Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IWch KbewleZeidmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich 2R. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 Jür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Bttlgliedsbeitrage enthalten. Verantwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und GeschäststeUe: Berlin SV» Wilhelmstrabe 48 Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin 7kW 7. 137 069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Ilonparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigena'nnähme: »Jüdisch-liberale Zeitung" Inferatenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmstratze 147 (Bergmann: 3358-59), sowie fämtl. Annoncen-Expedltion. Nr. 42 Berlin. 21. Oktober 1927 7. Jahrgang Ser Hauptversammlung Rückblick und Ausblick. Von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzendem der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Nach längerer Pause tritt das oberste Organ der Vereinigung für das liberale Judentum, die Hauptversammlung, am Sonnabend Abend und Sonntag in Frankfurt a. M. zusammen. Namens des Gesamtvorstandes begrüße ich unsere Freunde, die aus dem Reiche zusammenkommen, um über wichtige Fragen der Organisation und darüber hinaus über grundlegende Probleme des liberalen Judentums zu beraten. — Daß diese Versammlung in der alten ehrwürdigen Muttergemeinde Frankfurt a. M. zusammentritt, einer Stadt, die dem Judentum schon so unendlich Großes gegeben hat, sei uns ein günstiges Vorzeichen für den Geist der Versammlung und ihre Ergebnisse! Hinter uns liegt eine ereignisreiche Zeitspanne, wenigstens soweit das äußere Leben der deutschen Juden in Frage kommt. Stände nicht der große Markstein der Londoner Konferenz vor uns, von der wir einen starken Impuls für die Festigung und Weiterbildung unserer Sache erwarten, so müßte man von der vergangenen Epoche sagen, daß in ihr an Kamps und Auseinandersetzung mehr geleistet worden ist als an innerer Fortbildung. Wir haben eine Reihe von Wahlkämpfen durchgemacht. Sie sind teils günstig, teils weniger günstig für den Liberalismus verlaufen; günstig erfreulicher Weise vor allem die Wahlen zum Preußischen Landesverband, ungünstig dagegen einige Gemeinde w a h l e n, wenn auch der große Jubel der Gegner über den Niedergang des Gemeindeliberalismus zumindest verfrüht erscheint. Derartige Wahlkämpfe und örtliche Auseinandersetzungen sind leider die Schatten in dem großen Gemälde, als das sich noch immer die jüdische Einheitsgemeinde in Deutschland darstellt. Sie bleiben in England und Amerika unseren Freunden erspart, die ihr Eigenleben führen, dafür freilich auch auf große Vorteile verzichten müssen, welche die Zusammenfassung der Kräfte in einer großen jüdischen Organisation zweifellos herbeiführt. In diesen Wahlkämpfen ist naturgemäß vielfach mehr gegen andere Richtungen im Judentum als für die eigene gesprochen und gehandelt worden. Es mag schon an dieser Stelle als wünschenswert betont werden, daß unserer Vereinigung einmal Raum gegönnt werde für die Arbeit auf ihrem eigentlichen Gebiet: der Fortbildung des religiösen Liberalismus. Die Voraussetzungen hierfür sind gegeben. Die Kampf- Epoche der vergangenen 2Vs Jahre haben die notwendige und wünschenswerte Abgrenzung nach links und rechts geschaffen. Auch der neuaufgetretenen Mittelpartei, die häufig nur einen Salon der von den verschiedenen Seiten Zurückgewiesenen darstellt, wird es nicht gelingen, die berechtigten Gegensätze zu verkleistern und die notwendigen geistigen Auseinandersetzungen überflüssig zu machen. Wer die Hoffnung hegte, daß ihr Auftreten wenigstens die Form der Wahlkämpfe verfeinern und vergeistigen würde, hat durch