Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 39-40 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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7. Jahrgang Nummer 39-40?WKbAekM3ÄiM 2. Beilage 4. Oktober 1S27 König Saul M dramailsches Zragment oonVallher Lalheum gottverfluchtes Gut zum Altar schleppen? Opfer? Wer jagt Opfer? So sprich! Hört doch! Vorbemerkung der Redaktion: Am 29. September war der 60. Geburtstag Walther Rathenaus. Zum Gedenken veröffentlicht die von Reichskanzler d. D. Dr. Josef Wirth herausgegebene Zeitschrift „Deutsche Republik" das folgende bisher unveröffentlichte Manuskript von ihm, das Fragment eines dramatischen Versuchs, der wahrscheinlich aus dem Jahre 1910 oder früher stammt. Der Widerstreit zwischen Königsbewußtsein und den Pflichten aus göttlicher Berufung, sittlicher Selbstbestimmung und priesterlichem Auftrag tritt in diesen Szenen als das Problem des Stückes deutlich hervor. «tt I. Königshof in Gilgal. 8»1e tritt auf: Wach auf, Heißwangig mittagschlafcnd Haus! wach aus. Dein Herr kehrt heim. Mägde (schreiend, fahren auf): Weh' uns, der Herr kehrt heim! Aufseher: Wer ist's, der dieses Hofes Frieden mir Zerreißt? Wer schreckt die Mägde, stört Gesind' und Haus? Lote: Botschaft vom König an die Königin! Die Tore aus! Spült Schwelle und Altar, Bekränzt die Pfosten! Wasser in die Tränken, Sand auf den Estrich! Schlachtet, bratet, backt! Botschaft vom König! (Mägde ab, im Fenster die Königin und eine Frau.) Die Frau: Sprich, die Königin vernimmt Dich. »ote: Gruß und Botschaft. Also spricht der König: Ich, König Saul, der Herr in Israel, In Staub Hab' ich getreten Amalek, Zerschmettert Moab und Philistervolk, Geknechtet Ammon. Heute kehr ich heim, * Mit Wagen, Roß und Mannen, Knecht und Geiseln, Ein Siegesfest zu feiern, nun hört In Israel, daß Jahwe staunend. Der alte Himmelsgott, die Feuer zählt, > Die ihm von Bergeshähen ins Auge blitzen. Indes die Opferdämpfe heiß und duftend Die Nacht bewölken und sein Haupt umnebeln. Denn, also spricht der König, stark und froh Ist mir das Herz gestimmt von Krieg und Sieg, Das allzu lang von Sorg' umdüsterte, Wie einstmals, da vom Berg der junge Saul Herniederstieg, sein Königreich zu suchen. Die Frau: Noch einmal sprich, die Königin verlangt's, Bon seinem Herzen, sprich, was sagt der König? Der Bol«: Denn, also spricht der König, stark und froh Ist mir das Herz gestimmt von Krieg und Sieg, Das allzu lang von Sorg' umdüsterte. Wie einstmals, da vom Berg der junge Saul Hernicderstieg, sein Königreich zu suchen. Die Frau: Hab Gruß und Dank, die Königin vernahm's. Bote: Hinab zur Stadt! Den Pfaffen und den Greisen Muß ich des Königs Will' und Botschaft weisen. (Alte Männer haben um das Tor gelungert und treten auf.) Der Eine: Ich sag' es, Serubabel, es ist Botschaft herein, Botschaft vom König. Sie haben Beute, ■ Beute, fette Beule, Ochsen vom Seeland, Schafe von den Wiesen der Philister. Der Zweite: Ein Schälchen von Kupfer, so Gott es will, bringt mein Sohn; ein ehernes Kesselchen bringt er, wenn er lebt, oder einen Becher. Der Dritte: Wer denkt an mich? Wer wird mich erquicken? Mein Aeltester liegt am Wege, Wer begräbt ihn? Heut Nacht, zum Dritten Mal sah ihn die Mutter, Sie heult, wer begräbt ihn? (Andere sind gekommen.) Der Bierte: Hui: Wer heult? Astaroth heult, die Metze der Philister. Dagon frißt Staub, Dagon wälzt sich im Unrat. Jahwe lacht, seine Backen sind rund, Moloch spannt er vor seinen Wagen und schwingt die Geißel. Die Geißel klatscht, sie klatscht, hui, horch, die Geißel klatscht. (Er springt und tanzt. Priester und Rate