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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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halten die alten Forderungen des Liberalismus nach einer Verdeutschung derjenigen Teile des Gottesdienstes, die schon nach dem Willen ihrer Schöpfer der Landessprache überlassen bleiben sollen, insbesondere der Torah-Borlesung. Individuell im Gefüge des traditionellen Gottesdienstes bleibt endlich die Auswahl der einzelnen Gebetstücke mü Rücksicht auf die Tauer des Gottesdienstes. Hinzusügen will ich übrigens au dieser Stelle, daß mindestens so wichtig dir alten liberalen Forderungen für die äußere Gestaltung des Gottesdienstes bleiben, insbesondere, daß wir es endlich erreichen, daß in unseren liberalen Synagogen Bader und Mutter und Geschwister nebeneinander beten tönnen. Wird das einmal erreicht, so wird der Gottesdienst eine ganz andere Bedeutung im Leben der Familie einnehmen, als es bis jetzt der Fall gewesen ist. Herr Nathanson mag also ganz beruhigt sein; das Einheitsgebetbuch wird die notwendige Einheit, aber auch die wünschenswerte Vielheit bringen. Zur Diskussion über «Brennende Aragen" Eiuheitsgemeinde oder Bekenntnisgemeinde? Die Erledigung dieser Frage scheint wirklich langsam näher zu rücken. Ob zu ihrer entschiedenen und vollständigen Lösung die Tatkraft der Liberalen von heute ausreicht, kann noch nicht ganz sicher beurteilt werden. .Hierzu müßte wie in Berlin und Köln auch in den übrigen Großgemeinden eine reinliche Scheidung zwischen den wirklich Liberalen und den sogenannten „Mittelpart ei lern" stattsinden, welch letztere ja eigentlich nur eine etwas verwässerte Neu-Orthodoxie sind. Man komme uns nicht mit dem Einwand der „schon genügend starken Zerklüftung im Deutschen Judentum und dem Hinweis auf die schöne Einigkeit der Deutschen Katholikent a g e". Die römisch-katholische Kirche ist ja doch nur eine der vielen Richtungen im Christentum, und zwar die durch Dogmen am straffsten gebundene, die unter ihren Anhängern im Grunde genommen nur eine soziologische Verschiedenheit ausweift. Also muß und wird es über kurz oder lang im Liberalismus zu der eben erwähnten Trennung kommen, ohne die er nie zu wirklicher Betätigung gelangen kann. Es ist nur die Frage, ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt da ist, und das kann das Aufrollen der obigen Frage erweisen. Wird z. B. für die Richtung der „Liberalen Synagoge Berlin-Norden" (oder einen ihr ähnlichen Gottesdienst) in Berlin, der weitaus größten deutschen Großgemeinde, in einer der vorhandenen Synagogen im Westen der Reichs- Hauptstadt Platz geschasst, kann man sich schiedlich und friedlich mit den 3 Gegenparteien auseinandersetzen, ohne zu dem allerdings scharfen Mittel eines Massenaustritts aus der Gesamtgemeinde zu greifen, dann darf man auch daran denken, bei anderen Gemeindeeinrichtungen eine gesunde Scheidung zu treffen. Es gibt (soweit mir bekannt) 2 jüdische Krankenhäuser in Berlin und mehrere Altersheime. Bon diesen könnte wohl eines für die Patienten bezw. Insassen reserviert werden, die oiuf streng« rituelle Verpflegung keinen Wert legen und vom Begriff der Sabbathruhe usw. eine neuzeitliche Auffassung haben. Aehnliche liegen die Dinge hier in Breslau wenigstens bezüglich des Gottesdienstes. Tie Besucher der „Reuen", also der Orgel-Synagoge, setzen sich vielfach