Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 39-40 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613895-2613934--2432-2619904- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«MMMMM.,*. <*>*«<«» V' werden. Hier gilt es, neben der Unterstützung auch Obdach zu gewähren und sür die Rückbeförderung Sorge zu tragen. 2. Groß ist die Zahl der aus den Großstädten Polens nach Danzig kommenden gelenkten und ungelernten jüdischen Arbeiter iind Handwerker, kaufmännischen Angestellten und Händler, Rabbiner und Lehrer, die von ganz falschen Voraussetzungen und Hoffnungen erfüllt, hier Arbeit und Grwerb zu fiiiden glauben. Auf der Suche nach Beschäftigung verbrauchen sie ihre letzten mitgenommenen Barmittel und falten dann unserer Fürsorge zur Last. Auch hier bedarf es der Verpflegung und Unterstützung bzw. der Rückbeförderung durch uns 3. Ta der Eintritt in das Tanziger Gebiet jedem Polen auch nur mit Personalausweis möglich ist, kommen immer wieder junge Leute nach Tan,zig in der Absicht, sich ihrer Militärpflicht zu entziehen. Viele kommen auch auf unerlaubtem Wege über die Grenze, ohne im Besitz der notwendigen Papiere zu sein, leben hier unangemeldet, können nicht beschäftigt werden, geraten schließlich auf die schiefe Bahn, sitzen hier wochenlang im Gefängnis oder müssen zwangsweise über die Grenze zurückbefördert werden. Zahlreiche Auswanderer, die zu Verwandten, sei es nach Eanada oder Deutschland, wollen, die nach Belgien oder Frankreich zu reisen beabsichtigen, aber nicl;t im Besitz der erforderlichen Papiere sind, kommen nach Danzig in der .Hoffnung, sich diese Papiere hier leichter als in ihrer .Heimat beschaffen zu können. Insbesondere trägt der Umstand dazu bei. daß der Pole in seiner Heimat für einen Paß nach dem Auslände den zwanzigfachen Betrag zu zahlen hat, den er beispielsweise in Danzig zahlen muß, vorausgesetzt, daß er in Danzig sechs Monate wohnhaft ist. Die Folge hiervon ist, daß zur billigeren Beschaffung des Passes ein solcher sechsmonatiger Aufenthalt in Danzig gesucht wird. 5. Namentlich in letzter Zeit sind polnische Staatsangehörige in verschiedenen Ländern, sei es in England, in Frankreich, aus Deutsch-Oesterreich, ja selbst aus Südafrika ausgewiesen und über Danzig nach Polen geschickt worden. Diese Ausgeiviesenen, die zu ihrer polnischen .Heimat weist wenig Beziehungen habet! und sich mit allen Kräften sträuben, dort ihre Existenz aufzubauen, bleiben in den meisten Fällen in Danzig, wo ihnen von uns Rat und Hilfe gewährt werden muß. 6. Schließlich sinh auch alle die Fälle zu erwähnen, wo Individuen, denen in ihrer Heimat aus irgendwelchen Gründen der Boden zu heiß geworden ist und dort eine Strafe zu gewärtigen haben, der sie durch eine schleunige Reise nach Danzig sich zu entziehen suchen. Ein besonderes Kapitel bildet hier die rituelle Ehe mit all ihren Folgeerscheinungen, aus die in diesem Rahmen nicht weiter eingegangen werden kann. All diese Arbeit wird ohne auswärtige Hilfe nur von -er kleinen Tanziger Gemeinde, die rund 1000 Steuerzahler zählt, geleistet. Durch eine angestrengte Propaganda wird innerhalb der Gemeinde die Gebefveudigkeit und Opferwilligkeit unserer Mitglieder aufs äußerste in Anspruch genommen. Seit über einem Jahr finden auch Verhandlungen mit der Warschauer Gemeinde zwecks Organisation einer Wanberfürsorge in Polen statt, aber unsere Bemühungen sind nach dieser Richtung ohne Erfolg geblieben. Auch im übrigen ausländischen Judentum haben unsere Arbeiten zum Teil wohl Beachtung, aber keine materielle Unterstützung erfahren. Andererseits können wir berichten, daß u-nsere Bemühungen bei den hiesigen städtischen Behörden sowohl wie auch beim polnischen General-Kommissariat in Danzig von.Erfolg gekrönt gewesen sind. Wenn wir auch von diesen keine materielle Unterstützung.erhalten, so