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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-12-09 · 49 (9.12.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
49 (9.12.1927)
Date
1927-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IWchKberaleZeilML Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle '/«jährlich ITC. 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung t Inland 0.25 Für die Mtglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Derauiwortt. Redakteur: Bruno Woyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint sehen Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berti« SV 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3358, 3350 Postscheckkonto: Berlin NW 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Zudeutum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaknon gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gefvottene BouparaillezeUe 0.45 Goldmark, die ReNamezeile ZM Goldmark, bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung- Jnserateaableilung: Berlin SD 4S. Dilhelmstratze 147 (Bergmann: 3353-59), sowie sämtl. Aunoncen Expeditio«. Ar. 49 Berlin, 9. Dezember 1927 7. Jahrgang Schafft Gemeindeabende! Die Malerarbeit hat begonnen. Und schon verkünden auch die liberalen Vereine und Gruppen ihre Programme. Aber nur in den Ankündigungen des Berliner „Nordens" findet sich immer wieder das Wort „Gemeindeabend". Sollten aber nicht alle dazu übergehen, diese Institution als wesentlichen Programmpunkt ihrer Arbeit anzusehen und sie auszubauen? Sollten sie nicht begreifen, daß sie die Pflicht haben, dem „Heimabend" der Jugend etwas Aehnliches an die Seite zu stellen? Damit soll nicht gesagt sein, daß der „Gemeindeabend" des „Nordens" alle Möglichkeiten dieser Institution erschöpft. Aber es ist ein guter Anfang, wenn dem Referat und der Diskussion ernster Gesang vorangeht und edelfröhliche Rezitation folgt. Wollen wir aber weitere Möglichkeiten dieser Einrichtung entdecken, dann müssen wir an grundsätzlichen Bemerkungen die Notwendigkeiten auszeigen, die zu ihr hinführen müssen. Und wieder werden wir zunächst aus dep lebendig gewordenen Gemeinschaftsgedanken zu verweisen haben, der über Verein oder Loge hinaus gerade das religiöse Interesse in neuen Formen auffangen und festhalten möchte. Er will und soll es aber nicht mehr in bloßen Borträgen mit oder ohne Diskussion, von mehr oder weniger Prominenten gehalten, Rednern, die vielleicht an dem Abend des Vortrags zum erstenmal in dem Kreis erscheinen und dann nie mehr gesehen werden, sondern auch der Gemeindeabend soll das Wort „Aktivierung der Gemeinde", der Alten und Jungen, ganz groß aus seine Fahne schreiben. Er soll weiterhin bedenken, daß das vielbesprochene neue Gottesdienst-Interesse der Jugend keineswegs nur ein Interesse dieser ist, daß in so vielen Erwachsenen — wer denkt hier nicht an die Tagung — ganz genau dasselbe Verlangen besteht und daß man neben der gut organisierten jüdischen „Gesellschaft", wie sie der bestehende Gottesdienst darstellt und immer weiter darstellen soll, die freier organisierte „Gemeinschaft" wünscht, die von Zeit und Schema unabhängig sein soll. Es wird immer die geben, die sich dort und immer die andern, die sich hier wohler fühlen. Denn immer werden die auf „Masse" Eingestellten die vom „Persönlichen" Ergriffenen meiden. Und umgekehrt. Sodann ist hier mit ein Weg, um auf ernste und doch volkstümliche Weise die Gedanken, die Morte unserer eigenen Großen unter die Menge zu tragen. Vergessen wir nicht, daß das gesprochene und besprochene und gemeinsam gelesene Wort unendlich mehr wirkt als das still für sich gelesene, vergessen