Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 38 (24.9.1927)
- Date
- 1927-09-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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religionsfeiMichen Staatsraison der Auflösung entgegen; hunderttausende von Juden des Ostens und des Westens sind dem religiösen Leben entfremdet. Eine machtvolle Kundgebung der religiösen Einheitlichkeit und der brüderliche Zusammenschluß aller Juden der Erde war nie mehr Erfordernis als zur Stunde. Vielleicht hat der Agudda dieses Ideal vorgeschwebt. Aber ihre Begrenzung auf die Anhänger der Traditionsgläubigkeit hat die Spaltung in der Judenheit nur von neuem vertieft. Ein jüdisches Konzil, keine Landessynode und kein Parteikongreß, als der Gesamtausdruck des lebendigen Judentums, das ist eine Aufgabe, würdig des Fleißes und des Schweißes aller Getreuen in Israel. Bei jeder Eheschließung in Israel wird der Geist der Liebe, des Brudersinns, der Eintracht und der inneren Gemeinschaft beschworen. Tie Judenheit braucht diesen Geist der Liebe, der Brüderlichkeit, der Eintracht und der inneren Zusammengehörigkeit mehr als je. Feinde ringsum! Wir sind aufeinander angewiesen! Schafft Frieden untereinander! Lernt einander kennen, einander achten, einander lieben! Dann erst ist Israel das rechte Vorbild für die Menschheit: gauj echod hoorez eine geschlossene Gemeinschaft auf Erden. An der Schwelle Rausch Haschonah 5683. Von Rabbiner Dr. Gelles, M.-Gladbach. Zwölf Monde haben ihren Rundgang um die Erde beendet und treten vom Schauplatz der Gegenwart ab, um ewig stillstehende Vergangenheit zu werden. Wie ein König, den kein Sturm entthronen kann, reicht uns die Ewigkeit zwei Schlüssel hin, um mit dem einen das Tor des alten Jahres zn schließen und mit dem anderen das des neuen zu öffnen. Beide Schlüssel nehmen wir entgegen. Und so zwischen zwei Toren stehend quält uns die Frage, ob wir den tiefsten Sinn des Rausch Haschonoh in der Verabschiedung des alten Jahres oder in der Begrüßung des neuen zu suchen haben. Ist uns doch das neue Jahr nur eine Form, der noch jedigr Inhalt fehlt, doch das alte Jahr eine Gewißheit, die so lebendig ist, wie wir selbst uns dessen bewußt blePem, was wir aus ihm gemacht haben, und wie wir in chm geworden sind. Es ruft das alte Jahr: „Verweil' bei mir mit ungeheilter Seele. Vergiß, daß ich nicht alle Keime, die Dju in meinen Boden senktest, zur Frucht führte, daß manche Frucht ich fällte, che sie gereift. Aber habe ich nicht manch biaipge Hoffnung erfüllt, manch heißes Sehnen gestellt? Denke an alles, was Du erreicht hast, und gchöre mir!" — „Nicht so", fällt hier das neue Jahr ein, „denke an das, was Du nicht erreicht hast, und mir muß sich Dein Herz zuweichen. Die Gewißbeit liegt hinter Dir, ich bin das Reich der Möglichikeit. Ich verspreche Dir Ziele, um den nicht nur dlejr Tag und die Stunde kampln. Ich bin die Lunge Deines Geistes, in mir erst atmet Deine Seele, durch mich allein lebt Dein Geist und schreitet er vorwärts. Und bin ich auch nicht Vollendung und Erfüllung, so bin ich doch der Kampf gegen den Kreislauf der Geschichte, gegen die ewige Wiederholung. Ich bin das Vorwärts, und mir gehörst Du, so Du an die Zwkunft glaubst." In- Bilde dieses Zwiegespräches spiegelt sich der Sinn unseres ganzen Lebens wider. Wie uns am Rausch Haschonoh der Kampr des alten und des neuen Jahres empfängt, so erwartet den denkenden Menschen als erste die Frage: „Was willst Du mit Deinem Leben machen? Soll es Scha^ blon.: fern oder willst Du ihm Ursprünglichkeit geben? Willst Tu nur nachleben und nicht auch Vorleben? Verzichtest Du in stummer Resignation auf ein Eigenleben? Rausch Haschonoh dem alten Jahr schenken, heißt, sich als einen Gewordenen, einen Fertigen zu