Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 39-40 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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angenommene Jewijh-Agency-Resolulion, öle im ersten Absatz besagt, daß dir „dauernde Verstärkung der Alijah, Auslosung des Bodens als Bolksbesitz, landwirtschaftliche Kolonisation ans Grund der jüdischen Arbeit, hebräische Sprache und Kultur", in der Konstitution der erweiterten Jewish Agency zu verankern sind, und die dann im zweiten Absatz fortfährt!:/ „Ebenso muß in der Konstitution der erweiterten Jewish Agency festgelegt werden, daß der Präsident der Zionistischen Organisation in jedem Falle Präsident der Jewish Agency ift. Weltreligion. Wir können an dem zionistischen Aufbauwerk nicht teilnehmen. Alles Zureden, die Gründung immer neuer „neutraler" Fonds und Organisationen, selbst Aufrufe, die uns über unsere „heiligste Pflicht" glauben belehren zu müssen, können uns nicht umstimmen. Wir wollen nicht unser geistiges Zion mit dem räumlichen Palästina verknüpfen. Uns scheint die Loslösung der jüdischen Religion vom Boden Palästinas kein bedauerlicher Zufall der Weltgeschichte, sondern ein sinnvolles Geschehen. Dadurch wurde der Untergang der jüdischen Nation bedingt und das Fortbestehen des Judentums als Weltceligion ermöglicht. Als treue Bekenner des Judentums sehen wir eine Gefahr für den Fortbestand unserer religiösen Gemeinschaft im Zionismus, der den Gang der Geschichte zurückrevidicren möchte. Jüdische Pflicht ist es da für uns, zu warnen und drohendes Unheil abzuwehren. Wir teilen nicht den, religiösen Pessimismus, der heute weite Kreise der Judenheit ersaßt hat und ihnen nun die Schaffung eines jüdischen. Kulturzentrums erwünscht erscheinen läßt. Wir teilen diese Auffassung nicht, einmal weil wir wissen, daß noch nie in der Welt ein Kulturzentrum „geschaffen" wurde, dann aber vor allem, weil wir die ewigen Wahrheiten der jüdischen Religion nicht nur für eine Macht der Vergangenheit, sondern auch für eine Macht der Zukunft halten. Unser Judentum besitzt ein Zentrum des Geistes, Gott. Und es benötigt zu seiner Erhaltung nicht noch als Zentrum ein Stück Land. So kommen wir aus jüdischen Gründen zur Ablehnung des Nationaljudentums, um der Erhaltung unseres Judentums als Wellreligion willen. Bruno Woyda. Die Trauerfeier für Austizrak Leo Lilienlhal Am Freitag, den 23. September, fand aus dem Friedhof in Weißensee die Trauerseier für den verewigten Justizcat Leo Lilieuthal statt. Zahlreiche Mitglieder der Berliner Gemeinde hatten sich in den Vorräumen zur Alten Halle eingcsundcn. Die Preußische StaatSregierung war durch den Ministerialdirektor Geheimrat Paul, das Berliner Polizeipräsidium durch den Polizeivizepräsidenten Tr. Weiß, der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde m Berlin durch seinen Vorsitzenden Justizrat Tr. Max Chodziesner vertreten. Aus Frankfurt a. M. war der Vorsitzende der dortigen Gemeinde Justizrat Blau erschienen Die Verwaltung der Berliner Gemeinde war durch fast alte hier anwesenden Vorstandsmitglieder und Repräsentanten vertreten. Rabbiner Tr. Leo Baeck zeichnete das Lebensbild des Verewigten in großen Strichen, sprach von seiner Liebe zum Recht, von dem Kampfe für das, was er für erstrebenswert hielt und von den außerordentlichen und seltenen Charaktereigenschaften des Verblichenen. Leo Lilieuthal blieb allezeit einer der Jungen in feiner Partei. Er hatte den Mut zur eigenen Meinung, ihn charakterisierte der Wille zur letzten Deutlichkeit. Einzigartig war dieser Mann, einzigartig in seiner Klugheit und in der Güte seines Wesens. Für die Berliner Gemeinde und den