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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-04 · 39-40 (4.10.1927) · page 10

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
39-40 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Line Biographie Walther Rachenaus Zum 60. Geburtstage Walther Rachenaus am 29. September erschien die erste authentische Rathenau-Biographie von Ella Federn-Kohchaas im Verlag Carl Reißner, Dresden, die nach persönlichen Aufzeichnungen, Briefen, Tagebuchnotizen und Bekenntnissen aus dem Nachlaß gestaltet ist, den die Familie Rathenan der Verfasserin übergab. UeLer Rachenaus Jugend wird erzählt: Er sollte seinen Militärdienst in einem Infanterieregiment absolvieren, seines ungewöhnlich schönen hohen Wuchses wegen kam er aber zu dm Gardekürassieren. Das war seinem Vater nicht recht, denn erstms war es ein sehr teures Kavallerieregiment, und zweitens war es in diesem feudalen Kreis ganz unmöglich, daß Rathenau als Jude je Offizier werden konnte, und das war damals sein Herzenswunsch. Es war Rathmau auch hier nicht leicht, zu mtsagen. In dem Aussatz „Staat und Judentum" (1911) sagt er: „In dm Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an dm er sich, zeitlebens erinnert: Wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klvsse in die Welt getreten ist und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst chn aus dieser Lage befreien kann." Und in demselbm Aufsatz spricht er von der Unmoral, die darin liege, daß dev Staat eine Prämie auf Religionswechsel, also auf Charakterlosigkeit, aussetze. Denn wäre der Religionswechsel nicht mit äußerlichen, materiellen Vorteilen verknüpft, würden nur sehr wenige Juden aus innerer Ueberzeugung ihre dogmenfreie Religion verlassm und ein dogmatisches Bekenntnis aussprechen. Das aber war die Unmoral deutscher und preußischer Jndenpolitik, daß (ie diese innere Unwahrhaftigkeit prämiierte. Als es galt, den Offizierberuf durch diesen Schritt zu erreichen, mußte Rachenau auf diese Laufbahn verzichten. RathenausAufsatz„HöreJsrael!" — Späte Reue. 1893 übernahm Rathenau die Leitung der Bitterfelder Werke der A.E.G. In dm folgenden Jahren entstanden Aussätze auch jüdischen Inhalts, unter ihnen Nacherzählungen aus dem Talmud und der Aufsatz „Höre Israel!", der im Jahre 1897 veröffmtlicht wurde, und der Rachenaus ganze Entwickelung beeinflußte. Dieser Aufsatz, der aus dem eigenm Leiden 'unter dem Judentum und um das Judentum entstandm war und die Selbstzucht, die Rathenau persönlich übte, mit scharfen Wortm allgemein empfahl, der als Mahnung und Warnung gedacht war, stellte einen Erziehungsversuch dar, der wie alle derartigen unerbetenen Bemühungen auf schärfsten Widerspruch stieß. Trotzdem nahm er chn noch später in die 1902 herausgegebenen „Impressionen" auf. Ob das damals noch ganz aus innerer Ueberzeugung geschah, ob er es! aus einem gewissen Trotz tat, oder ob er sich ehrlich zu den Ansichten bekennen wollte, die er erst Pseudonym ausgesprochen hatte, das läßt sich nicht entscheiden. Jedenfalls war die Wirkung des Aufsatzes eine ganz andere, als Rathenau beabsichtigt und erwartet hatte. Der Aufsatz, der zu einer inneren vom Judentum selbst ausgehenden Bekämpfung des Antisemitismus aufforderte, wurde mißverständliche zur Waffe in den Händen der Antisemiten, während die Juden chn als Beleidigung und unberechtigt scharfen Angriff empfanden. Ms Walther Rathienau reifer und ruhiger geworden war, bereute er selbst Ton und Inhalt dieses Aufsatzes; er zog die „Impressionen" aus dem Buchhandel zurück, damit diese „Jngendslegelei", wie er selbst den Aufsatz in späterer Zeit nannte, der Oeffentlichkeit