Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-24 · 38 (24.9.1927) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
38 (24.9.1927)
Date
1927-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613933--2416-2619887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

spielt Schach mit dem alten Rechenmeister Abram. Michel sieht das Spiel an. Abram macht endlich eine Bewegung mit der Rechten, um das Spiel als verloren ümzuwerfen, und erhält einen derben Schlag auf den Kopf, daß ihm die lose Perücke absällt. Abram hebt ruhig seine Perücke auf und spricht: „Aber, lieber Michel, wie hätte ich denn ziehen sollen?" — Lessing hat den Vorfall im „Nathan" nachgebildet. s—m-s. Das Schächtverbot im Thüringer Landtag abgelehvt Am letzten Sonnabend kam im Thüringer Landtage die Schächtfrage zur Verhandlung. Der Berichterstatter des Ausschusses, von Bassewitz, führte aus, daß in der Blutentziehung ohne vorherige Betäubung der Verein der Tier- und Menschenfreunde in Jena und mit ihm zahlreiche Tierärzte und Tierfreunde eine Tierquälerei erblicken, die nach ihrer Ansicht nicht weiter geduldet werden dürfe. Da nach Artikel 135 der Reichsverfassung ungestörte Religionsausübung gewährleistet sei, und dem Vernehmen nach die Schächtfrage auch in den anderen deutschen Ländern erörtert werden würde, empfahl er eine positive Einstellung zu dieser Frage noch nicht einzunehmen, sondern das Gesuch des Tierschutzvereins der Regierung lediglich informatorisch weiterzugeben. In der Aussprache meldete sich der einzige im Hause anwesende Vertreter der Nationalsozialisten — Dinier befindet sich in Kissingen — und beantragte ohne jede Begründung, dem Gesuch des Tierschutzvereins vollinhaltlich zu entsprechen und das Schächten zu verbieten. Auf die Zurufe der Linken: „Welche Begründung haben Sie, Herr Marschler?" schwieg letzterer. Darauf beantragte Dr. Kieß, das Gesuch durch Uebergang zur Tagesordnung zu erledigen. Dieser Antrag wurde mit den Stimmen der Rechten gegen S.P.D. und K.P.D. abgelehnt, Demokraten und Sparer enthielten sich der Stimme. Auch der Antrag Marschler wurde abgelehnt, und zwar mit den Stimmen der S.P.D., K.P.D., Demokraten und Sparer, gegen den Landbund, Deutschnationale und den einen Nationalsozialisten, bei Stimmenthaltung der deutschen Volkspartei und der Wirtschaftspartei. Angenommen wurde der Antrag des Ausschusses, das Gesuch der Regierung zur Kenntnisnahme weiterzugeben, so daß also in absehbarer Zeit kein Schächtverbot in Thüringen zu erwarten ist. L. K.-Erfurt. Sprechsaal : * i: Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Zur wirkschaftlichen Umschichtung der deutschen Zudeu Die Jüdisch-liberale Zeitung hat in eiiper ihrer letzten Nummern der Behandlung einer äußerst wichtigen Frage Raum gegeben, der Frage der jüdischen Siedlung in Deutschland. Von vornherein ist von allen denen, die sich zu dieser: Frage geäußert haben, betont worden, daß die Schaffung der jüdischen Siedlung in Deutschland ein Teilproblem der Umschichtung der wirtschaftlichen Struktur unserer deutsch-jüdischen Gemeinschaft bildet. Es muß darauf hingewiesen werden, daß zunächst in der Mehrzahl der deutschen Juden selbst, dem jüdischen, Mittelstände, die Grundeinsteltung vorhanden sein muß, daß eine Veränderung der wirtschaftlichen Gliederung, eine Verbreiterung der schmalen wirtschaftlichen Basis, die in kaufmännischen und akademischen Berufen besteht, nötig ist, damit der nach der Inflationszeit cintretende Proletarisierungsprozeß, der heute schon einen Großteil des jüdischen Mittelstandes in Deutschland ergriffen hat, nicht seine für den Bestand der wichtigsten Gruppe der deutschen Judenheit und damit für das Judentum selbst störende Tätigkeit sortsetzt. Wir rechnen schon heute mit dem Bestehen eines zahlenmäßig beträchtlichen Geistesproletariats,' denn eine große