Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine englische Geschichte der modernen hebräischen Literatur Die moderne hebräische Literatur ist nm die Mitte des 16. Jahrhiunderts in Deutschland entständen,, hat hier verheißungsvolle Knospen getrieben und wurde dann nach Osteuropa verpflanzt, wo sie ihre herrlichsten Blüten hervorbrachte und wo ihre prächtigsten Früchte reisten. Die moderne hebräische Literatur trug also von ihrer Geburt an das Gepräge der deutschen Aufllärung, sie kämpfte für Freiheit und Licht, für Mehrung und Verbreitung des Wissens, für Ueberwindung veralteter Vorurteile und Abstellung überlebter Zustände auf allen Gebieten. Und dieser Charakter ist der modernen hebräischen Literatur durch alle Wandlungen bis aus den heutigen Tag eingepragt geblieben. Darum ist sie den Finsterlingen alleweil ein Dorn im Auge gewesen. Da aber die deutschen Juden mittlerweile ganz in die deutsche! Sprache und Kultur hineinwuchsen, so wurde das Deutsche vollends zum Jnstrumenr ihres Denkens und Fühlens; das hebräische fing alsbald an, sich langsam aus dem Gebiet der schönen Literatur und der Publizistik zurückzuziehen und dem Deutschen Platz zu machen. Hebräisch blieb die Sprache des Gebetes und teilweise auch die Sprache der Wissenschaft des Judentums, die ebenfalls in Deutschlarch die vornehmste Pflege fand. Anders lagen die Berhältnme in Osteuropa (Polen, Litauen, Rußland). Die Sprachen dKftr Länder fingen damals erst an, — und zwar meist unter dem Einfluß des Westens, besonders Deutschlands — sich zu Kultur- und Literatursprachen zu entwickeln. Die Juden hatten hier überdies seit jeher am Geistesleben und an der Literatur des Landes keinen Anteil. Die durch die Kultureinflüsse aus Deutschland erwachten neuen Bedürfnisse unter den Juden hatten als einziges Instrument die ja ebenfalls durch deutschen Einfluß erneuerte hebräische Sprache: dasZHebräische war fast ein Jahrhundert hindurch die einzige Kultursprpche der Juden in diesen Ländern. Polen, namentlich diejenigen seiner Provinzen, die an Oesterreich und Rußland fielen, war der Boden, auf dem die moderne hebräische Poesie sowie die wissenschaftliche Geschichtsforschung, insofern sie in hebräischem Gewände austrat, gedieh. Aber diese Geschichte der modernen hebräischen Literatur ist in englischer Sprache erschienen!... Es ist ein Beweis für die Expansion des britischen Kulturbewußtseins, daß ein englisches Unterrichtsministerium, eine Universitätsverwaltung, der Council os education o f the Whitwatersrand University, den ersten Band des Werkes „Short Lectures of modern Hebrew Literaturen heraus gegeben hat. (Johannesburg, Whitwatersrand University Preß, 1925.) Die ersten akademischen Vorlesungen über die Geschichte der modernen hebräischen Literatm find also an einer englischen Universität gehalten, und zwar von dem als Lyriker und Dramatiker wohlbekannten Professor der hebräischen Sprache und Literatur an der dortigen Universität, Chief Rabbi, Dr. I. L. Landau, — gehalten vor einer akademischen Hörerschaft, die überwiegend aus Nichtjnden bestand, mit den Parteiströmungen und Len polüischen und sozialen Tendenzen der Judeicheit nichts zu tun hatte, und deren einziges Interesse an diesen Vorlesungen darin bestand, eine entlegene geistige Bewegung kenneuzülernen. In der vorliegenden Literaturgeschichte spricht einer zu uns, den zunächst die Frage angeht, wie die Juden als historische Gemeinschaft mit einer eigenen Literatursprache und mit großen, wenn auch zeitweise unterbrochenen oder getrübten literarischen und poetischen Traditionen, literarisch und künstlerisch auf die Einflüsse reagierten, die die moderne' europäische Umwelt, die modernen geistigen Strömungen im europäischen Gesamtleben und im Leben der einzelnen Völker ans sie ausübten. Er