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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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! I « i i i I l 1 Liberaler Wahlsieg in Hannover Während in den letzten Jahren die jeweils vom Verein zur. Pflege der Interessen der Synagogengemeinde in Borschlag gerächten Kandidaten kampslos in die Gemeindevertretung gewählt wurden, war in diesem Jahre durch das Jnerscheinungtreten der Gruppe liberaler Richtung ein heftiger Wahlkampf entbrannt. Man versandte an die Gemeindemitglieder Merkblätter, Aufrufe und Richtigstellungen, Offene Briefe und Erklärungen „In eigener Sache". Beide Gruppen hatten am Wahltage, den 4. Dezember, eigene Wahlbüros eingerichtet, hatten ihre Vertreter im Wahllokal postiert und mit Kraftwagen einen lebhaften Schlepperdienst organisiert. Wegen des zu erwartenden Andranges war die Wahlzeit auf fünf Stunden ausgedehnt. Die Liberalen hatten als Forderung, für die die liberalen Kandidaten Rudolf Herzberg, R.-A. Dr. Paul Goldschmidt, Bankier Dr. Gustav Gumpel sich einsetzen würden, folgendes Programm aufgestellt: 1. Sofortige Schaffung eines Gottesdienstes, der den überwiegenden liberal-religiösen Bedürfnissen der Gemeindemitglieder entspricht. 2. Einrichtung eines Religionsunterrichts, der im obigen Sinne gestaltet wird. 3. Sicherstellung der Mitwirkung eines Geistlichen auch bei Feuerbestattungen. 4. Sicherstellung der unpolitischen Einstellung der Synagogen-Gemeinde mit der ausdrücklichen Verpflichtung, deren Steuergelder zu jüdisch-politischen Zwecken weder innerhalb noch außerhalb Deutschlands zu verwerten. Das Ergebnis der Wahl bewies die Berechtigung des liberalen Vorgehens. Es zeigte, welch großes Interesse für die Gemeinde zu wecken ist, wenn versucht wird, jüdische Ueberlieferung mit modernem Kulturempfinden in Einklang zu bringen. Sämtliche 3 Kandidaten wurden gewählt. Bon 1073 Wahlberechtigte» übten ihr Stimmrecht 668 aus, das ist eine Beteiligung von mehr als 62 Prozent. Der 2. Vorsteher, Herr Alfred Fuerst, für den kein Gegenkandidat aufgestellt war, vereinigte auf sich 621 Stimmen. Zu Repräsentanten wurden die Herren Sternheim mit 653, Seligmann mit 652, Tammann mü 642 Stimmen wieder-, Herr Dr. Gustav Gumpel mit 612 Stimmen neu gewählt. Auch diese vier Herren hatten keine Gegenkandidaten. Zum Vorstandsmitglied wurde der Vertreter liberaler Richtung Rudolf Herzberg mit 362 Stimmen gewählt, dem der Kandidat des Gemeindevereins, der nur 266 Stimmen erhielt, weichen mußte. Der fünfte freigewordene Repräsentantenfitz siel ebenfalls einem Vertreter der liberalen Gruppe, Dr. Paul Goldschmidt, mit 357 Stimmen zu. Diesem unterlag ebenfalls der Kandidat des Gemeindevereins, der 296 Stimmen auf sich vereinigte. Die übrigen Stimmen waren zersplittert. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit gegen den Antisemitismus Der Antisemitismus, der noch heute einen nicht zu unterschätzenden Faktor im politischen Leben bildet, ist für ein Kulturvolk eine kaum zu überbietende Schande. Wohl wird viel zur Aufklärung der verhetzten Gemüter getan, was jedoch vor allen Dingen nottut, ist, daß von nichtjüdischer Seite aus gegen diesen Geist vorgegangen wird. Jede Knlturorganisation hat die Pflicht, hier einzugreifen und vor allen Dingen dürfen die Organisationen, die für den Frieden arbeiten, nicht dulden, daß innerhalb des eibenen Volkes solch ungerechter Haß ausgestreut wird. So hat dre Internationale Frauenliga ftir Frieden und Freiheit schon vor längerer Zeit eine Kommission gegen den Antisemitismus eingesetzt, die auf diesem Gebiet manches erreicht hat, und bei der diesjährigen Tagung in Duisburg nahm die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit deutscher Zweig folgende Resolutton an und leitete sie an die zuständigen Stellen tveiter: „Tie in Duisburg vom 28./31. Oktober tagende Hauptversammlung des deutschen Zweiges der Internationalen Frauenliga für Frieden und Frech eit lenkt die Aufmerksamkeit des Reichsjustizministeriums, des Reichsministeriums des Innern und des Deutschen Reichstages auf die sott- Humor im Recht In der Satzung einer kleinen hessischen (Gemeinde findet sich die nachstehende Bestimmung, die zivar im Jahre 1904 geschaffen ist, aber noch heute „in Goldmark" ab geändert gilt. Sie lautet in der Fassung von 1904, allerdings in der Reihenfolge etwas umgestellt, wie folgt: „Als Entgelt für die ständige Benutzung der Gebetpulte in der Synagoge sowie sür Erwerb von Plätzen auf dem Friedhof ist eine einmalige Vergütung nach Maßgabe nachstehender Bestimmungen an die Gemeindekasse zu entrichten: 1. Wenn zwei hiesige Personen einander heiraten bzw. ein hiesiger Witwer eine hiesige Person: Mk. 5.14. 2. Heiratet ein hiesiger Witwer ein ortsfremdes Weib: Mk. 12.-. , 3. Heiratet ein hiesiger Mann ein ortsfremdes Mädäien: Mk. 17.14. 4. Wenn eine ortsfremde Person ein hiesiges Mädchen nimmt: Mk. 34.57. 5. Heiratet eine hiesige Witwe eine ortsfremde männliche Person: Mk. 34.57. 6. Ein neu hierher gezogenes Ehepaar oder Familie: Mk. 180.—. Ter Sinn dieses Paragraphen scheint mir folgender zu sein: Zu 1: Grmldsätzlich will man unter sich bleiben. Frisches Blut schadet nur. Es lebe die Inzucht! Zn 2: Ein Witwer aber, der die Frauen der Gemeinde kennt, darf allerdings eine Ortsfremde heiraten. Doch würde auch das besser vermied m (siehe Ziffer 1). Zn 3: Schlimmer steht es, wenn ein junger Mann keine Ortsschöne auserwählt. Dazu liegt eigerülich kein Anlaß vor. Solch Uebermut tostet entsprechendes Geld (17.14 Mk. statt 5.14 Mk.). Zn 4: Geradezu unerhört ist es aber, ivenn ein Außenstehender in die Gemeinde gleichsam wie ein Räuber eindringt und ein Mädchen des Ortes die seine werden läßt. Das muß gebüßt werden (34.57 Mk.). Zn 5: Ebenso wird die arme Witwe bestraft, die nicht so klug ist, sich einen zweiten Mann aus dem Kreise der Gemeinde, sondern. womöglich aus dem Nachbarort zu holen. Ihr Zukünftiger zahlt gleichfalls Mk. 34.57. 4-. ter-, gesetzten Schändungen jüdischer Friedhöfe mit dem Ersuchen, für Abhilfe Sorge zu tragen. Die religiöse Toleranz ist ein Gradmesser der Kultur eines jeden Staatswesens. Im Kriege machte man keinen Unterschied zwischen Patt eien und Konfessionen. Da gab es nur Deutsche. Unsere jüdischen Mitbürger waren gut genug, Gut und Blut für das Vaterland einzusetzen. Ihr Opferwille stand erwiesenermaßen dem der anderen in keiner Weise nach. Ter Antisemitismus der Nachkriegszeit ist ein trauriges Zeichen eines beschämend niedttgen Kulturniveaus und des gänzlichen Mangels an Solidaritätsgefühl im deutschen Volke. Da, wo er seine niedttgen Instinkte an der Ruhestätte der Toten ausläßt, zeugt er von einer Roheit der Gesinnung, die zu den ernstesten Bedenken Anlaß gibt. Daß diese Schandtaten so häufig von Jugendlichen verübt werden, wirft ein. Licht auf den Gttst, rn dem die Erziehung gehandhabt wird. Im Interesse der Jugend, der Trägerin der deutschen Zukunft, im Interesse unseres Landes, das durch diese Rohheitsdelikte in den Augm der Umwelt aufs schwerste geschädigt wird, ersuchen wir die zuständigen Stellen, hier einzugreifen und Abhilfe zu schaffen." Tie Ortsgruppe Berlin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit hat ebenfalls diesen Kampf zu dem ihren gemacht, sie will unseren jüdischen Mitbürgern Gerechtigkttt verschaffen. Unterstützt daher diese unsere Bestrebungen! Elisabeth Richter, Vorstandsmitglied der Ortsgruppe Berlin der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit. Vorführung der elektrischen Betäubung vor bayerischen Rabbinern Aus Ersuchen: des Verbandes bayerischer israelitischer Gemmüden wurde am 23. November den hier zu einer Konfereiiz versammelten Rabbinern die elektrische Betäubung der Schlachttiere in der Sanitatsanstalt des Schlachthofes vorgeführt. Zu diesen: Zwecke waren die Tiere bereits am 18. d. Mts. unter Aufsicht von Rabbiner Tr. Chrentreu betäubt worden, um zeigen zu können, daß, das elektrische Betäubungsverfahren in der Münchner Form keine schäoigendcn Einwittungen auf bas Tier hinterläßt. Tie Betäubungen wurden den weitgehenden Wünschen der Rabbinerkonfererrz entsprechend vorgesührt. Es mußten die Betäubungen unter den für die Tiere ungünstigsten Umständen borgenommen werden, wie sie in der Praxis beim Schlachten nicht Vorkommen Nichtsdestoweniger lieferten die Betäubungsversnche cm Ergebnis, das die absolute Brauchbarkeit des Verfahrens für die Zwecke des humanen Schlachtens ttnwandfrei erwies. Tie mannigfachen Vorführungen unter Anwendung der elektrischen Betäubung und die vergleichsweise Ausführung der betäubuugslosen Schächtung eines Stieres erregten bei allen Anwesenden großes Interesse. Insbesondere dürfte die Anwendung der elektrischen Betäubung geeignet sein, die viel umstttttcne Schächtfrage in allgenrein befriedigender Weise zu lösen. Zu der Beurteilnng des Verfahrens vom jüdisch rituellen Standpunkte aus wird die Rabbinerkonferenz als solche Stellung nehmen. Ten Vorführungen wohnten alle bayettsichen Rabbiner urrter Führung des Präsidenten des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinde:: Oberlandesgerichtsrat Tr. Neumeyer, sowie auch Rabbiner aus Baden und Württemberg btt; auch Tr. med. S. Lieben, Prag, der seinerzeit die Anregung zur Prüfung der elektrischen Betäubung be: Schlachttteren gegeben hat, war bei den Vorführungen als Berater der Rabbinerkonferenz anwesend. Vom Staatsministettum des Innern waren Ministettalrat Tr. Gasteiger und Oberregierungsrat Tr. Schwind, vom Stadtrat der zuständige Referent, Rechtsrat Tr. Helmrttch, anwesend. Geheimrat Prof. Tr. Mayr von der tierärztlichen Fakultät der Unwersität unter Assistenz von Obettierarzt Tr. Wenger untersuchten die betäubte:: Tiere auf das Vorliegen von Bewußt- und Empfindungslosigkeit. Schla-chthofdirektor Tr. Opel be grüßte die ErsWenenen, worauf Oberingenienr O. Weinberger und Prof. Tr. Müller bas Verfahren in der von der Konferenz gewünschte:: Versuchsanordnung vorsühcten. Nach Abschluß der über drei Stunden dauernden Vorführungen dankte der Vorsitzende der Rabbinerkonserenz Dr. * Freudenthal Nürnberg in anerkennenden und verbindlichen Worten für die Gelegenheit, vas mue Verfahren so ein* gehend kennen gelernt zu haben. Die Zahl der Synagogen in Amerika In der Zeitschrift „Reflex" wttft der Publizist Engel mann nach, daß seit dem Jahre 1925 in den Bereinigten Staaten 67 462 640 Dollar für den Bau von Synagogen ausgegeben worden sind. Noch im Jahre 1919 betrug der Wett sämtlicher damaliger Synagogen Amerikas in der Gesamtzahl von 874 im ganzen 31012576 Dollar. Seit 1924 wurden in den Bereinigter: Staaten 274 neue Synagogen erbaut, davon im Staate New-Iork 77, in Pensylvania 30, in New Jersey 23, in Illinois 19, in Massachusets 17. Die Synagoge, heißt es in dem Aufsatz, hat heute eine andere Funktion im jüdischen Leben; sie ist nicht allein Andachtsstätte, sondern auch Kulturzentrum. (Jta.) Rheinisch-westfälische Rabbinerlagung Tie diesjährige Hauptversammlung der rheinisch-westfälischen Rabbiner fand kürzlich unter Leitung von Rabbiner Tr. Steinthal (Münster) in Köln