Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Taimenberaslandal Auf dem Schlachtfelde von Tannenberg fand am 18. September in Anwesenheit des Herrn Reichspräsidenten v. Hindenburg die Einweihung des Tannenberg-Nationaldenkmals statt. Der Reichsbund Mischer Frontsoldaten beschloß, sich offiziell an dieser Feier zu beteiligen. Bei der Veröffentlichung des Festprogramms hatte der DenkmalsausschutzHaikgekündigt, daß neben dem evangelischen und dem kathWsOrn Geist- . lichen auch ein Rabbiner beim Feldgottesdienst sprechen solle. Als solcher war Herr Gemeinderabbiner Dr. Lewin-Königsberg in mündlicher Unterredung, die in Zeugengegenibart stattfand, vom Vorsitzenden des Denkmalsausschusses beauftragt worden. Dr. Lewin, der sich zu den liberalen Geistlichen rechnet, ist als einer der besten deutschen Kanzelredner bekannt. Gleich den beiden christlichen Geistlichen hat er den Krieg als Feldgeistlicher mitgemacht. Man forderte Dr. Lewin sowie die beiden anderen Geistlichen auf, die Rede vorher dem Denkmalsausfchuß zur Genehmigung einzureichen. Das geschah; die Rede fand die Billigung des Ausschusses, nachdem sie auch dem Büro des Reichspräsidenten Vorgelegen hatte. Die Rede hatte den nachstehenden Wortlaut: Einem Denkmal die Weihe des Glaubens geben, — was will das bedeuten? Nichts anderes heißt das, als die irdische Leistung, die da verherrlicht wird, aus ihrer Einmaligkeit und Vergänglichkeit herauszuheben. Die Ewigkeitswerte sollen zu Bewußtsein gelangen, die zu jener befähigten, in ihr sich verkörperten und offenbarten. Aus den Menschen, die man beklagt und rühmt, muß der Gottesgeist emporschlagen, der sie durchwehte, der nunmehr eingehen will in uns — in unser heutiges Empfinden wie in unser künftiges Tun. Was war es, das die Kämpfer von Tannenberg, das Deutschlands Gefallene im Weltkrieg überhaupt stärker machte als ihr Einzelschicksal? Ueber den Tod, dem sie selbst zum Opfer fielen, über das widrige Geschick, in das ein unseliger Kriegsausgang ihr Volk und Land verstrickte, ragt das Gefühl inniger Verbundenheit hinaus, die über alle Schranken von Herkunft und Bildung, von Stand und Bekenntnis, weil ein Boden sie gebar, weil eine Heimat sie leiblich und geistig nährte, ans Gedeih und Verderb sie zusammenschloß. Wie die Feindeskugel keinen Unterschied kannte, so standen, so sielen sie einer für alle und alle für einen. Ihr blutbesiegelter Wille, von diesem Denkmal, dem jeder die Weihe seines Glaubens gibt, trutzig gehämmert in Stein und Erz, bleibe uns heilig! Friedensarbeit zu leisten, ihres Kriegswerkes würdig, unserem Baterlande zu dienen Schulter an Schulter und Herz an Herz — dazu verhelfe uns der ewige Gott, der in diesen Toten lebendig war! Aus ihrem'Kämpfen und Sterben lasse er uns erkennen, lasse er uns beherzigen, was unsere Pflicht bleibt, damit in der Gemeinsamkeit unseres Strebens sich der Geist der Kämpfer von Tannenberg dauerhaft und wirksam erweise für alle deutsche Zukunft! Etwa zehn Tage vor der Feier erklärte der Denkmalsansschuß, mit Rücksicht auf den schwankenden Gesundheitszustand des Reichspräsidenten müsse die Rede des Rabbiners vom Feldgottesdienst, der vor der breitesten Oesfentlichkeit stattsand, abgesetzt werden, und der Rabbiner solle seine Rede {sn Ehrenhose des Denkmals halten, wo lediglich die Depular.onen der Vereine mit ihren Bannern Aufstellung geüLinmen hatten. Nach eingehender Prüfung dieses Angebots und Fühlungnahme mit den zuständigen jüdischen Instanzen lehnte Dr. Lewin dieses Anerbieten ab. Mit Recht begründete er seine Ablehnung damit, daß es ihm als Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft zustehe, an der Stelle das Wort zu ergreifen, an der die beiden anderen Geistlichen sprächen. Nunmehr erklärte auch der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in der nachstehenden Veröffentlichung, die der gesamten deutschen Presse