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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-24 · 38 (24.9.1927) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
38 (24.9.1927)
Date
1927-09-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WMMetakZeÄW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. vezogspret» Durch die Äeschästsstelle l/4 jährlich M. LS0 «n-elnummer 0L0 Bei freier Zusendung i. Znland 0.25 tir die Mitglieder Der Vereinigung ist der Bezugspreis -m Mtgttedsbeitrage enthalten. n n Kerantwortl. Redakteur Bruns Doyda vis „Jüdisch-lidsrale Ssttung" erscheint jeden Srettag. Nedaktion u. osschüttsstetts: Berlin SW, Wilbelmftr. 147. Fernruf: Bafenl>eU>e 3358, 3359 I NadjOruch famMch«r Origlnal-BeltrAge Poftfctjecfefeonto: Berlin I1WT nr.lSToae nur mit vorheriger Genehmigung Oer (Vereinigung fflr das liberale JuOentum I_ItePahtlon gestattet._ Anzeigenpreise: Sie 12gespaltene NonpareillezeUe 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, bei :: s u Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberaleZeitung" -nferatenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147 tHasenheide: 3358—59). sowie sämtl. Annoneen-Exped. Rr. 38 Berlin, 24. September 1927 7. Jahrgang Rausch haschono Unfern Lesnn und Mitarbeitern übermitteln wir hierdurch unsere Herzlichsten GWSumnsche zn Rausch haschono. Redaktion und Schriftleitung der Indisch-liberalen Zeitung Die Einmaligkeit des Lebens Bon Rabbiner Dr. Hans Krön heim, Bielefeld. Es gibt eine Anschauung, in der an eine häufige Wiederkehr des Lebens geglaubt wird. Bon Dasein zu Dasein schreitet der Mensch fort und durchläuft eine ununterbrochene Kette von Lebensformen. Es ist ein stetes Wiederauftauchen im Lande des Seins. Und zwar geht dieser Weg durch alle Erscheinungsformen des Lebens bis zur Tier- und Pflanzenwelt und darüber hinaus. Je nach seinem Verdienst steigt das Wesen zu höheren Daseinsformen empor oder aber wird zur Buße für seine Schuld dazu verurteilt, in niederer Gestalt zu erscheinen.. So gibt cs bei Buddha fünf Reiche des Seins, die der Mensch durchwandern kann. Sie stellen die Stufenleiter dar, den großen Kreislauf alles Lebenden, wenn man will: das allgemeine Avancement der Wesen. Dieser Glaube findet sich in den verschiedensten Formen über die Welt verbreitet. Er begegnet uns in Asien vor allem bei den Indern als Seelenwanderung und im Buddhismus und seinen Abarten als Wiederverkörperung. Er ist im Abendland zu verfolgen von den orphischen Mysterien der Pythagoräer und Plato au bis hin zu Lessing, Schopenhauer und den Antroposophen. Dem Judentum ist diese Lehre im Grunde fremd. Wohl hat sie später auch hier Eingang gefunden — 'die Kabbalah hat sie übernommen. Sie ist zur Lehre vom „Gilgul", der „Wanderung", geworden und hat als solche einen breiten Raum in der jüdischen Mystik gewonnen. Die Seele kann durch Schuld sinken und ist dann dazu verurteilt, in niederen Wesen wiederzuerscheinen, bis die Buße vollendet ist. Aber diese Lehre ist auf den Kreis der Mystiker beschränkt geblieben. Darüber hinaus hat sie keine Ausnahme gesunden. Und das dürste in folgendem begründet sein. Es ist ganz natürlich, daß der Wert des Lebens gcnundert wird, wenn dieses sich unzählige Male wiederholt. Ist es nur eines von vielen - dann kommt es auf dies Lieben nicht an, das höchstens Durchgangsstadium, Uebergang ist zu einer der zahlreichen folgenden Tascinsgestalteu. Es ist bezeichnend, daß es stets pessimistische Weltanschauungen sind, die die Lehre von der Seelenwanderung verkünden. Das Leben wird als eine Buße für eine frühere Verschuldung betrachtet, der Körper ist der Kerker oder das Grab der Seele. Das Leben ist, wie sehr der Weg auch emporsühren mag, eine Last, die Wiedergeburt nicht wünschenswert. Die