ist doch durch Eingehen auf unsere Bestrebungen eine gute Zusammenarbeit erfolgt. Es sei zum Schluß nochmals betont, daß die Tätigkeit der jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle in Danzig, die wie aus der Lage der Dinge geschlossen werden muß, mit Sicherheit immer größeren Umfang annehmen wird, nicht aus die Dauer von uns allein geleistet werden kann. Es wäre tief betrübend^ wenn ihre Tätigkeit aus Mangel an Mitteln beschränkt oder gar eingestellt werden muß. Jüdische internationale Hilfe tut dringend not, und diese Hilfe kommt letzten Endes Nichts all den Armen und Bedürftigen, sondern auch dem gesamten Judentum zugute. Nächste Wellkonferenz des liberalen Judentums in Berlin Tagung des liberalen ^Mtknratoriums in London. Das Kuratorium des Weltverbändes des liberalen Judentums (World Union for Progressive Judaism), welches von der im Juli 1926 in London abgehaltenen internationalen Konferenz des liberalen Judentums gewählt und mit der Organisierung des liberalen Judentums in allen Ländern der Welt betraut worden ist, hielt in London eine Tagung ab. Es nahmen an derselben teil: aus Amerika A. Leo Weil: aus Deutschland Prof. Dr. Elbogen, Rabbiner Dr. Seligmann, Heinrich Stern und Bruno Woyda; aus Indien David Reubcns aus England Glaube G. Montefiore, L. Jacob, Rev. M. L. Perlzweig und die Sekretärin der Union Miß Lily Montague, Rabbiner Dr. Nathan Kraß vom Tempel Emanuel in New Pork wohnte der Beratung als Gast bei. Es wurde beschlossen, die nächste internationale Konferenz des liberalen Judentums Ende August 1928 in Berlin abzuhaltcn. Damit wurde einem Wunsche der deutschen Vertreter entsprochen. Es wurde ein engeres Komitee zur Ausarbeitung der Einzelheiten des Programms eingesetzt. Die Konferenz soll zn einer Kundgebung des liberalen Judentums gestattet werden, in der die Grundprinzipien des religiösen Liberalismus und dessen Ethik dargelegt werden. Es wird darin besonders auch auf die Rolle des Judentums im täglichen Leben und auf s einen Einfluß auf das soziale Leben Bezug genommen werden. Gegenstand der Beratung wird auch das Thema Religion und Jugendbewegung sein. Der Versammlung lagen Berichte über die religiös-liberale Bewegung in Amerika, England, Deutschland, Frankreich, Indien, Australien, Südafrika, Polen, Belgien, Italien, Schweden und Palästina vor. r~ I* Aus den Gemeinden 3 * Berlin. (33 om Preußischen Landesverband.) Von der Presseabteilung des Preußischen Landesverbandes geht uns folgender Bericht zu: Am 18. September ds. Js. fand unter dem Vorsitz des .Herrn Rechtsanwalt Heinrich Stern eine Sitzung des ständigen Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt, lieber die Tätigkeit des Rates seit der letzten Verbandstagung referierte Herr Dr. Jsinar Freund ausführlich. Er machte insbesondere ins Einzelne gehende und interessante Ausführungen über die Staatsbeihilsen, die Schächter-Ausbildung, das Normalstatut für die Gemeinden und den Schächtschutz. Von einzelnen Mitgliedern des Rats wurden ferner über ihre besonderen Arbeitsgebiete Berichte erstattet. Verschiedene wichtige Fragen wie Stand des Judengesetzes und der Reichsorganisation, Sonntagsruhe in jüdischen Organisationen, Aenderung der Verfassung des Landesverbandes wurden eingehend beraten, ohne daß endgültige Beschlüsse gefaßt werden konnten. Ausführliche Bestimmungen über die bisherigen Arbeiten der Subventionskommission und die Einrichtungen der neugegründeten Schächterschule wurden vorgelegt. Anträge mit Bezug auf die bevorstehende parlamentarische Beratung des Reichsschulgesetzcnt Wurfes waren von allen Fraktionen eingegangen und wurden eingehenden Beratungen unterzogen. Es wurden keine Beschlüsse gefaßt, aber die gründlichen Aussprachen brachten eine Fülle von Anregungen und Forderungen) die dem Rat als Material