Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 37 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ordentliche Bedeutung für den Heranwuchs einer gefunden jüdischen Jugend. Sie verdient wärmste Unterstützung aller, die eine Gesundung der jüdischen Jugend wünschen. (Jta.) Denkt an das jüdische Kind! , Zu keiner Zeit zeigt sich das jüdische Familienleben schöner, als wenn di; Herbst-Festtage nahen; da drängt es vie Kinder zu den Eltern, die Eltern zu den Kindern. Wehmütigen Herzens stehen diejenigen, denen die Natur des Lebens höchste Erfüllung, das Fortleben im Kinde versagt hat. Sie fühlen in diesen Tagen stärker denn je ihre unerfüllte Sehnsucht, chre Liebe für ein Kind, auch wenn es eine andere gebovem^ Sie suchen nach einem jener Kinder, deren Mutter es nicht ernähren, kleiden und erziehen kann, oder die sich in falscher Scham nicht zu ihm bekennen will. Hier in diskretester Weise vermittelnd zu helfen ist mir Lebensbedürfnis, und bitte Eltern, die suchen, sich ebenso vertrauensvoll an mich zu wenden, wie Mütter, Verwandte, Vormünder und Gemeinden, denen daran gelegen ist, ein Kind in gute jüdische Hände zu geben. Frau Lina Mosheim, Barmen. Die Wahl der zionistischen Leitung Die unter den Parteien bestandenen Meinungsverschiedenheiten über die Zusammensetzung der Executive, insbesondere über dre Wahl jener Pcrsönlichkeiten, denen die Arbeit in Palästina anvcrtraut werden soll, bewirkte es, daß der 15. Zionistenkongreß, der am 30. August begann, nicht, wie im Programm vorgesehen, schon am Freitag, den 9. September, zu Ende gehen konnte. Es war notwendig geworden, für Sonnabend eine Nachtsitzung für die Wahl der Leitung anzusetzen und erst am Sonntag abend die Schlußsitzung des Kongresies abzuhalten. Nach sehr bewegten Auseinandersetzungen, die die Nacht von Sonnabend zu Sonntag andauerten, wurde Sonntag gegen 6 Uhr morgens zu den Wahlen geschritten, die das folgende Resultat ergaben: Tr. Chaim Weizmann wurde zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, Nahum Sokolow zum Präsidenten der Weltexecutive wiedergewählt. Für sie stimmten 113, gegen sie 54 Telegierte. Tre Londoner politische Executive ist ferner repräsentiert durch Tr. Eder, Louis Lipsky und Tr. Felix Rosenblüth, die schon der bisherigen Executive angehört haben. Tie Leitung des Aufbauwerkes in Palästina ist einem Direktorium anvertraut, dem der Oberst v. Kisch, Miß Henriette Szold, Leiterin des Gesundheitswesens der Frauenorganisation Hadassah, und der Jerusalemer Anwalt Dr. Sacker angchören. Tie Wahl der Mitglieder der Londoner und der Jerusalemer Executive erfolgte en bloc. Das Stimmenverhältnis war das folgende: Für diese Liste wurden 83, gegen sie 62 Stimmen abgegeben. Die Opposition fetzte sich aus dem Misrachi, den Revisionisten, den Radikalen und einigen Paläsiinenjern zusammen. Tie Linksparteien Poale Zion und Hltachdut übten Stimmenthaltung, nur einige Hilachdutleute stimmten für die neue Leitung. Nach Verkündigung der Wahlresultate brachte die Majorität den Führern Weizmann und Sokolow eine stürmische Ovation dar, in die sich ironische Rufe der Opposition mischten. Tie Oppositionsrufe bezogen sich auf die geringen Majoritätsverhältnisse und auf die Haltung der Arbeitervertreter, die durch ihre Stimmenthaltung eine Mehrheitsbildung erst möglich machten. (Jta.) (UeberBedeutungundErgebnissedesZionistenkongresses werden wir in unserer nächsten Nummernoch zusammenhängend berichten. Ttc Red.) Aus der „Ork"-Arbeit Am 3. September hat im Carlton-Hotel in Johannisburg ein