Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 41 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchKberakZeÄU Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. ftqpfppfei» durch die Veschästsfleve ^jährlich M. 2L0 GtuzeMmmuer 0,20. Bei freier Zusendung i. Zvland 0^25?*c di« MUglieder t er Vereinigung ist der Bezugopreie tm MUgliedsbeitrage enthalten. :: s s »rretttt»orf L Redakteur Bruno Woyda Oie „Jüdisch-Nverale Zeitung" erscheint jeden ffreitag. Redaktion u. CefcbäftsfteUe: Berlin SW, WUfcelmftr« 147. Scrnrttf: Vafenhvide 3358, 3359 poftfd)«<kfeonto: Berlin n\»7 nr.lS7069 (Vereinigung für da» liberale Judentum Nacb&ruck fflmllidjer Orlglnal-BeitrAge nur mit vorheriger Genehmigung der ReDafetlon gestattet. Auzeiganpreise: Die 12gespaltene Nonpareillczeite V^S Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei u s n Wiederholungen Rabatt. u :: :: Anreigenauua hme: »Jüdisch-liberaleZeitung* Snseratenableilung: Berlin SW 48. lvilhelmstrahe 147 lHasenheide: 3358—50). sowie samtl. Amioneen-Lxped. Rr. 41 Berlin. 14. Ottober 1927 7. Jahrgang Ae Wenpogrome in der Hftaine Am 18. Oktober beginnt in Paris im Palais de Jnstice vor einem Geschworenengericht der Prozeß gegen Samuel Schwarzbard, der am 25. Mai 1926 auf dem Boulevard St. Michel den Hetmann Petljnra erschoß. Petljura ist der Vorsitzende des Direktoriums, der obersten Regierung der Ukraine, und Führer der ukrainischen Armee gewesen. Seine Armee und sein Stab haben in den.Jahren 1919-26 an den scheußlichen Pogromen in der Ukraine Anteil genommen, denen mehrere Zehntausende Juden zum Opfer fielen. In mehr als 560 Städten und Dörfern wurdeln Pogrome veranstaltet. Alle Interventionen, dem ein Ende zu machen, ließ Petljura unbeachtet. Samuel Schwarzbard hialt sich währeird des Gemetzels .der blindwütigen Soldateska besuchsweise in der Ukraine auf. Mchrere seiner Verwandten wurden in den Pogromen niedergemeüelt. Nach dem Sieg der Bolschewisten floh Petljura nach Polen, von dort nach Paris. Als Samuel Schwarzbard von seiner Ankunft erfuhr, stellte er ihm nach und erschoß chn. Tann ergab er sich widerstandslos der Polizei. Kein Jude kann die Tat Schwarzbards billigen. Denn nicht durch Gewalt wird der Vernunft und dem Recht zum Sieg vecholsen. Wir Juden können, wollen und dürfen nicht mit Totschlag oder Mord argumentieren. Nie wird die Mensche heit durch eine Kugel genesen. Diese Berurtellung der Tat Schwarzbards gibt uns aber such das Recht zu fordern, daßder bevorstehende Prozeß zueinem eindringlichen Appell andas Gewissen der Menschheit wird. Eine beträchtliche Anzahl Zeugen aus allen Weltteilen wird von dem geschehenen Verbrechen berichten. Die Verteidigung wird bemüht sein, das Bild der Pogrome vor der Oeffentlichkeit aufzurollen und die Wahrheit an den Tag zu bringen. Das „Komitee des delegations juives“ hat in einer Schrift „l_es pox^romes en Ukraine sous les Gouvernements ukrnniiens" eine Fülle entsetzlicher Dokumente aus jener Schreckenszeit zusammengestält. Die „Französische Liga für Menschenrechte" widmet den größten Teil der Septembernummer chrer „Cahiers" Schilderungen, Aufrufen und Dokumenten über die fürchterlicher Judenpogrome von 1919. Aus ihr geben wir nachstehend den Einführungsaufsatz von Louis