nicht mehr zugänglich sei. Und solange man sein Urteil und feinen Willen respektieren wird, kann das nicht geändert werden. Im Juli 1914 schrieb er darüber an seinen Freund Schwaner („Briefe", Nr. 137): „Warum das Buch Impressionen" mir fremd geworden ist? Well es mehr Negation enthält, als meinem heutigen Denken entspricht. Der Judenaufsatz war als Mahnung gedacht; in der unglücklichsten Stimmung meiner trübsten Zell wurde er zur Anklage. Anklagen aber ist im Ursinn des Wortes diabolisch; aus Bllterkell wird niemals das Gute kommen, sondern aus Kraft. Heute verstehe ich die Anklage nicht mehr. Du findest in der „Kritik der Zell", wie das Spezialproblem sich menschlich in höheren Synthesen auflöst." Wie die Legende über Rathenaus „Dreihundert" entstand. Im Jahre 1909 veröffentlichte Rathenan einen Aufsatz „Unser Nachwuchs", der für chn — wie es in der Biographie heißt — verhängnisvoll wurde. Es heißt da: „Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents und suchen sich Nachfolger aus ihrer Umgebung." Frank WÄekind, der mit Rathenan befteundet war, machte chm den Vorschlag, mll chm gemeinsam einen „Almanach der Drechundert", eine neue Art „Gotha der Wirtschaft" herauszugeben, für den er den Verlag Georg Müller in Münchm in Aussicht nahm. Rathen.au lchnte dieses Ansinnen ab mit der Erklärung, daß diese erwähnten Drechundert nicht zu fassen seien. Damit war damals die Frage der „Drechundert" für Rathenau erledigt. Aber später tauchte sie wieder auf. Es wurde behauptet, daß Rachenau von „drechundert Juden" gesprochen habe, die die geheime Herrschaft über Europa in Händen hielten, daß er selbst sich zu diesen „Drechundert" gezählt habe. Gegen diesen Satz führte man die heftigsten Angriffe, — natürlich erst, nachdem er in dieser Weise völlig mißdeutet und entstellt war, — und es nützte, wie bei Berfleumdungen und Entstellungen immer, nicht das geringste, daß Rathenau viele Menschen über den wahren Sinn seiner Worte aufklärte. Es ist ein seltsames Bechältnis, daß man bchaupten wollte, gerade Rathenau, der in seinen Schriften den Absolutismus der Plutokratie immer bekämpfte, und der von den Juden, solange er lebte, als Gegner angesehen wurden sollte hier auf einmal die Herrschaft von drechundert Juden akzeptiert und sogar postuliert haben. (Jta.) Me Sicherung des jüdischen Handwerks in Polen Das zur Regelung des gesamten polnischen Handwerks erlassene „Zechengesetz" ist nunmehr veröffentlicht worden und tritt am 15. Dezember in Kraft. Das Gesetz, das auch genaue Bestimmungen über die Ausbildung der Handwerkerjugend enthält, wird im wesentlichen Maße die Zukunft des jüdischen Handwerkerstandes in Polen beeinflussen. — Bon besonderer Bedeutung ist namentlich die obligatorische Verordnung der Gesellenprüfung und die Bestimmung, daß zu derselben nur diejenigen Lehrlinge zugelassen werden dürfen, die drei Jahre in einer Werkstätte gearbeitet und einen sogenannten ergänzenden Fachkursus beendet haben. Angesichts der Tatsache, daß zehnlausende jüdische Lehrlinge sich gegenwärtig in privaten Werkstätten befinden und die durch das Gesetz nunmehr vorgeschriebenen Schulen nicht besuchen, ist die Frage der schleunigen Gründung von ergänzenden Fachkursen für die jüdische Handwerkerjugend in Polen zum dringendsten Problem des polnisch-jüdischen Handwerkerstandes geworden. An einer am 4. September 1927 von der Exekutive des Zentralkomitees der polnischen „Ort"-Gesellschaft einbernfenen Sitzung wurde die durch das neue Gesetz geschaffene Lage allseitig geprüft. Im Hinblick darauf, daß die von den städtischen Magistraten gegründeten Fachkurse infolge des Andrangs der christlichen Lehrlinge