Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 49 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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widmeten, teilweise unter Ueberreichung von AbschiedSgeschenlen, dem Lehrer und Freunde herzliche Worte der Anerkennung und Verehrung. Der evangelische Geistliche sprach den Wunsch aus, daß die drei Konfessionen wie im Kriege in harmonischer Zusammenarbeit dem Wohl der gesamten Bevölkerung dienen mögen. Wierhadea. (Aus dem Geme indele ben.) Die Winterarbeit .hat hier in allen jüdischen Vereinen überaus stark eingesetzt. Die hiesig« Ortsgruppe der Vereinigung für daS liberale Judentum beabsichtigt am Montag, den 12. Dezember, einen Ausspracheabend über das aktuelle Thema: „Liberalismus und Zionismus". Referenten sind Dr. Phil. Georg Goldstein und Rabbiner Dr. Lazarus. Im „Jüdischen Lehrhaus", das im Mittelpunkt des jüdisch-geistigen Lebens unserer Stadt steht, wird im Winterhalbjahr ein Bortragszytlus über „Religionsstister, ihre Persönlichkeit und ihr Einfluß auf die Gegenwart dargeboten. Es sprach bisher in diesem Rahmen an zwei Abenden vor je 500 Leuten im größten Saale der Stadt Herr Rabbiner Dr. Dienemann-Ofsenbach über „Moses" und „Jesus". Im Dezember folgt ein Bortrag von Dr. Ernst Simon-Frankfurt a. M. über „Mohammed". Außerdem hielt Herr Oberkantor Davidsohn-Berlin gemeinsam mit Herrn Oberkantor Nußbaum-Wiesbadcn einen Bortrag: „Die Geschichte der Juden in Dichtung und Lied (mit Gcsangsvorträgen)". Nebenher lausen Arbeitsgemeinschaften für Bibellesen, Hebräisch usf. DK" hiesige „Bercinignug jüdischer Frauen" konnte am 20. November das Fest ihres 10 jährigen Bestehens feiern. Außer einer regen sozialen Tätigkeit — auf ihre Anregung hin entstand die Rituelle Mittelstandsküche und jetzt der jüdische Kinderhort - sucht der Verein, der über 450 Mitglieder zählt, auch durch Vorträge und Kurs« geistig sich sortzubilden. Im Mittelpunkt der akademischen Feier am 20. November stand ein Fcstvorlrag von Frl. H. Karmmski-Beclin. Ein großes WohltätigkcitSfest, an dem sich alle Kreise der Gemeinde beteiligten, fand als Abschluß der Jubiläumsfeicrtichleiten am 26. November statt. Aus der Bewegung $<{({«. (Liberaler Gottesdienst in Wilmersdorf.) Die Liberale Synagoge Berlin veranstaltete am 2. Dezember, abends 7K/4 Uhr, unter freundlicher Unterstützung des Herrn Rabbiner Dr. Salomonski und des Herrn Obcrkantor Wilhelm Fricdmann in der Aula der Cäcilienschule am Nikolsburger Platz einen Freitagabend- Gottesdienst, der etwa 400 Teilnehmer in die Weihestimmung des Sabbatbeginns versetzte. Die große Zahl de: Besucher veranlaßt die obengenannt« Bereinigung, alles zu hm, um diesen Frcitagabend- Spätgottesdienst, den unsere liberalen Freunde und ein weiterer Kreis von Gemei-ndemitglicdern in Wilmersdors-Schöncberg dringend wünschen, zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen. Schon jetzt zeigen zahlreiche Zuschriften, daß ein solcher Freitagabend-Gottcödicnst in jener Stadtgegend als ein Unternehmen betrachtet wird, das geeignet ist, scheinbar religiös« Gleichgültigkeit in lebendige Anteilnahme am jüdisch , religiösen Leben zu verwandeln. Alle Gemeindemilglieder, die hieran Interesse haben, tverdcn gebeten, dies .Herrn D r. Max Goch, Berlin W. 15, Pariser Straße 1, inijzuteilett. Stalin. (Gemeindeabend der R e s 0 r m g e m e i n d e.) Am Dienstag, den 22. November, veranstaltete die Jüdische Mform-- gemcinde Berlin im Logenhaus Emser Straße einen Gemcindeabcnd mit bau. Thema „Das liberale Judentum in seiner religiösen und kulturellen Bedeutung". Herr San.