sind ausgetreten.) Cm wohlhabender Man«: In einer Stunde sagst du? Was sagst du? In einer Stunde? In einer Stunde, sagt er. Nicht vor Abend sage ich dir, das sage ich dir, Nicht vor Abend können sie hier sein. Drei Meilen von hier, kann ich dir sagen, ich habe Nachricht, gute drei Meilen lagern sie. Nicht vor heute Abend. Morgen srüh sagst du? Ich sage dir, heute Abend. Was, Beute? Ja, vielleicht Rinder und Schafe? Beute! Er sagt Beute! Jawohl, auch Gold und Silber und Cedernholz! Nicht wahr, Weihrauch und Gefangene und Elfenbein und Erz und Pferd und Esel! Ist dir.das genug? Beute! Ich sage dir nicht einen Grashalm, nicht ein Weizenkorn, nicht einen Knochen, nicht einen verrosteten Nagel, sage ich dir, rühren sie an. Beute! Was hat der Prophet gesagt? Was hat Samuel, gepriesen sei er, was hat Samuel, unser Prophet geschworen? Verflucht sind die Heiden, spricht Samuel, verflucht ist ihr Gut, ihr Vieh, ihre Weiber, ihre Kinder. Geweiht dem Belial, dem Beelzebuth, dem Asasel. Beute! Wehe dem, der nur den Schatten berührt von dem, was ausgetilgt sein soll vom Angesicht der Erde. Hier steht der Hohe Priester, ich frage dich, Herr, darf Saul, der König in Opfer, Nein! nicht heut, nicht morgen. Nicht ehe Samuel der Diener Jahwes, gelobt sein Name, herabsteigt vom Berge! Hier steht der Hohe Priester; sprich, ich frage dich: Kann Saul, König in Israel, dem Herrn opfern? Samuel, der Prophet, wird opfern! Ruft ihn vom Berge, wartet geduldig, bis daß er kommt! (Rufe: Er ist hier! Samuel ist in der Stadt.) Welcher Narr rust: er ist hier, Samuel ist hier, der Prophet! Fragt den Hohen Priester, hier steht er, fragt ihn, ob Samuel kommt, der Prophet des Herrn, ungebeten, ungeleitet, vom Berge, der Heilige, zu unserer Stadt, zu eurem Markt, zu eurem Opfer! (Man hat Trompeten vernommen, der Lärrn kommt näher.) Was ruft ihr: Der König! Der König! Nicht vor heut Abend, sag' ich euch, nicht vor. (Man zieht ihn beiseite. Rufe der Männer: Ein Kriegsmann ist Jahwe! Rufe der Weiber: Hosiannah! Trompeten. Der Lärm schweigt, Stille...) (Saul, Jonathan, Abner, Hauptleute, Gefolge.) Saul zu Abner: Nein, Urlaub wohl, wir sind es schuldig, doch Entlassen? Nein. Das Heer bleibt kriegsbereit. Hoher Priester: Gesegnet, der da kommt im Namen Jahwes. Saul: Das Kornfeld reift, wir kommen recht zur Ernte, Nun bring ich euch die junge Mannschaft wieder. (zu Abner) Von den Gefangenen, Abner, könnten wir, magst du wohl, Bis etwa hundert in der Stadt belassen, doch keine Ammoniter. Und nicht mehr. (zu den Aeltesten) Die junge Mannschaft. Alle freilich nicht. Wir haben unsere Freiheit schwer bezahlt Und nicht gesichert. Doch ein neues Schwert Ist euch geschmiedet. Seht, der junge König, Der nach mir eure Triften schützen soll. Er ist in heißen Schlachten uns geboren. Wenn dieser, Jonathan, mein Sohn und Erbe, Und einstmals König, euer Glück und Leben So fest in seinen beiden Händen trägt. Wie diese sieben Monat Schild und Klinge, So wird das arme Israel ein Reich, Das mit Aegypten Babylon vermählt Und seine Feinde hinterm Weltmeer sucht. Gemach! Entsetzt euch nicht! Aus hohlen Wangen Und runden Augen les' ich euren Schrecken. Genug! Ich bring euch diesen König heim Und mancherlei Tribut von fremden Völkern, Der langsam, ohne jähen Uebermut An Wohlstand euch und späterhin — nun wohl. Zunächst an Wohlstand euch gewöhnen mag. Weil nun der alte Kriegsgott, Josuahs Verbündeter, noch einmal sich getummelt. Und brav den Heidengöttern standgchalten, - So ist mein Wille, daß noch diese Nacht Ein Feueropfer ihm gen Himmel leuchte. Wie Waldbrand flammend von den blauen