Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus den Gemeinden :: *:: Alsheim. (G e f a l l e ne n - E h r ung.) Hier wurde letzten Sonntag zum Andenken an die im Weltkriege gefallenen Söhne der jüdischen Gemeinde in der Synagoge eine Gedenktafel enthüllt. Im Mittelpunkt der schlichten und würdigen Gedenkfeier stand die eindrucksvolle Ansprache des Rabbiners Dr. Holzer aus Worms. Berlin. (60. Geburtstag.) Prof. Dr. Georg Levinsohn, außerordentlicher Professor der Augenheilkunde an der hiesigen Universität, beging kürzlich seinen 60. Geburtstag. Als Spezialist auf dem Gebiet der Starbehandlung und auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter deutscher und ausländischer Fachzeitschriften erfreut sich Pros. Levinsohn hohen Ansehens. Bei der Einrichtung von Sehschwachenschulen, die augenleidenden Kindern die Teilnahme am Unterricht ermöglichen sollen gleich solchen mit normaler Sehkraft, hat Lerfolgreich mitgewirkt. Cöpenick. (Doppelseier im Cöpenicker Mädchenheim.) Zu einer Doppelseier hatte sich am Sonntag, den 18. September, das Curatorium für die Fürsorge-Erziehung beim Deutsch- Israelitischen Gemeindebunde mit den Freunden und Gönnern des Erziehungsheims für gefährdete israelitische Mädchen in Cöpenick in großer Zahl zusammengefunoen. Die Anstalt blickt aus ein Bierteljahrhundert ihres Bestehens zurück. Während dieses ganzen Zeitraums hat sic unter der musterhaften Leitung des Frl. Mathilde Katz gestanden, die am 1. Oktober ds. Js. mit Rücksicht auf ihre geschwächte Gesundheit in den Ruhestand tritt. Anknüpsend an den vom Mädchenchor der Anstalt unter Leitung des Herrn Predigers Frank klangvoll vorgetragenen Einleitungsgesang des Psalmtextes „Wenn Gott nicht das Haus baut" gedachte Herr Rabbiner Dr. Blumenthal, der seit Bestehen des Hcirns ehrenamtlich die religiöse Aussicht führt, der reich gesegneten Wirksamkeit der scheidenden Leiterin, begrüßte mit ermunternden Worten das als Nachfolgerin in Aussicht genommene Frl. Staripolsky, Tochter des früher in Zabern amtierenden Kollegen, Usid richtete eine tvarmherzige Ermahnung an die Zöglinge. — Alsdann betonte Herr Prediger Frank das überaus freundschaftliche Verhältnis zwilchen der jüdischen Gemeinde Cöpenick und der seit 1915 in ihrer Mitte angesiedetlen Anstalt. - Namens des Gemeindebundes und seines Fürsorge-Curaloriums sprach .Herr Oberstudienrat Professor Dr. Schaefer, der während der ersten 20 Jahre die Fürsorge-Ableitung geleitet halte. Ec erinnerte an die kleinen Anfänge des .Heimes und richtete Abichicdsworte an Frl. Katz, die ihm und allen anderen für die Anstalt Tätigen menschlich nahe gestanden hat. An den Dank für die selbstlose Lebensarbeit der scheidenden Vorsteherin und die Begrüßung ihrer Nachsolgerin schloß er, Danksagung sur die Beamten der Anstalt, für die Mitglieder des Frauenausschusses, für die Gemeinde Cöpenick, die Anstaltsärzte, wie für alle, die an dem schwierigen Werke Mitarbeiten und vergaß nur den große,: Anteil, den er selbst daran hat. — Herr Dr. Pfifferling, der das Heim als AnstattSarzt betreut, sprach noch über die leibliche Fürsorge, di-' die Leirerrn den älteren Zöglingen wie besonders den kleinen Kindern zuteil werden ließ. Im letzten Jahre hat eine Epidemie, die ohne Nachteil vorübergezogen ist, reiche Gelegenheit zu ausopfernder Betätigung geboren. Die würdige Feier klang in wohlgelungenen deklamatorischen und theatralischen Vorträgen der Zöglinge aus, selbst einige der Kleinen konnten für ihre anmutigen Leistungen reichen Beifall ernten. Der tiefste Sinn der Feier erschloß sich aber in der Danksagung eines ehemaligen Zöglings, der nun schon seit 10 Jahren in glücklicher Ehe lebt. Es waren noch manche andere ihrer früheren Kameradinnen anwesend, die dank der erfahreneren