zuging, daß er an der Feier nicht teilnehmen werde. Der Landesverband Ost- und Westpreußen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten hat sich zu seinem großen Bedauern und schweren Herzens entschließen müssen, der Feier auf dem Schlrchtfelde von Tannenberg fernzubleiben. Die Oesfentlichkeit hat ein Interesse daran, die Gründe dieses Entschlusses zu erfahren. Der Denkmalsausschuß hatte vorgesehen, daß an dem Feldgottesdienst neben den evangelischen und katholischen Geistlichen auch ein jüdischer Geistlicher spricht; als solcher war Herr Rabbiner Dr. Lewin-Königsberg, der während des Krieges als Feldrabbiner tätig gewesen ist, vorgesehen. Entsprechend lautet auch das Programm, welches zunächst in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Der Text der Ansprache des Rabbiners ist in üblicher Weise vorher eingereicht gewesen und unbeanstandet geblieben. Zu unserem Erstaunen wurde dann an den Herrn Rabbiner das Ansinnen gestellt, auf die Teilnahme und Ansprache am Feldgottesdienst zu verzichten. Es war ihm nur vorgeschlagen worden, an anderer Stelle im späteren Verlauf der Feier seine Ansprache zu halten. Wir jüdischen Frontsoldaten müssen diese nachträgliche Abänderung des Programms als eine schwere Verletzung unseres religiösen Empfindens und unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung betrachten. Wir haben mit Stolz die Vertreter unserer Geistlichkeit im Felde als Feldgeistliche wirken sehen. Wir haben ein Recht darauf, daß in einem Feldgottesdienst, der christliche und jüdische Kämpfer vereinigt, ebenso wie im Felde, neben dem katholischen und evangelischen Geistlichen der jüdische Geistliche das Wort nimmt. Im vaterländischen Interesse beschränken wir uns auf diese Erklärung. Unser Bedauern ist umso größer, als uns dadurch die Möglichkeit genommen wird, dem verehrten Feldherrn von Tannenberg, dem Reichspräsidenten von Hindenburg, auf dem Schlachtfelde von Tannenberg unsere Huldigungen darzubringen. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten <£. V. (Landesverband Ost- und Weftpreußen.) gez. Rechtsanwalt Dr. Erich Cohn, gez. Sabatzky, Vorsitzender. Geschäftsführer. Es ist ganz zweifellos, daß der Denkmalsausschuß den Einflüsterungen von Führern völkisch eingestellter Wehrverbände nachgegeben hat. Noch bevor der Rabbiner und der Frontbund eine Benachrichtigung über die Programmänderung erfuhr, erzählte man sich in Kriegervereinen der Provinz Ostpreußen bereits davon, daß der Rabbiner beim Feldgottesdienst nicht reden solle, da dann gewisse völkische Verbände von der Feier abmarschieren würden. Es ist unerhört, daß sich der Denkmalsausschuß von diesen Elementen terrorisieren ließ. Das Judentum hat einen begründeten Anspruch darauf, als anerkannte Religionsgemeinschaft bei derartigen Feiern durch seinen Geistlichen beim Feldgottesdienst vertreten zu sein. Erfreulich ist, daß fast die gesamte deutsche Presse, sogar mit Einschluß von völkischen Blättern, wie der „Deutschen Zeitung" u. a., den Protest des Frontbundes kommentarlos veröffentlicht haben. Wenn es noch eines Beweises dafür.bedurft hätte, daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten eine Existenzberechtigung hat, so hat ihn diese Feier erbracht, bei der der R. j. F. sich restlos hinter den Vertreter des religiösen Judentums gestellt und ihn mit seinem Schild geschützt hat. Der R.j.F. kann der Sympathien aller aufrechten Juden und darüber hinaus aller gerechtdenkenden Deutschen sicher sein. S—y. Lin Abkommen des Verbandes Orl mit der Sowjetregierung Die Zentralverwaltung des Verbandes zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft unter den Juden „Ort", Sitz Berlin, hat mit der Regierung der Sowjetunion ein Abkommen getroffen, laut welchem dem Verbände „Ort" das Recht eingeräumt wird, Maschinen und Werkzeug nach Rußland einzuführen und sie an „Kustaren" (Heimarbeiter) und