Preußischen Landesverband sprach Kammergerichtsrat Leo Wolfs. Mit Leo Lilienthal ist der gute Geist der Berliner Gemeinde hingegangen. An ihn hat man sich gewandt, wann immer die Berliner Gemeinde eines wohlbedachten Beraters bedurfte. Tie Berliner Gemeinde trauert um einen ihrer besten Söhne- In allen Körperschaften arbeitete er für das Gedeihen des deutschen Judentums. In der Geschichte dec Berliner Gemcuidc nnrd Leo Lilienthal einen .ehrenvollen Platz «einneymen. - - Für die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, deren Zögling der Verstorbene war, und derem Kuratorium er bis zu seinem Lebensende angehörte, sprach Professor Gotthold Weil. Für den Freundestreis Mach Gehcimrat Oberneck. Justizrat Bl a u -Frankfurt a. M. sagte, die gesamte deutsche Judenheit traure mit Berlin um Leo Lilienthal. Im Namen der Beamten der Berliner Gemeinde nahm Tr. Lamm von dem Verewigten Abschied Julius Bab, een Schwager Lilienthals, zeichnete ein Bild des Menschen Lilienthal. - Nach dem vom Oberkantor D a - vidfvhn vorgetrngencn. „El mole" geleitete -ein reiches Gefolge den Sarg hur Ehrenreihe, wo die Beisetzung erfolgte. Unsere Trauer um Leo Lilieuthal Auf dem alten Friedhof in der Schönhauser Allee, dessen jüdisches Charakteristikum von einem längst entschwundenen patriarchalischen Berlin kündet, haben wir von Leo Lilienlhal Abschied genommen. Letzter Liebesdienst für den edlen Menschen. Noch einmal sehen wir dieses gütige Gesicht ach, selbst der Tod hat hier nicht mit jenem starren Ernst wtze sonst gezeichnet. In der Truhe ruht ein müder Schläfer, und um ihn stehen ein paar Menschen, die in unvergängliches Dankbarkeit den Verlust dieses Teueren beklagen. Draußen schlägt das brausende Leben, durch das wir ziehen, den teueru Toten begleitend, um feinen Leib wunschgemäß der Flamme zu übergeben. Leben spricht, Leben fordert, U' wochatto wachajim. Aber weh ist uns, daß wir ihn verloren haben. So unendlich viel ist er uns im Leben gewesen. War er wirklich nur der beamtete Syndikus der jüdischen Gemeinde? Nein, bei aller Korrektheit seiner Amtsführung war er ein Mensch mit unsagbar starker Mentalität. Mit was für Männern wirkte er an der Spitze dieser großen Gemeinde! Jaeoby, der kluge Greis, Eisiwr, der königliche Kaufmann, Vetter, der große Organisator, Seligsohn, der vornehme, echt jüdische Patriarch - sie alle sind vor ihm in den ewigen Frieden gegangen. Mit ihnen wirkte Lilieuthal. Der ruhende Pol, der starke Geist, der unsagbar gütige Mensch. Er benutzte seine große Stellung nicht zur Auswirkung persönlicher Macht, darum kam man zu ihm voller Vertrauen, voller Zuversicht und täuschte sich nicht. Wo war je in der Geschichte! deü Berliner Gemeinde ein Mann, in dessen Händen alle Fäden zusammenliefen wie bei Leo Lilienthal! Welch ausgeprägter prachtvoller Charakter,, und wie vornehm die Gesinnung!- Seit er ans dem Gemeindedienst schied, seit wir sein gütiges Gesicht und sein treues Wort in dem großen Hause der Oranienburger Straße vermissen mußten, war uns der treueste Ratgeber und der gütige Mittler verloren gegangen. Wenn diese Zeiten erscheinen, ist Wort und Lied zu seinen letzten Ehre verklungen. Tie Asche ist zum Staube zurückgekehrt — stirb und werde! Sein unvergänglich Teil muß Tod und Vergehen überdauern. Er war und bleibt! Magnus Tavidsohn. Die jüdische Zentralwohlfahrtsstelle in Danzig Durch die Abtrennung Danzigs vom Deutschen Reich 4lnd die Bildung einer Freien Stadt ist Danzig sowohl in.politischer wie in wirtschaftlicher Beziehung aus einer ehemaligen Provinzialhauptstadt ein Ort von internationaler Bedeutung geworden. Als einer der größten Transithäfen der Ostsee