Roubaud wieder, in der Uebersetznng. wie ihn die Zeitschrift „Die Menschjenrechte, Organ der Deutschen Liga für Menschenrechte" veröffentlicht. Das Berteidigungskomitee von Schwarzbard, an der Spitze der bekannte fianzösische Rechtsanwalt Henri Thorres, werden aus Grund der Dokumente und Zeugenaussagen den Verlauf der Pogrome, die einen der gräßlichsten Schandflecke des 20. Jahrhunderts darstellen, zu rekonstruieren versuchen. Wir hoffen, daß die Aufdeckung der scheußlichen Untaten eine WiÄxrholung von Pogromen unmöglich machen wird. Der Sabbat von Proskurow Von M. Louis Roubaud. In diesem Jahre wird ein Mann in Paris abgeurteilt werden, ein Mörder. Er hat nicht um Geldgewinn getötet, nicht um eine persönliche Beleidigung zu rächen. Sein Haß wurzelt nicht in seinem Ich. Er hat nicht in seiner Person Leid erfahren, sondern in seiner Rasse: es ist ein Jude. Sein Opfer hatte Judenmassaker verschuldet. „Sie sagen in Paris... in diesem Jahr?" Das ist weder der Ort noch die Zeit solcher Leidenschaften. Ein Franzose von 1927 begreift nicht mehr die Rassenkriege, noch die Religionskriege. Auf meinem Tische liegen Berichte, offizielle Dokumente, Protokolle, Photographien. Sie sind von gestern und kommen nicht weit her: acht Jahre — nicht einmal ein Kinderlebensaller — und 36 Stunden Eisenbahnfahrt trennen uns von den Ereignissen, die diese Zeugen berichten. Unternehmen wir die Reise. Es ist im Februar 1919. Frankreich errichtet Mausoleen und baut seine Fabriken wieder auf. Man reißt aus den Feldern die Stacheldrahtverhaue, der Pflug hat schon die Granatäcker durchfurcht, die Stadt hat ihre Geschäfte und ihre Vergnügungen wieder ausgenommen. Auf dem Pariser Nordbahnhof muß man in einen Waggon steigen, nach Berlin—Warschau fahren, schlafen, einige Male umsteigen und kurz nach der polnischen Zollftation ^an der ukrainifchen Grenze) haltmcrchen, an dem ersten wichtigen Bahnhof Podoliens, in Proskurow. Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum am 22. und 23. Ottober in Frankfurt a. IN. (Näheres in der Beilage.) Ihr habt noch nicht Zeit gehabt, den Boulevard de Strasbourg zu vergessen; ihr habt in eurer Handtasche noch ein Brötchen oder ein vertrocknetes .Hörnchen aus dem Cafe Terminus. Und ihr findet eine kleine Stadt, weiß, nicht etwa von Stein und Kalk, sondern von Schnee, Holzhäuser mit Hermelinkapuzen, große Straßen, wo man sich vor den Schaufenstern trifft zur Stunde des Stadtbummels, eine stolze Kathedrale, die ärmliche Gäßchen, gebildet von Hütten, beherrscht. Die Geschäfte find geschlossen, die Fußgänger, eng gehüllt in ihren Pelz, bedeckt mit feierlichen Pelzmützen, eilen familienweise zu den Ufern des Bug. Die Kinder tragen unter dem Arm Schlittschuhe in einem Wachstuchbeutel. Der spiegelglatte Fluß ist eine schöne Schlittschuhbahn. Die Virtuosen schreiben ihren Namen auf das Eis, zeichnen Schnörkel, springen über Stühle. Es ist Sonntag. Nein, der 15. Februar ist ein Sonnabend; aber es gibt zwei Tage des Herrn in Proskurow, den der Christen und den der Juden; den Sonntag und den Sabbat. 