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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-14 · 41 (14.10.1927) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
41 (14.10.1927)
Date
1927-10-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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„Ich werde meiner Schwadron nicht ertauben, wehrlose Menschen hinzuschlachten." Semvssonko ruckte die Achseln: ,Ich habe Sie mit Ihrer Schwadron bestimmt, nm das Bahrchossquartier zu bewachen. Begeben Sie sich auf Ihren Posten. Weder Ihre Leute noch Sie werden sich da sortzurühren haben." Das alles wußte man in der Stadt an diesem heiteren Sabbatmorgen nicht, als man eilte, um den Schlittschuh!- läufern zuzusehen, die ihre Schnörkel auf der gefrorenen! Fläche des Bug zeichneten. Nach der Rückkehr von der Synagoge hatte man zur Micken Mahlzeit das Haus betreten. In den Nischen der Wände flammten noch die Holzscheite. Es ist durch die Thora verboten, am Sabbattage Feuer anzuzünden, aber kein Gesetz verpflichtete, dasjenige auszulöschen, das seit dem Abend vorher brannte. Es genügte, den Kamin mit, Holzscheiten in hinreichender Menge auszustatten, um gleichzeitig mit den geheiligten Schriften und der Hygiene der kalten' Länder im Einvang zu sein. Nach der Mahlzeü und nach den Gebeten hatten sich die Frömmsten niedergelegt. Um S42 näherte srch im militärischen Schritt, in Viererreihen, die Brigade, mit Musik an der Spitze, der Alexanderstraße. Die Spaziergänger standen Spalier, um das Schaustück mit anzuschen und dem Konzert zu lauschen. Junge Leute marschierten im Schritt der Kosaken, trällerten den gespielten Marsch. Die Kinder kopierten die Trompeter, indem sie in ihre Fäuste bliesen. Tie Sanitätsschlitten folgten, gezogen von Maultieren. Als die Musik am Ende der Alexanderstraße angelangt war, ertönte ein Befehl uttb wurde durch die Hauptleute von Kompagnie zu Kompagnie weitergegeben: „Halt!" Alsbald in vollendeter Ordnung wurden Gruppen von fünf Mann gebildet. Der höchste oder der älteste Soldat übernahm das Kommando des kleinen Trupps. Alle diese Patrouillen teilten sich die Nebenstraßen auf und bewegten sich schweigend gegen das „Ganftvrertel", die jüdische Stadt. Das sind ärmliche niedrige Häuser von einem Stockwerk, die sich anemanderlehnen, um sich besser aufrecht zu erhalten ober weniger zu stieren. So drängen sie sich in den kleinen namenlosen Gäßchen parallel oder quer zur Straße Sobornaja. Tie Türen haben einen Klopfer oder eine Schelle.' Der Führer der Patrouille klopft mit dem Griff des Revolvers. Frau Schenkmann ruft: „Moischl, gch öffnen!" Man ahnt einen Wortwechsel: „Nein, nicht er, ich gehe!" . Man. hat sie schon gehört, diese Gewehrstöße draußen an der Tür, man hat Soldaten mit Maschinengewehren marschieren scheu; mit aufgelösten Haaren rennen Frauen und schreien: „Pogrom, Pogrom!" Frau. Schenkmann verhandelt hinter der Tür. „Wir können nicht öffnen, mein Mann liegt zu Bett." „Oeffnet auf Befehl von Semossenko, Hetmann der Armee Pelljura." Die Riegel werden gezogen, langsam dreht sich der Schlüsse. Hier ist die große Stube. Zwei Holzbelten mit Mtem Plumeaus, ein Tisch, kein Teppich auf dem gestampften Lehmboden. Drei Männer sind eingetreten, zwei bewachest die Tür, alle haben sie in der Hand ihren gezogenen Säbel. Sie bedienen sich seiner wie eines Spazierstockes. In dem hinteren Bett