hat Danzig die wichtige Aufgabe den Gütei> austausch von Ost- und Westeuropa zu regeln, und die Tausende hier ein- und auslaufenden Schiffe aller Länder legen hiervon ein beredtes Zeugnis ab. Aber auch in kultureller Beziehung ist Danzig der Mittler zwischen der östlichen slavischen und der westeuropäischen Welt geworden, es ist für das große Hinterland Polen mit seinen 30 Millionen Einwohnern, aber auch für die Randstaaten und für Rußland das große Tor, durch das der Strom der Aus- und Durchwanderung aus diesen Ländern nach Deutschland und Frankreich, nach England und Belgien, nach Amerikas Bereinigten Staaten und Canada sich ergießt. Dieser Strom, der in den Jahren 1920 und 1921 am stärksten floß, dann aber - und nicht durch die Besserung der Verhältnisse in den Auswandererländ-ern, sondern durch Zwangs- und Schutzmaßnahmen von seiten der Emigrationsländer zum Abebüen gebracht wurde, ist heute wieder in starkem Anschwellen begriffen. Die in diesen Tagen veröffentlichten Mitteilungen des statistischen Landesamts der Freien Stadt Danzig geben an, daß in den sechs Monaten vom 1. Januar bis 1. Juli dieses Jahres 22 699 Personen ausgewandert sind. Tiefe Zahl bedeutet gegen die der vergangener! Jahre eine erhebliche Z u n a h m e des Auswandererverkehrs, und dies trotz aller Beschränkungen und .Hindernisse, die der Einwanderung entgegenstehen. Ter größte Teil der Auswanderer, 20 805,, waren Polen, und von diesen sind rund 5000 nach den Vereinigten Staaten, über 17 000 nach Canada gegangen. Diese allgemeinen Betrachtungen seien vorausgeschickt, wenn im folgenden von den großen sozialen Aufgaben gesprochen wird, die speziell der jüdischen Gemeinde Danzig und der in ihr wirkenden Wohlfahrtsorganisation durch die Bildung der Freien Stadt erwachsen sind. Tenn unter den 30 Millionen Polen leben ca. 3 Millivnen Juden, und unter diesen ist die soziale und wirtschaftliche, die geistige und kulturelle Not ganz besonders groß, in ihnen lebt überdies jene unbestimmte Sehnsucht nach dem Westen bzw. nach Amerika. Hinzu kommt der Haß der Umgebung, die Schikanen der Behörden, und alle diese Faktoren vereinigen sich um die großen Massen zur Wanderung zu bewegen. Wir wollen nicht von dem großen Strom der Auswanderer nach Uebersee sprechen, der, wie obige Zahlen beweisen, durch Danzig geht und mit Hilfe der Behörden und großer internationale Verbände verhältnismäßig glatt vonstattcn geht. Vielmehr möchten wir die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf jene Unmenge von Kleinarbeit lenken, die unter anderem auch ganz speziell von der Zentralwohlfahrtsstelle Danzigs auf dem Gebiete der Wanderfürsorge geleistet werden muß. Diese Fürsorge ist durchaus nicht von nur lokaler sondern von internationaler Bedeutung und beansprucht daher die Beachtung der gesamten jüdischen Welt. Tw jüdische Zentralwohlfahrtsstelle in Danzig ist die Spitzenorganisation von allen vierzehn hier wirkenden jüdischen Wohlfahrtsvereinen. Sie ist durch die unermüdliche zähe und zielbewußte Arbeit ihres Vorsitzenden, Herrn Julius Becker, im Jahre 1925 geschaffen worden. Sie hat in den beiden Jahren ihres Bestehens -eine mit jedem Monat wachsende segensreiche Tätigkeit entfaltet. Von dem Umfang ihrer Arbeit mögen einige Zahlen sprechen. Im Jahre 1925/26 sind für Wohlfahrtspflege rund 175 000, und im letzten Jahre rund 190090 Mark verausgabt worden: hiervon über die Hälfte für hier nicht ansässige Arme, für Durchwandernde, für Staatenlose, insbesondere aber für polnische Staatsangehörige. Im verflossenen Jahre s ind rund 1000 Personen in der Wandersürsorge abgefertigt worden, in diesem Jahre werden es weit mehr