aus den Platzinhabern der orthodoxen Storchgememde zusammen; auch bemerkt man schon, daß von diesem Tell der Breslauer Juden Platze in der „Renen" genommen werden.. Ter Bau einer dritten großen Synagoge ist aber auch wohl hier nur eine Frage der Zeit. Tann haben die hiesigen Liberalen Gelegenheit, Energie und Tatkraft zur praktischen Verwirklichung ihrer Ziele zu erweisen. All das wird natürlich schwere ihrer Kämpfe kosten, denn (wie Bruno Woyda schon richtig bemerkte) der Liberalismus hat jetzt in allen diesen Fragen nicht nur die Orthodoxen sondern auch die Zionisten als Gegner zu bekämpfen. Ueber die praktische Stellungnahme des liberalen Rabbiners einer liberalen Gemeinde zu den Religionsgesetzen sollte eigentlich wenigstens unter uns kein Streit sein. Als vor ungefähr 6 Jahren R.-A. Heinrich Stern und ich zufällig fast gleichzeitig in der „Jüb.-liber. Zeitung" für die in liberalen Gemeinden angestellten Rabbiner und Kultusbeamten das Recht forderten, ihre Auffassung von der Lehre mit dem Leben in Einklang zu bringen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung im gegnerischen Lager, wie auch jetzt nach der Frankfurter Tagung und selbst Kreise, die sich liberal nennen, wollten uns nicht zustimmen. Sie merkten und fühlten eben nicht, daß sie durch chre Forderung den Rabbiner zum Pfaffen machen. Gerade das wollen wir vermeiden, eine rabbiniftische Sanktionierung unserer Auffassung wünschen wir gar nicht. Wir haben eine solche nicht nötig und sind in keiner Weise für sie empfänglich. Tamil kommen wir zu der 2. der in Nr. 48 der „Jüdisch-lib-eralen Zeitung" behandelten Fragen über Rabbiner-Ausbildung und Rabbiner-Titel. George Goetz hat mit seinen Ausführungen über diesen Punkt die Hand in eine offene Wunde gelegt. Eine Wunde, die durch die Knappheit an geeignetem Nachwuchs entstanden ist. Wir empfinden Achtung auch vor dem jungen Menschen, wenn er aufrichtig und eifrig sein Amt im Kult rusübt und als Religionslehrer und Erzieher der Jugend versteht, diese zu religiösen Gefühlen anzuleiten. Sobald er aber den Ornat ablegt und den Schulmeisterrock ausgezogen, ist er nicht mehr wie jedes andere Gemeindemitglied. Und wenn er ine Redekampf religiös-politischer Art seinen Standpunkt mit schönem jugendlichem Enthusiasmus aber auch mit dem gerade der Jugend anhaftenden „Ego-Zentralismus" vertritt, schließlich noch salbungsvoll mahnend seinen Midrasch zitiert, der im Grunde genommen eigentlich viel mehr gegen seine volitisch-religiöse Auffassung spricht, dann darf er sich nicht wundern, wenn man ihn auf seine Jugendlichkeit etwas deutlich hinweist. Auch die sachlich genaue Wiedergabe von Worten, di« im Widerstreit der religiösen Meinungen fallen, ist für den Träger eines solchen Amtes eine große Hauptsache. Es genügt durchaus nicht, die strenge Wahcheit nur auf her Kanzel zu sagen; gerade ein Rabbiner muß sich im pvlrtischreligiösen Kampfe vor Uebertreibungen und auch vor unbeabsichtigten Entstellungen hüten. Tiefe Ausführungen sind nicht etwa das Ergebnis der Besorgnis, daß so etwas geschehen könnte; sie sind durch tatsächliche Geschehnisse veranlaßt. Was nun „Das liberale Einhütsgebetbuch" betrifft, so hat Leopold Nathanson wohl nicht Unrecht, wenn er eine starre Festlegung auf ein solches ablchnt. Tie Zusammenstellung der Gebete in einem solchen Buche (das wahrscheinlich alle liberalen Richtungen