Handwerker im Kreditwege weiter zu geben. Die Verteilung der Maschinen, des Werkzeuges und der Materialien geschieht durch die Spar- und Darlehnskassen der Gesellschaft für gegenseitigen Kredit an ihre Mitglieder. Diese Anstalten erhalten die Objekte von dem Verband „Ort" mit einem Fahre Ziel, können aber für ihre Klienten den Rückzahlungstermin verlängern. Zur Durchführung dieser Aktion wurden spezielle Komitees unter Beteiligung von Vertretern der Kooperativen, von „Ort" und den Kreditanstalten gegründet. Technische Sachverständige werden die Verteilung der Maschinen und Instrumente überwachen. Vorläufig ist auf Grund des Vertrages der Verband „Ort" berechtigt, für jährlich 150 000 Rubel Werkzeuge zollfrei einzusühren. Man hofft, daß diese Summe erhöht werden wird. Die russische Gesellschaft „Ort" begann bereits mit der Verteilung des ersten Transports: Maschinen und Werkzeugen, die vor kurzem aus Berlin eingetroffen sind. Diese Aktion von „Ort" hat unter den Heimarbeitern und Handwerkern stärkstes Interesse hervorgerusen. In ganz kurzer Zeit sind den Kreditgesellschaften Gesuche um Lieferung von Maschinen über eine weit höhere Gesamtsumme zugegangen, als einzuführen erlaubt ist. Im Zusammenhang mit dem erwähnten Abkommen hat der Bevollmächtigte des Verbandes „Ort" in Rußland, Ing. Jacob Zegelnicki, der amtlichen Komzet, deren Funktionen bÄanntlich auch aus das G ebnet der Jnhustrialisier§ung der Juden ausgedehnt worden sind, ein Projekt wegen Versorgung von einzelnen (nicht organisierten) Heimarbeitern und sogenannten „Deklassierten" mit Maschinen, Werkzeug und Materialien unterbreitet, mit dem Ziele, diese Elemente produktiver Arbeit zuzuführen. Eine solche Aktion hätte ungeheure Bedeutung für viele Tausende Juden in Rußland, die als „Deklassierte" bis jetzt hinter den Arbeitern weit zurückgesetzt.waren, jetzt aber als produktive Elemente in eine höhere rechtliche und soziale Stufe aufrücken sollen. Juden in Amerika werden ihren Verwandten in Rußland im Wege der amerikanischen „Ort" Credit Corporation Maschinen und Materialien zukommen lassen können. Dieser neuartige Weg der Verwandtenhilfe steht auch den Angehörigen russischer Juden in anderen Ländern offen. Das Abkommen zwischen „Ort" und der Regierung gilt zunächst sttr ein Jahr. Für diese Zeit verpflichtet sich „Ort", Maschinen und Materialien für mindestens drei Millionen Rubel einzuführen. Das Abkommen ist durch die Komzet im Prinzip angenommen worden. In diesen Tagen sott es durch die Unionsregierung bestätigt werden, wodann es in Kraft tritt. Auf diese Weise werden Personen in Westeuropa und Amerika, die bis jetzt ihre notleidenden Verwandten in Rußland immer wieder mit Geld unterstützen mußten, die Möglichkeit erhalten, diesen zum Ausbau einer wirtschaftlichen Dauerexistenz zu verhelfen, und so für sich und für sie eine Erleichterung zu schaffen. (Jta.) Dringende Aufgaben der Berliner Gemeindevertretung Von Tr. Kurt Fleischer. Unser bester Kenner neuzeitlicher Sozialwissenschaft in ihrer Anwendung aus jüdische Verhältnisse, Eugen Easpary, stellt in der letzten Nummer dieser Zeitung die Forderung auf, jüdische Sozialwissenschast zu treiben, das heißt, jene uralte Domälre unserer Religion im Sinne auch der Entwicklungsidee des Liberalismus in das moderne Gewand zu kleiden, das sie tragen muß, um überhaupt wirksam zu sein. Man mag über die Größe des Aufgabenkreises der Gemeinde in ritualibus denken, wie man will auch liberale Ansichten unterscheiden sich hier man mag zum Beispiel den Neubau eines zweiten Tauchbades in der Pestalozzistraße für 75000 Mark für notwendig oder überflüssig halten, das Centrum des Kreises, die dringende Erstausgabe ist und wird sein Sozial- und BevölkerungsPolitik, erfüllt vom Geiste moderner Wissenschaft und nicht mehr von falsch verstandener Zedokoh. Der erschütternde Notschrei des