sein. Unsere Volksküche hat im letzten Jahre 21 000 Portionen Essen verabreicht, also täglich ca. 70 Personen beköstigt. Täglich werden von uns im Durchschnitt etwa 8—10 Personen in ihre Heimat befördert. Die Fälle, die unserer Fürsorge obliegen, lassen sich in ganz bestimmte Gruppen gliedern. Wir sorgen: 1. Für die Wanderarmen, die aus Polen kommend, von Stadt zu Stadt, von Gemeinde zu Gemeinde die Wanderbettelei gewerbsmäßig betreiben und schließlich in Danzig landen, wo sie sowohl die private Wohltätigkeit wie auch insbesondere unsere Wohlfahrtsstelle in Anspruch, nehmen. Die Gruppe umfaßt Junge und Alte, Männer und Frauen, welche letzteren oft von kleinen Kindern, ja selbst von Säuglingen begleitet Aus den finsteren Tagen der russischen Anden Die Entstehung der Ignatjew'schen Ausnahmegesetze. Im Rahmen der Reihe von Tagebüchern und Memoiren der > Staatsmänner des früheren zaristischen Regimes in Rußland, die jetzt vom fowj et russischen Stantsverlag veröffentlicht werden, erschien vor kurzem auch ein Tagebuch des Reichssetretärs (Gosudarstwenny Sekretär) E. A. Peretz (geb. 1833, gest. 1893). Der Bersasser des Tagebuches bekleidete diesen Posten in den Jahren 1878 - 1883. Das Amt des Reichssekretärs, d. h. des Chefs der Reichskanzlei, >oar bis zur Einführung der Verfassung i. I- 1905 ein sehr wichtiges. In der Kanzlei wurden nämlich alle Gesetzentwürfe, die den Rercltsrat, also die höchste gesetzberatende Instanz vor 1905, beschäftigten, von sachverständigen Beamten vorbereitet und bearbeitet, und der Chef der Kanzlei war' der eigentliche Gehilfe des Vorsitzenden des Reichsrats, damals also des höchsten Beamten des Reiches. In diesem Tagebuch, das außerordentlich wertvolles geschichtliches Material enthält, befindet sich auch bisher unverössentlichtes Material über die Vorbereitung der sogenannten „provisorischen Bestimmungen" vom 3./15. Mai 1882, welche vom damaligen Minister des Innern, Grasen M P. Jgnatjew, ausgearbeiret wurden und sich als eine der schwersten Schädigungen der Rechte der Juden in Rußland erwiesen haben.*) Der Verfasser des Tagebuchs, Jegor Abramotvitsch Peretz, lvar selber jüdischer Abstammung. Sein Vater, Abraham Peretz, war ein reich gewordener Branntiveinpächter und Kommerzienrat und einer der ersten Inden, die sich in Petersburg am Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts niedergelassen, dort dank ihren geschäftlichen und finanziellen Verbindungen Zugang zu den maßgebenden Kreisen erlangt und daher auch bei der Behandlung der Judensrage bei verschiedenen Gelegenheiten eine gewisse Rolle als Vermittler zwischen den Regierungsorganen und den damals noch vollständig ungebildeten jüdischen Massen in der Prövinz gespielt haben. Abraham Peretz ist schließlich zum Christentum übergetrcten, auch alle seine Kinder wurden Christen, allerdings nicht griechisch-orthodox, sondern Lutheraner. Einige von ihnen erreichten aus verschiedenen Gebieten hohe Stellungen. Sein ältester Sohn, Gregor, war an dem sogenannten Decabriestenausstand beteiligt, d. h. an dem Ausstand von liberalen Offizieren, die im Dezember 1825 den Tod Alexanders I. und die Thronbesteigung Nikolaus I. zum Anlaß eines Ausstandes des Militärs gemacht haben, durch welchen sie eine Verfassung in Rußland zu erreichen hofften. Er wurde im^ Zusammenhang damit nach Sibirien verbannt. Ein zweiter Sohrk, Nikolaus, wurde hervorragender Ingenieur und Direktor des Petersburger Technologischen Institutes (d. h. Technische Hochschule). Der jüngste seiner Söhne, Jegor, der Verfasser dieses Tagebuches, erhielt eine sehr gute juristische Ausbildung, machte eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn, war