Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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/ \ 7. Jahrgang Nummer 58 \ 2. Beilage 24. September 1927 Vilm; des Zionismus Eine Schlutzbelrachlung;«m fiinszehnten Zionistenkongreh Dem Zionismus geht es schlecht. Sehr schlecht. Schneller als seine Gründer zu träumen wagten, wurde chm die Chance der Verwirklichung gegeben. Und schneller als seine Kritiker besürchteteu, zeigte sich die Undurchführbarkeit seiner Ideen. So bot dieser Kongreß, 30 Jahre nur nach dem ersten Zionistenkongreß, ein eigenartiges Bild. Alle Teilnehmer waren sich bewußt, niedergedrückt von dem Gewicht der übernommenen Verantwortung, daß es so wie bisher nicht weitergehen könne. Alle fühlten, daß Weiterarbeit in der bisherigen Art sehr schnell zum völligen Zusammenbruch der Bewegung führen wüÄe. Alle wußten, daß das Gebot der Stunde nicht Neuaufbau, sondern Konsolidierung des Bestehenden erfordert. Häufig machten die Verhandlungen den Eindruck einer Zusammenkunft von leidtragenden Männern, die sich gegenseitig Trost und Mut zusprachen. Ein unendlich trauriges Bild. So Weizmann: „Einer Partei oder einer Organisation, wie es die unsrige ist, ziemt es, Nerven zu habem, Ruhe! zu bewahren und schwer zu arbeiten. Es kommen schwere Tage, aber es kommen auch bessere Tage. Und selbst wenn wir die besseren Tage nicht sehen sollten, so werden wir doch die Genugtuung haben, d aß diejenigen, die nach uns kommen werden, chtenvollere und bessere Tage erleben werden. Und diese Tage vorzubereiten, ist die Pflicht und die Absicht aller, der Exekutive, der Opposition, der Fraktionen, der Landsmannschaften und wie sonst unsere Terminologie lauten mag/' Gewiß ein Fortschritt gegenüber dem vorigen Kongreß, auf dem man sich noch au Phrasen über die augenblicklich errungenen Erfolge berauschen zu können glaubte. Die Erkenntnis der wirklichen Verhältnisse ist gewachsen und wächst weiter. Freilich haben auch jetzt nur noch sehr wenige den Mut, sich die Frage vorzulegen, wie eigentlich nun die Verwirklichung des Zionismus erfolgen soll; denn schließlich ist „Konsolidierung" ja kein Zukunstsprogramm. Freilich gibt es noch immer Leute, die durch Uebergang von der Landwirtschaft zum Pslanzungsbau oder durch Uebergang von der Landwirtschaft zur Industrie eine Rettung aus der schweren Situation erhoffen. — Aber die Erkenntnis wächst doch, daß mit solchen Palliativmitteln eine dauernde Behebung der Schwierigkeiten nicht zu erzielen ist, daß die politischen und finanziellen Verhältnisse und die Beschaffenheit des Landes die Realisierung des Zionismus verhindern. Noch vor einem Jahr sprach man von Böswilligkeit, wenn Nichtzionisten von einer Krise in Palästina sprachen. Als dann die wirtliche Lage in Palästina nicht mehr zu vertuschen war, erzählte man von Zusammenhängen der Krise in Palästina mit der Krise der Weltwirtschaft. Das Bild hat sich geändert. Kein verantwortungsbewußter Zionist bestreitet heute mehr, daß es eine spezifische Palästinakrise gibt. Das Wort „Krise" dürste zu den auf dem Kongreß am meisten gebrauchten gehören. -Ja, ein Vertreter der Poale Zion, der einleitend davon sprach, daß der äußerliche Charakter der Sitzungen und die Form der Reden nicht dem Geist der zionistischen Bewegung, daß die zur Schau getragene Ruhe nicht der wahren Lage des Zionismus und der Arbeit in Palästina entspreche, führte aus: „Die Krise ist keine Krise in Palästina, sondern eine Krise in der zionistischen Bewegung..." Die politische Situation. Am 11. März 1919 trug die Jüdische Rundschau in Riesenlettern (aie Ueberschrist: „Palästina wird jüdisch." Da hatten auf der Friedenskonferenz in Paris die Vertreter von England, Frankreich, Italien und den Vereinigten Staaten die Forderung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina anerkannt. Aus dem von Weizmann erstatteten Bericht über den Verlauf der Sitzung der Friedenskonferenz sei in Erinnerung gerufen: „... Da erhob sich Lansing (Vertreter der Vereinigten Staaten) und gab durch seine Frage, was man unter einem nationalen Heim zu verstehen habe, Ge^- legenheit zu einer ausführlichen Antwort meinerseits. Ich erklärte, wir forderten Bedingungen, die es zunächst jährlich etwa 60 000 Juden ermöglichen, in Palästina einzuwandern, sowie eine Weiterentwicklung