breitet sich der große schwarze Barr des Herrn Schenkmann über den Umschlag des Betttuches aus. „Meine Herren Kosaken, wir sind Freunde. Wir haben keine anderen Feinde als die Bolschewiken. Heil dem Hetmann Semossenko, wir wünschen ihm wie euch eine gute Gesundheit." * Und der Führer der Patrouille verhört: „Wieviel seid ihr hier?" Herr und Frau Schenkmann zögern: „Die Kinder sind ausgegangen; wir sind allein ... Ach... Herr,... ach ... nein, nein!" Ein Schrei des Entsetzens. Der Säbel des Führers, mit beiden Händen geschwungen, ist niedergesaust auf das Gesicht des Juden, einmal, zweimal: der Schädel klafft; der Bart ist rot. Die Frau, zu Boden gesunken, küßt die Stiefel der Kosaken. Sie entledigen sich ihrer durch Fußtritte, drängen sie in einen Winkel, bohren einen Säbel in ihr Fleisch. Ta kriechen der kleine Moses und seine Schwester unter dem Bett hervor und stürzen sich auf chre Mutter: „Mama, Mama!" Ter Führer befiehlt seinen Leuten: „Beeilt euch!" Noch drei, vier, fünf Säbelhiebe auf die knieenden Bälger. „Fertig!" Das Haus Schenkmann ist gesäubert. Jetzt, mein Leser, verlange ich von dir ein wenig Mut, um dene Sabbat von Proskurow beizuwohnen; ich bitte dich um Verzechung für deine Nerven, für deine Ruhe, für unsere Menschenwürde. Hier unter meinen Augen habe ich Unterzeichnete offizielle Schriftstücke, die Berichte der Untersuchungskommission, die Erklärungen der Augenzeugen, die Befehle, die Anschläge, die Tokumente der Armee und des Staates, die fürchterlichen Photographien. Man muß Kraft haben, um einige Seiten dieser Akten durchzusehen. Nicht alle! Nicht die 1500 Toten und die Huberte von Verwundeten dieses Februar-Nachmittags von 2—5 Uhr in einer Keinen Stadt Podoliens! Bei Bleck.nann haben die Haidamaken die ganze Familie getötet, Vater, Mutter, die drei Kinder. „Nichts mehr da!" Sie wollen sich zurüchichen. Aber die Männer, die die Ausgänge der Straße bewachen, führen ein junges Mädchen herbei, bleich, mit gesträubten Haaren. Sie haben sie ausgegriffen, in dem Angenbliick, wo sie durch das Fenster eines Nachbarzimmers sprang. Um Gnade zu erbitten, küßt sie die Harcke der Soldaten. „Wart', dn hast Glück, wir werden dich hier lassen, um das Haus zu hüten." „Tötet mich nicht!" ,Hch sage dir, daß man dich am Leben läßt, aber man wird dich peitschen urck du sollst mit deiner Straft davonkommen." „Hebe dein Kleid hoch!" Dre Männer schlagen zuerst mit der Nagaika. Das Kind beißt die Zähne zusammen, unterdrückt seine Seufzer. Der Führer wirst die Nagaika weg, ergreift einen Säbel und schneidet in das Fleisch. Das in allen Straßen, in allen Häusern! Bei- Averbruch 15 Tote, 4 Verwundete; bei Semmelmann 21 Leichen. Ter alte Krotschak wird an seinem Bart zum Küchenfenster geschleift und von dem ersten Stockwerk auf die Straße geworfen, wo er von den Spitzen der Säbel aufgefangen wird. Seine Frau und seine beiden Töchter werden an den Haaren geschleift. Ein Junge von 13 Jahren, sein Sohn, will ihnen zu Hilfe kommen; man wirft ihn auf seine Mutter. Alle beide, durchbohrt von einer einzigen Klinge, werden ans dm Fußboden genagelt. Frau Zozulja wohnt der Marter und dem Tod ihrer Tochter bei. Dann kommt ihr Sohn heran; sie läuft zur Schublade des Schrankes, zieht Banknoten heraus und Goldstücke: „Macht mch bezahlt, macht euch bezahlt." Tie Soldaten weisen das Lösegeld zurück. „Wir wollm nur euer Leben!" Sie erledigen