enttäuschen wird) müßte in einer derartig redaktionellen Form und typographischen Einteilung geschehen, daß jede Gemeinde dazu eine Gebetsordnung herausgeben kann, nach der sich di« Liturgie in der betreffenden Synagoge regelt. Tas wäre wohl die denkbar beste Art, diese Frage zu lösen. I. Wolfssohn, Breslau. * Aus den Gemeinden * Berlin. (Konzert der Synagogenchöre.) Am 4. Dezember luden die Bereinigten Synagogenchöre der Jüdischen Gemeinde Berlin unter Leitung von Alexander Weinbaum zu einem Konzert nach der Philharmonie. Die Vereinigten Chöre stellten sich so zum ersten Mal vor eine größere Oefsentlichkeit. Der Eindruck, den man von ihren Leistungen gewann, mar ein über alles Erwarten glänzender. Die zum Vortrag gebrachten Piecen zeugten von der Gestaltungskraft des Dirigenten. Der Aufbau der einzelnen Kompositionen, das Herausarbeiten der Gedanken der Komponisten mußten selbst dem Laien fühlbar werden. Der Chor von einem Wohlklang und einer Sattheit des Tones, wie er in solcher Vollkommenheit selten gehört wird, folgte willig den Jntensionen seines Meisters. Es war eine Spitzenleistung, mit der sich der Chor ohne Ucberhebung an die Seite der besten Berliner Chorvereinigungen stellen kann. Das Programm bot eine geschickte Mischung von liturgischen und deutschen geistlichen Gesängen. Bon den hebräischen Kompositionen war es das Kol nidre, das bald nach den ersten Takten mit seiner geheimnisvoll ergreifenden Stimmung die Zuhörer bannte. Starke Aufmerksamkeit erregte auch die Uraufführung einer Nadel'schen Komposition, die des „Wajchullu" und „Mögen owauß". Einfach, schlicht und feierlich, wo cs sich um die Betätigung der Gemeinde handelt und groß im Ausdruck, wo deren Aufgabe der Chor übernimmt, wird der Komponist den gewaltigen Textworten uolf gerecht. Der enthusiastische Beifall des Publikums galt ihm wre der meisterhaften Interpretation seines Werkes. Die Ausführung der deutschen Kompositionen stand trotz der sonst nicht gewohnten Ausgaben hinter der der hebräischen Gesänge in nichts zurück. Erweckte Georg Schumann's „O, daß ich tväcc, wie in den Tagen" besonderes Interesse, so >var Johannes Brahms' „Wo ist ein so herrlich Volk" ein prachtvoller Ausklang des ersten Teils des Programms. Der Solist des ersten Teiils, Oberkantor G o l - lanin, brachte das interessante „Haschtiwenu" von Joses Wcißmann und das prächtige, fließend geschriebene „Tal" von Birnbaum. Sein tiefes Eindringen in den Sinn der Musik überträgt er sehr bald auf den Zuhörer und ist dadurch seiner Wirkung immer sicher. Sein messa voce ist wie immer von einschmeichelnder Lieblichkeit. Fräulein Hilda Lind sang sich mit ihrer, von tiefem religiösen Gefühl getragenen Altstimme und einem innigen Ausdruck mit dem 137. Psalm von Franz Liszt in die Herzen der Zuhörer. Der Geiger Stefan Frenkel mit den drei anspruchslosen Kompositionen von Ernest Bloch vor keine besonders schwierige Aufgabe gestellt, löste diese mit vielem Geschick. Konnte man doch auch hier die einwandfreie Technik, verbunden mit einem schönen, klaren und warmen Ton, mit größter Befriedigung seststellen. Der Organist Z e p k e war mit seiner sinnvollen Einfühlung in das Ganze Chören und Solisten eine gute Unterstützung. Mit dem Hymnus „Hallelujah" aus „Athalia" von Händel schloß die Veranstaltung, von der man nur wünschen kann, daß sie bald wiederholt werden möchte und daß die