25 000 Getreue der Kirche, fast ebensoviel der Synagoge. Jeder hat nur einen Gebettag. Aber alle gönnen sich zwei Ruhetage. Der Sabbat ist für die Christen ein Sonntag ohne Popen und der Sonntag für die Juden ein Sabbat ohne Rabbiner. An diesem Morgen um 10 Uhr kann man noch nichts ahnen von dem, was geschehen wird. Gewiß, die Ukraine ist in Revolution, aber die Tage tragen das Gesicht des täglichen Lebens. In den großen politischen Stürmen der Geschichte hat der Bäcker soviel Brot gebacken, wie er Mehl und Wasser gehabt hat; der Arbeiter, der weder Soldat noch Handwerker war, hat täglich seine Arbeit getan. Man hatte die Zeitungen gelesen. Das Direktorium hatte seit zwei Wochen Kiew an die Rote Armee abgetreten. Der Hetmann General Petljura kämpfte jetzt in der Provinz gegen seine Feinde. Eine seiner Truppen, die Brigade der Zaporoger Kosaken unter dem Kommando des Hetmann Semossenko, hatte hier Quartier bezogen zusammen mit dem 3. Regiment der Haidamaken. Reiter und Soldaten kamen, um sich von den Strapazen der Front zu erholen. So hatte Proskurow seit 10 Tagen eine verstärkte Garnison. In den Häusern der Alexanderstraße wie in den Hütten des Gänseviertels wußte man nicht viel. Der Krieg zwischen den Völkern, wenn er sich Jahre hinzieht, wird eintönig. Ein Feuer im Kamin des Nachbarn kann ein Ereignis sein, von dem man mehr spricht, als von der Einäscherung einer Stadt. Die friedlichen Einwohner hatten gehört, daß vorgestern eine Meuterei hiesiger Bolschewiken, unterstützt durch zwei ukrainische Regimenter der Garnison von Proskurow, in wenigen Stunden und ohne großen Schaden durch die Truppen Semossenkos, die am Bahnhof in Militärzügen wohnten, unterdrückt worden war. Die Miliz war kampflos geflohen. Die bolschewistische Erhebung, die sie versucht hatte, war so im Keime erstickt. Es war nur ein Zwischenfall. Man feierte heute den Sabbat wie jeden Sonnabend... Die Schlittschuhläufer glitten über den Bug, die frommen Juden im schönen schwarzen Kaftan sangen chr Borkinafki, und die Christen promenierten auf der Alexanderstraße. Man ahnte nicht, was Semossenko beschlossen hatte. Semossenko, der Chef der Kosaken und Soldaten, der Herr der Garnison und der Stadt, war ein großer Bursche von 20 Jahren mit mädchenhaftem Gebaren. Sein grüner Dolman, in der Hüfte gegürtet, seine gepufften Reithosen, in rotgelben Stiefeln steckend, kostümierten ihn wie einen Operettenleutnant. Er hatte zu seinen Offizieren gesagt: „Was haben wir noch zu trinken?" Man hatte in den Waggons der Intendantur 40 Wodkasäßchen und fast 1000 Flaschen französischen Kognaks gefunden. „Ich lade meine Leute heute abend zu Tisch." Man hatte die Tische in den Wacht- und Dienstsälen, in den Schlafftuben, selbst in den Geschäftszimmern der Kasernen aufgestellt. Alle Köche hatten sich an die Arbeit gemacht. Um die Sakuskaschüsseln zuzuöcreiten, hatte man im Gänseviertel alles Geflügel anfgekaust, die Schlächter hatten ganze Ochsen geliefert. Es war ein denkwürdiges Fest. Diese blonden Männer, diese robusten Burschen hatten den Ledergürtel ihres Kittels abgeknöpft und ihre Astrachanmützen auf einen Haufen geworfen. „Du hast Angst zu trinken, kleines Mädchen." Es gab Kosaken von 15 Jahren, aussehend wie Schuljungen, die neben ihren harten Holztellern wie ein Spielzeug die Nagaika hielten, mit der man die Jiden peitscht, ünd den entsicherten Revolver, der schwer sein mußte für Kinderhände. Die Alten unterbrachen ihr