Gipfeln, Daß alle Nachbargötter knirschend, stammeln: So wird ein Gott geehrt in Israel. Samuel (steht dem König gegenüber): Wer soll das Opfer bringen, König Saul? Saul: Gegrüßt, Prophet, sei mir, und sehr willkommen! Stiegst du von deinem heiligen Berg hernieder, Den. Sieg zu schauen, der deinen Gott bekräftigt. Wohlan, so magst denn du das Opfer richten. Samt allen meinen Priestern und Leviten. Samuel: Dort, auf der Straße, die dein Heervolk sperrt. Hört ich, so ist mir, denn mein altes Ohr Ist Lärmens nicht gewöhnt, hört ich Gebrüll Von Rindern und Geblök von Schafen. Ist's Der Opserzug, den König Saul bereitet? Saul: Tribut und Beute! Tritt heran zum Tor, Und du erblickst die Schätze Kanaans, Gelagert zu den Füßen Israels. Samuel: Die Schätze Kanaans. Gefang'ne auch? Saul: Dem Heer von Kriegern folgt ein Heer von Sklaven Und mir, dem König, folgt ein Köuigssohn, Von Amalek, als Geisel, doch in Ehren. Samuel: Du höchster Herr des Himmels und des Abgrunds Des Namen ich mit Schauder spreche, Jahwe! Vor dir verhüll' ich mein Gesicht und bete: Laß deinen Feueratem einmal noch Aus deines Knechtes welken Lippen schlagen Und dieses Königs Starrsinn niederschmelzen. Saul, König Saul, vernimm! So spricht der Herr: Verhaßt ist mir der Heiden Blut und Samen Gestank ihr Odem, Abscheu ihr Gebilde! Kein Fuß noch Huf unheil'ger Kreatur Soll Israels geweihte Erde treten. Ihr Gold in Abgrund! Ihr Gerät ins Feuer! Ihr Vieh in Wüsten! Ihr Geblüt der Hölle! Weh' dem, der Greuel mir und Aas und Unrat, Und Abscheu mir aus meinen Altar häuft! Saul: Du lügst! So spricht kein Gott'/ Dich narrt der Dämon. Erröten müßte Molochs Schlangenstirn, Wagt es fein Priester, solchen Zeterruf Dem Feuerrachen zu entlocken. Höre! Und rufe deinem alten Gott ins Ohr, Was Saul, der Anwalt seines Volkes spricht. Sieh! Ich erbarme mich der armen Brut, Die zitternd hier am Felsenrande haust, Auf hartem Boden mit gesenkter Stirn, Des armen Volks, das nie sein Auge hebt Zum blanken Himmel, als im Tränenschleier, Das stumm in Augst sein kärglich Opfer sammelt, Bevor ein harter Fuß die Frucht zerstampft. Und dort, und dort — du siehst die Ebne schimmern Von deinem Bcrgsitz — leuchtend ausgesternt Mit weißen Städten, königlich umfäumt, Vom blanken Meer; doch sahst du niemals dies. Was meine Augen staunend heimwärts trugen: Ein herrlich Volk, so voller Farbigkeit Und heitrem Blüh'n, daß sie als Siegcsbeure (Lachen) Noch göttlicher als wir, die Sieger, blicken. Nun meinst du >vohl, dies reichgestalte Leben Ermorden sollt ich's, dir und deinem Gott Das Herz zu weiden an dem blut'gen Abhub, Und dieses Volk mit Bitternis zu trösten? Ich aber will den heißen Lebcnsstrom Befruchtend über diese Erde gießen, Daß Israel erwachse wie ein Baum, Der Fels und Abhang Libanons beschattet. Die Sonne sinkt. Und in den Ncbeltälern Steigt nun das Schwärmen dunkler Geister auf, Die nachts, du weißt es, um die Dächer schweifen, Und uns die Freude aus den Herzen saugen. Dein Jahwe duldet's. Doch dies Volk ist mein, Furchtlos will ichs, und stark und froh und stolz. Samuel: Mit dieser Hand, du königlicher Tor, Hab' ich dein düstres Lockenhaupt gesalbt, Doch wehe mir, wenn ich des Gotts vergaß. Dies Bolkist Jahwes Volk, nicht deines,Saul! Und wenn es Jahwe, unsrem Gott gefällt, Daß es geknechtet, weggcrafft, geschändet Ties in den Abgrund des Vergessens sinkt. So gründlich von des Lebens Tafel weggetilgt, Daß Gott auch nicht im Zorn sich sein erinnert, So breche ich in meine Knie nieder Und juble, daß mein Schrei, die Nacht hinwegbläst: Gepriesen, Eli, Eli, Adonai, Der uns zum Becher seines