wir vor allem nicht, daß ja für die Auffassung, die wir als Liberale gerade heute wieder von Religion haben, alles von dem Ueberspringen des Funkens abhängt, der einst in den Gestalten, den Schöpfern der Worte lebte und heute noch in diesen Worten steckt. Dieser Funke ist uns die Hauptsache, er soll aus allen Psalmen, allen Reden der Propheten, allen jüdischen Dichtungen, allen Berichten über heldisches Leben aus uns überspringen. Sonst haben wir wohl Kenntnisse, die natürlich auch Gefühlswerte schassen können: Stolzgesühl, Pietät, Bewunderung, kurz jüdische Gefühle.' aber das Letzte ist doch der Lebensantrieb, sonst haben wir Stoffsammlungen veranstaltet, aber nicht Keime zu religiösen: Leben gepflanzt. Was könnte nun, aus diesen Grundlageu fußend, den Gegenstand der Gemeindeabende bilden - wobei der gemüt hafte und gesellige Zweck als selbstverständlich und gar nicht unbeachtlich nicht besonders betont wird, auch Fragen des Gemeindetebens im engeren Sinn, der Verwaltung, als selbst verständliche Themen angesehen werden? 1. Die Predigt. Gemeinde und Prediger sollten die Gelegenheit begrüßen, Fragen der Predigt, die immer nur skizzenhaft auf der Kanzel behandelt werden können, im Hörer oft Zweifel zurücklassen, neue Fragen auregen, Mißverständnisse Hervorrufen — alles dieses zu klären und weiter auszuspinnen. Der Prediger würde das Gefühl bekommen, nicht bloß für den Augenblick gesprochen und „gewirkt" zu haben und nicht nur „erbaut", und der Hörer würde sich daran gewöhnen, schärfer vielleicht als bisher den Gedankengängen des Predigers zu folgen und ihm jedenfalls nicht mehr wie bisher nur die „Schönheit" und das „Herrliche" seiner Worte zu bezeugen. Aber es könnte sehr schnell und leicht aus solchen Diskussionen auch dem Prediger neue Anregung werden, ein neues Thema erwachsen. Er würde viel mehr Einblicke in Menschenseelen nehmen können, als ihm sonst vielleicht möglich. Er würde auch gern von den ihm nun vertrauten Hörern Wünsche für neue Predigten entgegennehmen, er würde zusagen und ankündigen, bei diesem oder jenem Gottesdienst über das gewünschte Thema zu sprechen 2. Quellenschriften. Ueberblickt man die Programme unserer liberalen Vereine, auch der Jlis, so ist man erstaunt, wieviel und wie früh — bei Jugendlichen — immer wieder über die Dinge geredet wird, statt die Dinge selbst sprechen zu lassen. Oder jedenfalls auch die Dinge. Gewiß ist die Durchführung dieser Forderung erschwert, weil es an einem liberalen Quellenlesebuch noch fehlt. Hier müßte nämlich alles zu finden sein, was von der Bibel bis zur Gegenwart an liberalen Stoffen - nur wirklich wertvollen natürlich — dargeboten worden ist. Das ergäbe dann an solchen Abenden eine ausgezeichnete Lektüre und böte Anlaß genug zu Besprechungen. Das Fehlen eines solchen Buches — dessen Herausgabe bei den geplanten „Schriften der Liberalen Vereinigung" berücksichtigt werden sollte — darf aber die Forderung als nicht unzeitig erscheinen lassen. Eine geschickte Hand wird auch jetzt schon die geeignete Beachtet das Bücherangebot in der heutigen Nummer Durch ein Sonderabkommen mit dem Verlag Benjamin Harz ist es «ns möglich, jüdische Bücher der verschiedenen jüdischen Richtungen unsere Lesern zu einem beträchtlich ermäßigten Preise zu vermitteln. Wir hoffen, daß unsere Leser von dieser seltenen Möglichkeit zur Bereicherung ihrer Bibliothek regen Gebrauch machen merden. DerVerlag. Auswahl zu finden wissen. Es muß jedenfalls dahin kommen, daß uns unsere liberalen Führer aller Zeiten mit Namen und mit Kerngedanken ganz vertraute Persönlichkeiten werden. 