den Sohn und die Mutter. Ueberall halten die Henker ihren Eid. Das Geld, die Wertsachen werden respektiert. Man entwendet nichts.... nur das Leben. Säuglinge werden ihrer Mutter entrissen; man läßt chren Schädel am Kamin zerkrachen, aber man rührt die Türkiftnkette an ihrem Halse nicht an. In den Häusern sparm die Soldaten mit dem Pulver; sie töten mit dem Stahl; aber auf der Straße hört man Nhüsse. Es sind Männer, Frauen, Kinder, die durch irgendein Fenster entweichen konnten. Sie rennen, die Verwundeten schleppen sich oder Hüpfen auf einem Bein. Ueberall schlagen die Gewehre ans sie ein, an allen Ecken der Straße erscheint der Laus einer Waffe. Diejenigen, die einmal, zweimal dem schlechten Schützen entweichen, werden von der dritten Kugel getroffen; sie drehen sich um sich selbst, werfen ihre Arme auf den Leib oder an den Kops, stürzen auf den Schnee. In. einigen Straßen handhaben die Soldaten Maschinengewehre; eine Sanitätskompagnie begleitet sie. Der Militärarzt Skornik und seine Krankenpfleger wohnen dem Massaker bei; sie sparen ihre Verbände und chre Pflege für die Mörder, wenn einer von ihnen eine Wunde empfängt in Ausführung der Befehle des Hetmann. Skornik hat in seiner Tasche eine Pravaspritze. Er zerbricht eine Morphinmampulle zwischen seinen Zähnen, streift seineil linkm Aermel hoch und injiziert sich etwas von dem Mittel, nm seine kranken Nerven zu stärken. Das Judenviertel war umzingelt. Die Bewohner der anderen Viertel glaubten an Haussuchungen und ahnten nichts von dem Pogrom. Viele von ihnen setzten ihre Promenade fort; auf dem Bug gab es noch Schlittschuhläufer, hinter den Doppelfenstern der reichen Häuser hörte man Phonographen. Der Kommissar Taranowitsch, der um 3 Uhr benachrichtigt worden war, hatte sich zu Semossenko führen lassen und ihn angefleht, seine Leute anzuhalten. Semossenko sah auf seine Uhr und entschuldigte sich: „Die Kosaken sangen kaum an. Später werde ich sehen." Taranowitsch stürzte dann zum Telegraphen und richtete auf direktem Draht eine Eildepesche an das Regierungsbüro von Kamenets, dem Proskurow unterstellt war. Ein Beamter antwortete ihm „Telegraphieren sie an Schapowal, den Frontkommandanten." Eine neue Depesche wurde abgelassen; um 414 Uhr kam die Antwort zurück: „Befehl an den Hetmann Semossenko, unverzüglich die Repressalie zu beenden. gez. Schapowal." Taranowitsch sprang in seinen Schlitten und brachte persönlich das Schriftstück zu Semossenko. Der junge Mann empfing ihn in einer Wolke von Zigarettenrauch. Er nahm das Papier aus den Händen des Kommissars, schüttelte ein wenig Asche mit einem Finger von seiner Zigarette und fügte sich: „Schön, es ist genug für heute." Dann telephonierte er an den Posten. Um 5 Uhr gaben die Trompeteu das Signal zum Feuerstopfen. Die disziplinierten Kosaken verließen die jüdischen Häuser, kehrten zu ihrer Brigade zurück, jeder nahm seinen Platz ein. Um 5.30 Uhr, Musik an der Spitze, militärischen Schrittes kehrten die Truppen zu ihren Quartieren in die Kasernen und zum Bahnhof zurück. Der Sabbat von Proskurow hatte drei Stunden gedauert und mehr als 2000 Opfer verlangt. An allen Freitagen lassen die Juden den Umschalter für die elektrische Beleuchtung des Hauses offen. Da sie nicht die Erlaubnis haben, Licht anzuzünden, verzichten sie darauf, es auszulöschen. Die Stadt schneidet den Strom am Morgen ab und schaltet ihn in der