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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Inflationszeit auch für den Gememdevorstand der dringend notwendige Beginn neuer Synagogmbauten eine Selbstverständlichkeit sei und daß m Kürze der Repräsentantenversammlung entsprechende Borlagen zugehen würden. Bon liberaler Seite wurde hierzu noch ein Tringlichkeitsantrag gestellt, für die ständige Abhaltung eines liberalen Gottesdienstes in Wilmersdorf (über den ersten Gottesdienst in der Eäcilienfchule berichten wir in der Rubrik „Ans der Bewegung" in dieser Nummer. Tie Red.) der Liberalen Synagoge Berlin eine Subvention von Mk. 3 000.— zu bewilligen. Klee wünschte Vertagung des liberalen Antrags, da seine Freunde den Wunsch hätten, erst noch über den von der Liberalen Synagoge Norden übernommenen Ritus zu verhandeln. Diesem Wunsch wurde von Tr. Fleischer und Frau Falke nberg entschieden widersprochen. Man solle sich endlich abgewöhnen, in Kultusfragen anderer Richtungen mit hineinzureden und immer eine Mitte finden zu wollen. Tie Debatte wurde nach weiteren Ausführungen von Gutmann und Klee, der gegen die „Zerreißung in Fragen des Kults in zwnRichtungen" sprach, durch Dr. Seligsohn beendet. Er wies darauf hin. daß die Liberalen wiederholt für die Einheit der Gemeinde eingetrrten seien. Aber ferne liberalen Freunde müßten in dieser Gemeinde auch die Erfüllung ihrer religiösen Forderungen finden. Wenn die Liberalen die Initiative zur Schaffung eines liberalen Gottesdienstes in Wilmersdorf ergriffen hätten, so müßte das doch eigentlich selbst vom orthodoxen Standpunkt aus erfreulich sein. Man gebe das Geld und rede nicht erst in die Frage der Gestaltung dos Ritus hinein. Ter liberale Dringlichkeitsantrag wurde alsdann angenommen. (Ueber die übrigen Beschlüsse der Repräsentantenversammtung werden wir in unserer nächsten Nummer berichten.( Zur Diskussion über Gegenwarlssragen Einheitsgemeinde und Einheitsgebetbuch von Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. 3u der letzten Nummer der liberalen Zeitung werden drei „brennende Fragen" behandelt; die Frage der Einheitsgemeinde gegenüber der von Woyda sogenannten „Bekenntnisgememde", wichtige Fragen des Rabbiner-Standes, und die Frage des Einheitsgebetbuches. Auf die mittlere Frage will ich hier nicht eingehen. zumal ich in sehr vielen grundlegenden Punkten dieses Aussatzes mit seinem Verfasser absolut übereinstimme, wenn ich auch auf dem Standpunkt stehe, daß es lediglich die augenblickliche Rabbinernot ist, die die Gemeinden zwingt, auch Herren ohne entsprechende Praxis in Seelsorge und Menschen- Behandlung in Großgemeinden einzustellen, anstatt sie den sehr heilsamen Weg durch die Klein- und Mittelgemeinden gehen zu lassen. Das wird sich schon ändern, sobald wieder eine größere Zahl geeigneter Rabbiner zur Verfügung steht. Trotzdem bleiben zum mindestm für die Jetztzeit die Ausführungen des Herrn Goetz recht beachtlich und wir möchten sie unterstrichen den rabbinischen Instanzen zum ernsthaften Augenmerk empfehlen. Was nun die beiden Fragen anlangt: Emheitsgemeinde und Einheitsgebetbuch, so stehen sie in einem gewissen inneren Zusammenhang und sie können daher auch in demselben Artikel erörtert werden. Woyda, offenbar ein Anhänger der freien Gemeindebildung nach englisch-amerikanischem Muster, weist darauf hin, daß bis vor etwa zwanzig Zähren der religiöse Charakter der Gemeinde