Aufrechterhaltung des prächtigen Klangkörpers, die, wenn durch engeren Konnex und besseres Aufeinandereingestelltsein auch die letzten Unebenheiten getilgt sein werben, zu den besten Hoffnungen berechtigt. ch. Berlin. (Vortrag in der Gesellschaft für die Philosophie des Hebraismus.) Das Wunder und die Konstanz der Wirklichkeit. Ueber ein« mögliche Korrektur unseres Realitätsbildes durch den Mythos sprach Dr. Erich U n g e r in der „Gesellschaft für die Philosophie des Hebraismus". Er gelangte zu einer interessanten Definition des Wunders pls Inhalt einer Experimentalreligion, die im Gegensatz zu den 'Glaubensreligionen das Wunder nicht als einer entfernten Vergangenheit angehörig gläubig hinnimmt, sondern es immer erneut in der Gegenwart braucht. Dabei sieht kluger ab von übernatürlichen Vorgängen in der Natur, wie sie die Glaubensreligion dem Wirken eines außerhalb stehenden Gottes zuschveibt, und beschränkt das Wunder auf den Lebensbezirk des Menschen, der getrieben wird, gegen die Tendenz der Natur zu kämpfen. Ein Wunder könne in der Zukunft vielleicht erarbeitet werden durch den Witten des Menschen, genauer einer Vielheit von Menschen, eines Volkes, einer Rasse, deren biologische Energien addiert werden können (wie sich auch körperliche Kräfte oder seelische Bewegungen . Massenpsychologie — addieren lassen) und sich bei wenigen Auserwählten, den Magiern, Priestern, als höchstem Symbol dem Gott, in die organische Steigerung einer bestimmten Lebensfunktion umsetzen. Beispiele aus dem Pentateuch dienten zur Stützung dieser Hypothese, mit deren Hilfe sich die mythischen Religionen der Vergangenheit erklären lassen und die vielleicht einmal, wie Unger meint, unsere Anschauung von der Konstanz der Wirklichkeit wesentlich verändern könne. Bravnschweig. (Reges Leben in der Gemeinde.) Die Gruppe liberaler Richtung teilt in einem zweiten Merkblatt - siehe auch die vorige Nummer unseres Blattes — mit, daß ihr aus Grund ihres 1. Merkblattes mehrere hundert Zustimmungserklärungen zugegangen sind. Der Gemeindevorstand habe die Berechtigung ihrer Forderungen anerkannt und sei bereit, ihnen zur Durchführung zu verhelfen. Uebereinstimmung bestand, daß dieser Durchführung zur Zeit noch Schwierigkeiten entgegenstehen, die sich aus dem jetzt noch geltenden Gesetz von 1842/44 ergeben. Dessen zeitgemäße Abänderung wurde von der Gruppe nachdrücklich gefordert. Gelegenheit hierzu sei durch bas jetzt endlich im Entstehen begriffene neue Gesetz gegeben. Erfordernis sei, in den Vorstand und in das Repräsentantenkolleg solche Männer zu entsenden, die die Gewähr dafür bieten, daß diese Gesetzesänderung im Sinne der Mehrheit der Gemeinde zur Tat werde. Auf diese Weise werde der Jndifferenkismus dem Interesse an den Gemeindeangelegenheiten weichen. Die Einheit der Gemeinde bleibe gewahrt, und Austritte sowie Absplitterungen werden vermieden. Diese großen Gesichtspunkte werden zum ersten Mal bei der bevorstehenden Wahl von ausschlaggebender Bedeutung sein. Die Kandidaten der Gruppe seien auf deren Programm verpflichtet. Die neue Einrichtung der Freitagabendgottesdicnstc mit Predigt und Chorgesang hat bei den Gemeindcmitgliedern einen erfreulichen Widerhall gefunden. Der erste dieser Gottesdienste rvar von Männern, Frauen und Kindern stark besucht. In einem öffentlichen Hinweis bittet der Vorstand der Gemeinde dringend, „dieser zur