Abenddämmerung wieder ein. So entzündet sich das Licht zu geeigneter Stunde in den Häusern, ohne daß man die religiösen Regeln zu überschreiten braucht. In dieser Sabbatnacht löschten diejenigen, die von dem Massaker verschont geblieben waren, die Lampen aus und weinten in der Dunkelheit. Aber in all den Wohnungen, die nur von Leichen bewohnt waren, brannten die elektrischen Lampen im hellen Schein. Der Mob von Proskurow begab sich zu den erleuchteten Fenstern, um die Häuser zu plündern. Proskurow ist nur eine Episode. In der Ukraine wurden von 1917 bis 1920 mehr als 100000 Juden gemordet und zu Tode gequält. Die Periode von Petljura bleibt die fürchterlichste. Während der Haupthetmann, vertrieben aus Kiew, sich von Süden nach Norden durchschlug, rächten sich die Banden an friedlichen Menschen für ihre militärische Niederlage. Teplik, Kitai-Gorod, Ovrutch, Felchtine, Vassilkovo, Stepanstsy, Gaissine sind Namen von kleinen Städten und großen Verbrechen. In Chargorod, in Kopai-Gorod veranstalteten die Soldaten Schauspiele. Sie versammeln eine ganze Familie um den Vater. Vor aller Augen schneiden sie die Zunge des Greises heraus, stechen ihm die Augen aus, dann vergnügen sie sich im Anblick der schluchzenden Großmutter, der Söhne, der Töchter, der Enkel. In Pestchanka zwingt man die Mutter, den Kosaken ihren Säugling hinzuhalten. Ein Säbelhieb ... der Kops des Babys rollt in den Schnee, die Mutter drückt gegen ihre Brust den blutenden Rumpf ihres Kindes. Ein anderes Spiel: jedermann nackt!" Greise, Frauen, Kinder entlleiden sich. „Tanzt!" Die Unglücklichen tanzen. „Weiter, dreht euch schneller! Bravo!" Um dem Frost zu entgehen und die Gnade ihrer Henker zu gewinnen, drehen sie sich, drehen sie sich. „Feuer!" Eine Salve schlägt sie zu Boden. Diejenigen, die nicht getroffen sind, fahren fort, auf den Toten zu tanzen, bis eine Kugel sie ihres Lebens beraubt. In Bratslaw hat man eine andere Sache erfunden. Die nackten Juden werden an den Händen an die Decke der Wachtstube gehängt und man spielt, wer die schönsten Scheiben Fleisch heruntersäbeln kann. Zur Vollendung des Scherzes läßt man dies Fleisch im Kamin rösten und bietet es den Verstümmelten an. Die Mütter flehen: „Tötet mich, schont meinen Sohn!" Die Soldaten antworten: „Man muß die Jiden mit ihrer ganzen Nachkommenschaft hinschlachten." In Kitai-Gorod bindet ein Kosak Frau Melamedmanu mit den Haaren, an den Schwanz seines Pferdes und gibt ihr ihren Sohn, den sie in ihre Arme schließt. „Halt ihn fest!" Dann peitscht er sein Pferd. In Kamenets-Podolk machen Kosaken kleine Schnitte in die Haut ihrer Opfer und stecken ihre brennenden Zigaretten hinein. In Bar soll ein Jude hingerichtet werden. Man reißt ihm seine rote Krawatte ab. »Friß sie!" Er gehorcht und man amüsiert sich dermaßen, daß man noch einmal anfangen will. Er ist vor seinen Henkern nur noch mit einem ehrwürdigen weißen Bart bekleidet. Man rasiert ihn ab. „Und jetzt friß deinen Bart!" Der junge Spektor wird vor den Augen seines Vaters getötet und man befiehlt dem Vater: „Da du deinen Sohn so liebst, lecke sein Blut." Die Frauen, die jungen Mädchen, die kleinen Mädelchen findet man schön in ihren Tränen und in ihrem Entsetzen. Es wird ihnen nicht gewährt, die einfache Marter oder den einfachen Tod zu erleiden. * Die Mutter, die ihre Tochter dem geilen Henker entreißen will, wird getötet.... Es gibt