unbestritten das nationale Element nur in verschwindercker Minderheck vorhanden war, daß in de» religiösen Gemeinden wegen zu großer Toleranz (soll heißen Jndolenzl der liberale Mann sich mit dem konservativen Charakter der gemeinschaftlichen Gemeindeinstitutiomn abgefunden hat und auf die Ausgestaltung besonderer liberaler Gottesdienste weniger Wert gelegt hat; der Gegensatz Volksgemeinde gegenüber der Religionsgemeinde sei überhaupt erst neuerdings aufgetaucht und veranlasse Biele, die national-jüdische Gedankengänge ablehuen, zur erneuten Nachprüfung des ganzen Problems der Einheitsgemeinde. Zwischen den Zeiten ist zu lesen, daß bei stärkerem Anwachsen national-jüdischer Strömungen deren Gegner aus der Gemeinde ausscheiden und 'eigene, sogenannte Bekenntnisgemeinden, gründen würden, die unter Ablehnung aller national-jüdischer Gedankmgänge und Handlungen in religiöser Beziehung ausschließlich auf liberalem Bode« geführt werden. Nach meinem Dafürhalten hat die Woyda'sche Argumentation einen ganz grundlegenden Fehler, der übrigens von sehr Vielen, deren Sprecher er in der Tat ist, geteilt wird. Wie liegen die Tinge tatsächlich? Wir religiösen Juden glauben daran, daß wir zu einer historischen Gemeinschaft der Religion gehören; wir sind sowohl horizontal wie vertikal durch das religiöse Band mit den Generationen vor und nach uns auf der einen Seck«, mit dien Juden um uns auf der anderen Seite, verbunden.. Tie örtliche jüdische Gemeinde soll lediglich, ein örtlicher Ausschnitt aus der großen Weltgemeinschaft der Juden sein; sie hat wie diese religiösen Charakter, religiöse Grundlage, religiöse Ziele. Unsere Allen haben deswegen schon von jeher als Fundamentalsatz den Satz geprägt, daß myn sich von seiner Gemeinde nicht trennen dürfe. Wmn nun Woyda darlegt, daß die Gemeinden früher religiösen Charakter getragen haben, daß sie durch das Starkwerden na tiockal-j irdischer Elemente diesen Charakter eingebüßt haben oder einzubüßen drohen, so macht er eben jetzt seinen grundlegenden Fehler. Auch vor 60 Jahren, auch vor 30 Jahren, und vielleicht mehr als jetzt, gehörten der Religionsgemeind!> Juden an. die nicht im Geringsten an dem religiösen Gemeinschaftsleben teilnahmen, selbst soweit sie innerlru) religiös waren, uns darüber hinaus solche, die ganz unreligiös waren. Trotzdem dies der Fall war, und man wird sogar vielleicht behaupten können, daß jene sogenannten religiös Indifferenten in der Mehrheit waren, hat kaum jemand an dem Charakter der jüdischen Gemeinde als Religionsgemeinde gezweifelt, und auch Woyda zweifelt nicht daran — für die Vergangenheit —. Es gab, gibt und wird geben, und das ist das Entscheidende, neben dem Leben der Einzelnen, vieler Einzelnen, aller Einzelnen, das selbständige wirlliche Leben der Gemeinschaft als solcher. Wir wissen heute dle, daß Staat, Gemeinde und Gemeinschaft nicht nur sogenannte abstrakte Rechls'beqriffe sind, sondern, wie der große Rechtslrhver und Denker Otto Gierke ausgesprochen, und »ach ihm ft'N orn*»«* Sb'ller Smo P:euß nach)rücklich festgelegt hat „reale Lerbandspersönlichkeiten". Sie leben und handeln durai iyre eigenen Organe, und sie leben ein Leben, das dbhän^ii ist und im Ge^eickatz stehm kann zu dem zahlreicher Einzelmckglieder, well Staat, Gemeinde und Gemvinschasc boemslutzt wiro nicht von dem Einzelwlllen Vieler, die sich zur Gemeinde rechnen, sondern von dem Gemeinschaitswillm der aktiven Führer. Wer hat