eröffnet die Reihe mit dem gcniüilen Mose Chajj im Luzzalo (1701—1747), der zwar Italien und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angchört, aper, indem er den Gipfel der seit dem 13. Jahrhundert auf dauernden, nicht wenig umfangreichen Literaturentwicklung der italienischen Juden repräsentiert, die moderne hebräische Poesie einleitet, ohne sie direkt zu beeinflussen. Diese ging, wie gesagt, von Berlin aus und hat ihre Impulse von der geistigen Bewegung empfangen, die die zweite -Hälfte des 18. Jahrhunderts unter den Juden in ganz Mitteleuropa kennzeichnet und als deren repräsentativer Mann Moses Mendelssohn erscheint. Ihm und seiner Periode widmet Landau ein ganzes Kapitel, das zu den schönsten im Bucke gehört. Mendelssohns deutsche Bibelübersetzung nebst hebräischem Kommentar bildet einen Marfftein in der Kulturgeschichte der Juden, nicht nur Deutschlands, sondern auch und zwar ganz besonders der des Ostens. Dieses Werk erschloß ihnen eine neue glanzvolle und reiche Welt, es zeigte ihnen die Schönheit der Bibel in einem neuen Lichre und führte sie in deren natürlichen Sinn ein. Die Bibel -erschien — unbeschadet ihrer Würde als religiöse Urkunde — nebenbei auch als Literaturwerk, das man ästhetisch genießen konnte, und das man als Ursprungs- und Hauptwerk einer lebendigen Literatur zu betrachten harre, an deren weiterer Entwicklung man arbeiten durfte. Diese Anschauung erschien infolge chrer Neuartigkeit als arge Ketzerei. Bekanntlich wurde Mendelssohns Bibelwerk von einigen Koryphäen der damaligen Orthodoxie in den Bann getan, unp sein Kommentar — Biur — gilt in den Kreisen der Chassidim und chrer Gesinnungsgenossen noch bis auf den heutigen Tag als anrüchiges Symbol des Freidenkertums. Dieser Haß der Chassidim erstreckte sich übrigens aus alle Bücher und Strömungendie innerhalb des Judentums, auch in der Vergangenheit, zum Lichte der Vernunft strebten, so vor allem auf den „Führer der Verirrten" (Moreh Nebuchim) des Majmouides, als dessen Jünger und Fortsetzer Moses Mendelssohn in einen', gewissen Sinne betrachtet wurde. Landau erzählt, daß sein Großvater, der mit zwanzig Jahren Rabbiner in der Stadt Grabowitz in Ostgalizien war, mitten in der Nacht, als er bei der Oellampe den „Moreh" studierte, von den Chassidim mit einer Salve von Steinen bedacht wurde, die durch das Fenster in sein Studierzimmer flogen - zur Strafe und zur Warnung. Die frommen Eiferer achteten also weder der Würde ihres religiösen Oberhauptes, noch der Gelehrsamkeit des jungen Rabbi, noch seiner Ahnenreih e von dreizehn Generationen illustrer Rabbiner — obgleich solches einen Chassidim-Rebbe mit einer besonderen Aureole umgeben haben würde.. Landau verfährt in der Behandlung seines Gegenstandes synthetisch; cr ist Individualist, indem er die einzelnen Persönlichkeiten mit markanter Charakteristik hcrvortrcren läßt. Man bewegr sich innerhalb einer lebendigen Schar erlesener Geister. Da wandeln sie an uns vorüber, die ehrwürdigen Schatten jener Männer, welche den Juden von halb Europa die europäische Kultur in ihrer deutschen Ausprägung brachten, ohne sie aus dem Judentum weit weg hinauszuführen, — wie es ihre Zeitgenossen auf dem anderen Ufer taten. Sie lehrten sie, daß sie, nm richtige gute europäische Kulturmenschen zu sein, nicht dem Judentum zu entsagen hatten, sondern umgekehrt, zuerst richtige gute Juden sein mußten und die edlen Geistesschätze oes Judentums der Schatzkammer eben dieser europäischen und deutschen Kultur zuzuführen hatten. Der europäischen Poesie sollten sie einen neuen Ton hinzufügen, dem europäischen Gedanken eine neue Nuance. Ta erblicken wir gleich am Eingänge den Sänger der „Mosaide" Naphrali Hirz Wessely, dessen klangvolle Verse noch heute das Enrzücken aller Freunde oes klassischen Hebräisch