logische Fortsetzung der Gedankenreihe ist, daß das Ende des Lebens wie bei den Griechen eine Befreiung der Seele aus der Gefangenschaft, oder wie bei Buddha die Erlösung von allem Leide bedeutet und Gegenstand der Sehnsucht wird. Wir finden daher in Verbindung mit dieser Anschauung immer stark askeüüüe Tendenzen. We'tflncht und Lebensverneinung sind die Mittel, um dem Samara, dem trostlosen Umherwandcrn, ein Ziel zu setzen. Das Judentum lehrt die Einmaligkeit dieses Lebens. Gewiß! Es har einen Jenseilsglauben. Aber es ist das eine große Sein nach diesem Leben. Und auch von ihm wird der Blick des Menschen abgezogen und hingelcnkt auf das Diesseits, auf dies eine Leben hier aus Erden. So konnte der Satz gesprochen werden: „Schöner eine Stunde in Umkehr und guten Werken in dieser Welt als das ganze Leben der künftigen Welt." Aus der Auffassung des Judentums spricht eine Hohe Wertschätzung des Lebens. Es gib: dem Dasein nicht durch den Ausblick aus zahlreiche Erfftenzmöglichkciten die ungeheure Ausdehnung wie etwa der Buddhismus, sondern läßt das Leben in seiner engen. Begrenztheit bestehen. Es erinnert uns d.aran, daß unser Leben 70, höchstens 89 Jahre währt und „lehrt uns unsere Tage zählen". Jede Stunde ist unwiederbringlich, jeder Augenblick unersetzlich. Das Leben ist keine Strafe, sondern ein hohes Gut. Weltflucht und Lebensverneinung haben hier keinen Raum. Der Mensch gehört in die Welt. Gott will, daß er lebt. „Wähle das Leben, damit du lebest, du und deine Nachkommen", mahnt die Bibel. Und in den 10 Bußtagen beten wir: „Gedenke unser zum Leben, König, der Wohlgefallen hat am Leben, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens, um deinetwillen, lebendiger Gott!" Ein jüdisches Konzil > Mahnwort an alle religiösen Parteien der Jndenheit. Von Stadtrabbiner Dr. R i e g e r, Stuttgart. Allsabbathlirh bekennen wir im Gottesdienst die Einheit und Einzigkeit Israels: „Und wer ist wie Dein Volk Israel, die Einheitsgemeinschaft auf Ecden!" In den heiligsten Stunden des Jahres, am Neujahrsfest und am Versöhnungstag, schauen wir über die Grenzpfähle Israels hinaus und schwärmen und schwelgen in der Hoffnung aus die kommende Einheit der Menschheit, „daß die Menschheit ein Bruderbund wird, geeint in der Sehnsucht, Gottes Willen aus Erden zu enhfüllen". Aber der Weg bis zn diesem letzten Menschheitsziel ist weltenweit. Manchmal scheint es, als ob wir uns von ihm entfernen, statt uns ihm zu nähern. Was uns aber besonders ernst und nachdenklich stimmen muß, ist die Tatsache, daß die Juden untereinander den Zusammenhang verloren haben. Sie haben sich nachgerade soweit von der gemeinsamen Heimat entfremdet, daß sie den Heimweg nicht mehr finden können. Sic reden vielerlei Sprache, sodaß sie einander nicht mehr verstehen. Dürfen wir uns darüber wundern, daß der Turm nicht vollendet wird, an dem die Juden seit 3000 Jahre und länger schon bauen? Gewiß versichern wir immer und überall, daß wir zueinander gehören. Tie Welt draußen hält uns für eine geschlossene Einheit. Aber der Zusammenhang besteht darin, daß wir einander befehden, daß wir jeden Mißerfolg der anderen mit innerer Befriedigung verbuchen und im geheimen jubeln, wenn es diesen anderen schlecht geht. Wir spielen ein seltsames Spiel. Eine weite Wiese, überall Menschen, Pfeil und Bogen in den Händen. Stumm zielen sie auseinander, nicht um zu morden, nein, um einander wehe zn tun. Tann und wann tönt ein grelles Lachen über die Wiese, wenn ein Pfeil den Bruder oder die Schwester getroffen hat. Trifft einmal ein Pfeil mitten ins Herz, daß der Getroffene zusammenbricht, so wird das Spiel auf der Wiese unterbrochen. Dann treten Tränen, richtige Menschentränen, in die Augen der Schützen. Es tut ihnen leid, aufrichtig leid, daß der Pfeil so gut getroffen hat. Kaum aber, daß der Getroffene von der Walstatt getragen worden, geht das grausame Spiel weiter. Wir tun einander wehe, anstatt daß wir einander Helsen. Wir trauern um den Bruder, um die Schwester — wenn es zu spat ist. Und dieses Spiel nennen wir Einheit in der Judenheit! In den Augusttagen hat in Lausanne länger als zwei Wochen die Wellkonferenz für Glauben und Verfassung des Christentums getagt. 