es noch nicht erlebt, daß in Versammlungen einzelne Wenige, indem sie instinktiv den Gemeinschaftswillen der Versammlung trafen, von denen viele tLlN^e.ne ganz anoers gewönnen waren, diese Versammlung zu gemeinschaftlicher Erkenntnis, zu gemeinschaftlichem Bekenntnis und zu gemeinschaftlicher Tat fortgerissen haben. Wer kann je vergessen, wie Deutschland im August 1914, obwohl Millionen unter ihnen überzeugte Kriegsgegner waren, von einem Willen fortgerissen, sich erhob und handelte? Und ist nicht dieser Gememschastswille gegen alle kleinlichen Bedenken noch am 23. Januar 1921 bei der Tagung des deutsch-israclitrschen Gemeindebundes in unvergeßlich erhebender Weise zum Ausdruck gekommen? Wie also die Religionsgemeinde kraft des Willens und des Handelns ihrer Organe ihr eigenes Leben führte, auch über die Köpfe derer hinweg, die areligiös und antireligiös eingestellt waren, so wird die jüdische Gemeinde auch heute eine Religionsgeme nde bleiben, se.bst nenn wirllich eine große oder m nder große Schar ihrer Mitglieder national eingestellt sind. Unsere jüddische Gemeinschaft hat nach uralter Ueber.ieferung drei Hauptaufgaben, Torah, Abodah und Gemilus Chessed. Wir haben also Aufgaben der religiösen Erziehung in und außerdem Hause, des Gottesdienstes in und außerhalb unserer Synagogen, und das gewaltige Gebiet, das wir heute soziale Arbeit »rennen. Wir waren nie eine reine Konfessionsgemeinschaft, nein immer eine Gemeinde religiöser Tat, auch da, wo die rein kultische Arbeit und die religiöser Belehrung in öen Hintergrund zu treten schien. Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, daß diese Ausgaben das Kernstück der jüdischen Gemeinschaftsarbeit bleiben werden solange es eine jüdische Gemeinschaft gibt, und solange sich Männer und Frauen zusammenfinden werden, die, voll religiösen Gemeinschaftsgeistes, bemüht sind, ihre Gemeinden in diesem Sinne zu lenken. Tiefes Gemeinschaftsbewußtsein und dieser Gemeinschastswille .allerdings muß vorhanden sein. Ich fühle sie in mir als beherrschend für mein gesamtes jüdisches Denken und Tun. Ich teile sie mit allen bewußten Juden, auch müt denen, die sich National-Juden nennen, nur daß mein Wille zur Gemeinschaft und mein Glaube an sie mich gerade umgekehrt auf Grund meiner religiösen Anschauung dazu bockigen, jeden Gedanken und jeden Wunsch zu bekämpfen, der diese unsere jüdische Gemeinschaft herausziehen will aus der nichtjüdischen Umwelt. Gerade auf Grund meiner jüdischen Gemeinschaftsanschauung bekämpft ich alle Zentralisierungs¬ und alle Separationsbestrebungen innerhalb der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde. Ich habe vor dem nationalen Judentum nicht die geringste Angst. Extremer Nationalismus auf «religiöser und antireligiöser Grundlage führt ans dem Judentum heraus, mit ihm brauchen wir überhaupt nicht zu rechnen, und im übrigen erleben wir es gerade jetzt, daß die religiösen Gedankengänge im Zionismus über die Nationalen langsam aber sicher Herr werden, und daß von den nationalen Gedankengängen nichts anderes übrig bleibt und übrig bleiben wird, als auch das uns innewohnende Bewußtsein einer jüdischen Gemeinschaft und das Streben, ein exemplarisches Werk dieser Gemeinschaft in Palästina zu errichten, ein Werk, an dem müzuarbeiten uns nicht die Idee als solche, sondern bie Art ihrer derzeitigen Verwirklichung hindert. Herrin in den Gemeinden wird das religiöse Judentum bleiben, auch