausnahme der andersgläubigen Kinder aus evangelischen und katholischen Schulen wird die Errichtung einer Unzahl neuer Schulen nötig. In Groß-Berlin werden etwa 160 .jüdische und 68 katholische Klassen neu eingerichtet werden müssen. — Tie Debatte wurde vertagt. Ablehnung eines völkischen Schächtverbolsantrages Der Landwirtschaftliche Ausschuß des Preußischen Laudtages befaßte sich in seiner Sitzung am 13. Oktober mit der Schächtfrage und faßte unter gleichzeitiger Ablehnung eines Antrags der Völkischen auf Verbot des betäubungslosen Schächtens die folgende Resolution: Die Staatsregierung wird ersucht, geeignete Maßnahmen zu treffen, daß 1. das Schlachten von Tieren durch das rituelle Schächten Nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung an geschächtetem Fleisch hinaus erfolgt und das Verbot des wilden Schächtens durchgeführt wird, 2. das Schächten ordnungsgemäß ausgeführt, ferner bei der Vorbereitung des Schächtens, insbesondere bei der Niederlegung der Tiere, Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet find, die Tiere vor unnötigen Aengstigungen und Schmerzen zu schützen, 3. beim Schächten überhaupt die vorhandenen technischen Verbesserungen in humanitärer Hinsicht angewandt und alle Roheiten möglichst verhindert werden. Für diese Resolution stimmten die Vertreter sämtlicher Parteien mit Ausnahme der Deutschnationalen, die für den völkischen Antrag eingetreten waren. (Jta.) Iudenlaufen und Zionismus Eine Erinnerung von E. C. Reiß. In mehreren jüdischen Blättern wird aus den Erinnerungen von Miß Blyth eine Unterhaltung wiedergegeben, die ihr Vater, langjähriger anglikanischer Bischof in Jerusalem, im Jahre 1898 mit dem Exkaiser Wilhelm gehabt hatte. Ohne die Richtigkeit der Wiedergabe der Unterhaltung anzuzweiseln, in welcher Kaiser Wilhelm gesagt hätte: „er glaube an eine Zukunft der Juden in Palästina nicht, weil sie den Heiland gekreuzigt hätten", dürfte die Grundlage für diese Aeußerung doch eine andere gewesen sein als die, auf die der Bericht des Fräulein Blyth schließen lassen könnte. Bischof Blyth war, was nichts gegen seinen Charakter sagt, durch und durch ein Freund der Judenmission, und von diesem Gesichtspunkte aus hatte er wohl ebenso wie Pastor Hechler und andere christliche Geistlichen die zionistische Bewegung als Vorbote der Erfüllung christlich messianischer Weissagungen angesehen. „Wenn erst die Juden — oder wenigstens ein großer Teil von ihnen — wieder in Palästina ihre Heimat haben würden, würden sie sich auch zu den Wahrheiten des Christentums bekehren." Kaiser Wilhelm aber, wiewohl evangelisch fromm, kannte die Juden besser. Anstatt aber den Gedanken als unsinnig zn bezeichnen, redete er in der Sprache des Bischofs — denn Kaiser Wilhelm wußte sich anzupassen, besonders im Auslande - indem er die Idee, daß eine Rückkehr großer Judenmassen nach Palästina eine Generaltaufe zur Folge haben würde, mit der Phrase von der Kreuzigung des Heilandes zurückwies. Böswillig braucht er es nicht gemeint zu haben. Er wird sich unter dem Einfluß des Fürsten Bülow, der ihn auf dieser Reise begleitet hat, auch wohl bei Bischof Blyth gedacht haben: „Es muß auch solche geben!" Bischof Blyth und andere mögen in ihrer Auffassung nicht wenig durch den folgenden nicht uninteressanten Umstand bestärkt worden sein: die Gruppe getaufter Juden, die die Londoner Judenmission sich in Jerusalem durch „Bekehrungsarbeit" für schweres Geld und unter Ausnutzung von Not und Elend schon aus Prestigegründen seit etwa hundert Jahren erhält, hatte sich mit dem Aufkommen des