535 Vertreter aller christlichen Kirchen mit Ausnahme der römisch-katholischen und kleinerer Sektengem einsch asten waren hier znscmunengekommen, um sich über die Einzelheiten ihres Glaubens und ihre kirchlichen Einrichtungen freundschaftlich ausznsprechen, um, wenn es möglich, eine neue innere Gemeinschaft zu begründen. In kluger Selbstbescheidung wollten sie nicht etwa ein neues Dogma schassen, sondern den Weg für weitere Verhandlungen anbahnen und eine Annäherung zwischen den Lehrern der Kirchen ermöglichen. Oft schien es, als ob der Gedanke des Konzils in ein Nichts zerflattern sollte, als ob der Versuch der Annäherung in Helle Feindschaft ausarten müßte. Dann aber kam über den See ein scharfer Alpenwind und schuf klare Lust. Man wollte einander nicht überwinden, Gegensätzlichkeiten nicht feige übergehen und Unvereinbares nicht gedankenlos zusammenschweißen. Aber das, was hinter den Gegensätzen lebte, die religiöse Realität, wollte man frei machen, die Fühlsäden, die unter dein angesammelten Staub fast verschwunden waren, wollte man bloßlegen, in gemeinsamen Gottesdiensten einander werten lernen. Der Erfolg der heißen Tage mag von außen winzig klein erscheinen. In Wirklichkeit war er groß. Anglikaner und Amerikaner, Westler und Oestler standen einander nach wie vor geschlossen gegenüber. Es stellte sich bei der Besprechung der Kommissionsberichte heraus, daß der Plan einer Formulierung eines einheitlichen Glaubensbekenntnisses fallen gelassen werden mußte. Aber schon hie Tatsache der gemeinsamen Aussprache, der freundschaftlichen Annäherung, der Erkenntnis des gegenseitigen Besitzstandes bedeutete einen großen Sieg der Menschenliebe. Die Botschaft des Konzils in Lausanne, das nach fast übermenschlich schweren Vorarbeiten eine geschichtliche Tatsache geworden ist, muß die Juden der Erde aus ihrer Gedankenlosigkeit wecken. Was dort möglich gewesen, muß hier möglick sein. Mit einem gewissen Stolz weisen wir daraus hin, daß die Judenheit keine Sekten gebildet oder diese Sekten wieder in sich ausgenommen und sich zu immer neuer Einheitlichkeit zusammengefunden hat. Das Gefühl, daß wir zueinander gehören, daß wir „füreinander bürgen", daß wir eine Einheit sind, ist glücklicherweise bisher keinem Teile der Judenheit ganz abhanden gekommen. Aber dieses Gefühl beschränkt sich auf die Abwehr der Angriffe von außen. Es fehlt ausnahmslos allen Parteien, im Judentum die rechte Klarheit über den eigenen Glaubensbestand und Liber das, was tatsächlich allen gemeinsam ist. Daher die kleinliche, boshaftgehässige Feindseligkeit innerhalb der Parteien des Judentums, über die gerade in letzter Zeit wiederholt wortreich geklagt worden ist. Allerdings ist eine Entgiftung der Atmosphäre überall gefordert worden. Aber der atemraubende Gifthauch wird weiter sorgsam gepflegt. Die Jndenheit bietet das beschämende Bild sinnloser Zerrissenheit, törichter Verzettelung der besten Kräfte und einer lästerlichen Selbstzerfleischung. Man sage nicht, daß der Zionismus die Wendung zum Besseren, den Weg zur Einheit bedeutet. Er hat nicht nur die Judenheit der Erde in zwei feindliche Lager gespalten, er ist selbst ein Zerrbild der Einheit. Wer die leidenschaftlichen Wahlkämpfe zum letzten Kongreß und die Baseler Zänkereien mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem offenbart gerade