Schandtaten, die man nicht niederschreiben Wn. Man errötet vor Scham, ein menschliches Antlitz zu haben, wenn man daran denkt, daß die Leute Petljuras ein Gesicht hatten und einen Körper wie wir und aufrecht gingen wie wir. Ich habe Ereignisse zitiert auf gut Glück. Man muß sie wiederholen, jedes hundertmal und sie mit tausend multiplizieren, um sie zu begreifen. Ich habe nichts gesagt, was nicht in unbestreitbaren Berichten verzeichnet ist und nicht zum Gegenstand übereinstimmender Zeugenaussagen gemacht worden ist. Wer mir nicht glauben will, möge die offiziellen Dokumente Nachlesen. Man lese sie, wenn man kann, bis zu Ende. Ich habe hier nur den Sabbat von Proskurow erzählen wollen. Er fand statt unter vielen ähnlichen! Vor noch nicht acht Jahren, bei uns, in Europa! Wir kannten ihn nicht besser als die anderen. Seitdem lebte Petljura in Paris. Er nahm seine Mahlzeiten in einem kleinen Restaurant des Boulevard Saint Michel ein. Am 26. Mai 1926 sprach ihn ein junger Mann aus der Straße an: „Herr Petljura?" „Jawohl, ich selbst!" Der junge Mann schoß seinen Revolver ab. Er hieß Samuel Schwarzbard. Es war ein Jude. Für die Uebersetzung: W. L. Simchath-Thora-Abend Bon Lehrer Max Schwarz, Charlottenburg. Was ein so oft ausgesprochener, aber niemals während des Jahres erfüllter Wunsch ist, daß sich die jüdische Jugend in größeren Scharen im Gotteshause einfinde, und daß die Erwachsenen mehr um der Kinder als um ihrer selbst willen ins Gotteshaus kommen: das verwirklicht sich nur am letzten Abend des Synagogenjahres, dem Simchath-Thora-Abend. Es ist eine Herz erhebende Freude, zu beobachten, wie in allen Synagogen, auch den liberalsten im Berliner Westen, große Elternmassen, begleitet von ihren Kleinen und Kleinsten im.noch nicht schulpflichtigen Alter, dem Gotteshause zuströmen, nicht wie sonst in feierlich gemessener Haltung, sondern in freudiger Stimmung und Erregung. Die Alten, sie wollen auf ihre Kinder jene Simchath-Thora-Freude übertragen, die sie selbst einst in ihrer Jugend Tagen im Gotteshause des.Heimatstädtchens empfanden, ein Freudegesühl, das freilich oft angeregt wurde durch Formen, die wir heute in einem liberalen Gotteshause nicht mehr zu üben vermögen, das aber doch bis heute in ihnen nachllingt und zu den beglückendsten Erinnerungen ihrer Kindheit gehört. Und das liberale Gotteshaus von heute, das Berliner liberale Gotteshaus? Vermag es jene Simchath-Thora-Freude in die Herzen der Jugend zu senken, in die Herzen, die doch durch Belehrungen und Hinweise von seiten der Eltern weit, weit geöffnet und für die Eindrücke des Abends empfänglich gemacht worden sind? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Durch Ordnung und Exaktheit im Gotteshause, durch künstlerischen Vortrag seitens des Kantors und des Chores allein erweckt man keine religiöse Freude und lebhaft interessierte Anteilnahme der Jugend. Es ist eine Forderung der Pädagogik, die sich in der Neuzeit zur vollen Geltung durchgerungen hat, daß der Lehrer bei seinem Unterrichte sich nicht so sehr leiten lasse von einem bis ins einzelne vorher ausgearbeiteten Unterrichtsstoffplane, sondern daß er mehr der Stimmung des Augenblicks, der Forderung der Stunde, der momentanen seelischen Einstellung der Kinder folge, auch unter Außerachtlassung des vorgeschriebenen Unterrichtsstoffes. Und das libe-

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