rein nationalen Judentums darauf besonnen, daß sie das Stigma der Taufe, das die meisten drückte, dadurch erleichtern könnten, daß sie sich zum nationalen Judentum bekennen und „Jewish Christians" oder auch „Christians of Jewiss nationality" nennen würden. Sie wollten den Schekel zahlen. Es gab sogar dieserhalb einen Streit in der Missionskirche in Jerusalem. Die getauften Juden fühlten sich dort seit langem, trotz der Predigten von christlicher Liebe, stark zurückgesetzt, sowohl was die Sitze anbetraf, als auch die Zuteilung sonstiger kirchlicher Ehren. Sie machten nunmehr ihre Ansprüche als die besseren Christen, als die Christen jüdischer Nationalität, wie es der Stifter des Christentums selbst war, geltend. Der englische Missionsarzt war, wenn ich mich richtig erinnere, auf ihrer Seite, Pastor Kelk auf der Gegenseite: jedenfalls gab es einen „Split" innerhalb der englichen Kirchengemeinde. Bischof Blyth und andere mögen daher geglaubt haben, daß die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität die Jndentaufe befördern würde. Um gerecht zu sein, muß man zugeben, daß dieses nicht der Fall war. Allerdings ist die gegenteilige Behauptung, daß der Nationale Gedanke viele von der Taufe zurückgehalten hätte, denen das religiöse Moment nicht mehr maßgebend war, mindestens stark übertrieben. Der jüdische Bauer auf deutscher Scholle Am Sonnabend, den 15. Oktober, abends, fand im Plenarsitzungssaal des ehemaligen Herrenhauses eine vom Rcichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstaltete Kundgebung unter der Devise „Der jüdische Bauer auf deutscher Scholle" statt. Der Einladung des R.J.F. folgten zahlreiche führende Persönlichkeiten aus allen Lagern des deutschen Judentums. Man sah n. a. die Herren Justizrat Felix Makower, Prof. Dr. M. Türk und Eugen Caspary vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde; Kämmergerichtsrat Leo Wolfs, Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden; Oberlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer, Präsident der Münchener jüdischen Gemeinde und des Bayerischen Israelitischen Landesverbandes; die Landtagsabgeordnete Dr. Gertrud Klausner, Kommerzienrat Hermann Bamberg, Frau Henriette May, Generalsekretär des Hilfsvereins der Deutschen Juden Dr. M. Wischnitzer, Präsidenten der Gesellschaft „Ort" in Deutschland Bankier Wilhelm Grätz, S. Adler-Rudel von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Dr. Israel Auerbach von der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Vertreter der großen Zeitungsverlage, der großen jüdischen Organisationen wie Central-Verein, Zentralwohlfahrtsstelle, Poale Zion, American Joint Distribution Committee, Verband „Ose", Liberale Vereinigung, Bodenkulturverein, Verein zur Abwehr des Antisemitismus, Rejchsausschuß der jüdischen Jugendverbände, Deutsch-Israelitischer Gemeindebund, Verband ostjüdischer Organisationen, Kartell jüdischer Verbindungen, Reichsverband der jüdischen Lehrervereine, die Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, die Vertreter der Logen und zahlreiche jüdische Landwirte. Der Bundesvorsitzende Hauptmann a. D. Dr. Leo Löwen st ein begrüßte die Gäste aus Berlin und dem Reiche und sagte, die deutschen Juden haben für den deutschen Boden geblutet, sie haben ein Recht auf Anteil an diesem Boden. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten steht im Brennpunkt des Kampfes gegen die Lüge des Antisemitismus und für die bürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden. Alle Kreise des deutschen Judentums sind einig in der Idee der Ansiedlung auf deutschem Boden. Die Hauptrede hielt Universitätsprofessor Franz Oppenheimer -Frankfurt a. M. Die deutschen Juden, sagte er, haben dem deutschen Boden schweren Zoll geleistet, ihre Totenopfer im Kriege erreichen die Zahl 12 000. Die jüdischen Frontsoldaten zogen als Deutsche hinaus, um deutschen Boden zu verteidigen, als Menschen, um den Frieden für immer zu erkämpfen, als Juden, um durch letzte große Blutopfer die letzte Gleichberechtigung und die Kameradschaft der deutschen Brüder zu erkämpfen. Doch die Welt ist schlimmer geworden, der Judenhaß ist stärker als zuvor. Die Juden sind in Deutschland älter als die Germanen. Was wir in Deutschland erhalten, zahlen wir in geistigen Werten tausendfach zurück. Siedlung ist die Aufgabe der Gegenwart. Die Weltwirrnisse entstehen durch die Abwanderung der Landkräfte zur Industrie. Die Folgen sind feindliche Konkurrenz, imperialistische Verwicklungen. Wenn wir Juden uns der Siedlungsbewegung anschließen, so helfen wir als Deutsche ein deutsches Problem lösen und vollbringen dabei eine jüdische Tat, indem wir zur Erhaltung des Judentums beitragen. Wir wollen als Volk nicht sterben. In den Städten aber, wo die Geburteneinschränkung System geworden ist, stirbt das Judentum ab. Durch die Landsiedlung werden wir auch den Drang zum Austritt eindämmen. Domänendirektor S. Dyk erörterte eingehend die volkswirtschaftliche und finanzielle Seite der Siedlungsfrage. Er erinnerte an die Bestrebungen des deutschen Judentums nach der Emanzipation, auf dem Lande festen Fuß zu fassen. Die Zahl der jüdischen Landwirte, Winzer und Großgrundbesitzer in Deutschland ist höher als man glaubt. Die Großagrarier stellen aber Juden grundsätzlich nicht ein. Traurig ist es, daß auch die jüdischen Großgrundbesitzer es ablehnen, jüdische Mitarbeiter aufzunehmen, eher tun dies die deutschen Bauern. Auf Grund des Reichssiedlungsgesetzes haben die jüdischen Frontsoldaten ein Recht, vom Staate Boden zu Siedlungszwecken zu erhalten. Der Redner empfahl die Einrichtung eines Großgutes als Lehrfarm für die künftigen selbständigen Siedler. Daß Juden sich für Landarbeit eignen, ist heute keine Frage mehr, sie haben es in Palästina, in Rußland und überall in der Welt bewiesen. Zur Landwirtschaft in ihren modernen Formen gehört Intelligenz. Wenn das intelligente jüdische Element aufs Land kommt, so wird dies ein Segen für die gesamte Landwirtschaft sein. Im Anschluß an die Referate hielten Dr. Glaserfeld, Dr. Klee und Rabb. Dr. Baeck kurze Ansprachen. Analytische Seelsorge Rabbiner Dr. H. Auerbach, Göttingen. Vor kurzem ist im Verlag Bandenhoeck 8c Ruprecht, Göttingen, ein Buch unter dem Titel: „Analytische Seelsorge" erschienen. Sein Verfasser ist der bekannte Züricher Pfarrer Oskar Pfister. Seit 19 Jahren beschäftigt er sich eifrigst mit der Psychoanalyse, in die ihn. der Psychiater C. G. Jung eingeführt hat. Als Lehrer und Seelsorger macht er von ihr, wo sie angebracht ist, Gebrauch. Er tadelt, daß die Berufsgenossen sich die Entdeckungen Freuds nicht zu nutze machten. Er glaubt, daß dies der Grund sei, weshalb die übliche Seelsorge in recht vielen Fällen gänzlich versage. An zahlreichen Stellen geißelt er diesen Uebelstand. Statt überlegen die Nase zu rümpfen über „den seelischen Materialismus des jüdischen Wiener Arztes'") erscheint es ihm angebrachter, die seelsorgerische Tätigkeit mit Hilfe der Psychoanalyse, welche „die stärksten Stützen der idealistischen Lehre enthalte" (S. 124), fruchtbar zu machen. Was tut beispielsweise ein Seelsorger, wenn ihm ein