über den jüdischen Nationalismus, wie es Herrin geblieben ist über den Individualismus und Jndisferentismus einer vergangenen Epoche. Es ist nur Zweierlei möglich: entweder die jüdische Gemeinschaft behält ihre von Anbeginn ihr innewohnende Gestaltung als Religionsgemeinde im Sinne von Torah, Abodah und Gemckus Chessed, d. h. in gottesdienstlicher, wissenschaftlicher und sozialer Beziehung, oder aber sie hört auf, eine jüdische Gemeinschaft zu fern. Dieses Ergebnis wird erst dann eintreten, wenn der Gemeinschaftswille ausstirbt, und daran glaube ich weder für die Gegenwart noch für die Zukunft. In einem freilich hat Woyda absolut recht, aber das ist heute schon Gemeingut aller religiösen Juden. Es muß in den Gemeinden für Kultus und Unterricht die Trennung in einen gesetzestreuen und liberalen Flügel erfckgerr, wie es nach meinem Dafürhalten vorbildlich in Hamburg geschehen ist; evtl., das ist eine rein organisatorische Frage, genügen auch autonome und Kultusausschüsse. Nach unserer Auffassung sirü> bekanntlich die gottesdienstlichm Formen und die Formen, nach denen der Einzelne sein Leben emrrchtet und zu denen er im Unterricht herangebildet werden soll, dem Wandel der Generationen unterworfen. Dieser Gememschastswille drückt seine Ueberzeugung in A eußerl ich kecken anders aus als vor hundert, vor fünfhundert, vor tausend Jahren, genau so, wie er in seinen Grundlagen der gleiche ist urrd bleibt. Wir bedürfen daher für Gottesdienst und Unterricht getrennte Behandlung innerhalb der Einheitsgemeinden, zeigen aber durch die Zusammenfassung in den großen sozialen Anstalten, daß wir dennoch im Leben und Tod Glieder der gleichen Gemeinschaft sind. Hierbei ist es immer mögliche gewesen und muß möglich bleiben, die Forderung des Genremschaftswillens und die geschichtliche Ueberlieserung mit den berechtigten Forderungen des Individualismus zu vereinen. Dem Liberalismus fällt kein Stein aus seiner Krone, wenn er dafür sorgt, daß die Gemeindeanstalten so geführt werden, daß auch der Konservative sich ihrer erfreuen kann. Er wird verhüten, daß der Einzelne in den Anstalten in seiner individuellen Freiheit eingeengt und gebrochen wird. Real gesprochen, wir vergeben der Idee des liberalen Judentums nichts, wenn wir, die wir für uns die Speisegesetze ablehnen, die Anstalten in den Gemeinden so führen, daß auch Männer und Frauen sie aufsuchen können, denen die Speifezesetze Gesetz ihrer religiösen Ueberzeugung sind. Wir werden aber dagegen einschreiten, wenn in den Anstalten, wie dies vorgekommen ist, liberale Insassen dazu gezwungen werden sollen, für sich selbst die Speisegesetze auch da einzuhalten, wo durch vollkommene Trennung der Wirtschaft der einzelnen .Insassen von der Anstaltswirtschaft möglich ist. Wir werden' Jets dafür Verständnis haben, daß konservative Arme an Freitischen untergebracht werden, welche ih en Bedürfnissen entsprechen; wir werden uns stets dagegen wenden, daß eine Gemeinde von sich aus liberale Familien von sozialer Hilft ausschließt, weil an ihrem Tische die Tisch- und Speisegesetze nicht eingehalten werden, es gibt Tausende von Armen, bie nach ihrer religiösen Ueberzeugung sich an die Speisegesetze nicht binden und dort chr Brot finden können. Kann es sich eine Gemeinde leisten — das werden nur wenige Großjgemeinden sein — mehrere Anstalten zu führen, so stehen gar keine Bedenken entgegen, neben einer rituell geführtm auch eine