Hebung des religiösen Lebens unserer Gemeinde geschaffenen Neueinrichtung auch fernerhin die Treue zu beioahren". Der nächste dieser Freitagabendgottesdienste findet am Sabbat-Chanuka statt. Im Jüdischen Jugendbund Braunschrveig regt sich nach längerer Unterbrechung ebenfalls neues Leben. Eine Arbeitsgemeinschaft: „Unser Gottesdienst" unter Leitung von Dr. Wilhelm beginnt am 7. Dezember. Emmerich a. Rh. (Todesfall.) Im Alter von 60 Jahren starb unerwartet der langjährige Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Herr Hug>o Weinberg. Sein freundliches Wesen hat ihm hier viele Freunbc verschafft, und sein frühzeitiger Tod weckte allgemeine Teilnahme. Fürth. (Eröffnungsfeier im Israelitischen Kranken hause.) Der Umbau und die Neueinrichtung des israelitischen Krankenhauses in der Theaterstraße sind beendet. Bei der Eröffnungsfeier gab Kommerzienrat Maier Bechmann, der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Fürth, einen Rückblick aus die Entwicklung des israelitischen Krankenhauses. Dem Vorstandsmitglied Schwab war zu danken, daß die notwendigen Zuschüsse für das israelitische Krankenhaus beschafft werden konnten. Die Krankenzimmer wurden der Neuzeit entsprechncd renoviert, wobei Frau Kommerzienrat Luis« Srdmann eifrig mitwirkte. Die Sanitatsräte Dr. Teitz und Dr. Frank haben mit Rat und Tat zur Seit« gestanden. Stadtrat Karl Kunreuther hatte erfolgreich eine Sammlung durchgeführt, aus deren Ergebnis ein neuzeitlicher Röntgenapparat angeschasft werden konnte. Im israelitischen Krankenhaus sollen auch Kranke and".er Konfessionen bei freier Aerztewahl ausgenommen werden, u:u ihnen die auswärtige Behandlung zu ersparen. DaS Krankenhaus kann somit als ein« weitere soziale Einrichtung unserer Stadt gelten. Bürgermeister Müller überbrachte die Glückwünsche des Stadtrates und seines Oberhauptes. Dr. Offenbacher die Glückwünsche des ärztlichen Bezirksvereins Fürth. — Die Besichtigung ergab, daß die umfangreichen baulichen Aenderungen und die Ausgestaltung der Räume in ganz neuzeitiger praktischer und schöner Weise erfolgte. Die' Krankenzimmer sind nicht nur sehr zweckmäßig, sondern auch sehr gemütlich ausgestaltet. Für Warmwasserbereitung wurde eine eigene Anlage geschaffen. Ueberall, wo zweckmäßig, findet man Wandplattenverkleidung und Linoleumbelag. Die Wöscheausstattung wurde völlig erneuert. Der Operationssaal erhielt wertvolle Ergänzungsstücke,' auch das Bad wurde neu ausgestattet. Es sind im ganzen Räume für 28 Krankenbetten vorhanden. Halbersiadl. (Ein zukünftiger Rechtsprecher.) Bor dem erweiterten Schöffengericht in Halberstadt halte sich der am Halberstädter Landgericht tätige Gcrichtsreferendar Lange wegen Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft zu verantworten. Bei einer Straßenkundgebung der Hitlerpartei in Quedlinburg hat er Bilder einer völkischen Zeitschrift, die die Ueberschrist „Ritualmord" trugen und die Abschlachtung eines Gymnasiasten darstellten, an einem Baum befestigt. Bor Gericht behauptete der Angeklagte, die Juden verschaffen sich Christenblut zu ihren Zwecken, und der Talmud widerspräche der Ethik des Christentums. Auch die Erschießung Petljnras sei eine Ritualhandlung gewesen. Das Gericht erkannte auf 50 Mark Geldstrafe oder drei Tage Gefängnis. In der Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende, daß die sittlichen Vorschriften des Talmud „tatsächlich" mit den sittlichen Gebräuchen in Deutschland nicht zu vereinbaren seien. Als mildernd werde angenommen, daß der Angeklagte nicht die jüdische Religionsgemeinschaft, sondern die jüdische Rasse habe treffen wollen. Kassel. (OefsentlicheVersammlungbesJsraelitis ch e n G e m e i n d e v c r e i n s.) Während seines zehnjährigen Bestehens hat sich der Israelitische Gemeindcvcrein mit Nachdruck für die Demokratisierung der Gemeindeverhältnisse eingesetzt, ohne allerdings, wie dies in der Sonntags-Versammlung vom Vorsitzenden mit Bedauern festgestellt wurde, in der wichtigen Frage der Gemeindeivahlen zum befriedigenden Resultat gelangt zu sein. Um den Gang der Ereignisse zu sörocrn, fand eine össentliche Versammlung im überfüllten Saale des Hole! Meier statt; das Thema des Abends lautete „Wir wollen Wahlen". Zunächst verbreitete sich der Vorsitzende des Gemeinbevercins, Nechi^inwalt A. Lcwinsohn, über die Eigenart der Kasseler Verhältnisse, eie trotz aller Bereitwilligkeit der Gemeinde- Vorstände keine Acnderuug erfahren könnten. Die Forderung der Wahlen sei eine steinerne, absolut notwendige, weil man kein Verständnis dafür habe, daß die Juden Kurhessens in der politischen Situation von 1823 verharre» müßten. Mit scharf«» Worten geißelte der Redner den Mangel der lebendigen Kraft, die keine Selbstverwaltung zulasse, trotzdem die Juden nicht nur ein Bedürfnis, sondern auch ein Anrecht auf die Reform hätten. Der Rückblick über die bisher geführten Verhandlungen betonte die Schwierigkeiten des Zustandekommens eines preußischen Judcugesetzes, das nach der Auffassung Dr. Freunds wohl noch mehrere Jahre aus sich warten lasse. Darum sei eine Acnderung innerhalb der Kasseler Verhältnisse durch Schaffung eines Statuts mit sofortiger Einführung der Wahlen zu den Gemeindeämtern unerläßlich. Nur dadurch sei eine Beseitigung der unhaltbaren, jedem demokratischen Prinzip widersprechenden Zustände zu erwarten. „Heraus aus der Theorie, weg vom Wort und auf zur Tal", so schließt der Redner seine wirkungsvollen Ausführungen. Der ztveite Redner, Direktor Karl Gotthelft, vertritt den Standpunkt, daß der Gcmeindevorstaud lieber weitsichtigere Politik treiben solle, als wartend beiseite zu stehen. Wahlen seien aus jüdischem Interesse und zur Bekämpfung des JndifferentiSmus erforderlich; auch stellten sie den Gemeindewunsch dar, ohne ein Mißtrauen gegen die fetzt an der Gcmeindeleitung beteiligten Männer zu bedeuten. Nicht durch Revolution, sondern auf dem Wege der Evolution hoffe man dem Ziel näher zu kommen, das veraltete, überlebte Gesetz in eine zeitgemäßere Form zu bringen. Sehr eingehend beschäftigte sich noch Rechtsanwalt Dr. Kugelmann mit dem PrMem der Wahlen. Er hebt mehrere Hindernisse (Einspruch verschiedener Verbände) gegen den Entwurf des preußischen Judengesetzes hervor, weist auch aus bevorstehende Neuwahlen im Landesverband und Landtag hin und bedauert, daß die vor einigen Jahren bewirkte Finanzreform nicht auch gleichzeitig die Wahlresorm für Kurhessen gebracht habe. Diese Unterlassungssünde müsse durch eine Novelle zum kurhessischen Jubengesetz bezw. durch ein Statut, das die Abänderung der bisherigen Methoden rechtfertige, endlich gutgcmacht werden. Rechtsanwalt Dr. Goldschmidt hat in seiner Eigenschaft als Gemeindeältester an den Beratungen über Reformen tcilgenommen. Er hält das Zustandekommen des