betrachten. Der lebendige Mensch aber ist niemals fertig. Tie Erkenntnis seiner selbst zeigt chm Unvollkommenes, und daß er stets ein Werdeiwer bleibt. Nur der tote Mensch ist fertig. Niemand und nichts wird sein gewesenes Leben ändern können. Als Schablone leben heißt, sich selbst überlebt haben, den Rahmen kennen und die Grenzen, in die man sein Leben hineinspannt. Wirkliches Leben aber bedeutet, sich selbst erleben und keine Grenze und keinen Rahmen scheu, die unserer Seele ein Halt gebieten. Das Weib Lots, das nicht hinauskann aus dem engen Rahmen Sodoms und Gomorrha und Gewesenem nachblickt, wird selbst Gewesenes, Gewordenes, — stirbt. Doch der dem Himmel zustrebende Moses sieht noch in der letzten Stunde das gelobte Land, die — Zukunft. Das Leben ist'unser Witte, unsere Vorstellung, Hier aber ist der Scheideweg, wo sich der jüdische Mensch vom nichtjüdischen trennt. Der Bekenner des Islam geht nicht; er wird geführt von seinem Fatum, das kein Entrinne und Entweichen zuläßt. Der Bekenner des Christentums har seinen Erlöser und seine Erlösung bereits gesunden, lebt nur noch nach. Ein Zukünftiger allein ist der jüdische Mensch. Bon den Tagen Abrahams, der Menschiheitszukunst bald aus den Sternen des Himmels, bald aus den Sandkörnern am Meere ablesen will, über die Zeit Jesajas, der von der spätesten Zukunft spricht, bis in unsere Epoche geht eine Aufgabe, die Arbeit am zukünftigen Menschen. Wohl sagt man, wir seien das konservativste Volk. Dieses Wort besteht auck zu recht. Aber wie irrt sich, doch derjenige, der uns deshalb den Borwurf machen möchte, wir seien erstarrt in alten Formen. Noch nie hat die Form die Führung in der Geschichte gehabt, immer war es die Idee, der geistige Gchalt. Deshalb sind wir das konservativste Volk, well wir den Zukunftsglauben Abrahams und Josephs uns bewahrt haben, weil wir heutigen gerade so wie unsere Ahnen im Judentum den Glauben an die unendliche Entwicklungsmöglichkeit der Menschen sehen und dämm auch den Glauben an die Menschheit selbst. Von jeher fühlten wir uns als das Gewissen der ganzen Menschheit, und deshalb deckt sich uns im Messianismus unsere und der Menschheit Zukunft. Weil Israel von jeher a n der ganzen Menschheit leidet, hat es am meisten durch die Menschheit gelitten. Darin liegt die große Tragik seiner Geschichte. Diese Tragik haben wir auch in dem jcht abwandernden Jahr erlebt. Wir fühlten sie in den Verfolgungen unserer Brüder in Rumänien, im Numerus clausus der Hochschulen, in der Religionsverfolgung Rußlands. Wir erlebten sie in Deutschland dort, wo irregeleitete Kreise wchrlose Leichensteine umlegten. Wir wären im Augenblick am Ende unserer geschichtlichen Sendung, wir wären Gewordene, gaben uns selbst auf, wollten wir diese bllteren Enttäuschungen zu einem Grabe unseres Menschheitsglaubens machen. Weil dieser nicht erst von gestern und vorgestern ist, wird er nicht heute und morgen schon schwinden. Und nun steht vor uns der „Tag des Gerichtes" als eine Aufforderung an den Juden, sich Rechenschaft darüber zu geben, ob er auch wirklich ein Zukünftiger ist, ein Baumeister am kommenden Menschen. Wohl unterschätzt ein jeder der individuellen Versuchung, der Frage nach dem persönlichen Ergchen im kommenden Jahr, — fordert doch solches schon der Selbsterhaltungstrieb. Aber „im engen Kreis verringert sich der Sinn". Das ist ja gerade die Spannung der jüdischen Seele, individuelle Versuchung auszulöschen durch kollektive Ziele. Wer aber nicht loskommt von der Frage „Wie wird es mir im kommenden Jahr ergehen?", den wollen wir mit dem Hinweis auf den Schöpfungsbericht der Heiligen Schrift beruhigen. Von sechs Dchöpsnngstagen erzählt die Bibel, an jedem läßt sie etwas anderes, etwas Neues in die Erscheinung treten. Aber