-Rat Dr. Alfred Peyser referierte .. -der „Gewolltes und Erreichtes". Er schilderte kurz die Entwicklung der Reformgemeindc seit ihrem Entstehen und kam zu dem Resultat, daß, wenn auch noch nicht alles erreicht ist, doch die Rcsörmgemeindc bereits «inen erheblichen Schritt vorwärts gekommen ist durch das einträchtige Zusammenarbeiten von Alter und Jugend. Frau Anni .Hcinrichsdorsf beschäftigte sich ausführlicher mit den Fragen Gottesdienst,-Unterricht und Wohltätigkeit. Herr George Goctz wies daraus hin, daß der Liberalismus das Judentum vom Untergange errette. Die : . skesocmbetycgung im engeren Sinne ist ein Teil des Gesamt-Liberalismus. An di« Ausführungen knüpfte sich «ine Debatte, die sich durch, die Höhe ihres Niveaus auszeichnete und an der sich such Vertreter her zahlreich erschienenen Jugend, die Hdrren Ludwig Lewin und Dr. Friedrich Brodnitz, beteiligten. Herr Justizrat Brodnitz erwähnte besonders scharf den deutschen Standpunkt gegenüber den Zionisten. Ein Gast aus dem anderen Lager versuchte für hie Zionisten eine Lanze zu brechen, stand jedoch mit seinen Ausführungen vollkommen vereinzelt da. Die Veranstaltung bot ein erfreuliches , Büd von dem starken Gemeindeleben innerhalb der Reform: Trotz des ungünstigen Wetters und zahlreichen anderen jüdischen Veranstaltungen , zur gleichen Zeit war der Saal überfüllt. Besonders ist' die starke Anteilnahme der Jugend an der religiSsen Entwicklung der Reformgemeinde auf das herzlichste zu begrüßen. Frankfurt a. Mai». (Gen e r a t ver s a mm l u n g de s F r eisinnigen Vereins für jüdisches Gemrindeleben t. B.) Am' Dienstag, 29. November, hielt der Freisinnige Verein, die hiesige Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum, ihre diesjährige Generalversammlung ab. Nach Erledigung der üblichen Formalitäten wie: Erstattung des Geschäfts- und Kassenberichtes, wurde für ein ausscheidendes Vorstandsmitglied Herr Ferdinand Stiesel ge- - -wählt. Desgleichen erfolgte die Zuwahl von 5 Ausschußmitgliedern .als Ersatz für 2 Herren, die ihr Amt im Ausschuß uicdcrgelegt haben. - Hierauf fand ein Vortrag des Herrn Studiendirektor Dr. Otto Driesen statt über das Thema „Was lehrt uns die Frankfurter Tagung der Vereinigung für das liberale Judentum?", an bcn sich eine längere Diskussion anschloß. Eine Wiedergabe der Ausführungen des Herrn Dr. Driesen wird in einer späteren Nummer an dieser Stelle folgen. Liegnitz. (Liberaler Verein der Synagogen--Gemeinde.) Am 18. November gab es auch bei uns wieder eine schöne, gemeinsame Freitag-Abcnd-Feier, die erste des Winter-Halbjahres. In den stimmungsvollen und gut geheizten Logcnräumcn hatten sich etwa 50 Teilnehmer versammelt, ein gut Teil fröhliche Jugend dabei! ■ Und doch herrschte andächtige Ruhe, als Herr Amtsgerichtsrat Dr.! Selten den Kiddusch abhiclt. Hernach gab mau, wix üblich, Wein und V Bacches herum und es fand eine Teetascl bei angeregter Unterhaltung . statt. Herr