Landesverbandes: Ueberhandnehmen der Mischehe, Geburtenrückgang stärker als in Frankreich, seinem klassischen Lande, stetes Ab sinken der Kopfzahl trotz stattgehabter Zuwanderung, muß jedem die Augen aufreißen, der noch einem Funken Liebe zum Judentume in sich birgt. Welche Ausgaben harren hier der Repräsentantenversammlung und auf welchen Wegen können sie der Lösung näher gebracht werden? Die Mischehe hat neben der wirtschaftlichen Unmmöglichkeit der Früheheschließung, von der weiter unten gesprochen wird, ihre lchten Gründe in der gemischten Gemeinsamkeit von Beruf, Geselligkeit und Wvhnung. Tie gemeinschaftliche Berufsarbeit ist selbstverständlich, auch soll nicht etwa gesellschaftlicher Abschluß von der Umwelt propagiert werden. Im Gegenteil; und trotzdem müssen Möglichkeiten des sich Kennen lernens auf geselliger Basis für junge Juden geschaffen werden, wozu Ansätze bereits vorhanden sind. (Sozial gesellige Vereinigung.) Nach dem Borbilde der in ähnlicher Verteilung über die Stadt wohnenden Anhänger christlicher Sekten müssen Versammlungsräume gebaut oder gemietet werden, gleichzeitig zu gottesdienstlichem Zwecke nutzbar und so geeignet, die Tanzbetsäle an hphen Feiertagen verschwinden zu lassen, die dem „möblierten Herrn" und dem berufstätigen Mädchen eine behagliche Zuflucht bieten, eine Stätte der Lebensfreude und edlen Geselligkeit, die ihnen zu Unrecht vorenthalten ist, wo der GesellschaftstaW das Tanzcafe und das Kino und wo das selbstgespielte Theater das teure Komödienhaus ersetzen soll. Schaffen wir also jüdische Gemeindesäle in genügender Zahl und an den richtigen Stellen! Organisieren wir ferner von Gemeinde wegen die Vermietung von Zimmern, sodaß jeder Jude beim Juden, der das Vermieten oft bitter nötig hat, sein Obdach findet. (Zimmerv^rmiet ungsbüro.) Diese Maßnchmen sollen zur frühen Eheschließung mit helfen. Wir kommen damit zum nächsten Problem, der Frühche. Sie ist geeignet die Zahl der Mischehen, ferner den außerehelichen Verkchr in seiner gesundheitlichen Gefahr zu mindern. Vor jeder Eheschließung solllte von beiden Partnern, natürlich getrennt, die Eheberatungsstelle ausgesucht werden, die sich im Anschluß an jedes Bezirks- Wohlfahrtsamt ohne große Mittel und für alle Schichten leicht einrichten läßt. Ter Arzt steht in seiner Sprechsturide oder zu bestimmter Zeit im Bezirksamte honorarfrei' unter dem Siegel des Berufsgeheimnisses zur Verfügung und gibt seinen Rat über die jeweilige Bedeutung von Tuberkulose, Herzkrankheit, Geschlechts- .oder Nervenleiden, von Erbanlage, Verwandtenehe u.f.m. Er rät zur Verhütung von Schwangerschaft aus Gesundheits- oder sozialem Grunde (Kinderregetung), ja er könnte die gesetzliche Anzeige zur Schwangerschaftsunterbrechung mit seststellen helfen. Er stellt ferner jedem Ehesuchenden ein Gesundheitszeugnis aus und lehrt ihn, ein solches als Selbstverständlichkeit vom anderen zu fordern. Weiter soll jedes bedürftige junge Mädchen von Gemeinde wegen ein Aussteuergeld z. B. 1000 Mark nach ihrer Eheschließung erhalten, das in Form einer A « s steuer - v e r s i ch e r u n g oder Ehestandskasse aufzubringen ist. Ein Teil der Gemeindesteuereingänae wäre für diese Verwendung nicht zu schade. Diese wirtschaftliche Beihilfe wird Anreiz zur frühen Ehe sein und damit die große Sorge bannen helfen, die uns der erschreckende Geburtenrückgang machct (Theilhaber). Wenn im Oieschlechte der Fugger die Zahl von 20 Kindern auf eine Mntter nicht selten war und wrnn heute zur Erhaltung der Familie eine Zahl von 3 5 Kindern als notwendig statistisch errechnet worden ist. werden wir bei Umschau in unseren Kreisen schnell erkennen, wie selten wir dieser Forderung Nachkommen. Tie meisten Kinder werden in katholischen, die wenigsten in jüdischen Ehen gezeugt und zwar in den geistig führenden, also wertvollsten Ständen unserer Gemeinschaft. ' „Tie Familie wird auf