ob der Himmel geboren wird oder die Sonne, der Vogel des Waldes oder das Tier des Feldes, die Sterne oder der Mensch, alle sechs Tage enden mit dem Refrain „Es war Abend und es war Morgen". So wird auch das kommende Jahr sein, es wird den Abend und den Morgen in seinem Schoße tragen, das Leid und die Freude. Aber wie im Schöpfungsbericht der Abend dem Morgen vorangeht, so kommt alles darauf an, daß auch wir immer den Weg zum Licht, den Weg zum Morgen, den zukünftigen finden. Das wollen wir auch, nicht bei den innerjüdischen Gegensätzen vergessen. Bei aller Verschiedenhell der Wege, die wir gehen und schützen, muß uns das Ziel einigen, die Sehnsucht nach dem Morgen Indem wir so Rausch Haschonoh feiern, bekennen wir nns zu dem Glauben: „Es geht vorwärts." Eleasar ha-kalir Von S. Meise l s. Unter den in die Gebetordnung für das Neujahrsfest und den Bersöhnungstag aufgenommenen Gebetstücken, die zur Belebung und Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes an den hohen Feiertagen beitragen sollen, nehmen die religiösen Dichtungen, „Pijutim" genannt, eine hervorragende Stelle ein. In der hebräischen Poesie, die jahrhundertelang fast ausschließlich religiöse Poesie war, bllden die Pijutim eine ganz eigenartige Knnstdichtung. Wann die ersten Pijutim entstanden' sind, kann man mit Gewißheit nicht angeben. Eine Stelle im Midrasch Wajikra läßt indeß die Annahme berechtigt erscheinen, daß schon im siebenten Jahrhundert einige liturgische Dichtungen an die Beiordnung angeschlossen worden seien. Leopold' Znnz, der über diesen Gegenstand das Trefflichste geschrieben hat, weist nach, daß mehrere dieser allmählich in die Gebetordnung aufgenommenen Arbeiten nicht gerade von einer Behörde ausgeganjgen oder von Anfang an für die öffentlichen Gottesdienste bestimmt waren. Die Sentenzen und Gebete einzelner verehrter Männer wurden vielmehr durch deren Schüler verbreitet und im Laufe der Zell eingeführt. Die Verfasser der Pijutim wurden Pajtanim (Poeten^ genannt. Selten hat sich das Werk von seinem Schöpfer, selten die Dichtung von ihrem Dichter dermaßen losgelöst, wie der Pijut von dem Pajtan. Tie Werke der Pajtanim, der religiösen Dichter, sind unter den Juden unsterblich geworden, der Klang dieser Dichtungen ist heute noch an Fest- und Feiertagen in Symrgogen und Bethäusern lebendig; aber die Dichter selbst deckt der Schleier der Vergessenheit. Sie gleichen hierin den Vorsängern, deren Lieder lebendig durch die Jahrhunderte wandern, deren Name aber mit ihrem Tode erlischt. Es nützte den Pajtanim nicht, daß sie in ihre poetischen Gebetstücke durch Akrostichen und allerhand künstliche Versformen ihre Namen einfügten; Frömmigkeit, Andacht uno Pietät begnügten sich mll dem Hersagen der mit schwerfälligem Rhythmus und merkwürdigem Klangreim ausgestatteten Dichtungen, ohne sich um die angefügten Namenszeichen zu kümmern. So lebt der Gesang der religiösen Dichter im Munde des Volkes, chr Name aber ruht still und verschwiegen in jenen Literaturwerken, die heute kaum noch gelesen werden. Und doch, welche bedeutende Männer waren unter den Pajtanim! Wenige nur wissen, daß auch Raschi der berühmte Rabbi Schelomo Jizchaki sich unter den Pajtanim befindet. Und nicht vielen wird es bekannt sein, daß die Hymne Nischmath kal chaj und eine „Opferordnung" Ethen tehilla dem Apostel Petrus zugeschrieben wurden. (Siehe Winter und Wünsche: Jüdische Literatur, Bd. 3, Seite 6.) Wohl der älteste und zugleich der bedeutendste Pajtan war Eleasar Ha-Kalir. Ec ist auch der bekannteste geblieben, obwohl nichts von seinen näheren Lebens umständen bekannt ist. Bei Kalir bedient sich die Geschichte der Sage, um über» sein Leben, sein Geburtsjahr und seine Heimat einigen Aufschluß zn geben. Einige Gelehrte smd der Ansicht, er sei eut bedeutender Rabbi oder gar ein Mischnahlehrer gewesen, andere dagegen meinen, er habe als Vorbeter in einer Synagoge gewirkt. Sein Geburtsort wurde vielfach in Palästina gesucht, weil der Name Kalir angeblich auf einen Ort in Palästina hindeuten sollte. Der Dichter selbst nennt seinen Geburtsort Kirjath Sepher, »vorunter manche Tibecias verstanden wissen »vollen. Nach der Feststellung einiger Literaturhistoriker soll er in einer Stadt des südlichen .Italien Cagliari oder Bari im neunten Jahrhundert gelebt haben. Zunz gibt Sardinien als Geburtsort Kälirs an. Eleasar Ha-Kalir muß ein außerordentlicher Mann gewesen sein, denn die Sage hat sich noch nie unbedeutender Männec bemächtigt. Ten Namen Kalir umgibt ein schöner Sagenkranz, der den Ausdruck bildet für die Verehrung, die die Nachwelt diesem gottersüllten Dichter entgegengebracht hat. Mehr als zweihundert Gebetstücke hat Kalir gedichtet; die herrlichsten darunter sind die Gebete für das Neujahrsfest und den Versöhnungslag. In seinen Pijutim hat er „die alten Ueberlieferungen und die Glaubensmeinungen seines Volkes zu künstlich geformten Hymnen umgeschaffen. Hierzu nahm er das Material aus der Hagada. Was in dieser zur heiligen Sage geworden war, was sie zur Verschönerung des Kultus, zur Bereicherung des sittlichen Lebens, lvas sie an trostreichen Hoffnungen, an Glaubenskräftigung darbot — verarbeitete Kalir zu einem Kunstwerk, das Vortrag und Gebet, Hymnus und Auslegung zugleich war. So ward die Hagada zu poetischem Feftgebet. Kalir tyrannisiert die hebräische Sprache, zwingt ihr willkürliche Bildungen auf, aber mit einer Ueber- /TBAHLCrrALCKE BLUMEN " AUSSTELLUNG BERLIN W Gö IS MAUERSTR. 70 FERNRUF: ZENTRUM 50Z3 u. 502.4 BLUMENSPENDEN - TRAUERSPENDEN - TAFEL» SCHMUCK - INNENDEKORATION IN KÜNSTLE¬ RISCHER AUSFÜHRUNG - JZ erste Preise Herbstliche Seele Von Arthur S i l b e r g l e i t. Aus Erde ward ich, uird zur Erde fährt Mich Kärrner Tod, doch eh ich in die Grube Einsinke, künd' ich Euch mein Testament: Es erbe meiner Träume Bilderstube Ein keusches Kind, in dessen Blick verklärt Die Glut des Morgenhimmels frommer brennt! Mein Leib verwandle sich zur Ackerkrume, Mein Arm zu einem starken Wipselstamm, Doch meine Seele blüh zu Gott als Blume Wie eine Bra»ll zu ihrem Bräutigam! Hanna, das Vorbild der jüdischen Iran Von Rabbiner Tr. Norden (Elberfeld). Nördlich von Bethel, wo einst Jakob den Traum gegeträumt von der Leiter, die auf die Erde gestellt »vor und deren Spitze bis in den Himmel hineinragte, an der bie Engel Gottes hinauf- und herniederstiegen, während hoch oben der Ewige stand: nördlich von Bethel, dieser geweihten Stätte, befllrdet sich ein anderer geweihter Ort, die Stadt Sil oh im Gebiete des Stammes Ephraim. Siloh hat seine Weihe empfangen von der Stistshütte, die einst in der Wüste Sinai die Andachtsstätte der Kinder Israel gebildet und aber dann später von Josua in Silöh aufgestellt wurde. Dort diente die Stistshütte lange als Volksheiligtum. In neue Zeit führt uns die Erzählung aus dem Anfang des ersten Buches Samuel, die wir alljährlich am ersten Tage unseres Neujahrsfestes mit tiefer Ergriffenheit lesen Diele Erzählung haben die Gelehrten für die Verlesung am Neujahrsfest bestimmt, um uns am Anfang des Jahres in der Gestalt der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, beit Typus der wahrhaft jüdisch einpsinde»tben Frau vor Augen zu führen und uns zu zeige»!, welch hohe Bedeutung der Frau beigemesfen wird und welch hohe Verantwortung sie trägt für die Erhaltung jüdischen Denkens und jüdischer Art. Zu Rameh im Gebirge Ephraim lebt Elkanah. In seinem Hause herrscht Wohlhabenheit. Jahr für Jahr begibt sich Elkanah nach Siloh, um im Heiligtum zn opfern und zu beten. Aber