Dr. Scheper dankte in herzlichen Worten unserem werten Mitglied, Herrn Oskar Krimmer, welcher eine schöne neue Barches- Decke gestiftet hatte und erteilte hierauf Herrn Ludwig Lewin, unserem Berliner Gast, das Wort. Herr Lewin sprach über „Gabriel Rießcr", ' - den Vorkämpfer der Judenemanzipation, welcher 1806 als Sohn . des Lazarus Jacob Riester zu Hamburg das Licht der Kielt erblickte. Air erfuhren unendlich Wertvolles aus dem Leben und den Werken dieses hervorraumden Mannes und danken dem werten Redner herzlich für sei.M so lehrreichen und interessanten Bericht, Hoffentlich können wir Herrn Ludwig Lewin bald wieder einmal bei uns bc- ''grüßen!'— Dem ossiziellen Teil des Abends schloß sich eine recht sorgfältig einstudierte Aufführung des allerliebsten Singspiels: „Der alte Diener" an, welches heiterste Stimmung hervorrief. Frl. Lilli Liebrecht, tvLlche die Vorbereitungen übernommen hatte, sang und spielte mit gutem' Humor die „Gräfin" - - Margot Goldstrom gab ein sesches „Kammerzöschen" und Leo Kaufmann , fiet als Baron und Kammerdiener mit seinem schönen Bariton angenehm aus! Alles in allem — ein fröhlicher Abschluß des außerordentlich gelungenen Abends! Mannheit». (Vereinigung f ü r d a s l ib e r a l e I u d e nt u m.) ' D.i« jüdisch - liberale Bereinigung hatte mit Rücksicht aus die bevorstehenden Gemeindetvahlen die Wähler aus 29. November, d- 2* zu .einer Versammlung eingeladen, in der über die jüdische Gemeindepolitik der letzten Jahre und ihre Aufgaben für die kommende Zeit berichtet werden sollte. Herr Synagogenrat Rechtsanwalt D . Jeiel odn langjähriges Mitglied der Gemeindekötperschasten und vorzüglicher Kenner der Materie, referierte in interessanter Weise. -".FLst-'Äle tinschlLgige« Fragen wurden berührt: Stellung der Liberalen zp dep andern Parteien, Einheitsgemeinde, Frauenfrage, Heranziehung dw Fugend. Stellung der Gcmeindebeamten, Gottesdienstgestaltung,.. Wohlfahrtsamt, Kranvenhansneubau, Friedhoferweiterung. Die eingehende Aussprache brachte teils Zustimmung zur Politik der liberalen Mitglieder der Gemeindekörperschasren, teils kritische Stellungnahme und neu« Wünsche und Anregungen. Der Leiter der Versammlung, Justizrat Dr. Appel, gab die auf Grund des Kompromisses zwischen den Parteien ausgestellte Einheitsliste für Synagogenrat und Gemeindevertretung bekannt, die zwei Drittel der Sitz« für Liberale, ein Drittel für Orthodoxe und Zionisten zusammen vorsieht. —- Die Wahl am 4. Dezember brachte bei geringer Wahlbeteiligung das erwartete Resultat. «Dar Vorschlag der Einheitsliste ging unverändert durch. Sieben neue Mitglieder ziehen in die Gemeindevertretung ein (2 Liberal«, 2 Orthodoxe, 3 Zionisten), darunter erstmals zwei Frauen, eine der liberalen, die andere der zionistischen Partei angehdrig. 