bilden. Einige Gesänge der Mosaide wurden gleich nach ihrem Erscheinen von christlichen Hebräisten ins Deutsche übersetzt. Wessely war der intime Freund von Mendelssohn (und Lessing), Mendelssohns treuer Mitarbeiter am Bibelwerk. Im Jahre 1781 trat er als Kulturkämpstr ans die Arena, indem er in einem berühmt gewordenen hebräischen Sendschreiben an die Juden der habsburgffchcn Monarchie sie ausforderte, der Anregung Kaiser Josefs des Zweiten zu folgen und den Jugendunterricht von Grund auf zu reformieren. Die Orthodoxie suhlte sich dadurch bedroht, es entspann sich ein heftiger Streit, in welchem Wessely arg verketzert und beinahe in den Bann getan wurde. — Da ist die Plejade der „Measphim", m deren Mittelpunkt Mendel Br csselau und Isaak En chel steht, Mendelssohns getreuer Knappe, sein hebräischer Biograph und der hlebräffche Uebersetzer seines „Jerusalem". Er. folgt Ben S e e w, der hervorragende Grammatiker, Lexikograph und Uebersetzer. Er stammte aus Krakau, studierte" und arbeitete aber in Deutschland und Oesterreich. Seine günegene, auch heute noch nicht überholte hebräische Grammatik „Thalmud leschon ibri" war ein Gegenstand besonderen Hasses der Chassidim, welche versicherten, es sei eine schwere Sünde, dieses ruchlose Buch zu studieren, denn es wäre am Sabbath geschrieben worden!... Dann Joseph Ephrati Troplowitz, der Dichter des ersten hebräischen Dramas in modernem Sinne des Wortes („Meluchät Saul"). Jbm, der gewissermaßen sein Vorgänger ist, widmet Landau eine ausführliche Studie. Um eine jede der ragenden Gestalten hat der Verfasser in entsprechender Perspektive die Figuren von kleinerem Höhe um aßeg ruppiert, die mit jener verwand: od er einigermaßen von ihr abhängig waren. Beinahe schon der Vergessenheit entrissen sind Salomon Löwisohn und Salomon Cohen, deren Werke poch vor wenigen Jahrzehnten viel gelesen wurden. Am Ausgange des vorliegenden Bandes ragen die Standbilder zweier Männer, die, ganz in ihrer Zeit wurzelnd, in eine neue Epoche hinüberweiser! und sie vorbereiten helfen: Isaak Samuel Reggio und Samuel Tavid Luzzato. An 'Schicksal und Wirksamkeit voneinander verschieden, sind sie doch untereinander tief verwandt, und beide, jeder in seiner Art, muten sie uns an wie Menschen unserer Zeit. Reggio und Luzzato waren Söhne der unter habsburgischer Herrschaft stehenden norditatienischen Provinzen. Daß ein Teil Polens (unter dem Namen Ostgalizien) der Habsburger Monprc.:'.: angegliedert wurde, bewirkte, daß zwischen den Juden dieser beiden an den eptgegeggefttzten Enden des Reich-cs liegenden Provinzen ein reger kultureller Verkehr angebahnt wurde. Der deutsche Einfluß reichte, wie wir sahen, schon zu^ Mendelssohns Zeit über Litauen nach Polen und jetzt auch südwärts nach Norditalien einerseits und nach Galizien andererseits hinaus. Dieser Einfluß schuf eine die Elite der Judenheit dieser Länder umfassende eigenartige Kulturbewegung, deren Wirkungen bis auf den heutigen Tag sichtbar sind und weit hinaus nach dem Abendland und später sogar nack Amerikä hinüberreichten. Eine der herrlichsten Früchte dieser Kulturbewegung war die Wissenschaft des Judentums, als deren Schöpfer Leov oD I :: n z in Berlin, N a ch m a n K rochmalm Zolkiew, E a l o m o n I e h u d a h R a p o p o r l in Lemberg, nnd S a - m u e l David Luzzaro in Padua anzusprechen sind. Diese Männer hatten zahlreiche eifrige Jünger und Mitarbeiter. Namentlich in einigen Stätten Ostgaliziens wirkten und kämpften mehrere bedeutende Forscher, Dichter und Schriftsteller, die eine tieft Wirkung aus die Glaubensgenossen der Nack) bari ander ausübten. Reggio und Luzzato veröpentlichten ihre epochemachenden Studien in den in Galizien heraus gegebenen Zeitschriften. Leopold Zunz in Berlin gab nach dem Tode seines Freundes, Nachrnan Krochmal, seine