Essen und Trinken, um sich ihre starren Schnurrbärte mit etwas Pomade hochzuwichsen. Sie ermunterten die Jungen. „Los Alloscha... auf den Ruhm des Hetmanns, trink diese Tasse aus." Mau hatte den Wodka und den Kognak in Flaschen und Gläsern gemischt. Lange vor der Nachspeise hatten die Sänger alte Kriegslieder angestimmt, grausam und melancholisch, die gleichzeitig Kirchenhymnen und Kneiplieder sind. Auf vier Tischen als f odium tanzten die besten Tänzer, die Arme gekreuzt, in niebeuge, angestuert durch Hunderte von Stimmen und durch Tausende von taktmäßig klatschenden Händen, ohne sich von der Stelle zu bewegen, wie Männer ohne Unterleib, denen mitten am Leibe Stiefel angewachsen waren. Plötzlich erhob sich ein Schrei und unterbrach die Gesänge und Tänze. „Tod' den Jiden!" Man ließ von Tisch zu Tisch hektographierte Abschriften eines Blattes zirkulieren. Es war eine Brigadeorder, die am 6. Februar angeschlagen worden war, die aber viele nicht gelesen hatten. Ueber den Kopf ihrer Männer hinweg wandte sich der militärische Chef an die Zivilbevölkerung. Befehl an die Kosakenbrigade von Zaporojie der Armee der Ukrainischen Republik, unterzeichnet von dem Hanpthetmann Petljura: Proskurow, 6. 2. 1919. Ich verpflichte die Bevölkerung, die regierungsfeindlichen Kundgebungen zu unterlassen, denn ich bin stark genug, sie zu unterdrücken. Besonders lenke ich die Aufmerffamkeit der Jiden hierauf. Denn wißt, daß ihr ein Volk seid, das alle Nationen verabscheuen. Ihr sät Unruhe unter das christliche Volk. Ihr wollt doch leben? Habt ihr kein Mitleid. mit eurer Nation? gez. .Hetmann Semossenko. Für die Richtigkeit der Abschrift: Der Leutnant: Datsenko. Ein neuer Ruf ertönte: „Heil dem Hetmann!" Und jedermann sprang auf. Semossenko war da vor seinen Leuten. Er kam selbst von Saal zu Saal, um den Toast an die Brigade auszubringen. „Kosaken von Zaporojie, ich grüße euch, und wünsche euch eine gute Gesundheit. Ihr seid hier in dieser Stadt angesichts der schlimmsten Feinde der Ukraine und der schlimmsten Feinde der Kosaken: Das sind die Jiden!" „Wir werden sie töten!" „Jawohl, um eure Brigade zu retten und das Vaterland zu retten, müßt ihr sie dem Tode überantworten. Ihr iverdet eure Pflicht tun, ihr werdet meinen Beseht auSsühren, in. der Stunoe, die ich wählen werde. Aber ich fordere von euch! einen Schwur: Ein wahrer Kosak würde sich entehren und die ganze Brigade entehren, wenn er Geld stiehlt oder Gegenstände sich an eignet. Schwört zuerst, daß ihr keine Gnade mit unseren Fein.« den haben und daß ihr ihnen nicht Pardon geben werdet." „Wir schwören es!" „Schwört weiter, daß ihr kein einziges .Haus plündern werdet." In dieser Nacht taten alle Kosaken von Zaporojie vor dem Hetmann Semossenko, ihrem Führer, den feierlichen Schwur, die Juden von Proskuropi zu töten, ohne sie um einen einzigen Rubel zu schädigen. Ta näherte sich ein Leutnant taunielnd dem Hetmann: „Ihre Brigade hat keine Hilfsquelle mehr. Warum nicht das Leben der jüdischen Bevölkerung lassen? Sie können ihr eine Kontribution von 166 000 Rubel auferlegen!" Semossenko fixierte ihn mit seinen blauen Augen: „Wenn du nicht betrunken wärst, würde ich dich jetzt von deinen Leuten erschießen lassen." Ein Hauptmann nahm seinerseits das Wort: