Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Unterstützung der Betsaal-Vorstehcr ist sür jeden Saal ein Oberausseher bestimmt; diesem sind einige Aussetzer zugeteitt. Die Zahl der iu den Chören mitwirkendeu Damen und .Herren — neben denen noch einige Kinderchöre bestehen — übersteigt bei weitem die Zahl Tausend. Monatelang wird unter kundiger Leitung geprobt; den Abschluß bildet eine Prüsung durch Inspizienten von musikalischem Rus. Die sür das Ritual erforderlichen Gegenstände — die Thoraschränke, Gcbetpulte, Harmonien usw. — werden kurz vor Roschhaschono nach den Sälen hingeschafft und nach Benutzung in die Untcrkunstsräume in den Synagogengruudstücten zurücklransportiert. Der Festgottesdienst-Koinmission obliegt ferner die Verteilung des Noten- Materials an die Vorbeter, Organisten und Chormitglieder, die Ausgabe der Talare, Baretts und dergleichen an die amtierenden Funktionäre. Die große Zahl dieser macht die Bereitstellung bezw. Neuanschaffung eines genügend großen Vorrates dieser Utensilien notwendig. Die Seforim — bei ungefähr 60 Betstätten eine stattliche Anzahl — nebst dem Silberschmuck iverden für die Betsäle den Bel ständen der Synagogen entnommen. Selbstverständlich ist sür Ber-! Sicherung dieser Wertgegenstände gegen Feuer und Diebstahl aus- > reichend Sorge getragen. . _! Das Bauamt der Gemeinde hat für die Bereitstellung der für; die Betsäte erforderlichen, in" der äußeren Form den Synagogen : nachgebitdeten Vorbeter-Estrade mit dein Thoraschrank (Oraun Halos oesch) zu sorgen. Durch ' die Anpassung au das gewohnte Bild; des Synagogenrauines wird der Eindruck der sonst anderen Zwecke»! d-enenden Säle wcnigfteus etwas gemildert.; Das Ergebnis der monatelangen Arbeit der Feftgot'.csdienß-Koms inission, iu der eine Anzahl aus hebräischem und musikalischem Gebiete i rundiger Herren ehrenamtlich tätig ist, zeigt sich an: Schluß in der Ankündigung der Gottesdienste, die zurzeit die Zahl von ungefähr 60 . erreichen'. Ein umfangreicher Berteitmigsplair der sämtlichen unter der , Verantwortung der Gemeindeverwaltung veranstalteten Haupt- und | Jngcudgottcsdienste mit den daselbst tätigen Beamten sür die verj schiedenen Funktionen stellt den Extrakt dieser schwierigen Arbeit dar.! Zum Schluß hat die Fricdhossgürtncrei der Gemeinde für die; gärtnerische Ausschmückung der Vorbeter-Estrade in dcn .Betsäten s Die Festgottesdienst-Kommissioii läßt ain Ere:v Jontis die Säle j zur Prüfung der ordnungsmäßigen würdigen Einrichtung durch Be-! anrte besichtigen. Während der Gottesdienste hat ein Beauftragter . für die Bereitstellung der vorgesehenen Ersatzleute für evtl, durch f plötzliche Erkrankung oder sonstige Vorkommnisse in der Ausübung i ihrer Funktion behindern' Funktionäre zu sorgen. Die Ersatzleute : sind an mehreren Stellen so verteilt, daß sie sür den Dienst in den i Betstatten in den vcrschiedeneir Stadtgegenden leicht erreichbar sind > und schnellmöglichst die sür sie vorgesehene Funktion üdernchnien i Gleich nach Jom snpour iverden von den Synagoge»- und Bet- : saat-Lorftehern Berichte über den Verlaus des (tzoltesdicustes cinge- > focoerr, um ein Urteil über die Leistungen der Funktionäre, von f denen manche langjährig, oft an gleicher