8sbbs1si Zewi (Schluß) Rechter Seitenflügel. Sara staunte ihren Qatten an, der seltsam erregt war, seit er sich von den Zweifeln der Frühzeit befreit hatte und ihr Mann geworden war. Aber er besaß nicht das ruhige Gleichmaß, welches sie für ihn ersehnte, es war eine Hochspannung, welche alles vernichten würde, was mit ihr in Berührung kam. Sie bangte sich um den Geliebten und mußte doch still dabeistehen und mußte lächeln. Das war so schwer und sie dachte oft, es wäre leichter ein Kind zu tragen und zu gebären, als diesen Mann im Herzen zu haben! Ihre Liebe trug es geduldig, in einer großen Sehnsucht, den Geliebten endlich so zu sehen, wie ihn ihr inneres Auge längst erblickte. Sie kannte ja alle Stufen seiner Entwicklung: vom Süudenlosen zum Sünder, vom Sünder zum Seligen, vom Seligen zum Ueberschäumenden. — Aus all diesen Teilen setzte sich das Bild zusammen, daß sie in der Zukunft sah: den Reifen, den Erlöser. Es war für sie nicht notwendig, daß er den andern Menschen Helfer war — es wäre schön gewesen, aber besser ein Mann zu sein, der seinem Ruf folgt, ohne sich um andere zu kümmern, als ein Mensch, der von der Umgebung abhängig ist und von ihr bestimmt wurde. So hatte sie ihn gefunden: ein Wesen, das sein Ich nach den Augen der Fremden richtet! Ein hilfloser Mensch ohne Erkenntnis des Guten und Bösen. Sie zitterte um ihn, besonders jetzt, da er sich vor dem Sultan verantworten sollte! Die Sicherheit, welche seine letzten Tage vor dem Gericht verklärt hatte, war nicht der Klarheit entsprungen. Sie, Sara, fühlte am Zittern und Beben ihres Herzens, daß diese Prüfung zu früh für ihn war. Es war erst so kurze Zeit verflossen, seit er zum ersten Male seinen Gott erlebte. Dieses Erlebnis hatte den Gottesrausch nach sich gezogen, aus dem erst langsam das tiefe Eins-Sein mit Gott werden würde: die Erkenntnis Gottes in Schmerz und Demut. — -.— Sie zogen ihre einfachsten Gewänder an, Sara und Sabbatai, als sie vor den Sultan gerufen wurden. Sabbatai nahm noch einmal sein Weib in seine Arme: „Bleibe bei mir, meine Seele!“ bat er. Sie befreite sich und antwortete ernst: „Solange du kämpfst, Sabbatai, bin ich bei dir!" Hand in Hand traten sic vor das Gericht. Sara wußte nicht, was die Fragen wollten, ihr ganzes Gefühl, ihr ganzes Sein drängte sich in ihre Hand, jene einzige körperliche Verbindung mit dem Geliebten. „Mein Gott", dachte sie, „wie seine Hand kalt wird. - Ich muß mich inniger in sie schmiegen. Sie muß warm werden. Aber er lockert die UQmklammerung — nun habe ich nur noch seine Schwurfinger in meiner Hand. Ich muß sie halten, wie er seinen Schwur halten muß. — Jetzt suchen seine Finger wieder die meinen! Hier ist meine Hand, mein Mann, spürst du den festen Druck? Mut, Kamerad, doch wie werden deine starken Glieder so weich, so hilflos... Mein armes Händchen! Schau, deiner Mutter Hand hält dich, gibt dir Kraft! Wenn ich dich doch ganz in der Faust verbergen könnte! Dazu ist sie zu groß, diese Männerhand. Es tut so gut, sich an diese warme Hand zu schmiegen, sich in dieses traute Dunkel zu vergraben! Oder leise an dem Rücken entlang zu streifen. Sie ein wenig zu streicheln. Mein lieber Mann. — Deine Hand beginnt zu zittern. Ich spüre deinen Herzschlag wild und stark. — Ich lege all meine Kraft in meinen Druck, alle Süßigkeit der Hingabe in meine Finger, alle Treue in die starke Glut!! Doch er nimmt meine Gabe nicht; er bebt so stark, daß mir seine Finger entgleiten. Warum zittert er so sehr? Ich muß hören, was der Sultan sagt, dann verstehe ich seine Gebärden besser. Aber seine Hand muß ich halten...." Eine Stimme sagt: „Ich frage dich, Sabbatai Zewi, willst du treu bleiben deinem Erlösertum und dafür in den Tod gehen oder willst du dein irdisch Leben