Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-24 · 38 (24.9.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
38 (24.9.1927)
Date
1927-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613933--2415-2619886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

macht und mit so hinströmender Fülle, daß inan bei deo Hoheit des Gedankens die Unebenheiten des Vortrages Übersicht. „Kalirs harte, an Unverständlichkeit grenzende Sprache ist kein Perikleisches Kunstwerk; sie ist ein zyklopischer Bau, der an göttergleiche Menschen und an ein heiliges Altertum erinnert' . (Zunz.) Als ein Probestück Kalirscher Poesie möge hier die Schilderung des Weltgerichts am Neujahrstage folgen: Tein Ruhm, deiner Allmacht Preis erfüllet die Weiten der Erde, Es erschallt vom Himmel Gericht, da banget schweigend die Erde. Es stürmt heran der Tag des Zorns, es dröhnen die Tiefen der Erde. Ter Posaunen gewaltiger Hall ergehet und mahnet die Erde. Heil den Frommen! erlöut's im Jubel vom Ende der Erde. Schauer und Schrecken und Grauen und Angst verwirren die Erde, Stehest Tu auf zum Gericht, zu strafen die Grenzen der Erde. „Bahnet, ebnet den Weg!" ruft's zitternd empor von der zitternden Erde. .Herrlicher, Mächtiger, du antwortest mit mildem Tone der Erde: Warum banget das Land? O jauchzet, Tiefen der Erde! — Mögen sie's sehen, erkennen, daß er ist König der Erde. Wie sie im Himmel ihn preisen, so loben ihn seine Gegrüßten der Erde. Es gehört neben der Kenntnis der Bibel auch noch eine innige Vertrautheit mit der gesamten Hagada, um Kalirs rätselhafte Dichtungen zu verstehen. Mancher Vers enthält eine Anspielung aus irgendeine heilige Legende, manches Wort deutet aus eine biblische Erzählung hin und unter manchem substantivierten Adjektiv um soll dieser oder jener jüdische Heros verstanden sein. Eleasar ha-Kalir, der sich in seinen Dichtungen der heiligen Sagen bediente, ist selbst eine Art von heiliger Sage geworden. Sagenumwoben wie seine Geburt und sein ganzes Leben ist auch sein Tod. Die Sage erzählt, daß sein Lehren Janai, der ihn wegen seines Dichterruhmes beneidete, in seinen Schuh eine giftige Eidechse legte, die ihm den Tod brachte. Das soll das Ende dieses hervorragenden Mannes gewesen sein, von dein cs hieß, er sei in den Himmel gestiegen und habe den Engeln den alphabetischen Pijut abgelanscht. Was bedeutet der Gottesdienst Von Rabbiner Tr. M. Salomonski. Diese Ueberschrift klingt wie ein Pessach-Wort und ist ja auch den meisten, wenn überhaupt, aus der Hagada bekannt. Aber angesichts unserer erhabenen Festtage des Herbstes gewinnt sie unaufdringlich einen umfassenderen Sinn, und es ist nicht damit abgetan, nach gar gut getan, wenn man das Wort nach der alten Deutung dem Bösen in den Mund legt und es als Feindseligkeit von Juden gegen das Judentum betrachtet. Es ist an der Zeit einzugestchen, daß diese Frage, wörtlich lautend: „Was soll euch dieser Gottesdienst?", immer stärker erschallt, wählend man sich auf der Seite der Anhänger der überlieferten Form die Ohren verstopft und nichts hören will. Jeder Gottesdienst, der tägliche, der sabbatliche, der festliche und der vom Neujahr und Versöhnungstag soll mehr sein als eine Reminiscenz, als ein Brauch, als ein Opserersatz, als eine Zeit des Predrgens. Will man die schweren Wunden, die unserer Art die Andacht zu gestalten geschlagen sind, zu heilen versuchen, dann sei man sich rückhaltlos klar in dem Eingeständnis, wie wenig die Mehrzahl der Besucher unserer Synagogen und Betsäle von dem Sinn und Ziel dieser jüdischen Versammlungen weiß. Tas Hebräisch des Gebetbuches ist eine unbekannte Sprache geworden, an deren Begreifen beigedruckte Uebersetzungen nichts bessern können. Tie Tauer der Andacht, ihre Unverständlichkeit und die schon damit in Zusammenhang