Bankett zu Ehren des Delegierten des Gemeinschaftlichen Hilfskomitees „Ort-Ose-Emigdirekt", Dr. Leo Bramson, unter dem Vorsitz von Bernhard Alexander stattgefunden, an dem 150 Personen teilnahmen. Der Premierminister der Süd-Afrikanischen Union, General Hertzog, sowie die Minister Malan und Roos sandten herzliche Begrüßungsschreiben. Von Fritjof Nansen, Albert Thomas (Vorsitzender des Internationalen Arbeitsamtes), Prof. Dubnow, mchreren prominenten Persönlichkeiten aus London, vom Präsidium des Gemeinschaftlichen Hilfskomitees und a. m. waren Begrüßungstelegramme eingetroffen, die unter stürmischem Beifall verlesen wurden. Der Vorsitzende. Bernhard Alexander, der Miniister der öffentlichen Arbeiten, Madelcy, das Mitglied des Süd- Afrikanischen Parlaments, Kentridge, Oberrabbiner Dr. Landau und der Bürgermeister von Johannisburg, Law Palmer, würdigten in Ansprachen die Mission Dr. Bramson's und betonten die Wichtigkeit der Wiederausbauarbeit der jüdischen Bevölkerung in Ost-Europa. In seiner Antwortrede dankt« Dr. Bramson für die Begrüßungen und schilderte die schwere Lage der ost-europäischen Judenschaft. In begeisterter Stimmung wurde die Sammelaktion eingeleitet, die schon an diesem Abend ein ansehnliches Ergebnis brachte. Tr. L. Bramson besuchte Bloemsontein, Kimberley, Bethlehem, Winburg, Theunissen. Es wurden überall lokale Komitees zur Durchführung einer Sammelaktion zugunsten des Gemeinschaftlichen Hilfskomitees gebildet. Das Urteil gegen die Breslauer Rowdies Vor dem Großen erweiterten Schöffengericht fand der Prozeß gegen vier Mitglieder des Bundes Totenkopf statt, die sich wegen Körperverletzung und Beleidigung zu verantworten hatten. Die Angeklagten hatten in der Nacht zum, 4. Januar d. Js. in der Kaiser-Wilhelm-Straße gemeinsam mit anderen Anhängern dieses Bundes mehrere jüdische Bürger, die sich auf dem Heimweg befanden, überfallen und schwer mißhandelt. Der Ueberfall, der von den Rowdies systematisch vorbereitet worden war, hatte seinerzeit in der Breslauer Bevölkerung große Erregung urü> Empörung hervorgerufen. In der Verhandlung, der teilweise der Landgerichtspräsident beiwohnte, bestritten die Angeklagten die ihnen zur Last gelegten Straftaten und gaben an, schwer betrunkengewesen zu sein. Die Beweisaufnahme — es wurden 17 Zeugen vernommen — ergab jedoch derart belastendes Material gegen die Angeklagten, daß der Staatsanwalt in seinem Plädoyer |b ie Anklage auf schweren Landftiedensbruch erweiterte und für drei der Angeklagten je acht Monjrte und Kr den vierten vier Monate Gefängnis beantragtes.. Auch das Gericht gelangte zu der Ansicht, daß nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme schwerer Landfriedensbruch vorliege und verurteilte drei der Angeklagten zu sechs Monaten Gefängnis, während der vierte wegen Mangels an belastendem Material freigesprochen wurde. (Jta.) 0er kelsen äer heiligen Buchstaben Von Julius C s e r m c 1 y. (Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem Ungarischen von Maurus Mezci, Wien.) Eine der einfachsten, aber nichtsdestoweniger herrlichsten Legenden des Heiligen Landes — naiv, wie die Seele eines Kindes und ergreifend, wie die verzweifelte Unverdorbenheit — vernahm ich von einem Palästinenser Flüchtling. Sie erzählt von einem wunderschönen und tugendhaften, aber überaus einfachen Mädchen, die das Kind eines blutarmen Gerbers war, der in El-Chalil, einem kleinen Dorfe unweit von Jerusalem, wohnte. „Einst lebte in El-Chalil“, begann mein Bekannter seine Erzählung, „ein wunderschönes Mädchen