überwiesen wurden. Ein Antrag der jüdischen Volkspartei, der Rat möge bei der zu erwartenden ^.gesetzlichen Regelung der Schulpflicht dahin wirken, daß sich der Schulzwang auch auf Kinder von Ausländern und Staatenlosen erstrecke, wurde angenommen. Die zukünftige Versorgung der Gemeinden mit Religionslehrern und Kantoren, deren Ausbildung und Besoldung, wurde ausführlich erörtert. Es wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß iveder die jetzt in Berlin im Ausbau befindliche Lehrerbildungsanstalt, noch die Pädagogische Akademie in Frankfurt u. M. geeignet sein werden, dem bestehenden Mangel an Lehrern und ^Kultusbeamten abzuhelsen. Nöuc Wege zur Lösung dieser Aufgabe ivurden besprochen. In einem Bericht über die in Berlin im Sommer ds. Js. eingerichtete Schüchterschule teilte Herr Galewski auf Anfrage mit, daß Ane Beschäftigung der in dieser Schule herangebildeten Schächter als Lehrer nicht in Frage käme. Die Zöglinge dieser Anstalt sollen auch der Kantorenschule überwiesen werden, um ihnen zn ermöglichen, auch den Dienst als .Hilfskantoren zu versehen. Die Erhöhung der Lehrergehälter aus die volle Gruppe 7 der Reichsbesoldungsordnung und zlvar einschließlich der vollen Familien- und Kiuderzulagen ist geplant» konnte aber bisher wegen Verzögerung der Auszahlung der Staats beihilfe», die für 1927 28 vom Preußischen Landtag beivilligt worden sind, leider noch nicht ganz durchgesnhrt werden. Von der liberalen Fraktion wurde ein Antrag eingereicht, der eine Stellungnahme des Rates zur Frage der Abfindung der Standesherre» für Judenschutz-Abgaben, deren parlamentarische Behandlung bevorsteht, zum Ziele hat. Ein entsprechender Antrag wurde von Mitgliedern der verschiedenen Fraktionen angenommen. Je dev nächsten Sitzung des Rates ivird über diese Angelegenheit bereits, verhandelt iverden. Ueber den bisherigen Stand der Einrichtung von BezirkSrabbinaten ivnrde berichiet. Tie Besetzung einiger BezirkSrabbinate steht bevor. Es ist zn ertvarten, daß — gemäß dem Wunsche aller Fraktionen weitere BezirtSrabbinate in absehbarer Zeit eingerichtet werden. Zur Abänderung des Normalstatuts für die Gemeinden, das von einer Unterkommission des Rechtsausschnsscs versaßt ivorden ist, lagen verschiedene Anträge vor, die ebenfalls durchbcraten und dem Rat zugeleitet ivurden; auch über diese Abänderungen, deren wichtigste das gleiche Wahlrecht beider Geschlechter nach dem Verhältniswahlrecht und Unabhängigkeit desselben von der Staatsangehörigkeit festlegt, ivnrde unter den Parteien volles Einverständnis erzielt. Erst gegen Abend tonnte die Sitzung, die mancherlei nützliche Anregungen und klärende Aussprachen gebracht hatte, geschlossen iverden. Berlin. (Vergebung des Palästina-Stipendiums der Jüdischen Gemeinde.) Der Schulvorstand der jüdischen Gemeinde hat beschlossen, das alljährlich einem Lehrer für die Reise nach Palästina zur Verfügung zu stellende Stipendium für dieses Jahr Herrn Lehrer Abraham zu übertragen. Herr Abraham befaßt sich seit Jahren mit der Pädagogik des hebräischen Unterrichts. Ihm soll Gelegenheit gegeben werden, in Palästina die lebende hebräische Sprache und ihre Ünierrichtsmethoden zu studieren. Berlin. (Zum 8 0. Geburtstag des Reichspräsiden t e n.) Aus Anlaß des am 2. Oktober stattfindenden 80. Geburtstages des Reichspräsidenten v. Hindenburg werden die Gemeinderabbiner am Sonnabend, den 1. Oktober, in der Lithurgie des Geburtstages deS Reichsobcrhauptcs gedenken. Zur Aufwertung der bei der Gemeinde bestehenden Stiftungen und Fonds für die Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen sollen 50 000 Mark als Hindenburgsonds bereitgestellt iverden. Breslau. (Verfahren gegen einen antisemitischen L a n d g e r i ch t s r a t.) Der Landtagsabgeordnete Herrmann (Breslau) hat dem Preußischen Justizminister Dr. Schmidt