Fürsorge gteichsatls den Weg in's bürgerliche Leben zurückgesunden haben und als Hausfrauen oder berufstätig dafür zeugen, daß das Mädchenheim an seinen bisher 275 Schützlingen feine so ungeheure schwierige Ausgabe nach Kräften erfüllt. Möge es ihm in dem neuen Vierteljahrhundert, in das cs unter neuer Leitung eintritt, beschieden sein, gleich erfolgreich für die Ehre des jüdischen Namens zu wirken! Dresden. (Aus dem G e m e i n d e l e b e n.) Der Verein jüdischer .Händler und Angestellter in Dresden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, „gegenseitige Hilfe in unverschuldeter Notlage zu leisten und gegenseitigen rvie humanen Bestrebungen Förderung angedeihen zu lassen", richtet an die Gemeindemitglieder die Aufforderung, ihm durch Gewährung von Unterstützungen die Möglichkeit zu geben, „den Untergang eines so wichtigen sozialen und philanthropischen Instituts" abzuwenden. , In die Reihe der hiesigen Vereine und Wohltätigkeits-Institutionen, deren Zahl insgesamt zurzeit etwa 40 beträgt, ist neuerdings die „Vereinigung jüdischer Studierender Dresden" getreten. Die Vereinigung, deren Vorstand die Herren Josef Lubotzky, Ludwig Ellenbogen und Fritz Heppner bilden, will die kulturelle und soziale Arbeit innerhalb der jüdischen Studentenschaft Dresdens dadurch fördern, indem sie Vorträge und Heimabende abhält. Ferner tritt die Vereinigung dafür ein, daß bedürftigen jüdischen Kommilitonen Unterstützung gewährt und der Bestand einer rituellen Mensa gesichert wird. Bei dem Begrüßungsabend, der anläßlich der Dresdner Tagung des „Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus" im Rathaus stattfand, sprach namens des Jüdischen Frauenbundes Frau Grace Winter. Fulda. (S y n a g o g e n w e i h e.) Die neuerbaute Fuldaer Synagoge wurde dieser Tage ihrer künftigen Bestimmung übergeben. Am Sabbatvorabend hatte der erste feierliche Gottesdienst stattgefunden. Sonntag vormittag war eine große Zahl von Vertretern der Behörden und Körperschaften der Einladung zu einem ossizietlen Festakt gefolgt. Erschienen waren die Spitzen der Staatsbehörden, der Stadtverwaltung, Abordnungen von Magistrat und Stadtverordneten, Landtagsabgeordneter Rhiel-Fulda, Schulvorstände, ferner Vertreter von Industrie, Handel und Gewerbe. Auch aus den israelitischen Nachbargemeinden waren zahlreiche Gäste zugegen. Nach mehrstimmigem Chorgesang hielt in Verhinderung des Provinzialrabbiners Dr. Cahn, Rabbiner Kunstadt eine eindrucksvolle Ansprache, in der er über die Würde und Bedeutung des Gotteshauses sprach. Landr at Frhr. v. Gagern überbrachte die Glückwünsche der Staatsbehörde Herr Oberbürgermeister Dr. Antoni sprach namens der Stadt Fulda. Er wies daraus hin, daß die Fuldaer jüdische Gemeinde stets an allem Guten treu mitgewirkt habe. Für die Synagogenältesten sprach deren Mitglied. Dr. Herz. Er legte in. wohldurchdachten Ausführungen dar, wie das Gotteshaus die Ausgabe hat, die menschliche Seele zu bilden und so die Pslanzschule werden kann für die Menschen, die der Gemeinde, dem Staat und der gesamten Menschheit wertvolle Dienste zu leisten in der Lage sind. Homturg. (100. Geburtstag.) Große Ehren wurden dem hier lebenden Rentner Markus Löwenberg anläßlich seines 100. Geburtstages bereitet. Bemerkenswert ist, daß der Hundertjährige noch die Synagoge besucht und heute noch an seinen Jahrzeitstagen vorbetet. Seit Kriegsende wohnt Löwenberg mit seinen Angehörigen am hiesigen Platze und hat sich einen großen Bekanntenkreis geschaffen. Das bewies die lebhafte Teilnahme an seiner Zentenarfeier. Glückwunschschreiben hatten auch der Reichspräsident und der preußische Ministerpräsident Braun genannt, der seine Gratulation durch Landrat Erkelens übermitteln ließ. Im Namen der Stadt Homburg gratulierte