Jugendlicher vorgeführt wird, der an Selbstbefleckung leidet. Er mahnt, bittet und verwarnt ihn. Er redet auf ihn leidenschaftlich ein. Dann und wann sieht es aus, als ob er Erfolg gehabt habe. Das Laster wird unterdrückt, aber ein l) Bimtzel, Die Psyrhoanalvse und ihre scelwrgerisckie Verwert tung, S. 16. weit schlimmeres Nebel ist an seine Stelle getreten, Schwermut, Mißmut, Lebensüberdruß, Mutlosigkeit, Menschenscheu und Arbeitsunfähigkeit. Falsche oder ungenügende seelsorgerische Behandlung fordert zahlreiche Opfer. Wieviel Unheil sie schon angerichtet hat, davon weiß jeder Nervenarzt ein Klagelied zu singen. Wenn die Seelsorge so wäre, wie sie sein könnte, würde sie Segen stiften und Unglück verhüten. So manch einer hat sich schon das Leben genommen; nicht weil er kein oder wenig Gewissen batte, sondern, weil es überreizt war. Ein krankhaftes Gewissen ist eine schlimme Plage. Tie damit Behafteten machen sich Vorwürfe, die znm teil ganz falsch, znm teil sehr übertrieben sind. Man unterrichtet sie darüber, und sie glauben auch der Aufklärung. Aber damit ist ihnen nicht gedient. Im Stillen hören sie nicht auf, sich anzuklagen. Sie fühlen sich nun einmal schuldbeladen. Was geht in der Seele des von solchen Gewissensbissen Gepeinigten vor? Nun, es hat sich in recht vielen Fällen herausgestellt, daß der Inhalt der Versündigungsgewißheit wohl zu Unrecht besteht, nicht aber sie selbst. In ihr regt sich ein verdrängtes Schuldgefühl. Glückt es, die dem Sünder selbst nicht mehr gegenwärtige Sünde, die einst von ihm mit gewaltsamem Ruck aus seinem Bewußtsein herausgedrängt wurde, ihm wieder ins Bewußtsein zu bringen und einer sachgemäßen Behandlung zu unterziehen, dann verschwindet die Scheinsünde, hinter der sich die echte versteckt hat. Die analytische Seelsorge sucht die unbewußten Beweggründe auf und beeinflußt sie. Sie weiß, daß sittliche Gebrechen und religiöse Mängel nicht selten durch Vorgänge des unbewußten Seelenlebens hervorgerufen werden. Dieses, der Urboden der wertvollsten Leistungen und edelsten Taten, kann gestört werden, wenn etwas dem Menschen Wichtiges aus dem Oberbewußtsein ins Unterbewußtsein vorzeitig, gewaltsam, unverarbeitet hineingezwängt, hineingedrängt wird, und fügt dem ganzen Seelenleben Schaden zu. So kann der mit schroffer Strenge in die Tiefe hiuabgestoßeuc Geschlechtstrieb auch die Religiosität nach sich ziehen. Er soll weder unterdrückt noch mißbraucht, sondern seine Spannungskraft für wertvolle Aufgaben ausgenutzt werden. Sittlich religiöse Triebverwendung ist von nöten. „Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen": Zu dieser Bibelstelle bemerkt der Talmud"): „Mit deinen beiden Trieben sollst du Gott lieben." Er meint, mit allen deinen Trieben. Eine Seelsorge, die gerade auf Verdrängung ausgeht, ist gefährlich für den, an dem sie ausgeübt wird. Das aber taten jene Grämlichen, ewig Schellenden, Einschüchternden. Wehe denen, die nicht bloß in der Religionsstunde, sondern auch sonst dem Einfluß dieser gestrengen abkanzelnden Sittenrichter ausgeliesert waren. Daß diese nicht selten mißratene Kinder haben, kann nicht wundernehmen. Wie häufig hat der Stehlzwang seine Ursache in einem Minderwertigkeitsgefühl. „Seht, wie schlau bin ich doch", so ruft es im Stehlsüchtigen, „das härtet ihr mir nicht zu getraut, ich bin doch nicht so untüchtig, wie ich es mir ein rede". So spricht er sich Mut zu. Ist es nicht unsinnig, einem solchen Sünder nachzuweisen, daß er ein verlorener, grundschlechter Mensch sei, der sicher unter die Räde^kommen werde? Das Gegenteil