namens Hannah, das Kind eines Gerbers, von deren Schönheit man selbst in Jerusalem sprach. Wann sie gelebt hat? ist nicht wichtig, eine Legende ist ja schließlich keine Geschichtskunde. Genug dem, daß jeder, der das Mädchen auch nur ein einziges Mal sah, sich sofort in dasselbe verliebte, trotzdem Hannah beispiellos einfach war. Sie dachte weder an Luxus, noch an Putz; sie verstand zu schreiben und zu lesen, aber eine gewählte Ausdrucksweise kannte sie schon nicht, und auch sonst nichts, was über die Grenze ihres Dorfes hinausging. Diese Einfachheit schreckte aber trotzdem niemanden ab. Viele hielten um ihre Hand an, selbst Söhne vornehmer Familien, aber Hannah erhörte nicht einen von ihnen, sondern blieb jenem treu, den sie liebte: einem ihr ebenbürtigen, einfachen Menschen niederen Standes. In Hannah verliebte sich — hier beginnt, mein Herr, die Legende — in das Mädchen verliebte sich auch der Tod, der nach den Begriffen des Ostens ein ebensolcher Engel ist wie Raphael, Gabriel, Ismael, Michael und die übrigen. Der Mann des Ostens stellt sich den Tod nicht als ein Gerippe vor, das sich in ein schwarzes Tuch hüllt und eine Sanduhr und eine Sense in den Händen hält, — bei ihm ist der Tod ein Engel, ein Jüngling mit sanftem Gesicht und tröstendem Blick, und der Orientale will damit bekunden, daß das Sterben für den Menschen nicht schmerzlich ist. Als Hannahs Mutter in den letzten Zügen lag, kam der Tod zu ihr, ihr das Leben zu nehmen, und damals verliebte er sich in das Mädchen, so wunderschön war sie, wie sie dort neben dem Bett weinte und schluchzte. Der Engel vergaß gleichsam an seine Pflicht, als er in das Zimmer trat, sondern starrte nur ineinemfort auf Hannah. Nie noch hatte er sein Amt schwereren Herzens erfüllt, als damals. Und kaum hatte man die Tote vom Lager herabgehoben und auf die Erde neben das Bett gestellt, stand der Engel des Todes auch schon flehend vor Gott. „Lasse mich zu einem Menschen werden, HERR|‘, flehte er. „Gib mir, für mein ewiges Leben nur ein einziges irdisches Jahr in Tausch, doch mache mir Hannah geneigt, daß sie für diese Spanne Zeit mir gehöre.“ „Das kann ich nicht tun“, erwiderte Gott. „Dieses brave Mädchen hat bereits gewählt und den sie liebt, den liebt sie wirklich, über die Liebe habe aber nicht einmal ich eine Macht, wenn sie rein ist ... . und auch ihr Bräutigam liebt sie ehrlich, es wäre also eine Ungerechtigkeit, würde ich sie diesem dir zuliebe nehmen.“ So sprach Gott, der ewige und gerechte Richter. Der Engel des Todes ging sehr niedergeschlagen von dannen. Er war vor Gott fast in Ungnade gefallen und auch seine Hoffnung auf das Mädchen war zunichte geworden. Kaum langte er aber wieder auf der Erde an, schloß sich ihm eine Schattengestalt an. „Weißt du, wer ich bin?“ fragte die Gestalt. Den Tod überlief es kalt. „Ich bin der Satan“, sprach der Schatten, „und ich habe auch darüber eine Macht, über was der Alte dort oben keine Macht hat. Auch bin ich nicht so lächerlich gerecht .... ich liefere dir Hannah aus, wenn du willst.“ Gerade kam Hannah des Weges; sie war in ihrer Trauer so schön, wie eine Frühlingsnacht bei Vollmond, und der Tod verlor wahrlich den Verstand. „So liefere sie mir denn aus, willst du mir Gutes erweisen“, sprach er keuchend zu dem Satan. „Mein Plan ist sehr einfach“, entgegnete der VER¬ DERBER und in seinem von tiefen Furchen durchzogenen Gesicht erschien ein derart hämisches Lächeln, als hätte er auch den Allmächtigen verhöhnen wollen. „In einer Woche ist das Neujahrsfest und dann beten die Menschen zu Gott, damit er ihren Namen für die kommenden zwölf Monate in das Buch des Lebens eintrage. Wer nicht betet, kommt nicht in das Buch; wer nicht einmal am Neujahrstag zu Gott fleht, auf den kannst du deine Hand legen, wenn es dir so beliebt .... und Hannah, du wirst sehen, wird jetzt zu Neujahr nicht eine einzige Silbe beten. Weder sie, noch ihr Bräutigam, ich sage es dir.