gesammellen tiefschürfenden geschichtsphilosophischen Essays heraus und nannte sie im Anklange an das Hauptwerk Maimunis „Moreh Nebuche ha Zeman". Jsak Ber Levinsohn, den sie den „russischen Mendelssohn" nannten, vilgerte von Krzemjenjetz in Podolien nach Brody, wo er im Umgang mit den sortigen! Gelehrten die Ideen und Anregungen zu seiner tief einschneidenden literarischen und kulturellen Tätigkeit gewann. Abraham Geiger stand bis an sein Lebensende in lebhaftem Briefwechsel mit seinem intimen Freund, Iosua H. S chorr in Brody. Abraham M a p u lauschte gespannt auf das Urteil der Brodycr und Lemberger Nestoren über seinen entzückenden Roman „Ahabath Zion", der in dem Briefwechsel zwischen Geiger und Schorr einen Gegenstand regen Meinungsaustausche bildete... Graetz hat dieser Epoche ein schönes aber wenig erschöpfendes Kapitel im elften Bande ieiner Geschichte der Juden unter dern Titel „Die galizischc Schule" gewidmet. Diese ganze Periode und ihre Träger wird uns im umfassenden Bilde der nächste Band der Lanoauschen Literaturgeschichte rorführen. Sigma. Hmrver-. Unsere Leser werden gebeten, von dem dieser Zeitung beigegebenen Flugblatt des ReichÄmudes jüdischer Frontsoldaten und der daraugcheftetcn Zahliarte welteftaeh enden Gebrauch zu machen. Kalendarium für die Zeit v.19.9. b. 17.9.1927 September 1927 J (Etat 5687 Bonnot-rnD -0 13. Wochenavschniti: Ki ßeze Hastarah: Jesaia h4,1—10 Sabbatairsgang: 7.19 Uhr öonnteg 11 Montag j '4 1P. Dienstag 1K 16. Mittwoch 14 17. Donnerstag 1’.' 18. Freitag 16 19. Sonnabend 17 20. Lochcnavsch.ri.tr: Ki ßorvau staftarah: Jesaia 60.1—60,22 Savbai-Ausgang: 7.01 Uhr BeHannimachung! 1927 FDr Neujahr-u.UsrstfhnuRgsiest 5688 Wie in den Vorjahren findet auch in diesem Jahre im Festsaal „FIAIHETTA" (früher Kurturstenpark) Hurrarsteadamm 120, an der Halensee-Br-Uoke aotttsdienst mit Chor, Orgel und Predigt statt. Die Erneuerung der Betsaalkarten nnd PlStzever-' tnietnng für den Oottesdiensl daselbst tiglich von 11-1 und 5-7 Uhr, Sonntags 11-1 Uhr. Plätze ab4Mk. I zu den diesjährigen Herbstfeiertagen gesucht. Erstklassige Zeugnisse vorhanden. Nähe Berlins erwünscht, aber nicht Bedingung. Angebote unter Kn. 89 an die Expedition dieses Blattes. Predigtamt Scliriileareilie d. Ifereieipg I. i. llUeileetom E.?. Haft HP. 3 in zweiter Auflage die seit Jahren vergriffene Broschüre Grundlagen und Ziele des religiös-liberalen Judentums vm Dr. Jtnph Rordw-Eifewfetd preis 0.7« Mk. Bestellungen beim Verlag der „Jüdisch-liberale Zeitung“ Berlin SW 48, WUhelmstrafie 147 Israelitische Vereinigung zu Karlshorst-Friedrichsfelde E. V. Wie alljährlich findet auch in diesem Jahre an den hohen Feiertagen in der Aula des Kant Real-Gymnasium, Karlshorst, Treskow-Allee 44, Gottesdienst statt. Eintrittskarten zum Preise von 8.—, 5.— u. 3.— M. sind bei Herrn Nathan son, Karlshorst, Weselerstrasse 17, zu entnehmen. Verein für Feuerbestattung : in Berlin von 1874, e. V. j Kostenlose Feuerbestattung j Annahme W 35, Liitzowstraße 44, Telephon: jj Lützow %0-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a; Ecke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 | Malerarbeiten jeder Art führt aus Robert Gukheim Berlin W 50, Lulmbacher Straße 1 Lützow 6260 — Kostenanschläge gratis — ■ » \ •« h VOR DEN FESTTAGEN ERSCHEINT: Das Protokoll (Reden, Diskussion, Beschlüsse) der Ersten Weltkonferenz liberaler Juden London, 10.-12. Juli 1926 Deutsche Ausgabe Preis voraussichtl. 2.— bis 2.50 M Vorbestellungen nimmt schon jetzt entgegen: Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Berlin SW 48. Wilhelmstraße 147 Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. B-, Berlin SW. 46. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda, Berlin NW. 23. — Druck: Hermann Wegner & (So., Berlin-Mariendorf.