Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 39-40 (4.10.1927)
- Date
- 1927-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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7. Jahrgang Nummer 39-40 ^TSXSCJL ** -—- OUMyWMMZevW 1. Beilage 4. Oktober 1927 Bilanz des Zionismus. «ine Schlutzbekrachlnng znm sünfzchikten Zionistenkongreß. (Schluß.) Die FinMzftage. Die pvlttijchen Verhältnisse allein würden dazu zwingen, den Zionismus als gescheitert zu betrachten; denn wenn, wie ich erwähnte, selbst zionistenfreundliche Engländer wie Wedgwood jetzt nur noch, den Rat erteilen, als „das letzte Ziel des Zionismus" festzustellen i „Palästina ein sich selbst regierendes Dominion innerhalb des British Empire" - dann kann von der Möglichkeit einer Realisierung der zionistischen Pläne unter ernsthaften Menschen wohl nicht mehr die Rede sein. Für den Augenblick noch wichtiger aber als das politische Wohlwollen Englands wäre für den Zionismus die Behebung der finanziellen srrise. Ist doch der Zionismus heute aus finanziellen Gründen noch nicht einmal in der Lage, die gegebenen kolonisatorischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Es sind bittere Wahrheiten, die hier der Kongreß vernehmen mußte. In seinem Referat „Die Grundprobleme des Aufbaus Palästinas" stellte Dr. Ruppin fest: Zur wirtschaftlichen Verwurzelung der Einwanderung der letzten Jahre waren nicht einige Hunderttausend Pfund, sondern einige Millionen Pfund nötig. Und er verkündete auf Grund eingehender Untersuchungen, „daß für jede Familie, die ich im Durchschnitt aus fünf Köpfe anfetze, aus Mitteln der Zionistischen Organisation oder anderer Kreditinstitute 375 Pfund notwendig sind, d. h für jede 375 OOO Pfund, die wir für wirtschaftliche Zwecke in Palästina verfügbar haben, können wir 1000 Familien oder 5000 Seelen in Palästina in wirtschaftlich gesunder Weise unterbringen. Wir werden aus diefer Ziffer selbst die Schlüsse für die Vergangenheit und Zukunft ziehen können." (Der Nachsatz fehlt selbstverständlich bei der Wiedergabe in der Jüdischen Rundschau!) Um klar zu erkennen, was das heißt, muß man das Budget, das der Kongreß annahm, betrachten. Weizmann hatte schon in seiner (Äöffnungsansprache auf die schwierigen, finanziellen Verhältnisse der Zionistischen Organisation hinaewiejen: „Für das Jahr 1927 muß ich ein Defizit von 151000 Pfund ankündigen, zusammen mit dem vorjährigen Defizit. Das kann die Palästina-Exekutive unter keinen Um ständen mehr tragen. Für das nächstjährige Budget wird eine Abschreibung zur Deckung des Defizits in Höhe von 70000 Pfund vorgeschlagen werden. Die Einnahmen des Keren Hajessod, die er der Exekutive zur Verfügung stellen kann, dürsten nach Schätzungen zwischen 430 000 und 450 000 Pfund betragen. Davon müssen bereits eingegangene Verpflichtungen in Höhe von 127 000 Pfund und die 70 000 Pfund zur Deckung des Defizits abgezogen werden, sodaß wir zur freien Disposition nur gegen 225 000 Pfund haben." Die Budget-Kommission des' Kongresses hat das Budget dann künstlich auf einen Gesamtbetrag von 632 000 Pfund hinaufgeschraubt. Hierin sind 181000 Pfund für landwirtschaftliche Kolonisation, Arbeit und Einwanderung enthalten, die natürlich und zu einem geringen Bruchteil für neue wirtschaftliche Aufgaben verwendet werden können. Auch die geringe Gesamthöhe des Budgets sollte zum Nachdenken Anlaß geben. Dem Ausbau Palästinas wird auf Grund der mit großem Geschick und zäher Energie betriebene« zionistischen Reklame in der Oesfentlichkeit große Aufmerksamkeit geschenkt. Da mag denn einmal darauf hingewiesen werden, daß der Etat der Berliner Jüdischen Gememoe hinter oem Budget der