weiter genießen und dich zum Islam bekehren?" Sara begriff in wehem Staunen. Sie weiß nun um den Kampf ihres Mannes. Er soll Erlöser sein? Soll für etwas in den Tod gehen, das nie in ihm war, soll Martern erdulden um des Glaubens anderer wällen? Er, der einfache Mensch, der von seinen Mitmenschen aus seinen stillen Kreisen gezogen wurde und der nun fremd in sich selbst ist? Und dennoch: wenn er sterben würde, so hätte er getreu seiner Aufgabe gehandelt, zu der Gott ihn bestimmte. — Er lebt nicht nur für sich. Durch sein Sterben rechtfertigte er den Glauben seiner Brüder. An welchen Menschen konnten sie noch glauben, wenn er untreu würde? Sterben? Leben sollte er, in ihren Armen leben! Sie umkrampft seine Hand, die zag in ihrer ruht. Weich und zärtlich schmiegt sich die seine an die Frauenfinger in einer Innigkeit wie nie zuvor in tiefster vollkommenster Umarmung. „Ich bin bei dir“, tröstet die Hand Saras. „Ich bin bei dir, Lieber, ich bin bei dir, Liebster!" Doch des Mannes Finger entziehen sich ihrer Berührung. Die Hand hängt still und steif an seiner Seite herunter. Noch zittert das Weib begehrend nach der Manneshand. Wie sie sich aber ganz leise dieser nähert, zuckt sie zurück iznd begreift: „Er ist allein, er muß allein sein. Die Entscheidung muß er allein finden. Mein stolzer Geliebter! Wie ich dich liebe, wenn du dir ..treu bleibst und deinem Gott. Du mußt sterben, Werbt neue Mitglieder! Sabbatai, um deines sonstigen ewigen Todes willen! Da muß ich zurückstehen. Geh’ deinen Weg — du gehst ihn nur ein kleines Stück voraus. Ich werde dir bald folgen!“ Noch einmal fühlt sie den Druck seiner Hand. Sie erwidert ihn in tiefster Zärtlichkeit. Dann löst sich ihre Umschlingung. Sabbatai sagt leis und fest: „Ich will leben- Er wendet ihr sein Gesicht zu und sie liest in seinen Augen: „Um deinetwillen! Um meines nicht gelebten Lebens!“ Sie hebt verzweifelt die Hände: „Tue es nicht, es ist kein Leben, es ist schlimmer als der Tod!“ „Ich »will einmal noch Mensch sein, leben ohne diese Last!“ bittet der Mann. „Du bist aber ein Erlöser, der Erlöser!“ trotzt das Weib. Sabbatai wirft den Kopf zurück, seine Hände greifen nach dem Turban: „Ich will leben!“ ruft er laut und fest. Seine Hand sucht die seiner Gefährtin und findet sie nicht mehr. Sie verbirgt sie ängstlich in den Falten ihres Gewandes. Es ist tiefe Nacht geworden und der schwere Tag ist zur Neige gegangen. Da sucht Sabbatai sein Weib. Er findet sie in der kleinsten Kammer seines Palastes. Dort kauert sie am Boden. Er kniet neben sie und streicht über ihre schwarzen Haare: „Ich lebe, Sara!“ „Ja „Und du lebst, Liebste!" »Ja „Ich danke dir für alles, mein Weib!" »Ja Das einförmige „Ja“ bringt Sabbatai zum Schweigen. Die Einsamkeit zog Ringe um beide. Endlich richtet sich Sara auf: „Als was willst du leben, Sabbatai?“ „Als — als — ich weiß nicht —- als Mensch, als dein Mann, Sara!“ Ein verzweifelter Blick bittet die Frau zu helfen! Sie steht auf und, indem sie sich über den Mann beugt, zieht sie sacht seinen Kopf an ihre Brust und spricht in leisem, weichen Ton: „Das ist kein Leben für dich, Sabbatai! Gott wollte anderes von dir! Du mußt ihm leben! Und kannst du es nicht mehr vor deiner Gemeinde, so mußt du es allein versuchen! Das ist deine Buße, Sabbatai!" „Allein? Und du?" „Allein, mein Geliebter. Gott wird sich von dir finden lassen. Du bist nun der Geliebte Gottes, sein erwählter Künder — und der, den seine Liebe am meisten heimsuchen wird. Du weißt es ja durch unser Lieben, daß Liebe viel Leid bringt. Du bist nun der Buhle Gottes!" „Und du, mein Weib?