nicht rituell geführte Anstalt von Gemeinde wegen zu unterhalten. Tie Frage ist doch aber gerade zu lösen für die dreien Einheitsgemeinden mittlerer und lleinerer Struktur, in denen es nur je eine svlche gemeinschaftliche Einrichtung gibt, und auch hier läßt ja auch Woyda durchblicken, daß er aus die strengeren Erfordernisse Rücksicht nehmen will. Ich meine also, 'd'ie Einheitsgemeinde in Deutschland ist der schönste und klarste Ausdruck jüdischen Gemein chastswillens. Solange wir diesen Gemeinschastswillen Habens wollen wir sie erhalten. Diese Gemeinschaft ist und bleibt eine religiöse, solange sie «ine jüdische ist. Nur der Hoffnungslose, nur wer an der Zukunft des religiösen Judentums verzweifelt, kann überhaupt die Frage stellen, ob der Geist der Gemeinde ein andrer werden wird als des religiösen Gemeinschaftswillens. Mögen viele, mag die Mehrzahl anders denken; nicht die Zahl entscheidet, sondern der Wille, oder, wie wir es demnächst wieder von der Kanzel hören werden: „nicht durch die Zahl und nicht durch die Gewalt, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen." Wer, wie ich, auf dem Standpunkt steht, daß. auch der Gottesdienst Ausdruck der religiösen Gemeinschaftsbetätiarrng ist, daß er nicht nur der Andacht des Einzelmenschen gewidmet ist, sondern vor allem auch die tiefgehendste Betätigung und verbindlichste Form jüdischen Gemelnschaftswollens, der wird auch vollkommen verständnislos den Ausführungen des Herrn Nathanson über das Einheitsgebetbuch gegenüberstehen. Wie liegen die Tinge? Man hat jahrelang geglaubt, daß der Gottesdienst jeder, aber auch jeder individuellen Forderung Rechnung tragen müsse; darum hat sich jede einzelne Gemeinde, je nach dem religiösen Gefühl ihres Rabbiners oder noch häufiger des jeweiligen Gemeindevorstehers, ihren Gottesdienst selbst gestaltet. Es ist eine heillose Zersplitterung eingetreten, die alles ander« repräsentiert als einen einheitlichen jüdischen Gernein-- schaftswillen. Hinzu kam eine nationalistische Auffassung des Gebets, die wir uns heute auf keinen Fall mehr gefallen lassen können. Sie hat mit einer geradezu kindlich anmutenden Aengstlichkeit jede messianische Stelle, die an Zion oder den Messias erinnert, ausgemerzt; sie hat sogar den gewaltigsten und grundlegendsten Gedanken, den der Erwählung vor allen Völkern, vielfach in den Gebeten gekürzt oder ganz ausgemerzt, aus Angst Anderswo" anzustoßen. Darüber sind wir glücklicherweise hinweg. Wir glauben auch nach wie vor daran, daß die Struktur des Gottesdienstes als solche erhallen bleiben muß; gewiß, sie ist Menschenwerk, ist historisch geworden, einzelne Gedankengänge stören uns heute selbst in unserw Sch'ma-Gebet. Wollen wir aber als religiöse Juden nach außen hin klar dokumentieren, daß wir die Verbindung mit der Vergangenheit und mit unfern Brüdern in der ganzen Welt in unserm Gottesdienst aufrecht erhalten, so müssen wir einen Gottesdienst formen, der auch allen zugänglich ist. Deswegen, ich wiederhole es, muß das Gefüge des traditionellen Gottesdienstes erhalten bleiben. Es ist absolut unmöglich, jeder Gemeinde es zu überlassen, sich von Fall zu Fall ihren Gottesdienst selbst zu konstruieren. Ich kann mir wohl vorstellen, daß sich in großen Gemeirwm einzeln« zusammenfinden, die sich den Ausdruck ihres Gemeinschaftswillens selbst schaffen und in besonderen Gottesdiensten zusammenfinden, wie dies in den Riesen gemeinden Amerikas, und