Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 49 (9.12.1927)
- Date
- 1927-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7« Jahrgang Ramm« 49 MischKbemleZeibmg Beilage 9. Dezember 1927 Der neue Vorstand der Berliner Gemeinde Äm Sonntag, den 4. d. Mts., kam der nengewählte tuicrenden Sitzung zusammen. Vor der Wahl des Vorsitzenden Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde zu seiner konstiaab Pros. Seligmann solgende Erklärung ab: „Die liberalen Mitglieder des Gemeindevorstandes erheben als die stärkere Parteigruppe und als Vertreter der größten aus den Maiwahlen 1926 hervorgegangenen Partei Anspruch darauf, daß ihnen nach parlamentarischem Brauch die Besetzung der Stelle des Vorsitzenden überlassen wird. Sie schlagen daher die Wiederwahl des Herrn Kammergerichtsrat Wolfs vor." Von den: aus Konservativen, Mittelpartcilern und Zionisten bestehenden Block wurde zum Vorsitzenden Kommerzienrat Ger son Simon vorgeschlagen. Da die Liberalen im jetzigen Gemeindevocstand nicht mehr über die Mehrheit verfügen und der Block geschlossen stimmte, wurde Kommerzienrat Simon zum Vorsitzenden des Gemeindevorstandes gewählt. Als 1. Stellvertreter wurde vom Block das Mitglied der zionistischen Jüdischen Bolkspartei Kareski vorgeschlagen, von den Liberalen wiederum Kammergerichtsrat Wolfs. Da sich bei dieser Wahl ein Mitglied des Blocks absplitterte, ergab die Wahl eine Mehrheit für den liberalen Kandidaten. Kammergerichtsrat Wolfs erklärte hierauf unter Bezugnahme aus die bei der Wahl des Vorsitzenden von- Prof. Seligmann abgegebene Erklärung, daß für ihn die schwersten sachlichen Bedenken gegen die Wahl beständen und daß er daneben natürlich auch schwerste persönliche Bedenken habe. Auf den einhelligen Wunsch seiner Parteifreunde stelle er jedoch alle Bedenken zurück und nehme die Wahl an. Zum zweiten Stellvertreter wurde alsdann Kareski gewählt. Berliner Repräsenlanlenversammlung Immer wieder muß man sich die Zusammensetzung der jetzigen Repräsentanten« ersammlung vergegenwärtigen. Zehn Liberalere stehen elf nichlliberale Repräsentanten gegenüber. Eie gehören vier verschiedenen Parteien an: Konservativen, Mittelpartei, Volkspattei (Zionisten) und Poale Zion. Verbunden zu einem (öffentlich nicht gern zugegebenen) Block, der wahltaktischen Erwägungen seinen Ursprung verdankt, versuchen, sie, mit chrer Mehrheit von einer Stimme die Liberalen bei der Gestaltung der Gemeindeverhälmisse nach Möglichkeit auszu schalten. Daß diese nun nicht gewillt sind, sich auf die Tauer majorisieren zu lassen, daß sie sich sowohl ihrer zahlenmäßigen Stärke als Oppositionspartei bewußt sind als auch der inneren Schmäche des Blocks der elf, der sich ja nicht aus programmatischen Gesichtspunkten, nicht aus gemeinsamen posirrven Forderungen ausbaut, das bewies die Reprafentantenversammlung, die am vergangenen Montag stattfand. Besonderes Interesse beanspruchte «in von Loeb, Weiße, Loewe, Klee und dm übrigen Mitgliedern der Jüdischer: Bolkspartei Unterzeichneter Antrag, der lautet: „Tie Repräsentantmversammlung wolle beschließm: Tie Friedhöfe der Gemeinde sind am Sabbat und jüdischen Feiertagen gänzlich geschlossen zu halten." Zur Begründung des Antrag wurde von Moritz A. Loeb auf religionsgesetzliche Bedenken und auf die Verhältnisse in anderen Gemeinden hingewiesen. Ter jetzige Zustand, bei dein der Friedhof am Sonnabend zwei Stunden geöffnet sei, bestehe zwar schon seit fünfzig Jahren in der Gemeinde, dieser 50jährigen Tradition stehe aber eine 2000jährige Tradition gegenüber. Wenn auch jübiche Arbeiter an: Sonnabend auf dem Friedhof nicht beschäftigt seim, so könnte doch seine Offenhaltung am Sabbat für die Besucher ein Anlaß sein, am Sabbat zu fahren. Schließlich glaubte ec sogar, behaupten zu müssen, die Offenhaltupg des Friedhofs am Sabbat sei geschehen, um nichtjüdischen Kreisen Rechnung zu tragen. Die Antworten, die dieser Antrag und seine Begründung von den Liberalen herausforderte, ließen an Klarheit und Deutlichkeit erfreulicherweise nichts zu wünschen übrig. Mit Recht betonte man, daß dieser Antrag typisch sei, und daß man unter keinen Umständen zulassen werde, daß nun die gemeinsamen Gemeindeinstitutionen rückwärts revidiert würden. Studiendirektor Tr. Gutmann wies darauf hin, daß doch wahrlich weder Zunz noch