das Verhalten der Kölner Mittelpartei eine gründliche und hoffentlich endgültige Belehrung erfahren. Gegenüber dem gesetzestreuen Judentum liegt unsere Stellung fest. Sie ist gegeben durch die selbstverständliche Achtung der Ueberzeugung unserer gesetzestreuen Brüder und durch die ebenso selbstverständliche Forderung der Achtung unserer eigenen religiösen Ueberzeugung. Wir hoffen bestimmt, daß die hier und da auftretenden Stimmen im konservativen Lager, die einen Kampf gegen den Liberalismus propagieren, durch die Forderung nach gegenseitigem Verstehen übertönt sind, vereinzelt bleiben werden. Das liberale Judentum wird sich von der Bahn, die ihm seine religiöse Ueberzeugung vorschreibt, nicht abbringen lassen und wird ebenso, wie es die Gleichberechtigung aller religiösen Richtungen anerkennt, jeden Anspruch auf den Primat des gesetzestreuen Judentums mit Entschiedenheit zurückweisen. Bei der Auseinandersetzung mit dem nationalen Judentum ist in der vergangenen Epoche ein beachtenswerter Fortschritt zu verzeichnen. Durch die betanute Letzte Entschließung des Gesamtvorstandes der Liberalen Vereinigung ist die erforderliche Klarheit geschaffen worden. In chr kommt znm Ausdruck, daß in der Religion die Grundlage und das Wesen des Judentums erblickt werden muß, woraus sich die Ablehrrung aller Bestrebungen ergibt, die Staats-, Volks- oder nationale Zugehörigkeit an die Stelle der Religion setzen oder für gleichwertig mit ihr erachten. Dieser Unterschied in der Grundauffassung des Judentums, der zwischen Liberalen und Zionisten besteht, hindert natürlich! nicht, in praktischen Einzelsragen auch mit Zionisten, besonders mit religiösen, nichtorthodoxen Zivilisten, gemeinsame Arbeit zu leisten. Es steht vielmehr zu hoffen, daß auch Unseren Mitgliedern und Lesern zur Kenntnisnahme, daß unsere Telephonnummern vom 23. Oktober ab nicht mehr Hasen hei de 3358/5 9, sondern Amt Bergmann 3358 und 3359 lauten. in Deutschland recht bald der in angelsächsischen Ländern schon herbeigesührte Zustand sich durchsetzen wird, daß religiöser Zionismus liberaler Richtung, unbeirrt von seiner politischen Stellungnahme, in gemeinsamen Fragen mit uns Zusammenarbeiten wird. Tie Vereinigung für das liberale Judentum ist geschaffen morden, um der Idee des religiösen Liberalismus Boden zu gewinnen. Daß wir Liberalen gewaltige Aufgaben haben, die über den Bereich örtlicher Wahlkämpfe herausgehen, hat nichts deutlicher gezeigt, als die Londoner Tagung. Sie hat vielen die Augen dafür geöffnet, daß ungeachtet der Verschiedenheit des äußeren Lebens und der äußeren Ausdruüssorndie A u f g a b e des liberalen Judentums in all eit Ländern die gleiche ist: die Verbreitung der Ideen des prophetischen Judetttilms in Formen, die die historische Gemeinschaft aller Juden ausrecht erhaltet! und stärken, der religiösen Wahrheit und der G e w i s s e n s s r e i - heitdes Einzelnenaber Raum gewähren. Hierbei steht für Deutschland als große Einzelausgabe die Schaftu ngdes liberalen E i nhe it s g e b c tou ch e s im Vordergrund. Es ist zu hoffen, daß diese Grundsorderung des deutschen Liberalismus nunmehr bald verwirklicht wird, nachdem die liberale Kultuskommission des Preußischen Landesverbandes bereits weitgehende Arbeit geleistet hat. Ter ertigstellung des hebräischen Textes muß nun aberwas dem ebetbuch erst seine eigentliche Bedeutung verleihen wird — die Schaffung einer dem Hebräischen gleichwertigen Uebersetzung folgen. Es widerspricht der Würde des Gebetes, daß Tausenden, die nicht in der Lage sind, in der hebräischen Sprache zu beten, — und diese finden sich bekanntlich nicht nur aus liberaler Seite — in der Uebersetzung ein. Surrogat gegeben wird, das auch nicht von