stehende Armut an Würde, hatten von Jahr zu Jahr immer mehr junge Menschen sern, und es ist gar keine Bosheit der denkenden Jugend, wenn sic flicht. Es gibt nämlich keinen größeren Gegensatz als die Aussprache in. Unterricht über das Wesen, die Absicht uno den Gedanken des Gottesdienstes und seine Praxis. Mit vollem Recht sagen und fragen immer wieder die Jugendlichen, welche doch unsere ganze Hoffnung bedeuten oder aber unser Verzagen, irr ihrer ungekünstelten, grundehrlichen Art: Warum weicht der Gottesdienst so sehr von unseren Idealen ab, warum finden und verstehen wir während seiner langen Stunden nichts von dem, was uns als Lehrinhalt des Jaden - tums in der Schule geboten wird? Warum müssen wir uns vorftellen: Dieses alles bedeutet Erhebung und Weihe, herlig sein wollen, Annäherung an Gott, Erbarmen und Liebe zn den Menschen? Wäre es nicht viel besser, uns dieses Verlangen so zu bieten, daß wir es empfinden und fühlen und mit uns tragen? Wit befürchten nicht, daß diesen kurzen Andeutungen irgendeine Gegnerschaft beschieden sein köune, denn das Wahre in unangreifbar und unwiderleglich. Es geht ja hierbei um das Ganze des Judentums! Seine Feste, dieses letzte Bollwerk eines entschiedenen Geineinschaftswillens, können nur erhalten bleiben, wenn sie gemehrt werden in ihrer Kraft. Als Anhänger und Freunde der heiligen hebräischen Sprache sind wir es besonders schuldig, ohne Rückhalt zu betonen, daß ein Gottesdienst, der inhaltlich nicht einmal allen seinen Funktionären verständlich wird, unmöglich eine Erbauung für die Scharen der Zehntausende sein kann, welche diese drei Tage des Jahres als letzten Versuch zu ihrer eigenen Religion unternehmen. Und da es in absehbarer Zeit garnicht möglich erscheint, der Gesamtheit Israels das Hebräische als Sprachgut wiederzugeben, da im stärksten Ausmaße die Frauen, die Kinder und übrigens auch eine Unzahl sogenannter alter Leute dem Sinn der Gebetsprache vollkommen ahnungslos gegenüberstehen, hilft nur der Entschluß, daß auch deutsch gebetet werden muß, was uns zu festlichem Erleben bringen soll. Musik und Spiel, Chorgesang und Vorbeter können erst dann Helfer der Weihe sein, und weil wir ganz genau wissen, daß Gott auf jede Stimme hört und jede Sprache versteht, die aus dem Herzen kommt, darum empfehlen »vir in dieser Zeit des Nachdenkens, für die Erbauung der Bielen zu forgen, die sich jetzt mit dem Livpenkult begnügen müsien. Wird dies getan, dann gebt uns erst der Wert des Hebräisch.:» in Wirklichkeit auf, die Liebe zu u»»serer Sprache kann nur eiwechei», wenn »vir wissen, was sie bedeutet, und vielleicht kommt dann wirklich die Zeit näher, wo alle Menschen zn einem Bunde gefügt werden. Erst muß die Vorfrage erledigt sein: Was soll dieser Gottesdienst?, und nur, wenn wir Inden wissen, was er bedeutet, werden die anderen begreifen, was das Judentum bedeutet. Das Schach und die Juden Der Schachtvettkampf um die Weltmeisterschaft, der gegenwärtig zwischen Capablanca und Dr. Alechin in Buenos Aires ausgetragen wird, bringt den Wettkampf ztvischen Lasker und Capablanca in Erinnerung. Gerade in jenen Tage»:, da Dr. Emanuel Lasker um die Schachkrone rang, die er drei Jahrzehnte lang getragen hatte, gerade damals hielt es die antisemitische Berliner „Deutsche Tageszeitung" an der Zeit, „offen und unverblümt", das heißt antisemitisch gehässig, gegen die „Meister jüdischen Blutes und Namens" loszuziehen und zu verlangen, daß endlich die „minderwertige Rasse" von dem „deutschen Schach" (wohlgemerkt: deutsches Schach!) ferngehalten werde. In einem Artikel über Schach und Judentum, den das antisemitische Blatt damals veröffentlichte, wurde nichts weniger verlangt, als einen „Arierparagraphen" für die deutschen Schachvereine. Es war gerade die Zeit, da die Arier in