3. Feierstunden. Ueber diesen Punkt hab.e ich mich wiederholt geäußert. Heute ist man ja bereits zur Verwirklichung übergegangen. Allerdings erst teilweise, weil vor allem die Jugend den Gedanken ausgegriffen hat und die Erwachsenen allenfalls in dem neugestaltcten Gottesdienst im Berliner Norden und jetzt in Berlin-Wümersdorf. Aber es gut — und auch bei der Jugend —- ein Mehr. Nicht auf große Synagogenkonzerte kommt es an — die man gelegentlich auch veranstalten kann —, sondern auf schlichte religiöse Stunden, bei denen aus Wort und Ton „göttliche" Klänge auf uns überströmen. Bald kann sich die Orgel mit dem Gesang zu einer solchen Feierstunde vereinen — wobei Stunde auch wörtlich gemeint ist — bald die Orgel mit anderen Instrumenten. Dann wieder das Wort jüdisch-religiöser Schriften — nicht kunstvoll, aber edel und weihevoll vorgetragen — mit dem Gesang. Und dann wieder mag alles drei abwechseln. Und die Aussührenden sollen in erster Reihe dem Kreis der Gemeinde angehören. Welche Fülle von Möglichkeiten schon allein für Rabbiner und Kantor, die den engen Kreis ihrer Texte einmal verlassen dürfen, Möglichkeiten auch für Dirigenten und Chor, die es freudig begrüßen werden, aus den vorhandenen religiösen Schätzen immer wieder Neues darbieten zu können. Welche reiche Gelegenheiten aber auch, in künstlerischem Rahmen jüdische Gedanken, jüdische Klassiker unseren Geistes zu uns sprechen zu lassen. Gelegenheit weiterhin, das „Wort" aus dem Munde eines nicht berufsmäßigen Tempelsprechers zu vernehmen, das Wort der Schrift — aber auch das des Sprechers selbst. Hier mögen ergriffene jüdisch-religiöse Menschen uns ergreifen, auch die von Amts wegen „Berufenen". Nicht jeder „gewandte" Redner ist natürlich dazu geeignet, ob Mann oder Frau. Hier gilt es, einen eigenen Ton zu finden oder zu haben. Und hier sollte wirklich jeder „sein Herz ausschüttm" können, aber nicht bloß „vor Gott", sondern vor allem „vor Gott". Jeder sollte in der Sprache seines Herzens reden dürfen, und je schlichter und inniger er es tut, desto mehr wird er ergreifen. Hat es doch auch jetzt bei den neuen Jligottesdiensten für den Unbesangeneu und nicht kritisch Eingestellten jedesmal etwas geradezu Rührendes, diese jungen Menschen — Jünglinge und Mädchen — beten, fingen, sprechen, vortragen, spielen zu hören, alle von „ihrem" Gott erfüllt, alle dem Judentum hingegeben. Und ob hier nicht ein Weg liegt, auf dem die so betrüblichen Zustände gerade an den „hohen" Feiertagen am einfachsten überwunden werden? Hat sich ein solcher religiöser Kreis — größer oder kleiner — erst einmal gesunden, wird er sich erade an den Feiertagen seine Feierstunde schaffen wollen, einen Gottesdienst. Wird hier nicht auch der Uebelftand am ehesten überwunden werden können, daß so viele Feiertage für so viele ein Tarso geworden sind? Daß auch für diese Zwecke Worte und Texte und Noten gesammelt und handlich herausgegeben werden müßten, ist klar. Aber wir brauchen ja auch schon längst das jüdische Gesangbuch und — haben es nicht, weil wir nicht im kleinen Kreis damit anfangen, sondern gleich an sämtliche Gemeinden Deutschlands, womöglich der Welt denken. Welch schöne Aufgabe aber für den sangesfreudigen Teil der Gemeinde, diese Gesänge zu pflegen und die Gemeindeabende und besonders die Feierstunden damit zu verschönen. 