an dor Ausarbeitung verschiedener Resormprojekte in den liberalen Jahren der Regierungszeit Alexanders II. beteiligt und wurde 1878 Chej der Reichskanzlei, also der nächste Mit- *) Dnewnik E. A. Peretza, gosudarstwennago sekretarsa, (1880— 1883), Staatsvcrlag Moskau u. Leningrag 1927, X -j- 171 Seiten. arbeitet des Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch (Bruders des Zaren Alexander II.), der damals Vorsitzender des Reichsrats war, später, seit Mitte 1881 bis 1883, auch seines Nachfolgers und Bruders, des Großfürsten Michael Nikolajewitsch. Seine Stellung gab Peretz die Möglichkeit, alle Vorgänge in den höchsten Regierungskreisen genau zu beobachten und, wenn er auch nicht in der ersten Reihe der handelnden Personen gestanden hat, so konnte er doch immerhin in vielen Fällen einen mittelbaren Einfluß ausüben. Es ist bemerkenswert, daß Peretz, obwohl noch sein Vater Jude war, in seinem Tagebuch, das sehr ausführlich ist und alle Fragen berührt, die damals an der Tagesordnung waren, von der Judensrage kaum spricht, obwohl damals schon die politische Bedeutung der Judensrage eine sehr große war. In den Jahren nämlich, in denen Peretz den Posten des Chefs der Reichskanzlei bekleidet hatte, fand in der inneren -Politik Rußlands, nach der Ermordung Alexanders II- (1. 13. Marz 1881) und der Thronbesteigung seines Sohnes, Alexanders III., die Abkehr von den verhältnismäßig liberalen Grundsätzen des Zeitalters Alexanders II. statt und es setzte der reaktionäre Kurs ein, dessen eigentlicher Schöpfer und Ideologe der Obcrprokurator der heiligen Synode Pobjedonoszew war, ein sehr kenntnisreicher Mann, aber religiös aufs äußerste intolerant und überzeugter Feind jeden Liberalismus, welcher aus Alexander III. einen entscheidenden Einfluß ausübte. Eiuer der Gesinnungsgenossen Pobjedonoszews, ivenigstens in gewissen Punkten (Jgnatjew erstrebte, zum Unterschied von Pobjedonosze>v, die Schaffung einer Art ständischer Vertretung mit sehr beschränkten Rechten), namentlich auch im Judenhaß, war der 1881 zum Minister des Innern ernannte Graf Jgnatjew.*) Zu einem der wichtigsten Bestandteile des reaktionären Kurses wurde damals die Bekämpfung der Juden aus verschiedenen Gründen, sei es wegen der Beteiligung der jüdischen Jugend an der revolutionären Bewegung, sei es der angeblich ausbeutenden Rolle der Juden im Wirtschaftsleben halber usw. Als nun nach der Ermordung Alexanders II. 1881 in einer Reihe von Städten, namentlich im Süden des Reiches, Judenpogroms stattgesunden haben, erblickten die reaktionären Kreise in diesen Pogromen ein Mittel, die Unzufriedenheit des Volkes aus die Juden zu leiten, den Gedanken entstehen zu lassen, die schlechte Lage der Volksmassen sei nicht eine Folge der Sünden des Regierungssystems, der falschen Sozial- und Finanzpolitik, sondern sei auf die Ausbeutung durch die Juden zurückzuführen, obwohl jeder, der die Verhältnisse kannte, wußte, daß die Lage der Bauern dort, wo es keine Juden gab und sie gar nicht wohnen dursten, in keiner Beziehung besser als innerhalb des jüdischen „Ansiedlungsrayons" war. Infolgedessen nahmen die Regierungsorgane den Pogromen gegenüber eine jedenfalls sehr zweideutige Haltung ein, ließen den Pöbel, so weit es ging, gewähren und trafen nur äußerst ungern Maßnahmen zum Schutz der Juden gegen brutale Gewalt. Nicht genug damit, benutzte Graf Jgnatjew die Gelegenheit, zur Bekämpfung der angeblrchen Ausbeutung der Juden neue Rechtsbeschränkungen derselben zu erlass«^, die wesentlich darin bestanden, daß den Juden untersagt wurde, außerhalb der Städte und Flecken, auch *) Minister des Innern von Mai 1881 bis