die „judenreinen Berge" zu steigen tvü»:schten; nun sollten auch die vierundsiebzig schwarz-weißen Felder von den Juden gesäubert werden. „Soll denn wirklich der Kampf gegen die allgemeine Verjudung nur an den Pforten von Caissas Reich Halt machen?" jammerte der arische Schachsreund. Daraus wäre zu erwidern: Wer hat denn den „Ariern" die Pforten von Caissas Reich eröffnet? Juden waren es, die zusammen mit den Arabern das königliche Spiel den Europäern vermittelten. Das Schachspiel zu einer Ku»:st, zu einer Wissenschaft erhoben zu haben, ist das Verdienst der Juden, die sich ernstvoll diesem Spiel gewidmet, I die es theoretisch ausgebaut und materiell gefördert haben. I Es ist sicher kein Zufall, daß der erste Schachweltmeister der Jude Wilhelm Steinitz, und daß sein Nachfolger aus dem Schachthronc Dr. Emanuel Lasker »var. Die Beziehungen der Juden zum Schach sind so alt, daß man füglich sagen kann: Die Juden haben bereits Schach gespielt, als die „Arier" noch auf ihren Bärenhäuten lagen. Schon ün Talmud wird das Schachspiel erwähnt, und in' den rabbinischen Responsen wird die Frage erörtert, ob es erlaubt sei, am Sabbat Schach zu spielen, oder ob dieses Spiel jenen 39 Dingen zuzuzählen sei, die der Jude am Sabbat nicht verrichten darf. Der französische Gelehrte Aaron Alexandre (geb. 1766, gest. 185(y geht in seiner „Encyclopedic des Echecs" so weil, das Schach in 2. Sam. Kap. 2 hineiilzudeuten, lvas ihm allerdirrgs nur durch eine „exegetische Spielerei" geli»:gt. In einem deutschen Sagenbuche aus dem 16. Jahrhundert »vird König Salomo als Erfinder des Schachspiels bezeichnet. Eine Anekdote von Salomos Schachspiel mit seinem Feldherrn Benajahu ift in deutscher Sprache zu finden in „Erste:' Teil Jüdischer Historien oder Talmudische, Rabbinische, wunderbarliche Legenden . . . Teutsch verfertigt, Christophorum Helvicum Professorem in der Universität' Gießen. Getruckt zu Gießen bey Caspar Chamleiu, im Jahre MDCII.“ Die Historie XLI tragt die Ucberschrift: „Wie König Salomo im Schachspiel betrogen ward und wie ec dahinter kam." Danach hätte also das königliche Brettspiel seinen Siegeszug durch die Welt aus dem Hebräerlande genommen. Die Sage knüpft indes gewöhnlich .an den persischen König sthosrn Anuschriwan an, der der Erfinder des Schachs gewesen sein soll; jedoch läßt sich nicht genau der Zeitpunkt bestirnmen, wann Perser und Araber zum ersten Male mit den: Schachspiel bekannt geworden sind. Sehr wahrschemlich ist es, daß das Schachspiel, in Jlldien erfunden, i»n 5. Jahrhundert vor: Persern, Arabern und Juden gekannt und den Europäern vermittelt worden ift. Der erste Europäer, der das Schach erwähnt, ist Petrus Alphonsi (im elften Jahrhundert) in seiner Disciplina clericalis (herausgegeben von B. Schmidt, Berlin 1827, Cap. VI. 8, S. 44). Das umfassendste deutsche Werk über Geschichte und Literatur des Schachs ift die „Geschichte und Bibliographie des Schachspieles" von Dr. Antonius van der Lirüre. (Das Lindesche Werk enthält auch eine wertvolle Abhandlung „Das Schach und die Juden" von Prof. Steinschneider.) Sehr zaylreich sind die Schachlegcnden und Schachanekdoten, die für die Wertschätzung und Verbreitung des Schachspiels bei den Juden höchst charakteristisch sind, obgleich sie auf historische Geltung nicht Anspruch »nachen können. Eine der bekanntesten Schachlegenden ist die vom „jüdischen" Papst Anaklet II., dessen bürgerlicher Name angeblich Elchanan oewesen war, und den sein Vater, Rabbi Simon aus Mainz, als er als Fürsprecher der Juden vor den Papst in Rom erschien, bei einer Schachpartie an einem Zug als Sohn wiedererkannt haben soll. Eine in ihrer Art charakteristische Anekdote, die an Friedrich den Großen anknüpft, lautet folgendermaßen: Friedrich der Große spielte häufig mit einem Juden