Anzahl jüdischer Akademiker findet einfach nicht mehr einen ihrer Ausbildung entsprechenden Platz im Wirtschaftsleben. Wir sehen, wie das deutsch-jüdische Angestelltenheer dauernd aus jenen Kreisen des jüdischen Mittelstandes Zuzug erhält, der seine Kinder nicht mehr studieren lassen, aber auch sonst keine gesicherte, selbständige, unabhängige Existenz mehr bieten kann. Die Lücken unseres Wirtschaftslebens' die im Bereiche kaufmännischer oder akademischer Berufe liegen und die eine einigermaßen selbständige Existenz gewährleisten, sind verstopft. Und wenn nicht neue Lücken erschlossen werden, so wird das deutsch-jüdische Proletariat, das in der sozialen Form des Angestellten tausend- und abertausendfältig besteht, mcd dessen Struktur sich im gegenwärtigen Augenblick noch von dem sozialen Ausbau des deutschen Proletariats wesentlich unterscheidet, doch einmal von diesem verschluckt werden. Das wäre der Exitus des deutschen Judentums. Die wenigen jüdischen Lebensformen, in denen das eben skizzierte deutsch-jüdische Proletariat noch lebt, sind infolge der jüdischen Tradition noch jüdische, sie werden aber andere werden, wenn das deutsch-jüdische Proletariat sich ganz in die Reihen des kämpfenden Proletariats stellt und demgemäß alles Unterscheidende in seinem geistigen Habitus abstreifen wird. Das Problem der wirtschaftlichen Umschichtung, dessen Teilproblem ja die Möglichkeit der Schaffung einer jüdischen Siedlung in Deutschland bildet, ist zu ernst zu nehmen, als daß wir die Forderung der wirtschaftlichen Umschichtung mit der Forderung der Bekämpfung des Antisemitismus oder der Renaissance der absterbenden jüdischen Religiosität begründen können. Wir sehen heute den großartigen Umschichtungsprozeß des jüdischen Proletariats in Osteuropa. Das jüdische Proletariat, das sich aus Kleinhändlern und Arbeitern, die in den von der Urproduktion ganz entfernten Leichtindustrien größtenteils beschäftigt waren, zusammensetzt, wurde Mchwer betroffen durch die politischen und wirtschaftlichen UmtKlzungen in Osteuropa. Ter jüdische Proletarier fand auch die beliebten Einwanderungsländer Amerika und Palästina nahezu verschlossen, was blieb ihm anderes übrig als der Uebergang in die Landwirtschaft? Werbt neue Mitglieder! Aus ideellen Motiven schichtet keine Bevölkerungsgruppe um! Das Beispiel der zionistischen Chaluzim besagt garnichts. Die harte Wirklichkeit nur zwingt die Menschen von einer höheren Stufe der Kultur oder Zivilisation in die nächst niedere hinabzusteigen, und das ist wohl soziologisch allgemein anerkannt, daß das städtische Leben eine höhere Stufe im Leben der Gesellschaft darstellt als das ländliche. Gewiß wird es immer städtisch erzogene Individuen geben, die aus Neigung ländliches Leben dem städtischen vorziehen, aber ist das generell von unserer deutsch-jüdischen Jugend zu erwarten, daß sic freiwillig auf die Reize und Verlockungen des Stadtlebens verzichten wird? Nimmermehr! — Wie ist denn die Einstellung des deutschen Turchschnittsbauern selbst zur Stadt? Der Verfasser dieser Zeilen kann sich ein gewisses Urteil über die Mentalität des deutschen Bauern erlauben, da er ein Jahr in häuslicher Gemeinschaft mit Bauern gelebt hat. Der Bauer ist zwar nicht mehr wie in den Zeiten des Feudalismus an die Scholle gebunden, aber wenn ihn nicht Gesetze der Gewohnheit zwangen, tagaus, tagein seine schwere Arbeit zu leisten, so würde er es halten wie seine zweiten und dritten Söhne, die nicht nur wegen Landmangels oder wegen des Mehrverdienstes in der Stadt, sondern auch wegen der Bequemlichkeiten und Lockungen der Stadt das städtische Proletariat vermehren. Eine Umschichtung zu landwirtschaftlichen, d. h. manuellen Berufen generell, wird erst beginnen, wenn die Wirtschaft selbst mit ihren eisernen Gesetzen dem sich mehr und mehr entwickelnden jüdischen