und aus sonstigen Gründen den jüdischen Lehrlingen nicht im genügenden Maße zugänglich sein werden, ist an dieser Sitzung der Beschluß gefaßt worden, so schnell wie möglich ergänzende Fachkurse durch den „Ort" zu eröffnen. Auf diese Weise soll der Heranwachsenden jüdischen Handwerkerjugend die Möglichkeit gegeben werden, ihre Gesellenprüfung abzulegen und ihren Berus ungehindert auszuüben. Die ersten ergänzenden Fachkurse wird der polnische „Ort" noch im Laufe dieses Jahres in Warschau, B i a l y st o k und Lodz gründen. Die Zentralverwaltung des „Ort"-Verbandes in Berlin hat gleich nach Erhalt dieser Mitteilung den ersten Betrag für diesen Zweck überwiesen und die nötigen Schritte eingeleitet, um im Budget des Jahres 1928 eine größere Subvention für diese Kurse sicherzustellen. Rabbi jannaj und der Weidenbaum Von Julius Csermely. (Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem Ungarischen von Maurus Mezei, Wien.) Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon — nicht der gleichnamige Rabbi des Pirka Abot, sondern ein Namensvetter aus einer viel späteren Zeit —, dieser Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon also, der in einem Städtchen Nordpalästinas wohnte, wallfahrte alljährlich zu den Laubhüttenfesten nach Jerusalem. Der Tempel existierte schon nicht mehr, die Stätte des Allmächtigen lag bereits seit mehr als hundert Jahren in Trümmern und gerade deshalb, weil der Tempel schon nicht mehr existierte, war es auch nicht mehr Pflicht, nach Jerusalem zu wallfahren; er tat es aber dennoch, daß er sich alljährlich dreimal dorthin begab. Nach Zion, welches ach so arm und klein und traurig geworden war. Und wenn man ihn fragte, warum er es tut, entgegnete er seufzend: „Gebührt nicht der Witwe ein tröstender, teilnehmender Besuch? Und Israels Witwe ist: Zion!" Der Rabbi reiste zu Fuß, bloß sein Diener und dessen Frau begleiteten ihn; er war noch anderthalb Tagemärsche von der Stadt entfernt und er meinte, am Nachmittag des nächsten Tages dort anzulangen, aber bei einem Dorte des Jordantales vertrat ihm der Besitzer einea Meierhofes den Weg. Er war kein Hebräer, und der Besitzer des Meierhofes bat ihn dennoch, nicht um die Welt seinen Weg fortzusetzen. . . wenn ihm sein Leben lieb ist, möge er entweder dort bleiben oder zurückkehren. „Warum?" fragte der Rabbi staunend. „Was kann mir geschehen, wenn ich meinen Weg fortsetze?" „Daß dich Bal-Keesches erschlägt. Sual Bal-Keesches, der Unbarmherzige, der jetzt in dieser Gegend herumstreift. Tag für Tag kommen Kunden: bald hat er hier jemanden ausgeraubtj bald dort und wie man sagt, schrickt er auch vor dem Blutvergießen nicht zurück." „Zurück kann ich schon nicht mehr", sprach Rabbi Jannaj zu dem Mann. „Ich habe bis nach Hause sehr weit und morgen abend beginnt mein Feiertag. Aber gerade deshalb, weil mein Feiertag beginnt, muß ich meinen Weg unbedingt fortsetzen. Wo könnte ich ihn denn sonst feiern? Hier ist kein Tempel." „Du mußt bleiben", sagte beharrlich der Wirt. „Nach den Geboten deines! heiligen Glaubens: wenn von Lebensgefahr die Rede ist, muß auch der Feiertag in den Hintergrund treten. Aber übrigens: du kannst ja auch hier feiern. Einen Palmenzweig, eine Zederzitrone gibt es auch hier, auch Myrthen gibt es in meinem Garten genug, ein Zelt wird dir aber dein Diener anfertigen und du kannst in Frieden darin wohnen." Rabbi Jannaj hörte auf den Wirt, nicht so sehr seiner selbst wegen, als eher seiner Gefährten wegen. Während sich sein Diener an das Aufstellen des Feiertagzeltes machte, sorgte er selbst für, den Feiertagsstrauß, damit dieser nicht fehle. Einen Palmenzweig hatte er sehr bald, auch