Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch einmal riß aufbrandende Qual den Blick Abrahams zurück in die Richtung, in der er sein Weib ahnungslos schlafend wußte, dann reckte er sich hoch, warf den Gram, der die zerronnenen Tage zermürbt hatte, von sich und wanderte mit weitausgreifenden, kraftbewußten Schritten voran, den verborgenen Bergen und der kommenden Sonne entgegen. Losgelöst von dem klammernden Hemmnis seiner irdischen Güter, erstarkt und frei, ernst bewußt der unabwendbaren Tat, die vor ihm drohte, schritt Abraham dahin und fühlte, während er über die Felder und Wiesen daherzog, daß der geliebte Sohn, den sein starker Vaterarm umschloß, nicht getrennt werden konnte von dem allgewaltigen Leben, das durch des Himmels Bestimmung in der toten Erde aufgespeichert ist, daß der rasche Schnitt des Opfermessers nicht fähig sein konnte, einen Menschen zum Nichts zu verwandeln. Er empfand, daß der Tod ein Tor ist, zum Ausgang und zum Eingang, daß vor dem Tor ein seliges Land sich erstreckt, das mit feinen, unsichtbaren, silbertönenden Saiten der fruchtbaren, immer sich selbst gebärenden Erde und ihren Wesen eng verbunden ist. Ein fahles, milchfarbenes Glimmen ließ die steilgeschwungene Linie der Bergkämme wie eine an die Wand des Himmels gestellte, geheimnisvolle Riesenschrift erscheinen. Zögernd belebte sich die lustlose Helle mit zartem Strahlengeflecht aus Gold und Rot und dann brach wie ein mächtiger Pfeil ein gelbglühendes Leuchten in die entrückte Kuppel der Wolkenferne, daß die brauenden Nebel erschrocken zerstoben und im wehenden Vergehen die dürstenden Spitzen der Gräser betränten, die saftgrünen Blattherzen der erwachenden Bäume mit spiegelndem Naß überglänzten. Die Schale des Himmels ward übergossen mit purpurfarbenem Schein, der sich fast ohne Liebergang dann in blendendes Blaufunkeln verzauberte. Die Sonne, eine trübe, grämlich glotzende Scheibe zuerst, badete sich, jetzt rein und in blankem Glänzen prahlend, in der kristallenen, durchsichtigen Frische des Morgens. Der Knabe schlug die Augen auf und schloß sie wieder gegen das schmerzhaft stechende Licht. Seine Lippen formten sich zu einer kindlichen, neugierigen Frage; aber dann schien ihm dieses Getragensein an des Vaters breiter Brust wie eine märchenschöne, gaukelnde Fahrt in wundersame Weiten, eine Fahrt, die keines Wissens bedurfte, die beglückte, weil sie war. Der Vater, wohl aufmerksam sein Schauen nach den Bergkuppen gerichtet, das Zeichen seines Weges nicht zu verfehlen, spürte gleichwohl am eigenen Herzschlag das versteckte Wachsein seines Knaben. Doch, weil ihm der Zielpunkt der kummerschweren Reise nicht bekannt war, weil er noch nicht wußte, welchen Ort er finden würde, seinen Pfad zu vollenden, schlug er den Saum des Mantels über des Sohnes Antlitz, damit Schlaf wieder über den Armen komme, für den es keine Rückkehr gab zum verlassenen Zelt der weinenden Mutter. Die jungen Knechte, die den Lastesel trieben, schauten sich hin und wieder verstohlen und fragend an, keiner jedoch wagte ein lautes Wort. Unverständlich war ihnen dieser Zug, begonnen wie eine Flucht in der Nacht, nun vorwärtsdringend in unbekanntes Land, in Gegenden, die nicht zu Weide und Acker taugten. Unbegreiflich war die Mitnahme des Knaben, das mühsame Schleppen von Brandholz. Unheimlich aber dünkte ihnen das starre Querfeldeinstampfen, das beharrliche, stete Ansteigen gegen die Hochebene, ohne Pfad, ohne Zeichen und — sie wußten es mit dem sicheren Gefühl des Hirten — ohne Ziel! Kurze Rast am Mittag, im Schatten einer Sykomore, gab neue Kraft. Weiter trug sich der einsame Zug durch flache Täler und über spitzsteinige, jäh sich aufstemmende, hochgetürmte Halden. Der erste Abend sank. Hinter den Wandernden lag die grüne, fruchtbare Tiefebene, verdeckt jetzt von wirbelnden, quirlenden Wolkenschatten. Vor ihnen ragten die breiten, zerfurchten Häupter des Gebirges wie unbezwingliche Mauern. Der Knabe, der seit der Mittagsrast mit trippelnden Schritten gelaufen war, schlief zu traumloser Ruhe ein, kaum daß das Lager bereitet war. Die Knechte warfen sich verdrossen in die spärlichen Farne. In dieser Nacht, ip der wie ein glitzernder Regen