Proletariat in Deutschland diesen Weg diktieren wird. Vorher nicht! — Wenn allerdings der Umschichtungsprozeß eher beginnen würde, bevor mit dem einsetzenden Proletarisierungsprozeß auch das Judentum gefährdet würde, so wäre der Bestand des Judentums sicherer. Ich glaube allerdings nicht, daß die Umschichtung vorher eintritt, weil das sozialen Gesetzen zuwiderlausen würde. In dem Augenblick erst, in dem nicht nur der Mahnruf von den berufenen Führern des deutsch-jüdischen öffentlichen Lebens, nicht nur der Ruf „Zurück zur Scholle" ganz schüchtern von einigen an Idealen begeisterten Individuen vernommen wird, sondern allgemein und wuchtig durch die deutschen Lande tönt, in diesem Augenblick erst müssen die Wirtschaststheoretiker und Praktiker eintreten und nüchtern und rationell seststellen, in welchem Rahmen sich die Umschichtung vollziehen muß. — Sollen wir bis zu diesem Zeitpunkte unsere Hände in den Schoß legen und der für den Bestand des deutschen Judentums unheilvollen Entwickelung untätig zuschauen? Nein, das nicht. Eine Siedlung im großen Stil zu fördern hat noch keinen Sinn, es fehlen aus oben erwähnten Gründen die Menschen. Wir müssen q^er trotzdem anfangen im Gegensatz zu zionistischen Chaluzgerst deutsch-jüdischen Pionierwillen in unsere Jugend einzupflanzen und vor allem unsere Jugendbewegung zum Ideal des ländlichen Lebens zu begeistern. Dann wird unsere stagnierende Jugendbewegung wieder etwas haben, an das sie sich festklammern kann. Das Beispiel des Chaluzes aus reichen deutsch-jüdischen Familien hat uns gelehrt, daß es zu jeder Zeit Menschen gibt, deren Schicksal die Wirtschaftsgesetze nicht ganz bestimmen können. Es sind sehr wenige, aber sie sind dazu berufen, die Keimzellen der künftigein deutsch-jüdischen größeren Siedlung zu bilden. Ulrich Levy, Forst. „Seele und Jenseits s * im Volksglauben der Inden" Zu diesem in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" jüngst erörterteu Thema war auch eine Sage angeführt worden, „die eine kräftige Vorstellung von dem jüdischen Volksglauben" geben solle, „daß die Seelen der Abgeschiedenen im Jenseits sich danach sehnen, für eine kurze Weile ins irdische Leben, zurückzukehren, um dessen flüchtige Wonnen zu genießen". Mir will scheinen, als sei diese Sage (siehe Nr. 33) zu Unrecht in diesem Zusarpmenhang gebracht. Vielmehr spricht m. E. alles dafür, daß mit ihr — > sie zeigt die sjür ihr^ Religion in Selbstaufopferung Dahingegangeneil bei der Sabbathfeier nach der Art irdischer Menschen - die Feipr des Sabbaths bereits auf Erden als eine Wonne gekennzeichnet werden soll, wie sie selbst den in die Ewigkeit eingcgangenen. Bekennern des einzig-einzigen Gottes nicht schöner zuteil werden kann. Daß diese Erkenntnis einem solchen Juden wird, der sein ganzes irdisches Vermögen den Bedürftigen geopfert hat, bestätigt meine Vermutung. Ist doch der Sabbath das Symbol der völligen Hingabe an Gott und des Vertrauens auf den Schöpfer und Erhalter der Welt. Dieses Gottvertrauen bildet das tiefe Geheimnis jenes Briefes, den der Rabbi dem bis zur Selbstentäußerung wohltätigen Manne in dem Augenblicke gibt, da er im Begriffe ist, von neuem den Lebenskampf aufzu nehmen. Ein Zurücksehnen aus dem Jenseits ins irdische Leben liegt allzu abseits von allem jüdischen Denken und Empfinden, als daß der vom Verfasser oben erwähnter Ausführungen ins Auge gefaßte Gesichtspunkt auch nur für eine Nebenabsicht der Sage ernstlich in Frage kommen könnte. Das volkspsychologische Moment darf bei der Ergründung der jüdischen Legende gewiß nicht außer acht gelassen werden. Nur darf man darob nicht die Hauptsache übersehen: die religiöse Lehre des Judentums. Lehrer H. U n i k o w c x. „Graf von Moltke über die Juden" In der „Preußischen Kreuz-Zeitung" hatte der völkische Professor Tr. Sigismund (dessen Ahnen einst