Beigeordneter Lipp. Kassel. (Jubiläumsstiftung.) Die „Gesellschaft der Humanität", die demnächst auf ein 125 jähriges Bestehen zurückblicken kann, hat sich während der langen Zeit ihrer segensreichen Tätigkeit als Wohlfahrts-Einrichtung bestens bewährt. Unbemittelte junge Leute, die sich dem Gelehrten-Beruf, dem Handwerk oder der Kunst widmen wollten, erhielten lausende Unterstützungen, die meistens als Darlehen gedacht waren, die von den Empfängern auch in vielen Fällen zurückerstattet wurden. Durch den Krieg und die Nachkriegszeit haben die ansehnlichen Geldmittel und Spenden wie die Mitglicderbeiträge starke Einbußen erfahren, so daß der Berwaltungsrat das bevorstehende Jubiläum als geeignete und notwendige Gelegenheit wrhrzunehmen sucht, durch Schaffung einer umfassenden Stiftung „das Vermächtnis edelster Vorfahren" vor dem Verfall zu sichern und den heute gestellten Aufgaben gewachsen zu sein. Diese Jubiläumsstistung soll am 6. November, dem Tage der Gründung der Gesellschaft, anläßlich der dann auch zu veranstaltenden Feier übergeben und als Grundstock weiterer Hilfsaktionen benutzt werden. Namhafte Beträge sind von gebefreudigen Mitgliedern bereits gezeichnet worden. Es ist daher zu erwarten, daß auch auswärtige Freunde der Gesellschaft für „die Arbeit pflichttreuen Judentums" offene Hand zeigen und durch einmalige Hilfe als Jubiläumsspende das soziale Werk tatkräftig unterstützen. Auch der an die Mitglieder der Gesellschaft gerichtete Appell, die Beiträge zu erhöhen und dadurch die Hilfe und Arbeitsmöglichkeit zu sichern, verdient weitgehende Beherzigung. Kikl. (Gedenkfeier.) Anläßlich des 75 jährigen Bestehens des jüdischen Friedhofes fand auf dem Friedhof eine Gedenkfeier am Sonntag, den 18. September, mittags 121/2 Uhr, statt, zu der der Vorstand der israelitischen Gemeinde und die Heilige Beerdigungsbrüderschaft eingeladen waren. Lübben» N.-L. (Spende des Preußischen Landesverbandes.) Vor Jahren wurde hier ein Aufruf erlassen, der bekannt gab, daß die Mauern des Friedhofs in Friedland N.-L. dem Verfall nahe seien. Früher wohnten in Friedland über 100 jüdische Familien, seit 50 Jahren kein einziger Jude mehr. Die Synagoge wurde abgerissen, da ihr Grund und Boden nicht Eigentum in der jüdischen Gemeinde war. Nur der Friedhof blieb bestehen, der, da Friedland zu Lübben gehörig, von hier ans verwaltet wird. Die infolge des Aufrufs eingegangenen Spenden waren durch die Inflation wertlos geworden, sie reichten nicht aus, die Mauer wieder herzustelten. Da griff der Preußische Landesverband ein, prüfte die Angelegenheit und bewilligte Mk. 2000,— für die Wiederherstellung der Mauer. Mainz. (Gedenkfeier.) Die israelitische Religionsgemeinde Mainz (hielt am Samstag, den 17. September d. I., in der Hauptsynagoge einen Gedenkgottesdienst zur Erinnerung an den 500jährigen Todestag des über ein Menschenalter in Mainz wirkenden großen jüdischen Gelehrten und Rabbiners Rabbi Jakob, Sohn des Rabbi MoseS Halevi-Maharil, ab. Die Festpredigt hielt Herr Rabbiner Dr. Levi, der sich seit längerer Zeit mit der Persönlichkeit und dem Wirken des berühmten Mannes beschäftigt und dessen Bedeutung er in verschiedenen Vorträgen, so auch jüngst auf dem Gemeindetag des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens, würdigte. Nachdem die .Hauptgemeinde das Andenken jenes großen Führers dadurch besonders ehrte, daß sie eine vor kurzem gestiftete neue Thorarolle „Maharit-Sefer" benannte, hat sie außerdem eine „Maharil-Stiftung" ins Leben gerufen, die der Förderung des jüdischen Studiums dienen und die enge Verknüpfung Maharils mit der Gemeinde Mainz für alle Zeiten bezeugen soll. Marburg. (I ü d i s ch e M i s s i o n.) Bei dem in der Zeit vom 19. bis 23. September hier stattfindenden Kirchenkongreß, der internationalen lutherischen Tagung, wird nach dem vorgesehenen Programm der Missionsdirektor der Judenmission P. von Äarling in einer Spezialkouserenz auch über das Thema „Das heutige Judentum und das Evangelium" referieren. Schneidemühl. (K ant or en e in s ü h r u n g.) Bor acht Tagen wurde .Herr Kantor Jospe aus Berlin als 1. Kantor Hierselbst in sein Amt eingeführr. Nachdem das Minchagebet vom 2. Kantor vorgetragen worden >var, begrüßte Rabbiner Dr. Rosenzweig den neugewählten Beamten im Namen der Gemeinde. Der Rabbiner führte aus, daß die Gemeinde vom Kantor Jospe wenig und viel verlange, wenig, da I. ein geborener Kantor sei, und schon dessen Urgroßvater sich diesem Berufe gewidmet habe, viel, weil er Nachfolger des allgemein bekannten und tüchtigen Kantors Helischkowski geworden sei. Nach der Ansprache verrichtete Kantor Jospe das Maariwgebet. Zimmersrode. (Todesfall.) Hier verstarb kürzlich im 85. Lebensjahre der Rentner M. Höxter. Fast ein halbes Jahrhundert hat der Verstorbene als Gemeindeältester die religiösen Interessen der kleinen Gemeinde gewahrt, die ehemals eine eigene öffentliche israelitische Volksschule besaß und heute von dem Lehrer der Nachbargemeinde seelsorgerisch betreut wird. Als Veteran von 1870/71 war Höxter viele Jahrzehnte Mitglied des Kriegervereins und Ehrenmitglied des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Die Kameraden gaben dem allgemein geachteten Kriegsteilnehmer das Geleit bis zum Friedhof in Haarhausen und erwiesen ihm dort militärische Ehren durch Abgabe von Salven. Lehrer Katz aus Borken sprach an der Bahre ehrende Worte der Anerkennung für das soziale Wirken des Heimgegangenen. >+++++++»»+»•+»++•»+»»+++»< Aus der Bewegung >4 4-44444-44-4 4-4444-44444-i Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V.) Wir bitten unsere Mitglieder recht sehr, die Beiträge für das IV. Quartal 1927 auf unser Postscheckkonto Berlin NW. 7 Nr. 14805 rechtzeitig einzuzahlcn, damit die Unkosten für das Inkasso möglichst herabgemindert werden. Königsberg. Am Dienstag, den 20. September 1927, abends 81/2 Uhr, fand in der Börsen Halle eine Versammlung der hiesigen Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum statt mit der Tagesordnung: 1. Die Vertrauenskrise in der Justiz und die Juden. 2. Stellungnahme der Königsberger Juden zu den Stadtverordnetenwahlen. 3. Stellungnahme zu den Beschlüssen der letzten Repräsentantenversammlung hinsichtlich der Besetzung der Kommissionen. Der Vorsitzende Fabian erösfnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf aus das kürzlich verstorbene ehemalige Vorstandsmitglied Adolf B e n n h e i m. Sodann sprach der erste Referent des Abends Dr. Siegfried Leß über „Die Vertrauenskrise in der Justiz und die Juden". Man habe darunter das in weiten Volkskreisen bestehende Mißtrauen gegen die Rechtsprechung und gegen eine Reihe von bestehenden Gesetzen zu erblicken. Ueber das Vorhandensein einer solchen Krise, die natürlich von gewissen Kreisen bestritten werde, sei kein Ztveifel, nachdem sie sogar von dem rechtsgerichteten Reichsjustizminister zugegeben und durch die betonte Erklärung des Reichskanzlers über den mangelnden Rechtsschutz bei persönlicher Beleidigung von Ministern unterstrichen worden sei. Bei Untersuchung der Gründe für diese Vertrauenskrise müsse man zu dem Ergebnis kommen, daß dafür im wesentlichen die unheilvolle Spaltung unseres Volkes, die schier unüberbrückbar erscheinende Verschiedenheit der Weltanschauungen und insbesondere die politisch einseitige Einstellung eines großen Teils der Richterschaft verantwortlich zu machen seien. Für die Rechtsunsicherheit gegenüber den Juden käme außerdem noch als erschwerend hinzu die erschreckende Unkenntnis des jüdischen Menschen, der