“ „Tue es“, kam es röchelnd über die Lippen des Todes. „Möge sie denn als Tote mir gehören, wenn sie es nicht lebend sein kann.“ Hannah war ein sehr gottesfürchtiges Mädchen und sie sperrte am Vortage des Neujahrsfestes ihr Haus ab, um zusammen mit ihrem Bräutigam nach Jerusalem, in die Versammlung, zu gehen und dort für das Leben zu beten und zu flehen. Ihr Vater hatte sich schon einen Tag vorher auf den Weg gemacht, um seine gegerbten Häute zu verkaufen und vom Erlös Nahrungsmittel einzutauschen. Kaum traten sie aber vor das Haus, stand plötzlich ein gebrechlicher Greis vor ihnen — es war der Satan — und er schloß sich ihnen an. „Ihr wollet nach Jerusalem?“ fragte er. „Gehet nur, meine Kinder, aber ja nicht auf der Landstraße. Du bist schön, meine Tochter, und hier gehen jetzt viele Männer, die nach dir ein Verlangen tragen .... du aber, mein Sohn, kannst sie nicht beschützen, weil du allein bist. Kommet mit mir, ich führe euch durch den Wald; ich kenne dort sehr gut den Weg .... nun Der Alte sprach sehr vertrauenserweckend und da er auch sonst ein unvermögender Greis war, ging das Brautpaar ohne jede Furcht mit ihm. Ja, sie meinten ihm sogar Dank schuldig zu sein, denn an jene Möglichkeit von den geilen Männern hatten wahrlich weder Hannah, noch ihr Bräutigam gedacht. Der Greis führte und führte sie, immer tiefer in den Zedernwald hinein, doch plötzlich war er verschwunden und sie blieben allein. Und auch der Abend senkte sich auf sie hinab. Sie irrten noch eine Weile herum, gingen bald in dieser, bald in jener Richtung, um vielleicht doch aus dem weglosen Wald hinauszufinden und auf den zur Stadt führenden Weg zu gelangen, doch vergebens war ihr Bemühen. Satan hatte seine Arbeit gut verrichtet. Sie gelangten auf eine Lichtung, wo sich ein ziemlich großer Felsblock befand, hier ließen sie sich müde nieder und ruhten aus. „Was sollen wir nun beginnen?“ fragte der Bräutigam. „Wir können auch schon nicht mehr weitergehen, denn es ist schon Feiertag; auch die Sterne sind schon hervorgekrochen und es ist eine Sünde, am Feiertag zu Fuß zu gehen.“ „Wir bleiben hier“, erwiderte Hannah, „und wir werden hier zu unserem Gott beten.“ „Die Gebetsrolle hat jedoch dein Vater zu sich genommen, ich aber kenne aas dem Gedächtnis nicht ein einziges Bittgebet.“ „Auch nicht das Gebet für das Leben, Dan?“ „Auch dieses nicht .... Was sollen wir tun?“ Hannah erschrak sehr. Nicht um sich selbst war sie besorgt, sie dachte nur an Dan, ihren Bräutigam. Der Feiertag wird zu Ende gehen, der Tag des allerhöchsten Gerichtes, und wenn er nicht die gebräuchlichen Gebete sagt, um in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden, kann der Tod über ihn Macht gewinnen. Ihr Bräutigam, ihr Geliebter sollte sterben? Unvermögend hockte sie dort auf der Erde, während ihr Bräutigam müde hinsank, um zu überlegen, was zu tun wäre. Es wurde Nacht, am Himmel zogen Wolken herauf und das um ihren Bräutigam besorgte Mädchen sah in jedem Wolkenhaufen, der am Himmel drohend aufstieg, ein Grabmal. Heute ist der Tag des himmlischen Gerichtes und wer betet, kann vor dem HERRN noch Gnade finden .... die aber aus dem Buche des Lebens ausbleibcn, denen wird, bevor noch das Jahr zu Ende geht, ein Stein aufs Grab gewälzt. Und auf einem dieser Steine wird auch der Name ihres Bräutigams stehen. Sie schrie entsetzt auf. Ein Lachen war das Echo auf ihren Schrei. „Nun, Hannah, so bete doch für dein Leben“, klang es mit höhnischem Gelächter durch die Nacht. „Hast du gehört, Dan?