fern an die Sprache der Psalmisten, Propheten und Dichter des Mittelalters heranreicht. Hier ist gerade das Beste gut genug. Es muß aber auch alles übersetzt werden. Was wir deutsch nicht lesen können, darf auch hebräisch nicht gebetet werden. So wird gerade, die Uebertragung in unsere Muttersprache der wirksamste Prüfstein dafür werden, ob ein Gebet noch Ausdruck unserer religiösen Ueberzeugung sein kann oder nicht. Auch die Frage einer grundsätzlichen Gottesdienftreform muß immer wieder erörtert werden. Wir haben in London gesehen, daß durch die Schaffung des Gottesdienstes der liberalen Synagoge tätige Mitarbeiter gerade aus dem Kreise der geistig Hochstehenden und Gebildeten herangezogen werden, aus dem Kreis also, der bei uns in Deutschland fast gänzlich abseits steht. Es ist bezeichnend, daß sich bei uns junge Akademiker und Schüler höherer Lehranstalten jetzt schärfer als je gegen den heute üblichen Gottesdienst wenden, daß sie schond azu übergegangen sind, sich selbst zu helfen, und sich einen Gottesdienst zu gestalten; wie er ihrein religiösen Sinn zusagt. Wollen wir nicht erleben, daß der Gottesdienst in allen Gemeinden sich in kleine Zirkel zersplittert, so müssen wir versuchen, den Wünschen der Jugend Rechnung zu tragen. Ich wiederhole auch an dieser Stelle meine immer wieder betonte Forderung nach grundlegender Reform der Thora- Borlesung. Es ist unmöglich, hebräische Texte vorzulesenj, die nicht verstanden werden und die, wenn sie verstanden werden, nicht erheben, sondern abstoßen. Nicht einmal die Uebertragung in die Muttersprache wird von den Rabbinern zugestanden, obschon sie uralter jüdischer Brauch ist. Wollen denn unsere Rabbiner strenger sein als der Schöpfer der Thora-Borlesung selbst es gewesen ist? Es wird auch sehr ernst die Frage zu prüfen sein, ob insbesondere bei den hohen Feiertagen das durch die heutige Gebetsordnung (mehrfache Wiederholung der Tefilin mit Einschaltung) hervorgerusene System endloser Wiederholung der Gebete aufrecht zu erhallen ist. Ich habe an diesem Jom Kippur, an dem ich von morgens bis abends die Synagoge nicht velassen habe, an mir selbst erfahren, daß es einfach unmöglich ist, mit Inbrunst und Ueberzeugung ein Gebet an einem Tage in derselben Form vier bis sechs Mal und darüber hinaus zu sprechen und zu fühlen. Wenn es nun denen schon so geht, die mit Verständnis und aufrichtiger religiöser Hingabe beten, wie muß erst denen zu Mute sein, die mit dmn Besuch des Gottesdienstes eine unklar empfundene Pietät- oder sagen wir Gemeinschaftspflicht erfüllen und die nicht in der Lag« sind, jeden Gedanken djes hebräischen Gebets in sich zu veratbeiten und chrem Innern zum Gruß! zuzuführen! Können wir den Gottesdienst nicht 5unt Gottesdienst der Gottsuchenden um gest a l t e n, sondern bleibt er für viele ein Erlebnis anderer, dem sie nur beiwohnen, so ist das wichtigste und größte Gemeinschaftserleben derJitden für sie nicht gelebt. Nocki wichtiger als Vereinheitlichung und Umgestaltung des Gottesdienstes erscheint uns, daß die Religion im Hause von uns in ganz anderer und viel großzügiger Weise gelehrt und gelebt wird. Wer einmal in einem liberalen englischen Hause eine häusliche Attdacht mitgemachjt hat, sei es am Wochentage, sei es am Sabbat, der wird erst erkennen, was uns noch fehlt. Wir haben weder eine Bibel für den haus-» lichen Gebrauch, wie es das große Werk Montefiores darstellt, noch haben wir für unsere häuslichen religiösen Feiern eine; dem heutigen Empfinden angemessene Sammlung von Gebeten und Festordnungen. In England sind die Laien vorangegangen und haben eine ganze Reche von kleinen Schriften herausgegeben, die den häuslichen Feiern zugrunde gelegt werden. Wir in