statt. Bezüglich des Vorschlags. Pflegschaftsbezirke für den Religionsunterricht einzurichten, gelangte folgender Beschluß zur Annahme: „Ter Rheinisch- Westfalische Rabbiner-Verband erblickt in den von Rektor Abraham (Essen) vorgeschlagenen Pslegschastsbezirken einen gangbaren Weg, um alle in einem Bezirk tätigen Lehrkräfte jRabbiner, Volks- und Religionsschullehrer) sowie geeignete Bettreter der Elternschaft zur gemeinsamen Beratung und Förderung des Religionsunterrichts zusammenzuführen. Dagegen hält er die Verwendung der Pflegschafts-Körperschaften zur gegenseitigen Aussicht und Kontrolle bei der geplanten Zusammensetzung für untunlich; er glaubt, eine befriedigende Regelung dieser Frage von allgemein gesetzlichen Maßnahmen oder von Beschlüssen der zuständigen Ausschüsse des Preußischen Landesverbandes erwarten zu dürfen." Ein« eingehende Aussprache über die R ech tsstellung des Rabbiners in der Gemeinde verdichtete sich zu folgendem einstimmigen Beschluß: „Ter Rheinisch-Westfälische Rabbiner-Verband hält an seinem seit Jahrzehnten vertrelenen Standpunkte fest, wonach dem Rabbiner in seiner Gemeinde die seinem Wesen als religiösen Führer der Gemeinde entsprechende autoritative Stellung gesetzlich gesichert werde. Er verlangt daher: 1. Nach einer befristeten Probezeit kann nur eine Berufung des Rabbiners auf Lebenszeit erfolgen. 2. Ter Rabbiner ist Mitglied des Vorstandes. 3. Aenderungen des Kultus und Ritus können ohne seine Zustimmung nicht getroffen wecken." Rabbiner Tr. Kober (Köln) referiette sodann über „Bezirks rabbinate und Rabbinatsbezirke". Das Bestreben, kleine und kleinste Gemeinden im ganzen Lande von Berlin ans zu Rabbiner- und Lehrer-Bezirken zusammenzuschließen, ist auf unüberwindliche Schwierigkeiten gestoßen, nicht nur, weil es an Rabbinern und Lehrern schll, sondern auch, weil die historischen Verhällnisse zu wenig berücksichtigt wurden. Hier müssen die Provinzialverbände Vorarbeit und dauernde Mithilfe leisten. Geldzuschüsse des Landesverbandes müssen abhängig gemacht werden vom Anschluß der zu betreuenden Gemeine an einen Bezirksverband. In solchem muß auch nn Rabbiner seines Amtes walten. Jedem Juden muß die Zugehörigkeit zu einem Rabbinate gesichett sein. Man beschließt daher: „1. Ter Rheinisch-Westfälische Rabbiiwr-Verband wird btt der zuständigen Kommission des Preußischen Landesverbandes dahin vorstellig, daß in unseren Provinzen die Schaffung von Rabbinatsbezirken und Bezittsrabbinaten nur nach Vereinbarung mit dem zuständigen Rabbinerverband erfolgen möge. 2. Ter Rheinisch-Westfälische Verband ernennt aus seiner Mitte eine besondere Kommission für Abgrenzung von Rabbinatsbezirken." Gewählt werden Kober (Köln), Levy (Bonn), Kronheim (Bielefeld). Kurze, aber eindringliche Begründung gab ferner Rabbiner Tr. David (Bochum) seinem Referat und Antrag: „Was können wir gegen die wittschaftliche Notlage weiter Zu 6: Tie Höhe der Unversroreichttt bedeutet es, wenn gar ein ganzes Ehepaar von auswärts sich in die Gerntticke eindrängt. Das brauchte man sich nicht gefallen zu lassen. 180 Mt. wirken sicher abschreckend. Gegen den Inhalt dieser Satzung hatte der zuständige TistttktSrabbiner keine Erinnerung vorzubringen. Auch der Regierungspräsident erteilte die Genehmigung Tamit ist für das Wohl der Gemeinde sicher aufs beste ge sorgt. Ist es nicht schade, daß man anderswo dieser:: Beispiel nicht folgt? Für die Zukunft des Judentums eröffnen sich herrliche Zeiten. — __ I. C. Die volkstümliche jüdifch-deuksche Literatur des Mittelalters und der beginnenden Reuzeit Bon Herbett Loewenstein, Danzig. Tie Inden im Mittelalter. — welche düsteren Vorstellungen wecken diese Worte nicht in uns! Wir sehen unsere