Zionistischen Weltorganisation nicht viel zurückbleibr. Wenn man sich das vergegenwärtigt, wird man sich darüber klar sein, wie die finanzielle Grundlage für den „Aufbau Palästinas" beschaffen ist, und man wird dann auch den Ausspruch von Sokolow würdigen können: „Tie Kunst, ein Land ohne genügendes Kapital aufzubauen, ist noch nicht erfunden worden!" Schwierigkeiten beim Ausbau. Zu den geschilderten Mißhelligketten auf politischem und finanziellem Gebiet gesellen sich nun noch bei der praktischen Arbeit zahlreiche andere. Teilweise werden sie sich beheben lassen. So etwa, wenn Stephan Mise ausführte: „Unsey Werk in Palästina wird so besteuert, als ob die Regierung Palästinas die von 1897 wäre, der wirtschaftliche Zustcnad Palästinas aber der von 1957. Das jüdische Heim darf nicht mit Steuern bis zum Uebermaß belastet werden." Aridere Schwierigkeiten aber, das liegt in der Natur der Sache, wachsen mit der fortschreitenden Arbeit. Da sind zunächst die Verhältnisse des Landes Palästina selbst. Weizmann führte aus: „Die politische Leitung der zionistischen Bewegung ist nicht dafür verantwortlich, daß in Palästina solche Verhältnisse sind, wie sie eben existieren. Wir sind nicht dafür verantwortlich, daß Palästina klein ist. Wir sind nicht dafür verantwortlich, daß in Palästina der Jordan fließt und nicht der Rhein, und daß dort Berge sind und keine Täler. Wir sind nicht dafür verantwortlich, daß man uns 2000 Jahre lang von Palästina ferngehalten hat. Das sind politische Bedingungen, die gegeben sind." Man wird sich diese Sätze einprägen müssen. Früher, wenn Gegner des Zionismus auf dieft tatsächlichen Verhältnisse in Palästina hinwiesen, erhob sich stets ein großes Hallo bei den, Zionisten. Nun werden wir uns auf das Zeugnis von Weizmann berufen können. Im übrigen wird wohl jeder Leser dieser Weizmannschen Sätze bemerkt haben, daß hier nur ein Spiel mit Worten getrieben wird. Niemals hat jemand die politische Leitung der zionistischen Bewegung für Annahme von Bestellungen auf die Jüdischliberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands iiiuiimiiiiiiimuiHiiiiiiiiiiiiiiiuiMiiMiiMmimiuuimiuiiuimuimimiMtmiiiHiHmrL) die Kleinheit und den gebirgigen Charakter des Landes sowie für die Tatsache, daß dort nicht der Rhein, sondern de? Jordan fließt, verantwortlich machen wollen. Da aber Herr Weizmann diese Tatsachen, die er uns wie eine sensationelle Neuheit vorträgt, nicht gerade erst vor Eröffnung des letzten Zionisten-Kongresses erfahren haben dürfte, so werden wohl er und seine Freunde in der zionistischen Leitung sich gefallen lassen müssen, wenn man sie dafür verantwortlich macht, daß sie die gegebenen geographischen Verhältnisse dreißig Jahre für nichts geachtet haben. Dieser Verantwortung werden sie sich durch keinerlei Wortspiel entziehen können. Und nun vom Land zu den Leuten. Wie einig war man, solange der Ausbau nur in der Theorie vorbereitet wurde! Jetzt aber, wo man von der Theorie zur Praxis kam, zersplittert der einheitliche Wille zum Ausbau. Für den Misrachi verkündete Rabbi Berlin: „Es gibt nur eine Heilung von der Krankheit: Wir müssen zu Gott und M Erez Israel zurückkehren." Dementsprechend ging der Misrachi in Opposition, als er erkannte, daß die Mehrheit des Kongresses und die von ihm gewählte Leitung die Frage der Jnnehaltung des jüdischen Zeremonialgefetzes nicht von erheblicher Bedeutung für die Erfolgsaussichten des Aufbaus hielten. Tr. Arlosoroff antwortete in der Debatte als Vertreter des Hitachduth: „Ich glaube, die Dinge, die Herr Berlin eben berührt hat, sind doch nicht ganz so einfach, wie er sie geschildert hat. Die Religion ist nicht so einfach mit den Politikern der Religion, und nicht einmal mit dem sestaufgerichteten Priestertum zu identifizieren. Ich will nicht in der Misrachi-Bewegung eine große reaktionäre Masse sehen. Ich will glauben, daß es auch im Misrachi Menschen gibt, die wissen, daß das, was auch im jüdischen Felde heute geschieht, in der Landwirtschaft und in den Gemeinschaften aufwächst, dem Geiste der jüdischen Religion vielleicht näher steht als ein politischer Klerikalismus, der sich aus diesem Felde des inner-zionistischen Gruppenkampses seine Triumphe holen will." Und Stephan Wise antwortete dem Misrachi: „Bezüglich des Palästinaaufbaus haben wir nur einen Vorbehalt: Palästina ist kein Platz für Intoleranz gegenüber denen, die nicht den Idealen des traditionellen Judentums nachhängen. Ich habe Unrecht erduldet durch die Hände von traditionstreuen Juden, die die Tradition sehr schlecht repräsentieren. Das gesetzestreue Judentum in New Uork oder in Warschau kann gewiß nicht entscheiden, wie das Leben in Palästina sein wird; das eine ist aber sicher, daß das traditionelle Judentum in Palästina dieselben Rechte haben muß wie das radikale. Aber wir sind auch der Ucberzeugung, daß jeder Mensch das Recht hat, sich das Leben nach seinen eigenen Gesichtspunkten einzurichten, und daß jede Art von Juden, die nach Palästina geht, um dort zu leben und auszubauen, das Recht ans ihren eigenen Standpunkt hat. Daß wir Unrecht durch die Intoleranz der Orthodoxie im Galuth erlitten haben, ist kein Grund dafür, daß wir es auch in Palästina erleiden sollen." So sollen Areligiöse, Religiös-Liberale und Religiös- Gesetzestreue gemeinsam den „jüdischen" Ausbau vollführcn. Ta es an einem verbindenden jüdischen Geist fehlt, verschärfen sich die Gegensätze im Zionismus, kommen nun in der praktischen Arbeit alle möglichen Klassengegensätze zum Vorschein, die doch eigentlich, wenn man wirklich von einem charakteristischen Geist des jüdischen Volkes sprechen dürfte, nicht in der gleichen Weise wie bei anderen Völkern vorhanden, sein könnten. Berl Katznelson führte im Namen der Fraktion Poale Zion zu Beginn der Beratungen aus: „Die Zionistische Organisation muß beschließen, ob sie mit der Arbeiterschaft oder ohne sie zu arbeiten gedenkt. Wir glauben, daß die reine Logik ihr den richtigen Weg zeigen wird." Gegen Schluß der Beratungen rügte Dr. Arlosoroff namens der Fraktion Hitachi duth, daß diese ftcfj, voll dessen bewußt ist, daß die neugewählt« Exekutive ihrer objektiven Richtung nach die auch in dem Budget zum Ausdruck komme, gegen die Arbeiterbewegung gerichtet ist; dafür sprächen zwei Momente: der bewußte Ausschluß der Vertreter der Arbeiterbewegung und „die Haßi- und Berleumdungskampagne gegen die schwerkämpfende Arbeiterschaft, die dieser Exekutivbildung vorangegangen ist." Wie will man im Ernst gemeinsam ein „jüdisches Heim" erbauen, wenn man vom Jüdischen ganz verschiedene Begriffe hat, wenn der Eine im Geist des Sozialismus, der Andere im Geist des Kapitalismus gestaltet? Die Beteiligung der Nichtzionisten. Ich habe, im wesentlichen auf Grund von Kongreßäußerungen, hier die gegenwärtige Lage des Zionismus geschÄdert. Es ist nicht meine Schuld, wenn ein Gemälde grau in grau entstand. Das einzig Erfreuliche ist die wachsende Erkenntnis von der Undurchführbarkeit des Zionismus unter seinen eigenen Führern. Führte doch Dr. Ruppin z. B., der noch im vorigen Sommer für eine jährliche Auswanderung von 30 000 Juden warb, in seinem Referate atis: „Vielleicht mußte es einmal zu der jetzigen Katastrophe kommen, um nach der langen Periode der Illusion über die Aufnahmefähigkeit Palästinas durch die harte Wirklichkeit uns das zu zeigen, was