Deutschland haben so gut wie nichts, nur die Hagada von Seligmann. Daß sie besteht uno wie sie wirkt, zeigt mir, daß es notwendig ist, etwas ähnliches für den Freitag Abend, für den Sabbatausgang, für die Familienfeste in frohen und trüben Stunden uno endlich für die zahlreichen Feiern im Hause im Anschluß an die Festtage zu schafftn. Endlich uno vor allem fehlt es weiterhin immer noch! an Darstellungen der Ideen des liberalen Judentums überhaupt. Wohl oürsen wer mit Stotz die großen Werke unserer Führer, Schriften wie Baecks „Wesen des Judentums", wte Die „Geschichte des Gottesdienstes", von Elbogen, wie Seltgmanns Gesammeltes Schrifttum im wahrsten Sinne als Bücher zur Vertiefung der liberalen Idee ansprechen. Es ist doch aber zweifellos, daß sie nur von wenigen gelesen werden, die die dazu notwendige philosophische und geschichtliche Bildung haben. Was uns fehlt sind Bücher von 12 Bogen Umfang, die immer wieder von verschiedenen Gesichtspunktenaus die Ideen unseres Judentums des liberalen Judentums, in die Massen bringen. Das ist die Arbeit der Rabbiner, der Lehrer, die hierdurch wahrhaft ihre Führerstellung beweisen können. Nur diese fortwährende Bearbeitung der öffentlichen jüdischen Meinung wird imstande sein, im eigenen und gegnerischen Lager Verständnis für die wahre Bedeutung des liberalen Judentums erstehen zu laffen. Aufgabe der großen Weltk'onserenz des liberalen Judentums ist es, dem liberalen Judentum auch dort Heimstätten zu schassen, wo es infolge mangelnder Aufklärung und mangelnden Verständnisses solche noch nicht sein eigen nennt. Aber auch' wir deutschen Juden haben in Deutschland selbst die gleichen Aufgaben. Besonders lernen müssen wir von unseren englischen und amerikanischen Brüdern, daß es verabsäumt worden ist, in die jüdischen Massen einzudringen, — und zwar betone ich ganz ausdrücklich die Wichtigkeit dieser Frage, — auch in die ostjüdischen Massen. Man jammert immer über die Haltung der Ostjuden in den Gemeindestuben, welche mit den gegnerischen Parteien zusammen gehen. Erstens ist das nicht im ganzen Umfange wahr, denn es gibt zahlreiche Ostjnden, die schon heute im Grunde ihres Herzens religiös liberal sind. Biel mehr wäre aber heute schon zu erreichen gewesen, wenn man die Hingabe unserer englischen Freunde an die Ostjuden im bescheidenen Maße nachgeahmt hätte. Tiefe haben durchihre auf liberaler Grundlage aufgebaute Erzieht!ngs- und Werbearbeit Tausende und Abertausende der Orthodoxie Entftemdete dem Judentum erhalten, indem si^ sie für den Liberalismus gewannen. Hier liegt eine unserer wichtigsten Ausgaben. Sie wird aber erst triMich zu leisten sein, wenn sich Menschen finden, die sich der Aufgabe unterziehen, im Kreise dieser unserer ostjüdischen Brüder durch ihr Leben zu beweisen, daß auchwir aufbauen und nicht abbauen wollen und daß es uns ernst ist mit der Forderung der Gemeinbürgschaft aller Juden und, wenn endlich unsere Organisation nicht nur hier und da in Versammlungen Leben lebt, sondern dauernd Bedeutung gewinnt durch eindringliche Verbreitung religiös liberaler Ideen und Forderungen. Ich habe im Vorstehenden nur «inen ganz kleinen Ausschnitt aus dem Arbeitsprogramm unserer Bereinigung gegeben. Erkannt fft die Notwendigkeit schon lange, wenigstens von den führenden Männern ünd Frauen. Die Kraft einer Bewegung zeigt sich! aber nicht allein in der Richtigkeit und Wahrheit ihrer Ideen, sondern auch in der Kraft Derselben, Opfer zu erreichen. Es nützt nichts, sich darüber hinweg zu täuschen, daß nur ein geringer Teil unserer Freunde diese Kraft der Opferwilligkeit hat. Es rft dir Forderung des liberalen Judentums an die Frankfurter Hauptversammlung am 23. Oktober, nicht nur zu erkennen,