Zedernzitronen und Myrthenäste fanden sich in Fülle, aber einen Weidenbaum konnte er nirgends finden. Ohne diesen ist aber der Strauß mangelhaft und daher unbrauchbar. „Mein lieber Herr", sprach er zu dem Wirt, „wo kann ich hier in der Gegend einen Weidenbaum finden?" „Einen Weidenbaum, Rabbi?" erwiderte der Wirt. '„Solche wachsen hier wahrlich nicht; ich habe auch noch nie einen gesehen." Rabbi Jannaj glaubte fast schon, daß der Eigentümer des Meierhofes gar kein Mensch, sondern nur der Satan in Menschengestalt ist, der ihn nur deshalb mit solch schönen Worten zurückgehalten hat, damit er den Feiertag nicht so begehen könne, wie es sich gehört. Weil er sich aber der Lehre erinnerte, daß es überhaupt keinen Satan gibt, nur jenen, der in uns selbst wohnt, bat er den Wirt innerlich um Verzeihung und machte sich auf den Weg, um in der Umgebung nach einem Weidenbaum zu suchen. Er wanderte lange kreuz und quer, bis er endlich ungefähr anderthalb Stunden vom Meierhof entfernt, am Ufer einer winzigen Wasserader, den gesuchten Weidenbaum fand. Er dankte Gott, daß er einen gefunden hat und nachdem er vom Baum bereits einige Aeste abgeschnitten hatte, sprach er erleichtert aufseufzend: „Gott segne diesen Weidenbaum, weil er es mir möglich gemacht hat, das Gebot meines Gottes zu erfüllen.“ Aber der Rabbi begnügte sich nicht damit. Er trug Steine zusammen und errichtete um den Baum herum einen hohen Zaun, damit nicht das weidende Vieh oder Hasen seinen Stamm, seine Rinde beschädigen, dann schrieb er den Segen auf ein Stückchen Pergament und heftete das faustgroße Pergament an einen Zweig des Baumes. Rabbi lannaj ben Rabbi Simeon hatte noch in derselben Nacht einen Traum. Er träumte, er sei vor das Bes Din Zeedek, das Gericht, hingetreten und habe sich selbst zweier großer Sünden angeklagt. „Sprich“, sagte der Vorsitzende, „welche Sünde hast du begangen, Jannaj?" „Ich war ungerecht zur Palme, zur Zeder und zur Myrthe. Auch diese haben mir, ganz so wie der Weidenbaum, die Mizwah möglich gemacht und ich habe dennnoch bloß dem Weidenbaum gegenüber dem großen Danke meiner Seele Ausdruck verliehen." „Weiter", sagte der Vorsitzende. „Ich habe aber eine noch größere Sünde begangen, als diese, indem ich von Gott so etwas erbat, was ich nach den menschlichen Begriffen gar nicht hätte bitten dürfen. Ich habe ihn um seinen Segen für den Weidenbaum gebeten, wo doch dieser weder Blüten noch Früchte trägt. Auch sein Holz ist zu nichts zu gebrauchen, womit sollte ihn also der Schöpfer segnen?" Das Bes Din Zeedek, das Gericht, zog sich zur Beratung zurück, dann verkündete es vor Rabbi Jannaj seinen Beschluß. „Daß du dem Weidenbaum deinen Dank ausgesprochen hast, war wohlgetan. Von Palmen und Zedern gibt es ganze Wälder in dieser Gegend, auch Myrthen gibt es so viele, daß sie für zehn Städte genügen würden, aber Weidenbaum fand sich nur ein einziger vor! Was aber das anbelangt, Jannaj, daß du den Schöpfer um seinen Segen für den Baum gebeten hast: kannst du denn wissen und können wir denn wissen, womit Gott segnen kann? Nicht nur mit Früchten oder mit nach Honig riechenden, herrlichen Blüten kann der HERR segnen; der HERR kann auch mit anderem segnen ... Er wird es schon wissen!" Es wurde Morgen, Rabbi Jannaj erwachte. Und kaum hatte er gebetet und mit dem Feiertagsstrauß den Segen gesprochen, kam der Wirt totenbleich zu ihm hineingestürzt. „Rabbi", sprach er keuchend in Todesängsten, „fliehe, denn Bal-Keesches ist hier. Sual Bal-Keesches, der Räuber! Dich sucht er, den Hebräer, der gestern mittags bei dem Weidenbaum war." „Woher weiß er, daß ich dort gewesen bin?" „Die Spuren deiner Füße auf dem Wege haben ihn