Mai 1882, früher langjähriger russischer Botschafter in Konstantinopel (geb. 1832 — gest. 1908). innerhalb der sogenannten Ansicdlungsrayons, sich niederzulassen, Grundeigentum außerhalb der Städte und Flecken zu kaufen oder zu pachten und an Sonntagen und hohen christlichen Feiertagen Handel zu treiben. Da aber Jgnatjew wußte, daß die Mehrzahl der Mitglieder des Reichsrats diesen neuen Rcchtsbeschränkungen der Inden nicht zustimmen würde, so beschloß er, das Gesetz in Form einer „provisorischen Maßregel" dem Ministerkomitee vorzulegen, wo er weniger Widerstand erwartete. Zur Annahme von vorübergehenden Maßnahmen war nämlich der damals übliche Weg der Gesetzberatung, die Beratung im Reichsrat, nicht notwendig, es genügte ein vom Zaren bestätigter Beschluß des Ministerkomitees. Peretz schildert nun ausführlich die Debatten im Ministerkomitee anläßlich des Vorschlags Jgnatjews. Es ist beachtenswert, daß Peretz, der nicht nur jüdischer Abstammung, sondern auch liberal war, zur Gruppe der liberalen Würdenträger gehörte, Gegner von Jgnatjew war und mit ihm heftige Zusammenstöße hatte, in der Judensrage Meinungen äußert, die nichts weniger als liberal sind. „Es ist zweifellos, -- schreibt er in seinem Tagebuch —, daß die Juden bei uns in verschiedenen Teilen des Reiches eine schwere Last, sogar ein Geschrvür, darstellen." Eine richtige Lösung der Judensrage fährt er fort hätte daher dem Minister, der sich diese Ausgabe gestellt hätte, große Ehre bereitet. Graf Jgnatjew strebte nach solchen Lorbeeren und ivurde dabei von seinen Bundesgenossen Pobjedonoszew und Ostrowsky (damals Minister der Staatsdomänen) unterstützt. Statt aber die Frage sorgfältig und allseitig zu untersuchen, erachteten cs diese Herren, namentlich Jgnatjew, für möglich, den Knoten einfach zu durchhauen. Es wurde eine Kommission unter dem Vorsitz des Vicemiiiisters des Innern Gotowzcw ernannt, eines „nicht dummen, aber furchtbar faulen Menschen", bte ausschließlich aus Judenfeinden bestand. Es ivurde beschlossen, die Juden einfach zu ersticken, ihnen die Bürgerrechte zu entziehen. Den von der Kommission ausgearbeiteten Entwurf legte Jgnatjew in Form von provisorischen Maßnahmen dem Ministerkomitee zur Bewilligung vor. Dieser Entwurf erregte aber bei seiner Beratung im April 1882 im Ministerkomitee allgemeinen Unwillen; es sprachen sich verschiedene Mitglieder des Komitees gegen den Entwurf aus, obwohl die von ihnen angeführten Gründe auch keine Spur, von Liebe zu den Juden enthielten und nur hier und da etwas wie elementare Gerechtigkeit zum Vorschein kam. Ms Hauptgegner trat Finanzminister Bunge auf, der folgendes aussührte. Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden für die russischen Finanzen eine sehr schädliche Wirkung haben. Der russische Kredit sei leider, infolge von Maßnahmen, die in der letzten Zeit getroffen wurden, u. a. auch den Juden gegenüber, stark erschüttert worden. Rothschild habe offen erklärt, daß er keine russischen Staatspapiere kaufen werde. Derartige Worte Rothschilds haben auf allen europäischen Börsen ein außerordentliches Gewicht und ihre Folge war ein außergewöhnlicher Sturz des Kurses russischer Papiere. Der Finanzminister, ebenso das Ministerkomitee, müssen in dieser Frage sehr vorsichtig sein, da der Wohlstand des Landes und seine Größe von seinen Staatsfinanzen und dem Staatskredit abhängen. WiR brauchen Mittel — sagte Bunge — zur inneren Entwicklung des veMiltnismäßig noch jungen Rußlands, zur Organisation der VolksbilWng, der Verkehrsmittel, einer gut eingerichteten Verwaltung. Nicht geringere Mittet brauchen wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse