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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-10-04 · 39-40 (4.10.1927) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
39-40 (4.10.1927)
Date
1927-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der zionistische Block in der Berliner Gemeinde Am Sonntag, den 25. September, trat die Repräsentantenvcrsammlung der Berliner jüdischen Gemeinde zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Sie gab ein Bild von den neuen Mehrheitsverhältnissen in der Berliner jüdischen Gemeinde und zeigte, daß die Mittelpartei und die Konservativen unter zionistischer Führung sich zu einem Block vereinigt haben, der seine geringe Mehrheit von nur einer Stimme gegenüber den Liberalen rücksichtslos und unter Hintansetzung aller demokratischen und parlamentarische!: Gepflogenheiten zu gebrauchen beabsichtigt. Nach Eröffnung der Sitzung und Einführung neagewählter Repräsentanten durch den Gemeindevorsitzenden, Herrn Kammergerichtsrat Wolfs, begrüßte Herr Emil Pineus, der infolge Erkrankung des Alterspräsidenten, Herrn Geh. Rat Tr. Julius Stern als nächstältestes Mitglied den Borsitz führte, die Versammlung und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ihre Arbeit zum Wohle der Gemeinde und der gesamten Judenbeit sein möge. Er gedachte in herzlichen Worten des schweren Verlustes, der die Berliner Gemeinde in den letzten Tagen getroffen hat. Leo Lilienthal hat als Vorstarchsmitglied und als Syndikus der Berliner jüdischen Gemeinde ein Vierleljahrhundert deren Geschicke geleitet. In der Zeit seines Wirkens ist die Berliner jüdische Gemeinde zu der modernen Großgemeinde geworden, dre heute 170000 Seelen zählt. Lilrentha! hat die Schwierigkeiten, die dieses Wachsen mit sich brachte, zu meistern verstanden. Er hat eS verstanoen, die Gemeinde durch die Klippen der Kriegszeit zu steuern. Tie Versammlung ehrte [ein Andenken durch Erheben von oen Plätzen. Hierauf schritt die Repräsentantenversammlung zur Wahl des Präsidiums, nachdem von der liberalen Fraktion noch daraus hingewiesen worden war, daß die Einberufung der zionistischen Stellvertreter nicht den Bestimmungen des Statuts entspräche, daß man aber um die Verhandlungen im Geiste freundschaftlicher Kollegialität zu führen, hieraus leine Rechte abzuleiten beabsichtige. Ter Führer der Konservativen, Moritz A. Loeb, gab nunmehr für seine Gruppe und die der Zionisten und der Mittelpariei die Erklärung ab, daß sie im Wahltampf mit einem Programm, das eine Reihe von gemeinsamen Punkten enthielt, eine gegen die liberale Richtung gerichtete Front vertreten hätten und daß deshalb der Spitze der Repräsentantenv-erfammlung ein Eharatter gegeben werden müsse, der das Ergebnis der Wahl auch äußerlich versinnbildlicht- Er schlage deshalb als Vorsitzenden Herrn Geheimrat Tr. Julius Stern vor. Er bemühte sich, die Persönlichkeit des Herrn Geh. Rat Stern als befoichers geeignet darzustellen. Prof. Türt erklärte daraus namens oer liberalen Fraktion, daß es bisher nicht üblich gewesen sei, über die Eignung von Personen vor der Wahl Tebatten in öffentlicher Sitzung zu führen. Es sei typisch, daß mit diesem guten Brauch jetzt gebrochen worden sei. Tie liberale Fraktion habe nach parlamentarischem Brauch als stärkste Fraktion des Hauses einen Anspruch darauf, den Vorsitzenden zu stellen. Sie verfüge über 10 Mandate, die andern drei Fraktionen zusammen nur über 11. Er gibt der Verwunderung darüber Ausdruck, daß auch die Partei, die sich tn der Öffentlichkeit stets so demokratisch gebärdet, sich nunmehr in der Praxis beider ersten Gelegenheit so undemokratisch verhält. Ter Block von Zionisten, Mittelparteilern und Konservativen habe die Mehrheit und könne die Liberalen vergewaltigen. Man könne von den Liberalen aber nicht noch verlangen, daß sie dieses Unrecht anerkennen. Sie würden sich, wenn man ihnen nicht den ihnen zukommenden Platz des ersten Vorsitzenden einräume an der Bildung des Präsidiums nicht beteiligen. Tie liberale Fraktion schlage den bisherigen Vorsitzenden zur Wiederwahl vor. Bei der Abstimmung ergab sich daß '11 Stimmen für Geheimrak Tr. Julius Stern, 10 Stimmen für den liberalen Kandidaten, den bisherigen Borsitzeilden Rechtsanwalt Heinrich Steril, abgegeben wurden. Geheimrat Stern war damit zum Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung gewählt. Zum ersten stellvertretenden Vorsitzenden wurden nun gewählt Rechtsanwalt Tr. Alfred Klee, (Jüdische Volkspartei), zum zweiten stellvertretenden Vorsitzenden Herr Moritz A. Loeb (konservativ), Schriftführer wurde Herr Landgerich-tsrat Rau, zu seiner Vertreterin wurde gewählt Frau Lina Wagner-Tauber. Tie Liberale Fraktion beteiligte sich an diesen Abstimmungen nicht mehr. Tie sachlichen Verhandlungen der neuen Repräsentantenversammlung wurden dann noch durch einen Tringlichkeitsantrag der liberalen Fraktion eingeleitet. Es wurde beschlossen, sofort ein Terrain zur Errichtung einer weiteren Alterversorgungsanstalt zu kaufen. Ferner wurde eine Kommission zur Vorbereitung der Wahl des Gemeindev-orstandes eingesetzt. Nach dem Verlauf der ersten Reprasentantensitzung dürste es nicht zweifelhaft sein, daß die Entscheidung auch bei der Vorstarckswahl mit den 11 Stimmen des zionistisch-konservativ-mittelparteilichen Blocks gegen die 10 Stimmen der Liberalen getroffen werden wird. . -;V «*i«j4 Preußens neues Studeutenrecht Deutsche Kulturgemeinschaft, nicht Ariertum Der preußische Kultusminister Dr. Becker hat sein im Februar d. Js. gegebenes Wort, am 1. Oktober eine neue Verordnung über die „Studentenschaft" herauszugeben, eingelöst. Die Verordnung ist soeben veröffentlicht worden; die für die Zusammensetzung der preußischen Studentenschaften wichtigsten Paragraphensuch: „Tie Studentenschaft'wird vom Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung staatlich anerkannt und verfassungsmäßiges Glied der Hochschule, wenn die nach Maßgabe der folgenden Verordnung mitgliedberechtigten Studenten einer Hochschule in einer gleichen und geheimen Abstimmung, die unter Leitung des Rektors zu erfolgen hat, beschlossen haben, eine „Studentenschaft" zu bilden. Die erste Wahl muß bis zum 1b. Dezember 1927 erfolgt sein. Die Studentenschaft besteht aus den auf der Hochschule eingeschriebenen reichs- und auslandsdeutschen Studenten. Ausländsdeutsche Studenten sind alle außerhalb des Reichsgebietes beheimateten Studenten, deren Zu-achSrigkeit zur deutschen KuÜurgemeinschast durch Sprache, Bildung und Bekenntnis zu dreser Gemeinschaft erweisbar ist. Oesterreichische Staatsbürger gellen als Anslandsdeutsche, wenn sie sich nicht zu einem fremder: Volkstum bekennen. Die Entscheidung darüber, ob ein Student Yerein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. Y. Kostenlose ■’enerbeststtunjr Annahme W 35, Lüttowstraße 44, Telephon: Lfltzow 960-61 und Charlottenburg:, Kantstr. 154 a Bcke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 als Auslandsdeutscher anzusehen ist, trifft der Vorstand der Studentenschaft. Gegen diese Entscheidung ist Einspruch bei dem Rektor zulässig. Die Studentenschaft kann sich mit Organisationen, die an anderen deutschen Hochschulen bestehen, vereinigen, sofern diese Organisationen alle reichs- und auslandsdeutschen Studenten umfassen, und sofern die Satzungen solcher Gesamtvereinigungen nicht in Widerspruch mit der preußischen Verordnung über die Bildung von Studentenschaften stehen." Aus der Begründung, die mit der Verordnung an den Staatsrat gegeben ist, seien die wichtigsten Sätze mikgeteilt: Ter Gesamtverband, zu dem die einzelnen Studentenschaften sich vereinigt haben, die „Deutsche Studentenschaft", hat die Zusammensetzung der einzelnen Studentenschaften des Auslarches diesen Studentenschaften selbst überlassen. Die Studentenschaften in Oesterreich und Böhmen haben seit Jahren mit Mehrheitsbeschluß als Mitglieder lediglich auslandsdeutsche Studenten arischer Herkunft zugelassen und dadurch nicht imr die auslandsdeutschen Studenten jüdischer Geburt, sondern auch diejenigen auslandsdeutschen Studenten arischer Herkunft ausgeschlossen, die es mit ihrer Weltanschauung nicht vereinbaren können, in eine auf arischer Grundlage aufgebaute Organisation einzutreten. Jnfolgüressen bestehen gegenwärtig in Oesterreich und Böhmen nebeneinander arische, naticnalfre'iheitliche und sozialistische Studentengruppen. Die preußischen Studentenschaften sind aber nur mit den arischen Gruppen koaliert. Obwohl es keinem Zweifel unterliegen kann, daß diese Koalition dem geltenden Studentenrecht nicht entspricht, sind dennoch mannigfache Bemühungen, die preußischen Studentenschaften zu einem Aufgeben solcher einseftigen Koalition zu veranlassen, bis vor kurzem ohne Erfolg geblieben Erst kürzlich hat ein vom Hochschulverband und der Rektorentonferenz eingesetzter Profefforenausschuß nach eingehenden Beratungen in Oesterreich berichtet, daß koaltftionsfähige Studentenschaften im Sinne der Verordnung vom 18. September 1920 gegenwärtig in Oesterreich nicht existieren, und die Ergebnislosigkeit von Verhandlungen feststellen müssen. Unter diesen Umständen muß die Staatsregierung, worauf schon in eurem Erlaß vom 24. Dezember 1926 die preußischen Studentenschaften hingewiesen sind, daran festhaltcn, daß sich die preußischen Studentenschaften nur mit solchen Studentenschaften verbinden dürfen, die wie die preußischen Studentenschaften alle deutschen Studenten ohne Unterschied von Rasse und Konfession im Sinne des § 1 Abs. 2 der neu vorgelegten Verordnung umfassen. (Jta.) Rabbiner Dr. S. Samuel — 60')ahre alt Am 6. Oktober — am Jaum Kippur — begeht der Essener Rabbiner, Dr. Samuel, seinen 60. Geburtstag. Die dankbare Verehrung seiner Gemeinde, der er vom jungen Mannesaller an den ganzen Reichtum seines Geistes und seiner Persönlichkeit mehr als 3 Jahrzehnte hindurch aufopfernd gewidmet hat, die Liebe und Bewunderung zahlreicher Schüler und Schülerinnen, die seine Herzensgute und seine überströmende Wissensfülle ihm gewonnen hat, ein großer Kreis von Freunden und Amtsbrüdern, die ihm durch Bande schönster Menschlichkeit verbunden sind, werden es sicher nicht versäumen, ihm und sich diesen Ehrentag zu einem Feste der Dankbarkeit zu machen. Aber auch die jüdische Gesamtheit darf den Tag nicht vorübergehen lassen, ohne auf das Bild dieses Mannes freudig hinzublicken, der in rastloser Arbeit, forschend und lehrend, kämpfend und hoffend, führend — und doch in tiefer Bescheidenheit dienend, am geistigen Leben der deutschen Judenheit bereits ein volles Menschenalter hindurch mitgearbeitet hat. Dr. Samuel gehört der Rabbinergeneration an, die das jüdische Geisteserbe bereits aus den Händen von Männern entgegennahm, die es aufs innigste mit moderner Wissenschaft und Forschung verbunden hatten. Steinthal, Cassel, Maybaum, Joel Müller sind es gewesen, unter deren Leitung er an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums seine rabbinische Ausbildung erhielt. Und neben dem von ihm innig verehrten Steinthal hat wohl auch der ihm verwandtschaftlich verbundene Prof. Moritz Lazarus auf seine Geistesrichtung in seinen Werdejahren bedeutsam eingewirkt. Judentum und jüdisches Wissen ist ihm wie diesen universellen Geistern nie ein isoliert dastehendes Stück überlieferter Geistesgeschichte gewesen, sondern tausend Fäden sah er vom Judentum zu allem Edlen und Großen hinüberführen, was die Denker und Forscher aller Zeiten und Völker entdeckt und geschaffen haben, und noch weniger war es ihm trockenes Wissensgut und gesetzliches Schema, sondern wie für Steinthal und Lazarus ein ewiger Schatz unausschöpflicher Schönheit und ein heiliger Quell reinster menschlicher Sittlichkeit. Eine ungewöhnlich reiche literarische, philosophische und künstlerische Bildung, von begeisterungsfähigem Enthusiasmus durchwärmt, verbindet sich seinem stets sich vertiefendem jüdischen Wissen. Nicht umsonst wurde einmal das Scherzwort geprägt: Der Strom der deutschen Literatur geht mitten durch Dr. Samuels Studierzimmer. In Essen war man bald auf seine geistige Bedeutung aufmerksam geworden und die Kruppsche Verwaltung holte für die Ausgestaltung ihres großzügigen Volksbildungswerks gern und oft seinen Rat ein. In den hochstehenden akademischen Kreisen seiner Heimatstadt gehört er zu den geschätztesten Dozenten, der Jahr für Jahr stark besuchte Vorlesungen aus dem Gebiet der Philosophie, der Dichtung oder der Religionsgeschichte hält. Ja, es kam einmal vor, daß ein Gymnasiallehrer seiner Klasse die Frage stellte, wen sie für den gebildetsten Mann in Essen hielte, und ihr dann den Rabbiner der jüdischen Gemeinde nannte, dem er diesen Preis zuerkennen würde. Für ihn selbst aber bildet den Mittelpunkt seines vielseitigen Forschens und Denkens das Judentum, dessen Weisheit und Hoheit zu ergründen und zu verkünden er nicht müde wird. Das Judentum in allen seinen Zeiten pnd Strömungen: Bibel und Midrash, Talmud und Religionsphilosophie, seine Geschichte und Literatur, seine großen Männer und seine Ausgestaltung im Gottesdienst und Lebensbräuchen, alles an ihm ist ihm Herzenssache und Gegenstand eifrigen Forschens. Aber so wenig wie ihm selbst ein totes Wissen von alledem genügt, wie es ihm vielmehr Bausteine sind, aus denen er sich ein Bild des gesamten, durch die Jahrtausende in die Gegenwart hinein lebendigen und wirkenden Judentums auft baut, so wenig? läßt er sich daran genügen, das erworbene Wissen uiw Enetinen in sich zu verschließen. Ein mächtiger edler Mitteilungsdrang hat ihn zu einem der fruchtbarsten Lehrer für die Gesamtheit gemacht. In Wort und Schrift, hat er in Reden und Vorträgen, in manchen Schriften, vor allem aber in einer schier unübersehbaren Zahl von Aufsätzen in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften die jüdische Oeffentlichkvit bekehrt und angeregt. Als Gust. Karpeles seine begeisterte Ausgabe begann, um bei den deutschen Juden die Liebe und das Verständnis für jüdische Geschichte und Literatur durch Gründung von Vereinen in allen Gemeinden zu wecken, da fand er von Anfang an in Dr. Samuel einen seiner wirksamsten geistigen Vorkämpfer. Außer den zahlreichen Vorträgen, die er in diesen Vereinen hielt, hat er auch in den Jahrbüchern wertvolle Beiträge geliefert, wie z. B. die feinsinnige Studie über die Bücher Ruth und Jona. Dem Gebiet der Geschichte gehörte auch die wertvolle Arbeit über die Geschichte der Gemeinde Essen an, die er seiner Gemeinde bei der Einweihung der herrlichen neuen, durch seine Initiative hauptsächlich entstandenen Synagoge gewidmet hat. Aber trotz so weit ausgedehnten wissenschaftlichen Wirkens, aus dem noch eine Anzahl weiterer Schriften hervorgegangen ist, liegt für Dr. Samuel der Schwerpunkt seiner literarischen Wirksamkeit in seiner journalistischen Tätigkeit. Jahrzehnte hindurch ist er ein treuer Wächter am öffentlichen Leben der deutschen Juden geworden. Kaum ein wichtiges Problem in der jüdischen Wissenschaft, keinen bedeutsamen Vorgang im jüdischen Gemeindeleben, in der Auseinandersetzung der Parteien gab es, der ihn nicht veranlaßt hätte, das Wort oder vielmehr die Feder dazu zu ergreifen. Lange Jahre hindurch war er ein regelmäßiger Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", und nach deren Aufhören veröffentlichte er in der „Jüdisch-liberalen Zeitung", aber auch in vielen anderen jüdischen Blättern und Zeitschriften seine Aufsätze. Wer aber einen vollen Einblick tun will in die Vielseitigkeit seines Geistes, in die Lebendigkeit: und Kraft, mit der das feinbesaitete Instrument seines Innenlebens auf alle Stimmen und Klänge der Zeit reagiert, der blättere in den Jahrgängen der seit 1924 in Essen erscheinenden „Hakoah"-Blätter. Nur selten ist eine Nummer der alle 14 Tage herauskommenden Blätter ohne einen größeren Artikel aus seiner Feder. Der bunten Fülle des Lebens folgend, hält er, auf hoher geistiger Warte stehend, alles Wertvolle fest, was der vorbeirauschende Strom der Zeit heranträgt, für seine so liebevoll betreute Turnerjugend, der die Blätter in erster Linie gewidmet sind, und für seine ganze Gemeinde. Ist es schon ein Zeugnis der jugendlichen Frische und Beweglichkeit seines Geistes, wie er in zahlreichen Aufsätzen mit tiefem Verständnis für die stolze, zukunftsfrohe Turnersache wirbt, und auf sie die Hoffnung auf Verjüngung und Ertüchtigung der jüdischen Jugend setzt, so sehen wir ihn in anderen Aufsätzen zugleich als Führer der Jugend zu den mannigfachsten Zeitproblemen und Ereignissen. Da behandelt er die „neue Seelenforschung" (Freud), die „Abstammungslehre", „Stammeskunde der Juden", die „Inschriften vom Sinai", das „Buch Daniel", „Bücher jüdischer Spruchweisheit", „Im Planetarium", „Deutschtum und Judentum", „Die Universität Jerusalem", der Preuß. Landesverband, Streifzug durch London, literarische Erscheinungen (,chie heilige Johanna", GalsworthY-„Gesellschaft" Jakob Löwenberg, Werfel, Paulus) usw. Aber in all dieser erstaunlichen Mannigfaltigkeit geht die Persönlichkeit des Verfassers nicht verloren. Vielmehr spricht sich fest und klar, ja mit hohem Bekennermut, die eigene Anschauung, der eigene Standpunkt aus. Das Auae, das so offen und empfänglich dem flutenden Leben der Gegenwart hingegeben ist, sieht auch in der Vergangenheit, auch in den Jahrtausenden, die die jüdische Geästesgeschichte durchmessen hat, bewegtes Leben, Entwicklung. Nicht im unerschütterlichen Festhalten aller Bräuche aus alten und jüngeren Zeiten sieht er den Kern jüdischer Frömmigkeit, sondern, bei aller tiefen Liebe und Ehrfurcht vor den ererbten jüdischen Lebensformen, gesteht er auch dem lebenden Geschlechte das Recht zu, die religiösen Ausdrucksformen umzugestalten, wenn es im Geiste jüdischer Auffassung geschieht. So ist sein Platz von jeher im Mischen Liberalismus gewesen, dem er ein überzeugter Mitkämpfer, ein entschlossener Führer geworden ist. Und für die Berechtigung des liberalen Gedankens im Judentum konnte er, dessen Grundzug verstehende Milde ist, zum Kämpfer werden, der die Waffen des Geistes scharf und kraftvoll zu führen weiß. Manches Wort und auch eine besondere Schrift hat in den Zeiten der Richtlinienkämpfe davon Zeugnis abgelegt, und erst vor wenigen Monaten wußte er sich mannhaft zur Wehr zu setzen, als es galt, Verketzerungen im jüdischen Parteikampf abzuwehren. Aber wenige wissen auch so wie er, die Pflicht der Toleranz zu üben, die er von anderen verlangt. Ein Liberalismus, der nicht die Gefühle und Anschauungen anderer zu ehren vermag und ihm Raum zur Betätigung im jüdischen Gemeindeleben läßt, ist ihm verhaßt. Er duldet es auch nicht, daß diejenigen den Liberalismus für sich in Anspruch nehmen, die ohne inneren Anteil und ohne die Kraft der Betätigung dem jüdisch-religiösen Leben gegenüberstehen. Denn so weitherzig und verständnisvoll er fremde Gedanken gelten läßt und auch die religiöse Welt der anderen Bekenntnisse ehrfurchtsvoll zu betrachten vermag, sein Judentum ist ihm innerste lebendige Wahrheit, es ist ihm, wie ex es einmal ausgesprochen hat, der „königliche" Weg des Menschen zu Gott, der nicht Umwege macht und keinen Mittler vorsendet. Seiner Liebe zum Judentum hat er dauernden künstlerischen Ausdruck verliehen, als er jene von Geist und Phantasie erfüllten neuen Symbole der jüdischen Feste schuf, die Pros. Körner so meisterlich in die Fenster der Essener Synagoge einzufügen wußte. Und so ist ihm auch sein Rabbineramt innerster Beruf. All diese weit ausgreifende geistige Arbeit, die ausreichen könnte, ein Gelehrten- und Schriftstellerleben zu füllen, steht bei chm im Dienste seiner ihm heiligen Amtstätigkeit. Bon der Kanzel und im Unterricht arbeitet er unermüdlich daran, die Geistesschätze, die er in sich trägt, auszumünzen und der gegenwärtigen und künftigen Generation des Judentums zu eigen zu machen. In der arbeitsreichen Industriestadt ist er wohl einer der unermüdlichsten Arbeiter, dessen Arbeitskraft nicht genug bewundert werden kann. Er ist als erster der Rabbiner in die Gemeinden des Judustriebezirkes eingezogen und hat mit seiner erstaunlichen Lebensarbeit die Bahn gebrochen, auf der das volle jüdische Geistesleben auch hier an diesem Brennpunkt technischer und geschäftlicher

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