jüdischen Religion, ihrer Sitten und Gebräuche, und eine gewisse Massensuggestion, die es leider dahin gebracht habe, daß in vielen Bolkskreisen jeder Jude als Schieber, Wucherer und Schädling angesehen werde, Bor-, stellungen, die gerade bei einem großen Teil unserer Richter durch Erziehung, Leben in den studentischen Corps, Lektüre einer einseitig eingestellten Presse in unheilvollem Maße vertieft würden. Neben einer zielbewußten Mitarbeit in der künftigen Neu ordnung des Strafgesetzbuchs, die eine Besserung gewisser Gesetzesparagraphen erstrebe (z. B. § 130: Aufreizung zum Klassenhaß, § 166: Beschimpfung der Religion, die Frage der Kollektivbeleidi gung), muß vor allem durch unermüdliche Aufklärung eine Aende rung der Geister erstrebt werden. Der zweite Redner des Abends, Justizrat Dr. Lichtenstein, beschäftigte sich in seiner ruhigen, objektiven Art mit der höchst aktuellen „Stellungnahme der Königsberger Juden zu den Stadtverord, netenwahlen". Wir hatten als Juden, als Teile der Bürgerschaft, das Recht und die Pflicht, Ms um kommunale Dinge zu kümmern. Gerade die künftigen wichtigen Ausgaben unserer Stadtgemeinde (Berkehrsfragen, Hafen, Wirtschaft, Schulen etc.) verlangten gebieterisch die Mitwirkung aller Kräfte der Bevölkerung. Bei der Frage, wie unsere Stellungnahme zu den bevorstehenden Stadtverordnelenwahlen sich zu gestalten habe, müßten in erster Linie die gemeinsamen Interessen der Königsberger Bürgerschaft für uns maßgebend sein. Die Spaltung und die übermäßige Betonung der Zugehörigkeit zu bestimmten politischen und religiösen Richtungen sei zu verwerfen. Wenn wir die Frage dennoch von unserm Standpunkt als Juden prüfen, so müßte es uns genügen, wenn wir Männern unsere Stimme geben, von denen wir überzeugt sein könnten, daß sie die Gleichberechtigung der Juden vertreten und gegen ungerechtfertigte Vorwürfe gegen das Judentum Front machen würden. Schließlich mahnte der Vortragende sehr eindringlich zu einer stärkeren Mitarbeit der jüdischen Bevölkerung an städtischen Dingen. Das Ergebnis der teilweise recht lebhaften Aussprache, welche Vorkommnisse berührte, die hinter den Kulissen vor sich gegangen waren, und auf die hier nicht naher eingegangen werden soll, läßt sich dahin zusammenfassen, daß es mit Recht als unbedingte Pflicht eines jeden jüdischen Mitbürgers erklärt wurde, am 9. Oktober d. I. zur Wahl zu gehen, wie auch immer seine persönliche Einstellung sein mag. In vorgerückter Stunde nahm Rechtsanwalt Dr. Holz das Wort zu dem 3. Referat des Abends. An der Hand der Satzungen der Synagogengemeinde besprach er die einzelnen Ausschüsse und Kommissionen und wies auf die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit hin. Ec berichtete dann, daß die Repräsentantenversammlung in ihrer letzten Sitzung den Bertagungsantrag der liberalen Fraktion abgelehnt und die Kommissionen nach dem bisherigen Modus festgesetzt habe. Auf diese Weise sei die liberale Fraktion in den wichtigsten Ausschüssen ganz ungenügend vertreten. Es sei daher viel wichtiger gewesen, die Neubesetzung der Kommissionen bis zur Aenderung der Statuten anszusetzen und bis dahin die Kommissionen in der alten Weise weiter bestehen zu lassen. Der Redner geißelte dann scharf das Vorgehen des konservativen Blocks, welcher alle Anträge der liberalen Fraktion, auch den 3 Mitgliedern der neuen religiösen Mittelpartei ein Stimmrecht in einzelnen Kommissionen zu gewähren, abgelehnt habe. Da alle Repräsentanten gleichberechtigt seien, sei diese Ausnützung der Mehrheit gegenüber der Minderheit sehr zu beklagen. Es müßte Aufgabe der liberalen Fraktion sein, aus schnelle Aenderung der Statuten der Gemeinde zu dringen, damit die Kommissionen eine größere Zahl von Mitgliedern erhalten und damit dann alle Richtungen der Gemeinde auch in den Kommissionen vertreten sein könnten. Dr. Willy Wolssheim. ... wajelech el-hamokaum Von Carl Hollerbaum. Noch einmal lauschte Abraham hinüber zum Lager seines Weibes. Die Mutter schlief. Das leise, regelmäßige Hingleiten ihres Atmens mischte sich mit dem unablässigen Rauschen der Baumkronen draußen vor den Zelten zu einer tröstlichen, beruhigenden Melödie des Oeborgenseins, die den schlummernden Knaben wie mit einem haltenden Netz umspann und seine Kinderträume in beglückendes Farbenspiel tauchte. Die Nacht war dunkel und ohne Sternenglanz. Keine Grenze war zwischen der undurchdringlichen Finsternis, die das geräumige Zelt füllte, und der tiefen, unendlichen Schwärze, die das Land deckte; alle Dunkelheit der Welt schien gesammelt, um sich in dieser Stunde um den kämpfenden Mann zu ballen und ihn zu schützen vor der harten Versuchung. Aber wie der Tag Sieger wird über die grauverhangene Nacht, so siegte das Wort, das aus der unfaßbaren Höhe herabgestiegen war, unbegreiflich in seiner Grausigkeit, über das dumpfe, trotzige Gefühl der Gegenwehr, die aus blutendem Herzen erstand. Abraham erhob sich. Unendlich langsam und behutsam entrann er der Lagerstatt, und wie er sich mit vorsichtigen Schritten dahintastete, wurde das wehe, zu körperlichem Schmerz gewordene Klagen in ihm plötzlich überflutet von einer schäumenden Welle schütternder Furcht. Der Furcht des Diebes. — So stahl er schleichend im Finstern den Sohn der arglosen Mutter, zerriß roh den lebendigen Faden, der von Herz zu Herz geknüpft war und zertrat die schimmernde, kostbare Perle der unbeirrbaren, unzerstörbaren Liebe. Und dennoch. Versunken mußte alles sein, was aus menschlicher Kleinheit aufwuchs zu Empfindung, mußte versunken sein vor dem blitzenden, starren, unbeugsamen Befehl: Opfere! — Dieses aber war der Schrecknisse Höchstes, war ätzendes Gift in die klaffende Wunde: das Kind von der Seite der Mutter zu reißen. Furcht hetzte zur Eile. Abraham trat hinüber und wickelte mit zitternder Hand den Knaben in den weichen Mantel. Aber als er ihm emporhob, spannte sich schwirrend in spitzem Ton das Band zwischen Mutter und Sohn: Sarah hauchte ein flüsterndes Stöhnen aus fernem Traum. Der Vater lauschte; das Blut in ihm hielt stockend an. Aber die Frau erwachte nicht; denn das Wunder, gebreitet über sie von Barmherzigkeit, wehrte das Grauenhafte ab, das es dem Vater zu wissen auferlegte: nie hätte die Mutter den Abschied ertragen! — Abraham, das schlummernde Kind im Arm, verließ mit angstvollem Schreiten das Zelt und wandt sich quer über die, Weide gegen die Schlafplätze der Knechte. Mählich, während er mit sorgsamem Wiegen über.das feuchte, gebüschelte Gras ging, wich von ihm die aufgezischte Erschütterung; der Schritt erstarkte und wurde fest wie der Wille zum Gehorsam, zu dem er sich durchgestritten hatte in vielen trüben Tagen und zerquälten Nächten. Mit kühlem Schauer floß von der Höhe des Gebirges der erste Morgenwind herab und kündete mahnend das nahende Licht, das noch zu schwach war, seine gefesselte Kraft zu lösen. Die nebelschweren Dünste, die aus df» Wiesen heraufstiegen und sich wie weißliche Schleifer zerstückt und flatternd in die Dunkelheit hinein woben, ließen den Schreitenden frösteln und den schlafgebannten Knaben fester an sich pressen. Ein flaqhes Zelt duckte sich in scheuer Ergebenheit über dem Boden. Die rufende Stimme weckte zwei junge Knechte, die, beschwert noch mit zerschlissenen Fetzen schweren Schlafs, unsicher dastanden und den zu langer Reise Gerüsteten anstarrten. Ein Wort, das nur beherrscht war und zielsicher, klang hart auf wie Unmut und Groll. - ' ) Ein starker Esel wurde mit Brot, V^äsfcörschiäuchen. und Spaltholz beladen; wortlos gürteten sich die Knechte.