“ rief Hannah fast außer sich. „Hast du es gehört? Sprich! Der VERDERBER ist in unserer Nähe, der Satan!“ Hannah rüttelte ihren Bräutigam, aber dieser schlief wie ein Betäubter und rührte sich nicht. Diesen tiefen Schlaf hatte der Satan über ihn geschickt. Die entsetzten Mädchenaugen forschten jetzt in den Sternen am Himmel und indem sich ihr Blick auf das Firmament heftete, sagte ihr nicht der Verstand, aber der Instinkt, daß etwas getan werden müsse. Rufen Gott in welcher Form immer, nur rufen Gott, damit er helfen möge. Denn Gott ist ja stets nahe jenen, die ihn aus vollem Herzen rufen. Was soll sie aber zum Himmel emporschicken, welches Gebet stammeln, wo doch das Bittgebet um das Leben und auch alle anderen Gebete in jener Rolle enthalten sind, die ihr Vater mit sich genommen hat. Aus dem Gedächtnis kann sie nicht ein einziges Gebet sagen. Ihre Seele zappelte noch eine Weile im Wirbel des Unvermögens, dann warf sie sich verzweifelt zu Boden und stammelte — da ihr kein anderer Einfall kam — nur die Buchstaben der hebräischen Sprache, so wie sie im Alphabet aufeinander folgen. Vom Aleph bis zum Taph, nacheinander wohl auch fünfzigmal, hundertmal, und zum Schluß, als sie schon nicht mehr weiter konnte, rief sie schluchzend zu dem in Wolken gehüllten Himmel: „Mein himmlischer Vater und König, die heiligen Buchstaben deiner heiligen Sprache waren es, die deine Magd in ihrer unvermögenden Unwissenheit zu deinem Thron emporgeschickt hat. Aus diesen Buchstaben reihen sich zum Gebete die Worte .... ich aber bin unwissend, ich verstehe mich nicht darauf, mein Vater. Füge sie also du zu Worten und die Worte zum Gebet. Du, mein Gott, wie es die heilige Inbrunst meiner Seele und jedes Gefühl meines Herzens wünschen...“ So jammerte Hannah zum Himmel empor; sie sagte kein Gebet, sondern zählte nur nacheinander Buchstaben auf, aber dem barmherzigen Gott genügte auch das. Ist doch Gott stets nahe jenen, die ihn aus vollem Herzen rufen. Wohlwollend hörte er Hannah an und seine Stimme donnerte zum Satan hinab: „Du hast dich bemüht, Böser, damit dieses unschuldige Kind heute, am Neujahrstage, nicht ein einziges Wort beten könne? Worte hat sie tatsächlich nicht zu mir emporgeschickt, sondern bloß Buchstaben, und ich tue dennoch so, wie sie es gewünscht hat. Ich füge die Buchstaben zu Worten zusammen und die Worte zum Gebet und ich erhöre dieses. Sei verflucht, Satan .... Du aber, Hannah, wirst glücklich werden und noch länger leben, als deine Stammutter Sarah.“ Als das Mädchen am nächsten Tag aufwachte, war der Felsen mit Moos bedeckt, das Moos aber bildete Buchstaben auf der Steinplatte. Durcheinander die Buchstaben der hebräischen Sprache: hier ein Dalied, dort ein Aljin, hier ein Lammed, dort ein He oder ein Beth... „.Das ist die Legende, mein Herr“, beendigte der Flüchtling seine Erzählung. „Jener Steinblock auf der Lichtung wurde der Felsen der heiligen Buchstaben benannt und der Wald, der ihn umgab, der Hain der heiligen Buchstaben. Er war der heilige Wallfahrtsort der Bräute, dort beteten sie für das Los des Bräutigäms, aber die Engländer haben während des Krieges den Wald gefällt und den Felsen in die Luft gesprengt.“