4. Gegenwartsfragen. Um uns braust das Leben der Gegenwart, und hundertja tausendmal stoßen Religion und Gegenwart zusammen, jede, aber auch unsere eigene Religion. Und unsere „Versammlungen"? Wo sind die Aussprachen über das wertvolle neue Buch, das neue Drama, die neue Musik, das neue Bild, die neue Wirtschaft, die neue Gesellschaft, den neuen Staat, die neue Erziehung, die neue Philosophie, die neue Psychologie, die neue Ethik — sofern religiöse Grundfragen dadurch und in ihnen b/rührt werden? Ja selbst die Aussprache über die religiösen „Neuerscheinungen" selbst? Welcher Gemeindeabend kann jetzt an Freuds „Zukunft einer Illusion" vorübergehen, wo die „irreligiöse Erziehung" gefordert wird, weil Religion für ihn gleichbÄeutend mit „Illusion" ist. Brauche ich zu betonen, daß solche Abende keine Kämpfe im üblen Sinne entfesseln dürfen, sondern immer nur. edles Ringen, auch wo es um Slaatsfragen geht, widerspiegeln müssen? Aber das ist erneut zu unterstteichen, daß wir nur auf diese Weise wirllich lebendig religiös sein werden, daß wir nur so unser Leben zu einem religiösen Ganzen zu gestalten vermögen. Und es wird wirklich unsere, die Religion der Gemeinde wird es sein, die an diesem Abend der Gemeinde zu uns spricht und aus uns, die von sich aus Stellung nimmt, aber zu dieser Stellung nicht durch irgend einen zufällig „veranstalteten" Bortrag hingeführt wird. Gegenwart sollen wir nicht betonen, daß auch das Einfachste daoei gepflegt werden kann, der Zusammenhang mit den äußeren Ereignissen in der ganzen jüdischen. Welt und daß diese notwendige Pflege durch eiusachc „Zcitungsschau", hier und da schon üblich, erfolgen kann? Und in höherem Sinne wieder sollten wertvolle Aufsätze unserer jüdischen Zeitschriften an solchen Abenden gelesen und besprochen werden. Gegenwart - und doch nicht bloß Pflege des „Neuen" und „Neuesten", sondern alles dessen, was auch aus früherer Zeit an großen Gestalten und großen Werken in unsre Lage lebendig hineinraift. Bei allen „Großen" und allen „Werken" aber ist Jüdisches und Nich.ljüdisches, sofern es religiös ist. in gleicher Weise zu berücksichtigen. Das gilt für ixe alte und neue Zeit. 5. Mission Apologetik. Ich denke hier an religiöse Fragen und Glicht an die bekannten antisemitischen. Und gerade der Liberalismus hat hier seine besonderen Aufgaben. Er soll versuchen und bestrebt sein, den freien Juden mit dem freien Christen znsammenzuführen. Tenn eine Aussprache unter ihnen grade wird das Verständnis für unser Judentum, aber damit das'Judentum überhaupt mächtig fördern müssen. Man wird als Christ und als Jude reden und doch dem (Irreligiösen sehr nahe kommen. Man wird erstaunt sein, wie es letzten Endes immer die „Theologie" und das „Gelehrtengezünk" und die „Wissenschaft" und das „Dogma" ist und der ..Wunderglaube", die die Mauer zwischen den Religionen so hoch erscheinen läßt. Aber da, wo der „Mensch" im Juden anhebt und der „Mensch" im Christen ihn hört, da wird man sich verstehen und finden müssen und einsehen, daß uns letzten Endes die Weltgeschichte allein getrennt hat. Laden wir darum zu geeigneten Abenden und besonders zu „Feierstunden" den aufgeschlossenen Christen ein, zeigen wir ihm ein mensch- und weltzugewandtes Judentum, lehren wir ihn. daß das Gesetz nicht unser Wesen ist und unser „Glaube" sich nicht der Kultur verschließt. Beten und lesen und singen wir vor ihm edelstes, unvergängliches jüdisches Gut, reden wir vor ihm von den Dingen der Welt, ringen ivir ^vor ihm um Religion und Erde und Menschheit, und wir treiben Mission im edelsten Sinne, wir gewinnen „Seelen in Gottes Weisheit." Fort mit dem starren, unfruchtbaren Vortragswesen. Werdet aktiv, laßt das Leben herein! Schafft Gemeindeabende — aber nicht als gelegentliche Einrichtung, sondern als festen Tag jeder Woche. Und schafft sie zwar neben den Heimabenden der Jugend, aber doch von vornherein mit dem Ziel, das Wesentliche mit der Jugend zusammen zu leisten. Rabb. Tr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. Main.

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