Schach; einmal spielte er in Gegenwart von andern Personen und verlor wiederholt. „Die nächste Partie werde ich doch hoffentlich gewinnen!" rief der König mit Unwillen dem Gegner zu. Dieser war jedoch so ungeschickt oder so eitel, den Wink nicht zu verstehen: der König verlor abermals. Daraus wurde der Jude mit Zorn hinausgewiesen, u»n nie wieder der hohen Ehre teilhaftig zu werden. Eine andere Anekdote und ein in Schachkreisen oft angeführter Spruch knüpfen an den Zeitgenossen Friedrichs, an Moses Mendelssohn an. In Lindes Geschichte des Schach wird eines Bildes Erwähnung getan, das Lessing und Mendelssohn am Schachbrett darstellt. Isaak Heß, ein leidenschaftlicher Schachspieler, soll die beiden Zierden jener Zeit zuerst am Schachbrett zusammengeführt haben. Nach einer andern Version habe Moses Mendelssohn das Schachspielen abgelehnt mit dem Ausspruche, es sei für Spiel zu viel Ernst und für Ernst zu viel Spiel. Jedenfalls dürste Mendelssohn diesen Ausspruch erst in späteren Jahren getan haben, denn in seiner Jugend wie in seinem Alter war er sicherlich ein fleißiger Schachspieler gewesen, was aus einer Anekdote hervorgeht, die Zelter in einem Briefe an Goethe mit folgenden Worten wiedergibt: „Aus jüngeren Jahren fällt mrr ein Jude ein, namens Michel, der in allen Dingen, bis auf zwei Elemente, verrückt erschien. Wenn er französisch sprach, kam kein unebenes Wort über seine Lippen, und er spielte vollkommen Schach. So kommt dieser verrückte Michel (wie inan ihn nannte) zum alten Mendelssohn, der sitzt und jeder Lebensgenuß, ja höher auch als der Besuch des Gotteshauses in Siloh. Tie Erfüllung ihrer Mutterpflichten gilt ihr als der höchste, heiligste Gottesdienst. Sie ist nicht darauf erpicht, sich auszuleben, wie der heute so beliebte unschöne Ausdruck lautet. Oder doch: sie will sich ausleben; und sie lebt sich aus in der gewissenhaften Sorge um ihr kostbarstes Gut, um ihr geliebtes Kind. Tie Sorge um ihr Kind geht ihr über alles. Tie Sorge, die Pflege, die Erziehung eines Kindes von sich abzuwälzen und auf andere Schultern zu laden, die Obhut eines Kindes fremden Mensch en anzuvertrauen, um ein bequemeres Leben zu führen, um mehr Be»vegn»:gsfreiheit zu besitzen, um das Leben besser aus ko st en zu kön»:en; das ist ein Gedanke,-enHannaals e i n e j ü d i sch c Mutter e i n f a ich n i ch t a u s z u d e n k e n vermag. Vergleichen wir nun Hannas Auffassung mit der so vieler, vieler jüdischer Mütter unserer Tage: ich glaube, ich brauche nicht näher ausznführen, zu wessen gunsten der Vergleich auSfällen würde. Auch hier ist es dringend nötig, daß wir wieder zu unfern: alten jüdischen Ideal zurückzukehren, zu der Anschauung Hannas »mb zahlloser jüdischer Frauen vergangener Tage, die die Zumutung weit von sich gewiesen hätten, die Sorge »:m ihre Kinder, ihre Pflege und ihre Erziehung in fremde Hände zu legen. * Sehr lehrreich wäre es nun für uns gewesen, etwas darüber zu erfahren, wie eine so vorbildliche Frau, wie Hanna es war, ihren äußeren Menschen gestaltet hat. Dieser Gegenstand wird jedoch in unserer Erzählung nicht berührt. In späteren jüdischen Schriften aber finden wir manche Bestimmung über das äußere Verhalten der Frau: ehrbar, züchtig, keusch, wie das Denken und Fühlen der jüdischen Frau, soll auch ihre äußere Erscheinung, ihre Kleidung sein und ihr ganzes äußeres Gebahren. Die ernste Sorge um die Züchtigkeit und Keuschheit der Frau hat sogar zu Bestimmungen geführt, von denen wir religiös Liberalen bekennen müssen, daß wir sie für eine Verirrung halten. Daß die verheiratete Frau ihre Haare verhüllt tragen oder am Hochzeitstage abschneide»: und durch unechte ersetzen soll, das will das richtig verstandene Judentum sicherlich »rieht. Daß die Frau sich ihres natürlichen, von Gott ihr