Stelle, ihr Amt ausüben, :;',u gewinnen und die Beseitigung evtl. Mängel sür das nächste Jahr; . zu veranlassen. l Diese knappen Andeutungen der vielfachen Einzelheiten der um-; sangreichen Organisation zeigen in Umrissen, welche umfassenden ' Vorbereitungen mannigfacher Art erforderlich sind, bis alles für den! Verlauf der Gottesdienste Notwendige in vorschriftmäßiger Aufstellung! an seinem Platze ist. Die büromäßigc Arbeit luirb im Verhältnis zur! Ärveitsmenge von einer nur geringen Zahl von Personen geleistet. s Die Gemeindcverwaitilng verfügt hierfür über einen Stab geschütten f Personals, dem langjährige Uebung die Mühe dieser Arbeit erleichtert; tmmerhin sind doch in jedem Jahre mancherlei sich bietende Schwierig ketten zu überwinden. Außer den hauptsächlichsten Betsäten, die bereits seit vielen Jahren benutzt werden, wechseln andere Säle in jedem Jahre. Es ist bisweilen nicht leicht, in jeder Stadtgegend Säle zu mieten, die aller: Anforderungen — wie Fassnngsraum, zentrale Lage, bequem erreichbar — entsprechen und die groß genug sind, um unter Berücksichtigung des Mietpreises und der sonstigen Unkosten den Etat der Gemeinde nicht allzusehr zu belasten. Wie weit der Kreis der von der Gemeindeverwaltung veranstalteten Festgottcsoienste sich erstreckt, erhellt aus der Tatsache, daß außer in allen der Gemeinde unterstehenden Anstalten — Altersversorgungs-Anstalten, Krankenhaus, Waisenhäuser, Schulen — auch in dem der Stadt Berlin gehörenden Altersheim in j Buch an diesen drei Tagen Gottesdienst veranstatlct wird. In den Strafanstalten und Gefängnissen im Stadtbezirk Berlin werden die israelitischen Insassen durch den jüdischen Anstaltsgeistlichen mit Gottesdienst versorgt. Neben den von der Gemeinde betreuten Gottesdiensten iverden alljährlich eine Anzahl solcher von Privatleuten in gemieteten Sälen veranstaltet. Die vielen von der .Hauptgemeindc subventionierten Privatvereine — ungefähr 20 — der verschiedenen religiösen Richtungen haben ebenso ihre Andachten wie die Scparatgemeinde und die kleineren Sekten besonderer religiöser Artung und einige privaten Anstalten. Man kann wohl sagen, daß kein Glaubensgenosse, welcher religiösen Richtung er sich zuzählen mag, an diesen Festtagen in Groß-Berlin den gewohnten Gottesdienst zu entbehren braucht. Insgesamt tvird im Stadtkreis Groß-Berlin und in den Vororten an Roschhaschono und Jom Kippur an lveit über 100 Stellen Festgottcsdirnst veranstaltet. (Schluß folgt.) Aeber Entstehung und Aenderung jüdischer Hamen Bon Max Goldschmidt, Berlin. Schon seit altershec wurde im jüdischen Volke der Namens- , erieitung und Namensveränderung der einzelnen Personen eine besondere Bedeutung beigemessen. Vielfach erfolgte die Namensgebung und auch die Namensänderung infolge eingetretener Ereignisse und Schicksalswendungen im Leben der jüdischen Menschen. Aus der biblischen Geschichte lassen sich dafür außerordentlich zahlreiche Beispiele anführen. Es sei nur an die Namensänderung unserer Stammettern erinnert, die von Abrarn in Abraham und Saraj in Sarah umge-! wandelt wurden. Der Name des Erzvaters Jacob wurde in Israel (Gortcsstrciter) geändert und Moses benannte Hoschea den Sohn Nuns — Jehoschua — Josua. Nachdem