Geiger aus Rücksicht aus die nichtjüdische Umwelt gehandelt sondern aus rein menschlichen Erwägungen. Er kennzeichnete die Intoleranz, die 'Oieu Antrag in sich berge; niemand sei ja gezwungen, am Sabbat den Friedhof zu besuchen oder am Sabbat zu fahren. Wen aber das Herz zum Besuch des Friedhofs drängt, der soll auch eine Möglichkeit dazu haben. Man verschließe nicht denen die Tore, die durch Besuch der Gräber ihrer Verstorbenei: Beruhigung empfingen. Diese Ausführungen unterstrich noch Professor Türk. Er wies vor allem aus die befremdliche Tatsache hin, daß auch Rabbiner Tr. Weiße den Antrag unterzeichnet habe. Als vor sieben Jahren schon einmal diese Frage aufgeworfen sei, da hätten die liberalen Rabbiner Gutachten für die Beibehaltung der Friedhofsöffnung am Sabbat abgegeben. Zu ihnen gehörte damals auch Weiße. Habe sich nun in den letzten sieben Jahren das Religionsgesetz wieder geändert? Und soll das jetzige Verhalten des Herrn Tr. Weiße die Erfüllung der Parole „Für Frieden und Einheit in der Gemeinde" sein? Ter Liberalismus ist stets gegenüber anderen religiösen Richtungen tolerant gewesen, Loeb selbst habe erst vor kurzem gegenüber Angriffen der Separatorthodoxie in dem ihm nahestehenden konservativen Blatt ausgesührt, was die Orthodoxen alles unter der liberalen Mehrheit erreicht haben. Die Toleranz der Liberalen hat aber eine Grenze an der Selbstachtung. Ter vorliegende Antrag ist ein Symptom. Ta heiß« es: Principiis obfta! Jetzt haben die andern Elf freilich die Macht, alle liberalen Jnstüutionen abzubauen, die gemeinsamen Gemeindeinstitutioneil in antiliberalem Geiste umzugestalten. Sie se'en gewarnt! Ter Artikel „Einheitsgemeinde oder Bekenntnisgeineinden", der in der letzten Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung" erschienen sei, hat eine Frage zur öffentlichen Erörterung gestellt, die in den maßgebenden liberalen ^Kreisen Berlins bereits eingehend diskutiert werde. Würde man die Rechte der Liberalen abbauen, würde man ihnen nicht auch d-e Möglichkeit zur Erfüllung chrer Forderungen geben, so verschärfe man noch weiter die Situation. Tie Frage „Einheitsgemeinde oder Bekenntnisgemeinde" wird ans der Diskussion nicht mehr verschwüren. Die Gegenseite ist gewarnt, sic möge den Bogen nicht überspannen. Nachdem von Emil Pincus und Tr. London noch darauf hingewiesen worden war, daß man mit dem von Herrn Loeb geprägten Satze, der 50jährigen Tradition der Berliner Jüdischen Gemeinde stehe eine 2000jährige Tradition gegenüber, jede Weiterbildung der religiösen Formen hindern könne, daß man mit dieser Begründung einen Abbau eines großen Teils der liberalen Errungenschaften fordern könne, und nachdem von ihnen noch betont war, daß Herr Loeb wahrlich nicht um unser Seelenheil besorgt zu sein brauche, da wir Liberalen doch fahren würden, wenn wir glauben, es verantworten zu können — da dämmerte es bei den konservativmittelparteilich-zionistischen Antragstellern und sie beantragten nun Vertagung ihres eigenen Antrages. In einer persönlichen Bemerkung bestritt Tr. Weiße, daß zwischen seinem jetzigen Verhalten und seinen: früheren Gutachten ein Widerspruch vorhanden sei. Von liberaler Seite wurde hierauf der Gemeindevorstand aufgesordert, das Gutachten von Tr. Weiße vorzulegen, falls es zu einer nochmaligen Beratung des Antrages kommen sollte. Waren bei dem Antrag über die Friedhossschließung die Liberalen in der Abivehr, wobei sie zeigten, daß sie an dem von ihnen Geschassenen sestzuhalten gewillt sind — die Frage der Friedhofsschließung war ja nur der Anlaß zu der geschilderten prinzipieller: Tebatte — so tonnten die Liberalen auf anderen: Gebiet ausbauende Arbeit leisten. Bon der Volkspartei wurde angefragt, ob und wann mit der Errichtung der in Aussicht genommenen Synagogen in der Prinzregentenstraße und im Hansaviertel gerechnet werden kann und welche weiteren Maßnahmen der Gemeindevorstand zur Behebung der Not an religiösen Andachtsstätten zu ergreifen gedenke. Für dm Borstand gab Kammergerichtsrat Wolfs die Erklärung ab, daß nunmehr, nach der Kriegs- und Billige jüdische Bücher-Woche Sonderangebot für die Leser der „Jud. lib. Zeitung" bis zum Januar 192,8 zu Vorzugspreisen Geschichte und Bewegung. Buber, M.: Die jüdische Bewegung. 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