Israeliten gewesen sein sollen) einen Aufsatz über den Kriegsminister Grasen Helmut von Moltke veröffentlicht. Er war darin zu dem Ergebnis gekommen: daß Graf von Mottke gegen die Juden im allgemeineit und die russischen und polnischen Juden im besonderen sich abfällig und ablehnend verhielt und diese als ein minderwertiges Bolkselement bezeichnet habe. Aus diesem Grunde kommt Professor Tr. Sigismund.zu der Auffassung, daß Gras von Moltke die Judenfrage genau so anft faßte wie die Völkischen, v. Moltke also ein Antisemit gewesen wäre, wie der Herr Professor Dr. Sigismund und Indem abkömmling es auch ist. Das aber stimmt nun ganz und gar nicht! Wie der Verfasser dieser Zeilen selbst sehr genau weiß, war Graf v. Moltke nicht nur nicht Antisemit, sondern sogar ganz inü Gegenteil ein Juden freund. Der große Schweige- und Kriegsminister Moltke konnte nicht nur hervorragend die Staaten des damaligen Norddeutschen Bundes verteidigen und das Kaiserreich unter Wilhelm I. gründen Helsen, sondern ebenfalls hervorragend gnt musizieren. Graf von Moltke war ein ganz, hervorragend guter Cellist. Und nun das fürchterliche Unglück: Sein Lehrer im Cellospiel war der Komponist und Kammermusiker Philipp Roth. (Ein Jude aus Tarnowitz in Oberschlesien.'» Graf v. Moltke war so „völkisch gesonnen", daß er diesen jüdischen Komponisten Philipp Roth (der Schwiegersohn der ebenfalls jüdischen Lina Morgenstern) nicht nur als seinen Lehrer im Cellcckpiel duldete, sondern mit Wilivp Roth Jahrzehnte sehr freundsthaftlich verkehrte. Roch ging beim Grafen v. Moltke ein und aus, und Moltke ebenfalls bei dem Juden Roth. Er verehrte dem Komponisten sein großes Bild mit einer eigenhändigen Widmung, das heute noch, bei der Witwe Rvth's, der Tochter der weltbekannt gewesenen Lina Morgenstern, in Ehren gehalten wird. Und auch mit Bleichröder, Friedländer u. a. m. verkehrte Moltke sehr freundschaftlich. Demnach muß Moltke also wohl ein furchtbarer „Judenfresser" gewesen sein, ganz wie die Völkischen, und ganz wie der völkische Professor Tr. Sigismund ... W.R. Jüdische Offiziere in Amerika In Nr. 36 unserer Zeitung berichten wir aus Kassel von einem aus dieser Stadt stammenden Juden, Herrn Walter S. Pollitz, der vor kurzem seine Vaterstadt als amerikanischer Oberst besuchte. Im Zusammenhänge hiermit möchten wir darauf Hinweisen, daß in Heinrich Kurtzigs Buch „Ostdeutsches Judentum", das wir in Nr. 31 besprochen haben, von einem aus der Provinz Posen nach Amerika ausgewanderten Juden, Louis Grätz, eingehend erzählt wird, der es nach Teilnahme an 'verschiedenen blutigen Schlachten im amerikanischen Secessionskriege im Jahre 1863 zum Major beim Generalstabe gebracht hat. Unmittelbar vor seiner Beförderung zum Oberst im Jahre 1867 nahm er seinen Abschied. Er studierte dann Jura und wurde in Knoxville, der Hauptstadt des Staates Ost-Tenessee, ein sehr gesuchter Rechtsanwalt. Mehr jüdische Wissenschaft! Von Heinrich Kuhn. Trotz öffentlicher Institute und privater Bestrebungen geht die Verbreitung jüdischen Wissens nur schwer und langsam vor sich. Der Grund liegt im Trägheitsgesetz, nach dem jeder Mensch handelt. Wofür kein Zwang besteht oder nicht eine angeborene Neigung, das erstrebt er nicht. Wenn aber die jüdische Kultur nicht noch 'weiter verflachen foll, so muß man ernstlich aus Mittel und Wege -innen, alle Volksschichten mit ihr zu durchsetzen. In jeder Gemeinschaft wird selbst zur Ausübung privater Berufe nicht nur ein Nachweis von Fachkenntnissen sondern auch der eines gewissen Maßes der Elgcnknltur verlangt. Wir Inden fordern dies mit Ausnahme der Kultusbeamten und Lehrer nicht einmal von unseren Gemeindebeamten. Und doch erfordert der Umgang der Beamten mit dem jüdischen Publikum außer allgemeinen Kenntnissen und Takt noch außerdem ein tiefes Verstehen des jüdischen Wesens, seiner komplizierten Entwickelung urcd seines steten mannigfaltigen Werdens. In der jüdischen Wohlfahrtspflege ist eine spezifisch jüdische Bildung gar nicht zu entbehren. In der jüdischen Presse und Journalistik wird der hier besprochene Mangel bisweilen zur Katastrophe. Wieviel Unjüdisches, selbst Antijüdisches wird ungewollt und unbewußt ins jüdische Publikum getragen. Wie soll etwa der Redakteur einer jüdischen Zeitung die Berichte über die Lage der Juden aus anderen Ländern richtig auswertcn können, wenn er sich mit den spezifischen Verhältnissen zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Lande nicht gründlich vertraut gemacht hat. Ich bin weit erntscrnt davon, der Mehrzahl unserer Beamten, Redakteure, Journalisten usw. einen Vorwurf zu machen. Die Meisten von ihnen, die in einer Zeit urangelnder jüdischer Bildung groß geworden sind, haben sich die erforderlichen Grundlagen mit eisernem Fleiß selbst geschaffen. Aber ob sie es immer auf die probateste Weise getan haben, das ist noch eine Frage, deren Beantwortung für mich nicht zweifelhaft ist. Warum überhaupt diese eigenartige Erscheinung, daß bei uns Inden Pflege und tent Wickelung unserer Kultur dem sehr souveränen Belieben der Privaten überlassen ist. Es handelt sich hier um eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde Israel und nicht um zufällige Liebhabereien oder Berufseinstellungeii einzelner Inden. Tie einzige Möglichkeit, der Verwirklichung dieser Forderung Autorität zu verleihen, wäre in Zutunft ein Gewohnheitsrecht, für die Besetzung aller Posten, die in der jüdischen Oeffentlichkeit als exponierte gelten (also Beamte in jüdischen Instituten, Zeitungen, Betrieben etc.), .auch einen Nachweis über d'e Erwerbung jüdischer Kenntnisse zu verlangen. Ich meine hier nicht die üble und übliche Jagd nach irgend einem neuen Berechtigungsschein, dessen Besitz nicht immer identisch ist mit realem "Wissen, sondern eine Gewißheit von einer angemessenen Beflissenheit in jüdischen Dingen. Selbstverständlich müssen die Gelegenheiten zur Erwerbung der erforderlichen Kenntnisse in reichstem Maße geboten werden. Ein Ausbau der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums würbe diese Arbeit wesentlich fördern. Wer das Vorlesungsverzeichnis dieser im übrigen vortrefflichen Anstalt liest, findet für die vorstehenden Zweck', nur wenige Vorlesungen. Sie find hauptsächlichst für die Ausbildung von Rabbinern und Lehrern bestimmt. Schon die Vorlesungen und ilebungen in der jüdischen Geschichte sind nicht sehr reichhaltig, über soziale Verhältnisse nur zwei, über Kunst und Kunstgeschichte, jüdische Geopolitik etc. gar keine. Es fehlt an Mitteln und Kräften. Letztere würden sich gewiß finden lassen. Die einzureichenden Habilitationsschriften über die einzelnen Spezialgebiete würden die Auslese der Besten ermöglichen, wobei es nicht unbedingt erforderlich wäre, daß die Betreffenden eine amtliche Abstempelung Nachweisen. Aber die Mittel muß die deutsche Judenheit unter alten Umständen aufbringcn. Wie man Krankenhäuser und Heilstätten für den Körper unterhält, so muß man endlich Heilstätten für die jüdische Seele und den jüdischen Geist schaffen, die immer mehr verkümmern. Am 6. September 1929 wird die gesamte deutsche Judenheit den zweibnndertjährigen Geburtstag Moses Mendelssohns feiern. Tie einzig würdige Feier ist grünt,.ich?r Ausbau und Vermehrung unserer Kultnrinstitutionen, ter Forichuugs- und Lehrinstitute, Bibliotheken, Archive. Wer jüdisches Leben und jüdischen Geist fördern will, der pflege die jüdische Wissenschaft! Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. V-, Berlin SW. 18. - Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. B r u n o W o Y d a , Berlin NW. 23. - Druck: Hermann Wegner fr Co., Berlin-Mariendors.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.