Palästina leisten kann und was nicht." So schmerzlich diese Erkenntnis sein mag, schwer kann sie gewiß nj-cht mehr sein. Uebersteigt nun doch bald ein Jahr lang Monat für Monat die jüdische Auswanderung aus Palästina die Eiirwanderung. Sokolow gebrauchte in seiner Eröffnungsansprache dieses Bild: „Wie sich Sandkorn an Sandkorn, die das Meer ans Ufer spült, zu riesigen Gebirgen aufeinander stapelt;, bis sie dort als Bergmassen emporragen, wo früher Meere sich endlos gedehnt, so wird das Nationalheim des jüdischen Volkes wachsen." Dämmert in diesen Worten nicht die Erkenntnis von der Undurchsührbarkeit zionistischer Gedankengänge? Der Zionismus ist gescheitert. Und das Unheil, das es angerichtet hat. würde sicherlich schnell liquidiert werden, wenn die Nichtzionisten sich ihm gegenüber in der nächsten Zukunft, sagen wir nur 10 Jahre, noch passiv verhalten! würden. Die Verantwortung dafür, ob mit dem jüdischpvlitischen Ausbau Palästinas nun endlich Schluß gemacht wird, ob die Erkenntnis von der Undurchsührbarkeit der zionistischen Theorie in Palästina sich durchsetzt, ob Palästina auch in Zukunft noch den Streitball der jüdischen Parteien bilden wird, - kurzum: die Verantwortung dafür, ob die Arbeit in Palästina zu einem charitativen Werk der Gesamtjudenheit,,. eingegiiedcrt in den Rahmen der jüdischen Hilfstätigkeit in aller Well werden wird, oder ob sie noch weitprals Arbeit einer Richtung im Judentum geleistet werden, soll, die Verantwortung dafür liegt ausschließlich bei den Nichtzionisten. Wenn heute Nichtzionisten sich an dem Aufbau Palästinas beteiligen, so tragen sie die Schuld daran, wenn neue Hoffnung auf die Durchführbarkeit der zionistischen Ideen anskeimt, wenn das abgewirtschaftete System am Leben erhalten bleibt. Diese Nichtzionisten, die die Krise in Palästina zu mildern wünschen, verlängern nur ihre Dauer und verhindern, daß die Krise in Palästina zu einer Gesundung der Erkenntnis von der wahren. Lage der Juüenheit uni) von, der möglichen Behebung der Not führt. Die Neunmalweisen, aber, die uns für nur nach ihrer Meinung unpolitische' Tinge wie etwa den Bodenkauf des Keren Kajemeth üi Palästina gewinnen wollen, die mögen sich durch eine in anderem Zusammenhang von Weizmann getane Aeußerung belehren lassen. Weizmann sagte in seiner großen Diskussionsrede: „Wissen Sie denn nicht, daß die ökonomischen Dinge in Palästina aufs innigste mit den politischen Zusammenhängen?" Die einzige Hoffnung des Kongresses war die Beteiligung der Nichrzionisten. Sie sollen dem Zionismus, zunächst auf finanziellem Gebiet, wieder aus die Beine Helsen. Deshalb die geplante Erweiterung der Jewish Agency. Nur deshalb. Die Nichtzionisten aber sollten ihr Gewissen prüfen, ob sie vor einem Verzicht ans die Wetterführung der zionistischen Bestrebungen an der Palästmaarbett teilnehmen dürfen. Daß heute die Mitarbeit der Nichtzionisten an der Jewish Agency nur dazu führen foll, dem zionistischen Werk neues Leben einzuhauchen, das beweist wohl am besten die vom Kongreß Der neue Ein klassisches Erzeugnis aus Deutschlands gröfjter Aütomobilfabrik! Lassen Sie sich diesen ausgezeichneten Wagen bei einem Opel-Vertreter unverbindlich Vorfahren! Prüfen Sie selbst die erstaunliche Zugkraft der Maschine, die jede Steigung spielend meistert! Beachten Sie, wie wunderbar der Wagen, der in seiner eleganten weiträumigen Limousine fünf Personen behaglichen Platz bietet, selbst auf schlechtesten Strafen und in den engsten Kurven seine I A D A M OPEL schnelle Fahrt nimmt! Es ist ein Wagen, cler Robustheit und Wirtschaftlichkeit I RUSSE LS HEIM A.M. des Vier-Zylinders mit den Eigenschaften eines Sechs - Zylinders verbindet.