tausend sprühende Sterile vom Himmel fielen, tat sich das Geheimnis Gottes auf wie eine frühlingsreine Blüte und erschloß sich dem Menschen. Entfaltete sich vor Abraham! Er erkannte, daß der Wille der Gottheit nur dann zu erlösender Erfüllung gedeihen konnte, wenn, um die Tat zu vollbringen, der heilige Ort gefunden wurde, der bestimmt war beim Anbeginn der Erde. Ein Ort, ein einziger Stein nur — so war es Abraham gleich einer Erleuchtung — unterstand auf dieser Erde nicht dem Gesetz der Welt. Ein Ort mußte sein, an dem alles, was Menschlich-Nichtig und Menschlich-Selbstig hieß, verzehrt wurde wie Holz vom Feuer, damit nichts übrig blieb von Fühlen, Wollen, Sinnen und Tat als das, was göttlich davon war im tiefsten Keim und Urbeginnen. Dieser Ort und dieser Stein mußte, heiliger Erdenpol dem Heiligtum des Himmels gegenüber, ein anderes Maß haben für Sünde und Nichtsünde, ein anderes Maß als der grübelnde Menschengeist auf ungeheiligtem Boden. War nicht der göttliche, grausame Befehl auch Verheißung zugleich gewesen? — Wo aber war die Stelle, die die schreckliche Tat, das Auslöschen eines Lebens, zum Opfer, zu gottgefälligem Tun werden lassen konnte? So hatte das Donnerwort gerufen: „ascher aumar eiecho! — . . den ich dir zeigen werde!“ und war verhallt im furchtsamen Beben des Erdreichs. — Wieder schwang sich der Morgen über den Wall der östlichen Berge und sah die kleine Schar Abrahams höher steigen und höher. Mittag wurde und Abend. Aber keine Flamme lohte auf in dem Suchenden: noch war die Stätte nicht gefunden. Der zweite Abend sank. In der Nacht war der Knabe unruhig. Seine Fragen flackerten. Der Vater erzählte von blühenden Gärten, von duftenden Blumen, von bunten, bunten Schmetterlingen. . . Das Kind sah gläubig den Vater an und forschte, weshalb die Mutter nicht mitgekommen sei, das zauberische Gestade zu schauen. Da verstummte Abraham im Leid. Einmal, ehe der Morgen aus der Finsternis sich gebar, fuhr Abraham mit gellem Schrei empor aus dem Schlaf: Wölfe über der Herde! Die Knechte sprangen auf, stürzten heran. — Nichts,, ein Traum! — Die erste Stunde der Frühe war mit Blut gemalt. Ein schroffes Tal zerklüftete vor der ziehenden Schar das Hochland. Kein Pfad führte hinab durch die wildbewachsenen Schluchten. Mühsam nur bahnte sich der Führer, wieder den Knaben im Arm, den Weg durch Dickicht und Geröll. Langsam folgten die Knechte mit dem ermatteten Tier. Und während sie hinabstiegen, Fuß um Fuß, fiel der heiße, glühende Himmel droben in schwüle Trübnis. Keine Wolke war zu sehen, kein sprunghaftes Vorstoßen gewitterschwangerer Schwaden. Plötzlich, unvermutet war der helle, freudige Tag in beklemmende, unbelebte Verlassenheit verwandelt. Hinter dem Bergmassiv, das jenseits des Tales lag, grollte es dumpf auf. Sturm flog heran und schüttelte die knarrenden Büsche. Da, als Abraham den Blick hinüberlenkte zum Berg Moria, zuckte ein Blitz aus dem Gestein und fuhr nach oben, spaltete den grauen Schleier und enthüllte ein Feuermeer. Aus den roten, quellenden Gluten ragte eine Hand und deutete hinab . . . — Die Knechte blieben im Tal. Abraham erklomm die Höhe. Er trug den Knaben und das Brandholz. Die Kuppe des Berges war durchsichtig wie Glas; in ihrem Innern brodelte flüssiges Gestein sprühend und .dampfend. Die Spitze aber des Moriafelsens, ein grauer, unscheinbarer Block, schwebte frei und ohne Stütze, frei, gehalten von einer unsichtbaren Macht, zwischen dem Feuermeer des Himmels und dem Feuermeer der Erde. Mittelpunkt der Welt, der Stein Sch’tijah! .... das Opfermesser traf den Widder. Isaak, der Sohn Abrahams, lebte und in ihm: Jakob, der Israel genannt wurde. Am 20. September verschied nach kurzem Leiden, Herr Justizrat Leo MM» In den Rat des Landesverbandes von der Gründung an berufen und zu dessen stellvertretenden Präsidenten erwählt, hat er seine gewaltige Arbeitskraft und die reiche Fülle seines Wissens mit Begeisterung in den Dienst unserer Sache gestellt. Besonders ifir die Ausgestaltung des Unterrichtswesens und für die Schaffung einer Reichsorganisation der deutschen Juden hat er bis zum letzten Atemzuge gewirkt. Sein vornehmer Charakter, sein bescheidener Sinn und die