von dem folgenden Vorfall Kenntnis gegeben: „...Am 23. September 1927 suchte ich um t/410 Uhr abends die angesehene und solide Weinstube von Schroeder (in Breslau) auf. ...Gegen 11 Uhr rief Herr Landgerichtsrat Gellin irgend ettvas Beleidigendes über die Juden laut in das Lokal. Es ist wegen der allgemeinen Unterhaltung und der spielenden Musik nicht möglich gewesen, diese Beleidigung einwandfrei sestzustellen. Da aber daraufhin sofort Stille in dem kleinen Raume entstand, war das Nachfolgende, mit überlauter Stimme und ohne jede Veranlassung Gerufene deutlich zu verstehen. Herr Landgerichtsrat G. schrie: „Das Berliner Tageblatt ist das größte Schundblatt! Es ist ein ganz gemeines Judenblatt! Es wird nur von Juden geschrieben! Ein solches gemeines Judenblatt dürste gar nicht geduldet werden! Es tut mir leid, daß es noch existiert! Alle Juden sind Betrüger! Mir können sie gar nichts tun! Juden sind immer aggressiv!" usw. Ich bin daraufhin an den Tisch getreten, da ich erfahren hatte, daß der Beleidiger Richter sei und habe ihm in höflicher Form folgendes erklärt: „Ich bin Mitarbeiter des „Berliner Tageblattes" und nehme an diesen Beleidigungen einer angesehenen Zeitung Anstoß und bitte, zwecks Austausches unserer Namen, in den Vorraum des Lokals zu kommen." Herr G. hat dies unter persönlichen Beaus auswärtigem Gebiet, zum Bau von Festungen, Unterhalt und Bewaffnung unseres Heeres. Woher soll denn das Finanzministerium die Mittel für alle diese Ausgaben nehmen? Ist unser Kredit sctwn durch die in der letzten Zeit getroffenen Maßnahmen erschüttert worden, so müßte man noch viel traurigere Folgen von der Vcrtvirklichung des eingebrachten Entwurfs ertvarten. Gegen diese außerordentlich beengenden Maßnahmen würde den Juden nur ein einziger Ausweg bleiben, — aus Rußland auszuwandern. Es wäre dieses eine Wiederholung der Verbannung der Mauren aus Spanien. Bunge fügt hinzu, daß er die Juden durchaus nicht mit den Mauren vergleiche, welche ihnen in moralischer Hinsicht weit überlegen seien. Nichtsdestoweniger aber müßte eine Auswanderung der Juden ins wirtschaftliche Leben Rußlands außerordentliche Verwirrung tragen. Andererseits müsse aber auch die Gerechtigkeit im Auge behalten iverden. Man darf keine Rechte, um wen es sich auch handeln möge, durch provisorische Maßnahmen beschränken, die nicht aus dem üblichen Wege der Gesetzgebung ausgcarbeitet, sondern flüchtig im Ministerkomitee beraten werden. Es ist zweifellos, daß die Juden sich verschiedene Mißbräuche zu Schulden kommen lassen, die namentlich dort fühlbar werden, wo die jüdische Bevölkerung zusammcngedrängt lebt. Aber die schon bestehenden Gesetze enthalten viele beschränkende Bestimmungen über sie, die dennoch nicht zur Ausführung gelangen. Man müßte also damit beginnen, die bestehenden Gesetze zu erfüllen und wenn sie sich als ungenügend erweisen sollten, diese Gesetze weiter entwickeln und ergänzen, aber durch sorgfältig überlegte und reiflich im Reichsrat beratene Gesetze und nicht durch irgendwelche provisorische Maßnahmen. Diese Rede machte — berichtet Peretz weiter einen großen Eindruck aus die Mitglieder des Ministerkomitees, Jgnatjew wurde ettvas verwirrt und erwiderte, eine allgemeine Revision der die Inden betreffenden Gesetze würde sehr viel Zeit verlangen, während die Mißbräuche der Juden, die man „als Igel bezeichnen kann, welche « das Blur der ehrlich arbeitenden Bevölkerung saugen", unaufschiebbar te Annahme gewisser Maßnahmen verlangen, welche die bestehenden Gesetze ergänzen. Besonders notwendig sei das Verbot den Juden, Grundeigentum zu Laude zu kaufen oder zu pachten, denn da seien die Juden „wahre Blutsauger". Darauf nahm das Wort der damalige Reichskontrolleur Soljsky, welcher erklärte, er sei mit Bunge fast vollkommen solidarisch. Er fügte abcr_ noch