dem Altar der Kultur geopfert" «Lenz) und der auffütlende Nachschub kinderreicher Landbevölkerung hat ftir uns aufgehört. Demgegenüber ist zu fordern: Find et Häuser für uneheliche Kinder. Solche lverseu die Abtreibung verhüten und damit jüdische Menschen erhalten Helsen. Mit dieser Einrichtung sind in Sowjetrußland die besten Erfolge erzielt worden. Hier könnte mau wohl den Typ des jüdischen Bauern „züchten". Ferner sind Zuschüsse zu den Leistungen der Sozialversicherung (Kranken- und Invalidenversicherung) für diejenigen notwendig, die ihr angehören, wie Erhöhung der Stillprämr und des Geburtsgeldes, das der Wöchnerin sechs Wochen gewährt wird. Für alle Kreise ist eine Staffelung der Gemeindesteuer, nach der Anzahl der Kinder notwendig; wer keins hat zahlt mehr, als der Vater von fünfen. Vom Staate muß di§, gesetzliche Elternschaftsversicherung mit Beiträgen der Ledigen, Kinderlosen und Kinderarmen, sowie di« Befreiung von der Erbschaftssteuer für Kinderreiche verlangt werden. So wird man lebenswertes jüdisches Leben erschaffen helfen. Und das lebensunwerte? Natürlich bleibt es vornehme Pflicht unserer Gemeinde, lebensunwertes Leben (Unheilbare urrd schwer Kranke) zu betreuen. Mit Vernunft gepaartes Mitleid mit unseren erblich Kranken und Belasteten sollte sich jedoch auch darin äußern, daß wir diese vor der Sorge um ebensolche Nachkommen bewahren und vor dem Jammer, ein körperlich oder seelisch mißratenes Kino nach den anderen in die Welt setzen zu müssen. Tie Gemeinde muß Wege zur Verhütung minderwertigen Lebens auszeigen. Zwar ist man in ernigen Staaten Amerikas bereits gesetzlich zur Unfruchtbarmachung (Sterilisierung i Minderwertiger übergegangen und findet auch in Deutschland (Zwickau) Ansätze dazu, aber hier ist nicht der >Ort, dieser gewiß noch recht problematischen Methodik der Rassenverbesserung (Eugenik) das Wort zu reden. Wer aber täglich sieht, wie Tuberkulose. Geisteskrankheit und zu Verbrechen führende Minderwertigkeit sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, meist in besorürers großer Fruchtbarkeit, dem wird der Gedanke der Unfruchtbarmachung nicht ohne weiteres abwegig erscheinen können. Grotjabn sagt: „Erst wenn wir Lungenkranken die Möglichkeit abschneiden, ihre körperliche Minderwertigkeit auf dem Wege der Vererbung weiterzugcben, dürfen wir ihnen die Maßnahmen ärztlicher, pfleglicher, fozialhygienischer und wirtschaftlicher Art angedeihen lassen, ohne fürchten zu müssen, damit der Gesamtheit mehr Schaden, als Nutzer: znzufügen." Das gilt vice versa für geistige Minderwertigkeit und die deutsche Gesellschaft für Rassenhhgiene verlangt schon 1922 die gesetzliche Regelung „der Unfruchtbarmachung krankhaft Veranlagter auf ihren Wunsch oder mit ihrer Zustimmung". In dieser Form sicht dieser Maßnahme unser Strafgesch nicht entgegen. Eine gemeindebchördliche juristisch-ärztliche Kommission könnte über den Wunsch des Kranken entscheiden. Im neuen Gesetzentwurf ist nach dem Vorbilde Englands und Amerikas ferner die Asylierung von Verbrechern aus Anlage und von Schwachsinnigen vorgesehen, welchen Vorschlag ein Forscher dahin erweitert, daß solche nur nach voraufgegangener Sterilisation aus der Anstalt entlasten werden dürfen. Erwähne ich her Vollständigkeit halber zuletzt noch die Dringlichkeit der Schaffung von Tuberkulose- und Nervenheilanstalten, so herbe ich damit eine Fülle von Aufgaben in gedrängter Kürze aufgezeigt, deren jede die Geldmittel der Gemeinde ausschöpfen und ihrer Vertretung Gelegenheit zu jahrelanger intensiver Arbeit geben kann. Trotz allem! Wollen wir diese Forderungen allen anderen weit voran stellen und wollen wir ihrer Erfüllung beharrlich unsere ganze Kraft weihen, so müssen wir dem Ziele näher kommen; zu dem e:n Weg führt, aus dem Gott sei's gebankt alle Parteien Schulter an Schulter gemeinsam vorwärts gehlen können. Und sie wollen es.