Grösse seines Geistes sichern ihm bei uns ein dankbares und ehrenvolles Gedenken iür alle Zeiten. Berlin, den 21. September 1927. PreuBflclier Lantfesverliand w O 1 ff Abitur. Obersekunda Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin.Altf Jakobstrafie 125 Am 20. d. Mts. ist Herr Justizrat Leo Lilienthal verschieden. Sein Heimgang bedeutet für die jüdische Gemeinde zu Berlin, wie für das gesamte deutsche Judentum einen unersetzlichen Verlust. Seit dem Jahre 1902 hat der Verstorbene als Gemeindesyndikus in rastloser, mühevoller und erfolgreicher Tätigkeit für die Gemeinde und zum Wohle ihrer Mitglieder gewirkt und au h nach seinem Übertritt in den Ruhestand hat er die Fülle seines Wissens und die Klugheit seines Rates in wichtigen Angelegenheiten jederzeit bereitwillig zur Verfügung gestellt. Auf allen Gebieten unserer Verwaltung, an der er mit warmen Herzen hing, hat er Grosses geschaffen und sich durch sein Werk ein bleibendes Andenken gesichert. — Die jüdische Gemeinde trauert um ihn, den Grad heit des Charakters und Liebenswürdigkeit des Umgangs auszeichneten, als einen ihrer besten Söhne Berlin, den 22. September 1927 Vorstand und Reprssontantenuersammlunii der jüdischen eemoinds Jüdische Reformgemeinde _Johannisstrasse 16_ Plätzevermietung für die Gottesdienste an den hohen Feiertagen: Im Obtfteihaui Johannisstr. 16, Im Logenhaus Joachlmslhaleratr. 13, fm Logenhaus Kleisftstr.iO Preise der Plätze je nach Lage von Mk. 3.- bis 25.- täglich von 9-1 Uhr in unserem Büro Johannisstr 16 Einlasskarte für den Jugendgottesdienst in der Johannisstr. 16 und Kleiststr 10 unentgeltlich. Schluss des Kartenverkaufs Montag, den 26. er-, mittags 1 Uhr. ln indes Matsches Hans gehört der Malender ior das Jahr 5688 Herausgegeben von Sa Mfiller und Prof. Dra Elslar Hergestellt von Pa Bruckmann Aa-CL in München Ladenpreis nur Mk. 2— bei Sammelbestellungen erheblich billiger Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und bei 8. Müller, Heidelberg, Klingenleicti 2 Telephon: 2454 Ein Mitglied des in Karlsruhe urteilt: Oberrats der Israeliten „Ich glaube, dass der Kalender viel Anregung und Erhebung in das jüdische Heim zu bringen vermag. Die Wiedergabe von Werken bedeutender Meister aus dem religiösen Gebiete und der Abdruck der Stellen aus dem Schriftum werden willkommene Begleiter durch den Jahreslauf sein und den Blick im täglichen Leben zum Höheren lenken.« Liberale Synagoge Norden Schönhauser Allee 162. — Auerbachsches Waisenhaus Gottesdienst: Freitag, den 23. September 1927, abends 7*/4 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski Sonnabend, den 24. September 1927, morgens 10 Uhr Rausch-Haschono: Montag, den 26. September, abends 6 Uhr Predigt: Herr Dir. Plaut Dienstag, den 27 September, morgens 9^ Uhr Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski Dienstag, den 27 September, abends 6 Uhr Predigt: Herr Rabbiner Dr. Salomonski Mittwoch, den 28. September, morgens 9 Vs Uhr Predigt: Herr H. Falkenberg Jaurn Kippur: Mittwoch, den 5. Oktober, abends 53/4 Uhr Predigt: Herr Dir. Flaut Donnerstag, den 6. Oktober, morgens 10 Uhr Predigten und Seelenfeier: Herr Rabbiner Dr, Salomonski J ugendgottesdlenst: für Kinder über 10 Jahre und Jugendliche Rausch-Haschono: Montag, den 26. September, abends 6 Uhr Dienstag, den 27. September, morgens 10 Uhr Mittwoch, den 28. September, morgens 10 Uhr NADEL IST WICHTIG Eine gute Platte erfordert eine gute Nadel. Und so ist fUr die Odeon- Platte die Odeon-Nadel am allergeeignetsten. Aber auch hier ist die Hauptsache, daß die Nadel mit jeder neuen Platte gewechselt wird, damit die Wiedergabe gut ist und die Platte eine langeLebensdauer hat. Jede Phonohandlung ist gern bereit, Ihnen Platten aus dem umfangreichen Repertoir der Marke Odeon vorzufUhren, und Sie gleichzeitig von den Überragenden Eigenschaften der Odeon-Nadeln zu Überzeugen, in Berlin: Odeon-mosiiiiiaus 6. RI. h. H., Leipzigerstrafie 110, Astoria-MusiMiaus B.m.u.H., Friedrlctistraße Ri, Parlopbon-Salon, Heitelöechstrafle 6, PaNopbon-ltaus, Martin Lut(i8rstraae 90. Carl Lindström A.-G. Berlin SO 33 » 25 2323232348535353480102010001312323535348482323 ^629445281979^9251881805416774 4155