muß hier geschehen. Das Selbstvertrauen sollte gehoben oder wiederhergestellt werden. Vor aller Behandlung ist eben eine gründliche Untersuchung des Seelsorgebedürftigen nötig. Das Seelenleid kann nicht geheilt werden, wenn seine Ursachen nicht gesunden sind und an ihre Beseitigung gegangen wird. Dem Trunksüchtigen helfen nicht immer Enthaltsamkeitsgelübde, ebensowenig wie religiöse Ermahnungen. Er kann seine jedesmalige Verfehlung noch so bitterernst bereuen. Er mag sie aufrichtig bekennen. Auch die Beichte, deren Bedeutung weit überschätzt wird, befreit ihn nicht vom Laster, das aus einer kranken Stelle des unbewußten Seelenlebens aussteigt. Welch einen schweren seelsorgerischen Fall stellt der grundlos Eifersüchtige dar. Man kann ihm immer wieder den Beweis erbringen, daß sein Verdacht unbegründet ist, der häusliche Friede wird dadurch doch nicht wieder hergestellt. Die blinde Eifersucht entspringt eigenen unterdrückten Untceuwünschen, die auf den anderen Eheteil übertragen werden.Z Es liegt da ein Verstoß gegen das zehnte Gebot vor: „Du sollst nicht gelüsten usw." (Bon der höchst fesselnden Behandlung der Eifersucht in biblischer Zeit soll nächstens die Rede sein.) Nichts schadet dem Ansehen der Religion und ihren amtlichen Vertretern so sehr, wie wenn die Gläubigen gleichzeitig die Abergläubischen sind. Es wurde mir berichtet, daß der ehemalige Rabbiner der Gemeinde in Stettin, Dr. Vogelstein, gegen die so häufig gebrauchte Wendung „unberufen" ankämpfte und sie einem großen Teile der Gemeinde abgewöhnte. Er tat dies aus Achtung vor der Erhabenheit der jüdischen Religion, nicht aus überspannter Aufklärungssucht. Obwohl die Heilige Schrift gegen Aberglauben und Zauberei entschieden auftrat und sie in Grund und Boden verdammte, spukte es dennoch auch im jüdischen Leben von Geistern, von denen einem jeden Tausend zur Linken und Zehntausend zur Rechten ständen. Noch gut, daß man sie nicht sähe, man könnte es nicht ertragend) Besonders in der Nacht trieben sie sich herum. Einem Chanina und^Abaje gegenüber war selbst eine Dämonin wie Ograth, die Tochter Machlath, machtlos, obwohl hundertachtzigtausend Teufels engel ihr zu Diensten standen. Denn in den Himmelshöhen erging die Warnung: „Nehmet euch vor Chanina und seiner Lehre, Abaje und seiner Lehre in acht".^) Die Thoraworte schützen gegen alle bösen Einflüsse, der gelehrte Fromme ist gegen diese gefeit. Doch hat Dr. Ernst Conrad Recht, wenn er in seinem bedeutsamen Buche „Psychologische Jugendpflege", S. 88, warnt: „Es wäre ein großer Irrtum, zn meinen, daß gegen Gespenster und Zauberei lediglich mit den Mitteln religiöser Unterweisung anzukämpsen sei. Das zaubergläubige Kind ist von seinem Hang nichr befreit, wenn es über dessen Unsinnigkeit belehrt worden ist, sondern wenn die tiefer liegende Ursache erledigt ist." Mit Aufklärung ist da wenig auszurichten. Das Kind kann unzählige Male von seinem Religionslehrer hören, daß es keine Gespenster gibt, und es ihm auch glauben. Doch nachts erscheint ihm ein schreckliches Gespenst und läßt das Kind nicht schlafen. Woher kommt das Gespenst? Von dem in den Entwicklungsjahren stehenden Mädchen wird es zuweilen herbeigewünscht. Es ist der Freund, nach dem es sich sehnt. „Ach möchte ec nachts zu mir kommen. Aber um Himmelswillen, wo denke ich nur hin. Das ist doch höchst unanständig, das darf nicht -) Berochoth 54 a. s) Koren Korncy über die psychischen Wurzeln einiger typischen E^ekonflckte '» „Die von Dr. Mor Mmcuse, Berlln und Köln 1927. S. 448. 4) Berachoth 6 a. 5) Pefsachim U2 und U3.