nicht allein zieht er dorthin: er nimmt seine ganze Familie, Frauen und Kinder, mit auf die Reise; und nach Beendigung der gottesdienstlichen Handlungen feiert er mit ihnen ein frohes Familienfest, wobei er es denn an Geschenken und Aufmerksamkeiten nicht fehlen läßt. Ta herrscht dann jedesmal fröhliche Stimmung im Kreise der Familie Nur Hanna, die eine der beiden Frauen Elkanahs, nimmt an der allgemeinen Freude nicht teil; still und wortlos sitz! sie da, und in ihrem Angesicht spiegelt sich der Kummer ihrer Seele. Hanna ist unglücklich. Warum? Aeußerlich fehlt es ihr an nichts, sie ist die Frau eines begüterten Mannes. Auch ist die Eye durchaus glücklich: Elkanah ist der Hanna in inniger Liebe zugetan. „Habe ich dich nicht lieber," spricht er zn ihr in zärtlichem Ton, „als zehn Kinder dich lieb haben könnten?" Was Hanna so unglücklich macht, daß sie wahrend der Familienfeste schweren Gemütes einhergeht und ihre Augen fortwährend sich mll Tränen füllen, das ist ihre Kinderlosigkeit; Gott hat ihr Kindersegen versagt. Und nicht genug damit, daß sie diesen Kummer mit sich herumträgt, muß sie sich noch von Peninna, der anderen Frau Elkanahs, wegen ihrer Kinderlosigkeit verhöhnen lassen. Tieje Erzählung wirkt darum so ergreifend, weil sie uns einen Einblick gewahrt in die reine, lautere Franenseele einer Hanna. Der Besitz irdischer Güter, ja selbst die aufrichtige und zärtliche Liebe ihres Mannes, können ihr keinen Eifatz bieten für die fehlenden Kinder. Wie unnatürlich ist doch dagegen jene Auffaffung, die sich bei vielen jüdffchen Frauen unserer Tage immer mehr breit macht! S i e sind nicht unglücklich«, wenn der Kindersegen ausbleibt, sehr häufig aber, wenn er sich einst eilt. Diese Beobachtung machen »vir gerade in den Kreisen, die wirtschaftlich so gestellt sind, daß ihnen die Erziehung der Kinder keine schweren Sorgen bereiten würde. Und wenn Peninnah die Hanna wegen ihrer Kinderlosigkeit verhöhnt, so ist das gewiß unzart und taktlos, aber doch bei weitem nicht jo verwerflich »vie das, was heutzutage vielfach geschieht, daß nämlich Frauen von ihren eigenen Geschlechts g e n o ss i n n en als rückständig verlacht werden, wenn sie einer größeren Zahl von Kindern das L e b e n s ch e n k e n. Hier ist es gebieterische Forderung, daß »vir wieder zu unserem jüdischen Ideal zurückkehren und diejenigen Frauen, die lieber Leiden und Mühen und Sorgen und Entbehrungen freudig aus sich nehmen, als daß sie ihrer natürlichen Bestimmung entsagten, daß wir diese Frauen, die den Typus der wahrhaft jüdischen Frau darstellen, in hohen Ehren halten. Endlich ist Hannas sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen, endlich hat sie Elkanah einen Sohn geschenkt Und wieder kommt die Zeit, nach Siloh hinaufzuzichen, um dort zu opfern und zu beten uird das alljährliche Familienfest in freudig gehobener Stimmung zu begehen. O wie sehnt sich Hanna danachdie heilige Stätte aufzusuchen, an der sie einst ihr Herz vor dem Ewigen ausgeschüttet hat! O wie sehnt sie sich danach, an eben derselben Stätte diesesmal ein heißes Tankgebet auszusprechen! Und doch> zieht sie nicht mit hinauf; denn, so sagt sie zu ihrem Mann: „Ich habe höhere Pflichten zu erfüllen; erst muß der Knabe entwöhnt fein." Hier zeigt sich wieder Hannas echt jüdisches Empfinden. Die ganze Familie begibt sich nach Silohnur Hanna bleübt daheim. Sie hat ja ein Kind, für das sie sorgen must, ein Kind, das sie hegen und pflegen, das sie erziehen muß. Wohl ist sie die Frau eines begüterten Mannes; wohl ist fte in der Lage, eine Pflegerin, eine Erzieherin ins Haus zu nehmen, um selbst nicht an das Haus gebunden zn sein. Doch Hanna ist eben eine jüdische Mutter, der die Mutterpslichten höher stehen als alles andere, höber als