der Kolonisation. Sprache, Schule und Verwaltung, die dazu führen, daß Palästina jüdisch werde. Wir fordern: Palästina den Juden, wie England den Engländern, Amerika den Amerikanern." In dem redaktionellen Begleitartikel der Jüdischen Rundschau hieß es: „Noch ist keine jüdische Majorität in Palästina vorhanden, und nur das historische Recht begründet unsere Ansprüche auf d as Land. Die Forderungen ermöglichen, diese Majorität baldigst zu schafseu und Palästina wieder zu einem jüdischen Lande zu machen. Das Endziel unseres Strebens ist das jüdische Palästina: dies ist der Sinn und der Inhalt aller unserer Forderungen." Seitdem ist Wasser, sehr viel Wasser in den zionistischen Wein gegossen worden. Als derselbe Weizmann, der 1919 die Forderung nach einer jährlichen Einwanderung von 60 000 Juden in Palästina aufgestellt hatte, im Juni dieses Jahres vor den Berliner Zionisten sprach, führte er aus: „Heute einen tzroßen Zuzug von Immigranten zu verlangen, wäre heller Wahnsinn. Im Jahre 1925 sind vielleicht 20009 Einwanderer zuviel ins Land gekommen, deshalb werden eben in den nächsten Jahren viel weniger Menschen ins 'Land gelangen können." — Jabotinsky, der Führer der Revisionisten, konstatierte aus dem Kongreß: „Wir haben im Laufe von sieben Jahren 72 000 Juden nach Palästina gebracht, also im Durchschnitt 10 000 pro Jahr. Im Lause einer Generation wird es eine Million oder mehr Araber in Palästina geben; wo kommen wir da mit unseren 10000 Immigranten im Jahr hin? Die Krise aber sagt uns, unter den heutigen Bedingungen kann Palästina auch diese 10000 pro Jahr nicht aufnehiincn." Kein ernsthafter zionistischer Politiker kann nun noch den Glauben an eine jüdische Mehrheit in Palästina aufrecht erhalten, kann sich noch weiter das Tranmschloß vorgaukeln: Palästina wich jüdisch. — Welchen Vorreil aber bietet es, jüdische Minderheit unter Arabern statt jüdische Minderheit unter Europäern zu sein? Man hat aus Grund der tatsächlichen Verhältnisse den Wunsch nach dem Judenstaat durch die Forderung nach dem binationalen Staat ersetzt. Wird dadurch etwas geändert? Ist nicht auch im binationalen Staat der Wille der Mehrheitsnation entscheidend, da doch nur e i n Gesetz, eine Verwaltung im Lande möglich ist? Die zionistischen Befürworter des binationalen Staates Palästina haben deshalb eine Scheu vor der Selbstverwaltung Palästinas. Gelangt dort einmal das demokratische Prinzip zur Einführung, nach dem die Bevölkerungsmehrheit eines Landes über besten Geschicke zu bestimmen hat, so werden sich die schönsten Theorien über binationale Staaten als Illusionen erweisen. Es ist charakteristisch, daß Col. Kisch, der Leiter der Palästina- Exekutive, auf dem Kongreß ausführte: „Die Art und Weise:, in der Herr Grünbaum (der bekannte polnische Sejmabgeordnete) so rühmlich und erfolgreich den Kamvf um die Minoritätsrechte geführt hat, ist auf Palästina nicht anwendbar. Denn in Palästina fordern wir mehr als Minoritätsrechte, sogar etwas, was sich noch von den üblichen Majoritätsrechten unterscheidet, nämlich die spezifischen historischen Rechte des jüdischen Polkes in Palästina." Da darf dann wohl die Frage aufgeworfen werden, ob nicht vielleicht bei der Gestaltung der Landesverhältnisse die Rechte der jetzigen Palästinabewohner den vermeintlichen „historischen" Rechten überzuordnen sind. Wie heute die politische Situation des Zionismus zu beurteilen ist, das ergab sich am klarsten aus einer Kontroverse zwischen Weizmann und Jabotinsky, die die „Jüdische Rundschau" chren Lesern natürlich vorenthält. Danach hat die englische Regierung im Juni 1922 mit kurzerFristsetzurig von der zionistischen Exekutive die Zustimmung zu dem bekannten Ehurchillschen Weißbuch verlangt; für den Fall, daß diese Zustimmung nicht gegeben werde, drahte die englische Regierung mit einer drastischen und schwerwiegenden Aenderung im Texte des Mandates zu ungunsten der Zionistische Organisation. Versuche, das Colonial Office von seiner Forderung abzubringen,' oder wenigstens gewisse Stellen des Dokumentes zu mildern, verliefen erfolglos. Dieses Weißbuch kam nach einer Beratung des englischen Staatssekretärs für die Kolonien, Mr. Churchill, mit dem Oberkommissar von Palästina, Sir Herbert Samuel, zustande. 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