Willens heiligt! Denn wisse: Was von Gottes Samen ist, die Sonne dörrt. Und wenn's der Sturm verweht und Fäulnis tötet, Ist also heilig und so sehr unsterblich. Daß Cherubim erzittern vor der Wucht Der Gnade, die dem Staubkorn innewohnt. Fahr hin! Mit deinem Menschenglück! Ein Leid von Gott Ist Adel und dein Heiden st olz Verrat! Zur Erde, Saul, dein Haupt! Daß vor dem Blick des Herrn, wie Märzenschncc vom dunklen Gipfel, Nicht deiner Krone Gold herniedertaue. Darf dieser Psaff, dir Krieg und Sieg verschänden Und rasen wider deine Majestät? Gib meinem Schwert Raum und sein Fluch erstirbt. Dein Schwert fragt viel! Abner (zieht sein Schwert): Zur Hölle Götzenpriester! Jonathan: Bon ihm, mein Herr und Bater, ward dein Reich! Er ist der Gott des Volkes! Saul. O Jonathan! Du machst uns schuldig. (Zu Abner:) Halt! Bei deinem Eide, Zurück das Schwert! Abner: Samuel Nun wohl, so laßt euch ausspein! Ich wills nicht sehn. Ich bin ein Ammoniter. Dem Kriegsmann, der vom Feld kommt, wagt bei uns Kein Psaff in Weg zu treten und kein Gott. (Er geht.) (Was kränkt ihr euren Knecht?) Saul! Jonathan! Ihr habt ihn schwer gekränkt. Ich dank euch nicht die hundert Jammcctage, Die ihr mir spart. Denn seht! Mich treibt der Geist So Schweres noch zu künden, daß mein Auge Kein Licht mehr trinken mag nach diesem Tag Und meine Seele schweigen wird nach diesem Ruf. Vernimm den Gott! Weil du den Sieg aus Jahwes Händen nahmst Und seinen Todfeind an dem Busen nährst. Weil du die Erde Israels entweihst, Weil du den Gott als einen Toren achtest Und lächelnd seine Hand zu meistern wähnst. Weil du, das Gottesvolk in Menschensesseln Zu schmieden, srech nach Jahwes Scepter greifst: Bin ich gesandt, dich, Saul, Sohn Kis', zu richten. Saul: Verräter! Lügenpriester! Satansdiener! Im Sold bist du von Amalek! Gekauft Von Moab! Aus die Folter ihn Und seine Söhne, bis sie schmerzberauscht Die goldnen Sünden heulend von sich speien! Herab von meines Hauses Stufen! Weg Das Volk, das seinen Leib «mknäult! Zu Boden Das Rattennest, das mir den Fuß umzingelt! Samuel: Hinweg! Frei sei der Weg von ihm zu mir! Fünf Schritte zwischen Fluch und Tod! Zwar heute nicht Mißt sie sein Fuß! Doch jetzt, in diesem Nun Verläßt die Gottheit das gesalbte Haupt, Der Himmelsgeist, der um den Reifen wehte. Flammt heim zum Quell; und in den leeren Kreis, Der eben noch voll warmen Lebens brauste, Stürzt sich die Nacht mit schwarzem Flügelschlag. (Das Volk ist zurückgewichen, Saul steht allein.) Nun aber trennet Gott das Eidesband, Des Heeres Panzer, dieses Königsleibes Geweihter Schutz fällt klirrend nieder, nackt. Dem Schwertstreich dargeboten zuckt die Brust Soferne nicht Erbarmens Hand sie hüllt. (Saul wankt. Jonathan stützt ihn.) Saul: Nein! Geh auch du! Verlassen sie mich nun? Recht so! Ich tränkte sie mit meinem Blut. Was eilt ihr? Tretet her und klagt mich an! Dir raubt ich Land und Hof! So sprich, ist's wahr? Dein Weib Hab' ich geschändet. Nicht? So sprich! Du! Deinen Bruder schlug ich! Dir den Vater Warf ich in Ketten! Nein? So sprecht! Klagt an! Klagt alle wider mich! Erpreßt ich allen nicht Euch Geld und Gut? War ich kein falscher Richter? Kein Mörder, Buhler, Feigling und Verräter? Sprecht! bin ichs nicht? Vergaßt ihr's? Wagt ihr nicht Mir eure Klage ins Gesicht zu speien? Nein seht doch! Hundes Hunde! Oh! Ich schäme Mich dieses Volkes! Oh! ich schäme mich! Oh Schande! Abscheu! Schmach und Not und Schmerz! Oh tiefer Schmerz! Oh tiefer Herzenskummer! Sprich weiter! Fluche! Den«, döin Blick ist Fluch! Mir löst dein Haß den Zorn in Wehmut auf! Samuel: O Saul! Einst König du in Israel