verliehener: Schmuckes entäußeru soll, ist sicherlich nicht im Sinn unserer Religion. Das aber müssen wir eingestehen: wenn in früheren Zeiten die jüdischen Frauen ein so schweres Opfer brachten — in manchen orthodoxen Kreisen tun sie es auch noch heute —, so taten sie es aus ihrer züchtigen, keuschen Gesi»:nung heraus. Darum haben unsere heutigen jüdischen Frauen auch wahrhaftig kein Recht, über ihre Ahninnen, die sich des Haarschmuckes beraubten, mitleidig und überlegen zu lächeln. Am aller»venigsten dürfen es diejenigen, die heute das gleiche tun, nur nicht aus keuscher Gesiuimng heraus, sondern lediglich darum, weil sie sich einer herrschenden Mode fügen. * Wenn wir uns nun aber verpflichtet fühlen. Unschönes und Unzulängliches zu tadeln, dann gebietet uns die Gerechtigkeit, das Gute und Edle zu loben. Und so soll denn unumwunden anerkannt werden, daß von dem Augenblick an. da es den Frauen ermöglicht wurde, ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben, unsere führenden jüdischen Frauen sich den Lehrern und Verkündern des Judentums zur Seite gestellt, daß sie in freimütiger Rede und in freimütiger Schrift unermüdlich und unerschrocken den Finger auf die Wunde gelegt und auf den furchtbaren Schaden hingewiesen haben, der dem Judentum daraus erwachsen ist, daß so viele Frauen ausgehört haben, Hüterinnen der Sittlichkeit zu sein. Höchste Ehrerbietung und bedingungslose Anerkennung gebührt den führenden Frauen dafür, daß sie, gemeinsam mit den Lehrern der Religion, ohne jede Furcht und Scheu aussprechen, was ihre Herzen erfüllt. Und nichts ist ihnen aufrichtiger zu wünschen, als daß ihr heißes Bemühen auf Verständnis stoße und eine Gesundung unseres Judentums herbeiführe. In diesem Zusammenhang sei auch an einen Ausspruch erinnert, der vor einiger Zeit die greise Begründerin der jüdischen Frauenbewegung in Deutschland, Bertha Pappenheim, getan hat. Bittere Vorwürfe hat sie gegen die jüdische Männerwelt geschleudert und hat d i e F o r d e r u n g aufgestellt, kein Mann soll vor die Thora hintreten dürfen, der sich grobe Verstöße gegen das jüdische Gebot sittlicher Reinheit zu schulden kommen läßt. Wer möchte es wagen, .die strenge Forderung der verdienstvollen Frau höhnisch zu belächeln? Wer wird nicht vielmehr den sittlichen Mut dieser Frau bewundern, die sich nicht scheut, sittlich-religiöse Schäden schonungslos aufzudecken? Eins nur sei hierzu bemerkt: Von seiten jüdischer Männer ist darauf hingewiesen worden, daß an der Lockerung der Sitten in der jüdischen Männerwelt die Frauen nicht ganz unschuldig sind. Man hat gesagt, den Mämrern werde die Ueberschreitung der Grenzen der Schicklichkeit und der Keuschheit nicht selten von den Frauen selbst erleichtert. In dem Augenblick, sagen jene Männer, wo die Frauen aufhören werden, sich an unzüchtigen Schriften, Bildern und Vorführungen zu erfreuen, wo sie aushören werden, durch herausfordernde Haltung und unkeusche Kleidung aufzusallen und auszureizen: in eben diesem Augenblick, so hoffen sie bestimmt, werde eine Besserung auch bei den Männern eintreten, so daß sie wieder höhere Achtung und Ehrerbietung gewinnen vor der KeuschheitWmd der Würde des weiblichen Geschlechts. Möge die biblische Gestalt der Hanna, die uns am Neujahrsfest vor Augen geführt wird, mit ihrer Fraulichkeit und Mütterlichkeit, mit ihrer Reinheit und Keuschheit unsere jüdischen Frauen stets voranleuchten. Mögen sie an ihrem Teile dazu beitragen, daß wir wieder ein heiliges Volk werden. Mögen sie in ihren eigenen Reihen und dadurch auch in den Rechen der Männerwelt den uralten Ausspruch des Rabbi Pinchas ben Jair aus der Mischna wieder zu Ehren bringen: „Züchtige, schamhafte Zurückhaltung bahnt uns den Weg zur Heiligkeit."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.