“ „Ich? Nun, ich werde von mir schenken, was ich noch habe: meinen Leib. Denn meine Seele gehört immer dir. Ich muß dir treu sein über dich selbst hinaus!" Sie lächelt: „Ich werde die Buhle Jedermanns sein. Lieber...." Sabbatai fühlt, daß die Tränen der Frau seine Haare benetzen und er hält seine Hand empor, um die Flut zu dämmen. Doch sie strömt zwischen seinen Fingern hindurch. Er richtet sich auf, bis er über der Gebeugten steht und schlingt seinen Arm um ihre Schulter. So stehen sie lange schweigend nebeneinander. „Wie recht hatte ich, Sara, als ich in unserer Hochzeitsnacht sagte: selig und sündig!" „Du kannst es ändern, Sabbatai — wie wir uns änderten! Nicht selig und siegend, sondern suchend und siegend!“ Und Sabbatai beugte sich, um die Hand Saras zu küssen. Sie ließ sie ihm und fing seine freie Hand mit ihrer Rechten ein. „Nun muß ich gehen —“ „Gehst du — gehst du zum Sterben, Sara?" „Nein, Sabbatai. Ich warte auf dich. Irgendwo — irgendwann. Aber ich werde bei dir sein! Nur das Leben mußt du allein ertragen! Leb' wohl und — Friede sei mit dir!" Sie ging hinaus, so leise, wie sie einstmals* gekommen. Sabbatai sah ihr nach und sank in sich zusammen, als sie seinem Auge und Ohre entschwunden war. „Das war das herbste Leid, mein Gott!“ stöhnte er. „Du wirst es besiegen, mein Kind —“ klang eine Stimme in ihm. Also lebte Sabbatai Zewi weiter, er, den sie den Messias nannten und der keinen erlöste, weil er erst zum Erlöser seiner selbst werden mußte. Irgendwo — irgendwann hat sich seine Seele wieder mit der seiner Gefährtin vereinigt. Irgendwo — irgendwann ward er vom Leben erlöst. Sein Weg war weit und schwer. -- Doch eine Legende erzählt, er hätte am Ende seiner Tage gesagt: „Schwer drückt die Hand Gottes und dennoch — wenn man sie innig sucht, wird sie zur Stütze und Wegweiser. Suchend und siegend macht die Hoffnung auf ihn und wohl denen, welche Suchende sind!“ So mag er wohl Ruhe gefunden haben." Der Kranke schwieg und seine weißen Finger glitten liebkosend über das kleine Bild. Endlich sprach er: „Man müßte vielleicht noch mehr erzählen und viel — viel mehr malen, um klar zu sein, aber — schließlich sind wir selbst auch nicht klar in uns, nicht wahr? Und am unklarsten ist unsere Sehnsucht.“ Ich schwieg, wollte ihn nicht unterbrechen. Ich wartete noch auf etwas, das zu sagen wäre. Wir sahen den Abend hereinkommen, es wurde kühl. „Müssen Sie nicht hineingehen, wenn es kalt wird?“ frag ich ihn. „Ach, lassen Sie das!“ winkte er ab. „Es gibt Wichtigeres. Ich muß Sie etwas fragen: Sie sind eine Frau — glauben Sie, daß es — daß es noch solche Frauen gibt, wie diese Sara?“ Da sah ich erst, wie sehr dieser Mensch litt, weil er aus dem Leben mußte und ich nickte: „Ja!“ Er zog noch einmal sein Bild hervor und sagte leise: „Zu dieser Frau muß man beten — noch im Tode!“ Und die Tränen kamen ihm. Da bin ich leise gegangen, denn — nicht wahr — man soll keinen Menschen weinen sehen!