hinzu, er halte es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß den Juden gegenüber die Regierung gegcnivärtig kaum richtig handele. Einige Presseorgane treiben eine förmliche Judenhepe. Als natürliche Folge dieser Hetze fanden in den südlichen und westlichen Gouvernements die sogenannten Judenpogrome statt, bei denen Millionenwerte jüdischen Eigentums zerstört wurden und oft auch die Juden selber leiden mußten. Das alles geschieht, wenn nicht mit Erlaubnis, so wenigstens mit Wissen der Regierung, denn das Ministerium des Innern, welches sowohl die Presse, als die allgemeine Sicherheit verwaltet, bleibt einfacher Zuschauer der Unruhen. Soweit bekannt ist — sagte Soljsky —, sind den die Hetze gegen die Juden betreibenden Organen keine Verwarnungen erteilt ivorden, ebenso sind auch die Polizeibeamten nicht zur Rechenschaft gezogen worden, welche die Judenpogrome zugelassen hatten. Dabei ist die Untätigkeit der Polizei oft empörend. Soljsky zitierte hier eine Korrespondenz in einer Zeitung, die damals in Petersburg erschien, dem „Golos", in welcher der letzte Pogrom geschildert worden war. Jgnatjew unterbrach ihn hier mit den Worten: „Kann man sich auf einen nichtssagenden Zeitungsartikel berufen?" Soljsky erwiderte daraus, die Sache sei so wichtig, daß eine Untersuchung notwendig sei. Hat der Korrespondent Unrecht, so müsse er zur Rechenschaft gezogen und der Inhalt seines Berichtes im „Reichsboten" dementiert iverden. Hat er aber Recht, so müssen gegen die schuldigen Verwaltungs¬ und ^Polizeibeamten die strengsten Maßnahmen ergriffen werden. „Die Juden — erklärte Soljsky — sind ebensolche russischen Untertanen, wie alle übrigen, und die Regierungsorgane sind verpflichtet, sie vor verbrecherischen Anschlägen aus ihr Leben und Eigentum zu schützen." Graf Jgnatjew erwiderte darauf, er habe schon eine Untersuchung angeordnet und den Beamten, die sich als nicht energisch genug erwiesen haben, geraten, einige Zeit auf Urlaub zu gehen, bis sich die Gemüter beruhigen würden. Diese Erklärung rief allgemeinen Unwillen hervor. Soljsky rief laut aus: „Das ist bei weitem ungenügend, die Schuldigen müssen bestraft und es müsse zur allgemeinen Kenntnis mitgeteilt werden, daß die Regierung derartige Gesetzlosigkeiten nicht dulden werde." Darauf trat allgemeines Schweigen ein. Der Vorsitzende des Ministerkomitees, Graf Reutern, resümierte dann die Debatten und sagte, niemand hätte den Gedanken verteidigt, die vom Minister des Innern vorgeschlagencn Maßnahmen seien notwendig, während im Gegenteil sehr wesentliche Einwände gegen sie ausgesprochen worden sind. Das Ministerkomitce komme also zum Schluß, es sei unmöglich, diesen Entwurf zu bestätigen, sondern die bestehenden Gesetze müssen durchgesührt, bezw., wenn es notwendig ist, ergänzt werden, aber nur auf dem gewöhnlichen Gesetzgebungsweg durch den Reichsrat. Ter Minister des Innern hat seinerseits erklärt, fuhr Reutern fort, es sei unumgänglich, den Juden sofort den Erwerb und die Pacht von Grundeigentum zu Land zu verbieten, wo sie nach seinem Ausdruck wirkliche Blutsauger sind. Ein solches Verbot kann aber nur auf regelmäßigem gesetzgebenden Wege getroffen werden. Das Ministerkomitce könnte höchstens dem Kaiser Vorschlägen, als vorübergehende Maßnahme zu befehlen, vorläufig keine Akte über Er- »ucrb oder Pacht von Grundeigentum durch Juden bis zur Lösung dieser wichtigen Frage abschließen zu lassen. Weiter könne nichts geschehen. Es müsse auch die Aeußerung des Reichskontrolleurs Soljsky berücksichtigt iverden. In der Tat bleiben die Regierungsbehörden angesichts der offenen Hetze gegen die Juden untätig. Das dürfe nicht zugclassen werden. Man müsse jeden gegen ungesetzliche Anschläge schützen. „Heute - sagte Reutern — hetzt man gegen die Juden und raubt sie aus. Morgen kann die Reihe