Vorfahren durch KurzsichtigkeU der Herrscher vom öffentlichen Leben abgeschnitten und in jeder freien Betätigung ihrer Kräfte gehemmt; Aberglauben unter der Maske des Glaubens gibt sie dem Haß und den bösen Instinkten der Masse preis. Körperlich gebcand:narkt, seelisch gepeinigt und geistig von jeder allgemeinen Ausbildung serngehallen, scheinen uns die Inder: des Mittelalters völlig ans'sich selbst angewiesen zu. sein. So scheint auch ihre Literatur gänzlich von idem Erbe des biblischen und talmudischen Schrifttums zu zehren. Diesen Eindruck erhalten wir aus jeder geschichtlichen Darstellung des mittelalterlichen Judentums aufs Neue; es wird uns zur Klarheit: Bei solchen Verhältnissen konnten wohl auch keine literattschen Beziehungen zwischen Deutschtum und Judentum angeknüpft und -erhalten werden. Und doch ist es eine wenig bekannte Tatsache, daß sogar recht starke ltterattsche Bindungen Juden und Deutsche miteinander verknüpften. Nicht nur die Sprache der literarischen Denkmäler, mü denen wir uns jetzt ein wenig beschäftigen wollen, ist reines oder mü hebräischen Bestandteilen versetztes Deutsch; auch die behandelten Stoffe folgen tu Form! und Gehalt ganz dem Zeitgeschmack des deutschen Mittelalters, und oft hat auch die geistige Einstellung des damaligen Deutschen dem jüdischen Schriftwerk seinen unverkennbaren Stempel aufgckrückt. Mü einem Seüenblick nur streifen wir zunächst Süßkind von Trimberg, einen deutschen Minnesänger und Spruchdichter jüdischer Abkunst (um 1218). Seine uns in der Manessischen Liederhandschrist erhaltenen sechs Gedichte stehen vollständig innerhalb der höftschritterlichen Tradition und sind so nicht volkstümlich zu nennen. Süßkind von Trimberg ist als deutscher Dichter jüdischer Abkunst für Jahrhunderte eine Einzelerscheinung gcklieben, ohne Vorgänger und Nachfolger. Dagegen sind die mittelalterlichen Inden weit mehr von dem breiten Strome der deutschen volkstümlichen Dichtung mügerissen worden. Welche Gattung man da auch herausgre:sen mag, fast alle finden wir in jüdischer Bearbeitung oder Nachahmung wieder: Tie deutsche Gedankenlyrik, wie wir sie in Freidanks „Bescheidenheit" kennen, hat ihre jüdische Parallele in den Sittenbüchern, wie dein „Zuchtspiegel" und dem „Seser middot". Ter deutsche Volksroman und die schwankhafte Kurz-Erzählung findet sich bei den Juden in der ausgckehnten Ma'asse-Lüeratur. Die Arider deutsche:: Fastnachtsspiele erkennen wir in den jüdischen Esther-, Ahasverus- und Jonas-Spielen wieder. Die deutschen Volks- und Gesellschastslieder erklingen ebenso innerhalb wie außerhalb der Ghettomauern. Tie Entstehung solcher Literatur in jüdisch-deutscher Sprache haben wir uns folgendermaßen vorzustellen: Es bestand das Bedürfnis, für die Ungebildeten und vor allem für die des Hebräischen unkmckigen Frauen eine geeignete Lektüre zu schaffen und ihnen Unterhaltung und Belehrung zu bitten. So finden wir in der Hiob-Paraphrase des Abraham ben Samuel (1579): „Un Hab dieses Seser geschrieben m Deutsch, das ist aar gut für die Weiber und das gemein Volk, die nit können Thora lernen...." Oder in einem Ma'asse- Buch von 1602: „Gott jisborach schmau allein die Ghr', Ter hat geholfen mein Begehr, Welches ich mich Hab tanq firgenommen, Zn dinen die Weiber, d:e frommen..." Diese Schriften sind teilweise auch bestimmten Frauen zngeeignet, wie das „Buch der Süten" von 1541, das einer „Toctorin der freien Kunst der Arznei, wohnhaft zu Günsburg" gewidmet ist. Tie uns überlieferte Literatur dieser Art, Handschriften und Drucke, finden wir heute gesammelt in der Münchner Stadtbibliothek, in Berlin, in Hamburg, in der Bibliothek« 1

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