wie dies in London und in Berlin möglich ist. Derartige Einzelfälle aber, mögen sie ziffernmäßig noch so zahlreich sein, bedeuten nichts für dm Grundsatz. Das Einheitsgebetbuch also soll zunächst einmal einen einheitlichen Text des Gebetes schaffen, der der liberalen Grundsorderung gerecht wird, der nach: religiöser Wahrheit. Es wird Wecker alle Gebete vermeiden, welche Bitten anssprechen, die nicht aus dem Herzen kommen (Opfecgebete usw.), wird aber allm liberalen Gemeinden, das heißt all denjenigen, die auf dem Standpunkt stehen, daß der Gottesdienst sich entwickell hat, weiter entwickeln wird, einen Grund geben, auf den aufgebaut werden kann. Unberührt bleibt, und das ist der grundlegende Irrtum des Herrn Nathanson, das Recht, ja ich möchte sagen die Pflicht der Gemeinden, aus der gewaltigen Masse, wie sie im Lauft der Jahrhunderte, oft durch Zufälligkeiten, oft durch örtliche Bräuche in unserm heutigen Gebetbuch niedergelegt ist, das auszuwählen, was wirklich auswählbar und ausrvechftlbar ist. Das wird auch ausdrücklich in dem heutigen Einheits-Gebetbuch zum Ausdruck kommm. Wenn z. B. im Text der Mo rgen - gebete alle traditionellen Psalmen enthalten sind, so wird kein Zweifel gelassen werden, daß nicht i m m e r a l l e Psalmen gebetet werdm sollen, sondern einmal dieser, einmal jener. Auch darüber, ob die Psalmen deutsch verlesen oder hebräisch gebetet werden sollen, ist nichts gesagt. Das Gebetbuchs wird auch für das Morgen- und die Mussaf-Gebete die Tesilla enthalten; es ist aber keineswegs damit gesagt, daß sie beide Male leise und laut oder auch nur leise oder laut gesagt werden muß. Im Gegenteil, ich glaube und hoffe, daß es zahlreiche Gemeinden gebm wird, die in dem einen Gebet die Tesilla nur leise, und im andern Gebet sie nur laut vorschrerbem werden. Erhallen bleiben werden die grundlegenden Gebete unseres Gottesdienstes, und auch der Gottesdienst als solcher wird in seinem Gefüge unverändert bleiben; dennoch wird er gerade unter dem Einheitsgebetbuch sich individueller gestalten lassen als unter den bisherigen örtlichen Gebetbüchern, die allmählich zu einem versteinerten Kultus führten. Bor allem aber übersieht ja Herr Nathanson auch ganz, daß ein besonderer Band deutscher Gebete beigefügt werden soll, zahlreich genug, um sie an den verschiedenen Stetten einzufügen. Wer also wirllich häufiger den Gottesdienst besucht, wird in der Lage sein, auf dem alten Boden des traditionellen Gottesdienstes dennoch sich zu Gott zu erheben, ohne durch die Länge des Gottesdienste oder durch die Gestaltung seiner Gebete aus der Andacht gerissen zu werden. Es darf doch nicht vergessen werdm, daß es heute noch gewisse liberale Gemeinden gibt, dmen gegenüber schon das Einheitsgchetbuch, selbst wenn es von Anfang bis zu Ende gebetet wird, -einen gewaltigen Fortschritt darstellt gegenüber der jetzigen Gebetsordnung. Es ist niemals beabsichtigt worden^ den lweralerz Gottesdienst zu schematisieren, aber gegen die Zerstückelung der einzelnm Gottesdienste wollen wir in der Tat uns wendm. Was individuell ist, ist das Gebet des Einzelnm. Durch Einfügung stiller Gebete soll diesem individuellen Gottesdienst Rechnung getragen werdm. Ausgeschlossm bleiben sollen Wecker alle Gebete, die gegen die religiöse Wahrheit und den Geist des prophetischm Judentums verstoßen. Unberührt durch das Einheitsgebetbuch bleiben er-

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