preußischen Judenqesetzes auch in kürzerer Zeit für möglich, erklärt aber auch, zugleich im Namen des Gemeindeältesten-Kollegiums und des Kreisvorstehers, daß eine grundsätzliche Anerkennung der Wahlen auszusprechen sei. Wenn sie bisher nicht erfolgten, so hätte man Gcmeinbeinteressen und nicht eigene Rücksichten dafür in Betracht gezogen. Ander« Redner betonen auch die Notwendigkeit der Wahlen, so Rechtsanwalt Dalberg, der den Nachdruck aus: Wir wollen Wahlen legt. Die Versammlung stimmt einer vom Vorstand des Gemeindevereins vorgeschlagencn Resolution zu, die baldigst Statut und Wahlen Vorsicht. Kassel. (Zusammenschluß der Konservativen Hessens.) In letzter Woche fand hier eine Zusammenkunft von Vertretern der konservativen Richtung innerhalb des hiesigen Bezirks statt. Die Beratungen hatten vorläufig internen Charakter, doch wurde die Absicht bekannt, am Anfang des neuen Jahres eine eigentliche Gründungsversammlung im Rahmen einer öfsentlichen Kundgebung zu veranstalten. Kassel. (S ch u l a n t i s e m i t i s m u s.) Bei einer Abendunterhaltung des hiesigen Friedrichs-Gymnasiums, der auch jüdische Schüler und Eltern beiwohnten, ist es peinlich ausgefallen, daß in einem „Der deutsche Michel" betitelten Stück, das dazu noch von einem Studienrat der Anstalt für diesen Zweck verfaßt wurde, der Bauer, der bcm Juden sein Geld stahl, vor Gericht frei ausgeht, weil er die Richter nnzuschüchtern versteht, während der Bestohlene als der „typische Verbrecher" zu bcm Schaden noch den Spott und die Verunglimpfung hinnehmen muß. Antisemitische Absichten sollen den Veranstaltern solcher aus die Jugend verhetzend wirkender Elaborate fern gelegen haben; man fragt sich aber doch mit Recht, warum gerade immer der Jude der Sündenbock sein muß und die Zeche der Belustigung zum Gaudium völkisch eingestellter Elemente zahlen soll. Auf diese Frage werden Autor und Schulleiter wokst noch die befriedigende Antwort erteilen müssen, da die Oefsentlichkeit sich mit dieser Schulfeier beschäftigt und mit solchen Anschauungen sich nicht zufrieden geben kann. Leipzig. (Reprüsentantenwahlen.) Es wurden Neuwahlen für elf turnusmäßig ausscheidendc Berordnete vorgenommen. Die bisher schon bestehende Majorität der Liberalen Partei hat eine Stärkung erfahren. Bon den 11 Sitzen wurden vier durch die Wahlen der Ausländer satzungsgemäß besetzt, di« anderen 7 Sitze von Inländern. 6 von diesen Sitzen haben die Liberalen erhalten. Die Gemeinbesitzung setzt sich nunmehr in folgender Weise zusammen: 18 Liberale, 6 Orthodoxe, 5 Jüdisch« Bolkspartei, 3 Demokraten, 1 Poale Zionist. Sinsheim. (Persönliches.) Lehrer Rosenberger trat nach 31 jähriger Tätigkeit in hiesiger Gemeinde feiner angegriffenen Gesundheit wegen in den Ruhestand. Dem aus seinen Aemtern Scheidenden wurden von verschiedenen Seiten mancherlei Ehrungen bereitet, die von den Sympathien aller Kreise Zeugnis ablegten. Die israelitische Gemeind« gab zu Ehren ihres Lehrers einen Abschiedsabend. Auch di«. Oberrealschule, an der Lehrer Rosenberger während seiner Amtstätigkeit als Religionslehrer gewirkt hatte, würdigte seine Tätigkeit in einer besonderen Feier. EnÄich hatte der Stadtrat zu Ehren des Scheidenden noch eine Feier veranstaltet, dce von Vertretern der Stadt- und Kirchenbehörden, Schulen und Vereine besucht »var. Alle Vertreter

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