der Zionismus die schroffe Unversöhnlichkeit der Gegensätze. Vor allem ist aber die Zahl der Juden, die zionistisch eingestellt sind, viel geringer, als die Mehrzahl der Juden infolge der überaus geschickten Propaganda der Zionisten glaubt. Bor allem ist nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Ostjuden national-jüdisch gesinnt. Wer die Stimmenzahl der Schekelzahler zum letzten Kongreß überschaut, gewinnt erst ein richtiges Bild von den wirklichen Zahlenverhältnissen. Ter Zionismus ist im besten Falle nur der Zusammenschluß der politischen Juden, nicht aber der religiösen Gemeinschaften der Judenheit. Wir brauchen mehr. Wir brauchen einen machtvollen überparteilichen Zusammenschluß der.religiösen Parteien des Judentums und als seinen sichtbaren Ausdruck ein jüdisches Konzil, in dem sich alle Richtungen des Judentums zusammenfinden in voller Würdigung ihrer Eigenart und ihrer Eigenwerte, aber zugleich in dem starken Bewußtsein: Wir gehören zueinander, wir sind die Kinder einer Mutter, wir haben ein gemeinsames Elternhaus, auch wenn uns das Wandern über die Erde noch so weit auseinander geführt hat, wir wollen einander werten und würdigen lernen- bis wir uns geschwisterlich zusammenfinden — wir sind trotz alledem und alledem gauj echod hoorez eine geschlossene Gemeinschaft auf Erden. Gewiß, die religiösen Gemeinschaften der Judenheit wissen voneinander, ihre gelehrten Vertreter und Verstchter kennen ihre Sonderwege und ihre Eigenziele. Aber das gilt mindestens ebensosehr für die christlichen Gemeinschaften, die. ausnahmslos eine ausgeprägte Dogmatik besitzen, die ihren Glaubensbestand bis zu den letzten Einzelheiten festlegt. Aber gerade weil diese Einzelgemeinschaften den Blick auf das Einende, auf das Gemeinsame verloren hatten, war das Konzil von Lausanne eine Unentbehrlichkeit. Sicht es in der Judenheit anders aus? Ich habe die Sommerwochen im Osten Europas in den Mutterländern des Ostjudentums verlebt und habe ß an mir selbst empfunden, wie fern und fremd der Westjude diesem Ostjuden gegenübersteht. Der Ostjude blickt mit scheuer Aengstlichreil aus den Juden des Westens, der Westjude mit Argwohn auf den Byuder des Ostens. Ihre Gebete sind allerdings im wesentlichen die gleichen. Aber alles, was sonst ihr religiöses Leben ausmacht und ihren inneren Menschen erfüllt, ist anders geartet. Ich habe diese Gegensätzlich,- keil nicht ohne inneres Erröten empfunden und aus ihr die Gewissensmahnung vernommen: Wir müssen freundschaftliche Beziehungen von Mensch zu Mensch anknüpfen, wir müssen uns zu dem gemeinsamen Erbgut zurücksinden und in dieser Gemeinschaftlichkeit die Kraft zur Brüderlichkeit gewinnen. Wir wollen und wünschen — da sei Gott vor! — keine neuen Richtlinien, keine Uniformierung des Judentums, keine Vereinheitlichung des Bekenntnisses. Die Vielgestaltigkeit des Judentums ist uns ein Sinnbild der in ihm wirksamen ewigen Jugend kraft. Aber wir brauchen eine inner« Geschlossenheit, die den lähmenden Geist krankhafter Zwiespältigkeit ablehnt. Wir haben einen gemeinsamen Besitz, ein Fundament, auf dem alle unsere Gotteshäuser stehen. Wir haben der Menschheit noch Großes zu geben, negativ in der Abwehr fremden Glaubensgntes, positiv in der Anerkenntnis der eigenen Ewigkeitswerte. Wir müssen uns nach langen Irrfahrten zusammenfinden in der Una sancta, dein hochheiligen Bekenntnis, daß wir aus einander stammen und zueinander gehören. Tie russische Judenheit geht unter dem Drucke einer Die nächste Nummer unserer Zeitung erscheint infolge des Versöhnungsfesks erst am Dienstag, den 4. Oktober als Doppelnnmmer 39 40. Die Nummern vom 30. September und 7. Oktober fallen aus. Schriftleitung der Indisch-liberalen Zeitung.

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