an die sogenannten „Kulak's" (wörtlich Fäuste, — mit diesem Ausdruck werden in Rußland im Dorf reiche Ausbeuter bezeichnet), die moralisch dieselben Juden sind, nur christlicher griechisch-orthodoxer Konfession, - später können vielleicht Kaufleute und Gutsbesitzer an die Reihe kommen. Mit einem Wort, bleiben die Regierungsorgane auf diese Weise untätig, so kann man in der nächsten Zukunft die Entwicklung des allerfürchterlichsten Sozialismus erwarten." Um das zu verhindern, muß man kategorisch erklären, daß die Regierung keinerlei Judenpogrome dulden werde, sondern im Gegenteil sowohl diejenigen bestrafen werde, die sich an ihnen beteiligen, als auch diejenigen Regierungsbeamten, die in Fällen derartiger verbrecherischer Anschläge untätig bleiben. Gegen dieses Resümee des Vorsitzenden wurde kein Einspruch erhoben. Jgnatjew schwieg, auch seine Gesinnungsgenossen schwiegen, — damit war die Sache zu Ende. Es wurde darauf erzählt, daß Jgnatjew abends bei sich zu Hause gesagt habe, er hätte zwar einige Zugeständnisse machen müssen, hätte aber im wesentlichen alles erreicht, was er wollte. Die Mitglieder des Ministerkomitees nannte er Redakteure des „Golos".*) Soweit die Schilderung der Sitzung bei Peretz. Jgnatjew hatte allerdings Recht, zu sagen, daß er alles erreicht hat, was er wollte. Denn obwohl, wie der Bericht zeigt, das Ministerkomitee sich gegen ihn ausgesprochen hat, und zwar auf Grund von Argumenten, die man unmöglich als judenfreundlich bezeichnen konnte, wurde der Entwurf doch zum Gesetz, da der Zar Alexander IN. ihn unter« schrieb. Auf diese Weise entstanden n.'ue Rechtsbeschränkungen der Juden, welche das Leben der im Ansiedlungsrayon znsammengeserchten jüdischen Massen zu einer wahren Hölle machten, unter diesen Massen eure Pauperisierung hervorgerufen haben, welche ihr wirtschaftliches Niveau zu dem niedrigsten in der Welt machte. Wie wenig Jgnatjew dabei wirklich daran glaubte, daß die Juden Blutsauger ustv. seien, wie er sie in der Sitzung bezeichnete, bewerft wohl am besten der Umstand, daß, wie wenigstens allgemein erzählt wurde, er selber auf seinen Gütern, die im Ansiedlungsrayou lagen, kurz vor dem Inkrafttreten des Gesetzes mit jüdischen Pächtern langfristige Kontrakte abschloß und auf diese Weise selber das Gesetz umging, welches angeblich im Interesse des Volkes erlassen wurde. Jgnatjew war ein skrupelloser Intrigant, dem jedes Mittel gut war, um sein Ziel zu erreichen. Wegen seiner Lügenhaftigkeit wurde er während seiner Amtstätigkeit als Botschafter in Konstantinopel „Menteur - Pascha" (Lügenpascha) genannt. Bei der damaligen Konjunktur in Rußland, bei der beginnenden Herr«' schast der Gedankengänge PobjcdonoszcwS, war die Verfolgung der Juden ein brauchbares Mittel, um sich an der Macht zu erhalten. Dieses Gesetz sollte beweisen, daß er den „Geist der Zeit" versteht und sollte seine Stellung befestigen. Aber Jgnatjew gelang dies übrigens nicht, denn infolge eines anderen taktischen Fehlers, den er gemacht hat, mußte er schon im Mai 1882 als Minister des Innern seinen Abschied nehmen. Sein Nachfolger wurde Graf Dmitri Tolstoi, der noch reaktionärer als Jgnatjew war, aber wenigstens seine untergebenen Beamten zu zwingen verstand, bei Pogromen doch nicht untätig zu bleiben. Sie härten auch daraus für eine Reihe von Jahren auf. Die „provisorischen Maßnahmen" aber des Grafen Jgnatjew erwiesen sich als sehr dauerhaft. Sie blieben mit nur unwesentlichen Aenderungen, bis zur Revolution 1917, die den Juden die Gleichberechtigung und Abschaffung aller gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze in Rußland brachte (durch ein Dekret der ersten provisorischen Regierung vom 21. März (3) April) 1917), in Kraft. ' I. L e w i n. *) Die Zeitung „Golos" galt damals als Organ der liberale» öffentlichen Meinung.