hierher zu mir geführt . . fliehe." „Es wäre vergebens, denn er würde mich einholen, wohin immer ich auch liefe. Sage ihm lieber, daß ich hier bin ... ich will von ihm selbst hören, was er will? Ich habe weder Geld noch Schmuck ... ich habe nichts. Nur mein Glaube ist mit mir und mein unerschütterlich großes Vertrauen zu Gott." Diese letzteren Worte hatte auch schon Sual Bal- Keesches gehört, denn er war da in das Zelt getreten, nachdem er den Hebräer, den er suchte, hier vermutete. Aber er kam mit leeren Händen zu dem Rabbi; seine fürchterliche Waffe, den Bogen, mit welchem er auch in einer Entfernung von fünfhundert Sching sein Opfer sicher traf, hatte er draußen zurückgelassen. Er verneigte sich tief vor dem Rabbi und sagte: „Rabbi, willst du mit mir zu dem Weidenbaum kommen? Ich hätte dort mit dir zu reden, du heiliger Mann." Er sprach so sanft, daß sich nicht nur Rabbi Jannaj nicht fürchtete, der ja schließlich von Gott einen Schutz erwartete, aber es fürchtete sich auch nicht die Frau seines Dieners und er ging allein mit dem Räuber. „Rabbi", begann Bal-Keesches unter dem Weidenbaum, „ich bin heute früh zu diesem Baum gekommen. Ich wollte hier geraubte Schätze vergraben, wie ich aber die Schrift auf dem Pergament las, daß du deinen Gott um seinen Segen für diesen Baum bittest, weil er es dir möglich gemacht hat, sein Gebot zu erfüllen; wie ich den Zaun sah, den aus Dank, nicht wahr, du errichtet hast, damit nicht das elende Vieh den Weidenbaum beschädige: als ich sah und las, da überkam mich irgendein besserer Instinkt. Ich verglich mich selbst mit dir, den ich bisher nicht einmal vom Sehen aus kannte und ich sprach zu mir: „Wie ganz anders ist doch dieser Unbekannte, als ich es bin! Dieser Unbekannte ist glücklich, daß er ein Gebot Gottes erfüllen konnte; er ist dankbar selbst dem seelenlosen Baum und er bittet für ihn um Segen und schützt ihn besorgt, — ich aber habe Blut vergossen und geraubt, ich war böse und herzlos und es ist mir niemals in den Sinn gekommen, daß gottesfürchtig zu leben: des Menschen Glück sein könne." Aber dein Beispiel, Rabbi, hat mich davon überzeugt: ich möchte gern auf den rechten Weg gelangen, damit auch ich das Glück fühle, sage mir nur vorher: welcher Gott ist denn dein Gott, den ich nicht kenne.“ „Mein Gott?!" rief Rabbi Jannaj und die heiligste Begeisterung machte seine Augen und seine Wangen erstrahlen, „mein Gott, fragst du?" Und er jauchzte gleichsam vor Glück, daß er es sagen konnte: „El rachum wechanun, eerech apajim, werav cheesed weemes, nauzer cheesed loalofim, nausse owon wofeesa wechatoo wenakeh .... Barmherzig, gnädig und geduldig ist mein Gott; langmütig und gerecht ist der einzige Gott; er bewahrt seine Huld bis ins tausendste Glied und vergibt jede Sünde, er hat ein väterliches Nachsehen für jedes Vergehen und jede böse Tat .... Einem solchen Gott zu dienen: ist himmlisches Glück auch schon hier auf Erden!" „Ich werde deinem Gotte folgen, Rabbi, wenn du mich zu ihm führst", sagte Bal-Keesches. „Nimm mich als deinen Diener auf und führe mich . . . ." .... In jener Nacht hatte Rabbi Jannaj ben Simeon wieder einen Traum. Er stand auch zum zweitenmal vor dem Bes Din Zeedek und der Vorsitzende sprach zu ihm: „Nicht wahr, Gott hat jenen Weidenbaum gesegnet! Siehst du jetzt schon, du Jannaj ben Simeon, daß ihn Gott nicht nur mit Früchten und Blüten segnen konnte, sondern auch mit etwas anderem." Diese Geschichte erzählte, so wie sie ist, meinem Vater ein Chossid, der einmal Gast seines Hauses war. Woher er sie genommen hat, weiß ich nicht, denn im Midrasch gibt es keine ähnliche.

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