Naemi nach harten Prüfungen in ihre .Heimat zurückgckehrt war, ruft sie ihren Bekannten zu: „Nennt mich nicht mehr Naömi (die Vergnügte), sondern Marah (die Betrübte)." Lea nannte in stolzer Muttcrsreude ihren Erstgej dorenen Reuben (reu-bcn, seht, ein Sohn). Den Söhnen Moses und der Zipora wurden von dem Schwiegervater Jithro die Namen («Verschon mit der Begründung, Ger ein Fremder bin ich in dem Lande, und Elieser, Gott ist meine Hülfe, gegeben. Diese wenigen Beispiele mögen für den Nachweis genügen, welche Wichtigkeit man schon im Altectume der Namensgebung zuerkannt hat. Auch in der nachbiblischen Zeit, im Mittelalter bis zur Neuzeit i wurden die Namen vielfach aus Anlaß von Vorkommnissen in der! Familie oder der Umgebung ausgewählt. Tie vom Judentume Abge-! fallenen haben mit der Religion auch den Namen gewechselt. Die! Abtrünnigen wählten meist ausgesprochen christlich klingende Namen j in der Absicht, im Verkehr mit der Umwelt ihr Judentum vergessen , zu machen, was ihnen nicht immer gelungen ist. Es entbehrt nicht f des Humors, daß ein Jude, namens Mansche Lövysohn, als er zur Taufe schritt, auf die Frage, welchen Namen er sich beilegen wolle, antwortete: „Martin Luther." Als man erstaunt nach der Begründung des eigenartigen Verlangens forschte, meinte der Täufling, es sei „nur der Wäsch' wegen", welche M. L. gezeichnet sei. Zweifellos ist die Namensentstehung mit der Wesensart und Denkweise des Volkes eng verknüpft und ist als wesentlicher Kulturfaktor zu bewerten. In dieser Erkenntnis ist auch der Berliner Verein sür jüdische Familienforschung tätig und leistet durch Aufstellung von Statistiken und Nachweis von Stammbäumen praktische Arbeit. Die Juden der Oesterreichisch-Ungarischen Monarchie wurden unter der Regierung Joseph II. genötigt, Familiennamen anzunehmen. Im Königreich Westfalen geschah dieses durch ein Dekret Jerome Napoleons vom 31. März 1808, in Preußen erst durch Hardenberg's Edikt vom 11. März 1812. Nach einer vorliegenden alten Chronik mögen hier aus einigen' Thüringer Städten und Ortschaften die Namen der jüdischen Familien ausgeführt sein, wie sie sich bis zum Jahre 1808 genannt und welche neue Namen sie sich beigelegt haben. Diese damals angenommcuen Familiennamen sind heute noch in Nordhausen und Umgebung vielfach vertreten. Beiläufig sei erwähnt, daß der zu Werna genannte Josepl, Seligmann — Goldschmidt der Großvater des Verfassers dieser Zeilen war. Der Namensgebung ging eine amtliche Veröffentlichung voraus. Dieselbe lautet wörtlich: Dem Publikum mache ich hierdurch bekannt, daß die im dicsccitigen Distrikte wohnenden jüdischen Familien in Gemäßheit des König!. Dekrets vom 31stcn März c. folgende Familien-Namen angenommen haben. A. Zu Nordhausen, vorher zu Wiegersdorf. den Zunamen: 1. Mcacr Abraham, Jlberg. B. Zu Bleicherode. den Zunamen: l. Moses Marcus, Tankiverth. 2. Simon Samuel. Eichenbcrg. 3. Jtzig Samuel, Frankel. 4. Jtzig Amsel, Friedberger. 5. Aron Jtzig. Fricdbcrgcr. *i. Jsaac Mi Ml, Friedländer. 7. Jcrson Ganß, 8. David Elms, Goldichmidt. 9. Israel .Herz öectu. 10. Joseph Herz, .Herzseld. 11. Lazarus Hcinenlann) Wirme. Hopsseld- 12. Lismann Marcus, Karmel. 13. Meyer Simon, Oppcnhcime 14. Philipp Salomons Wiuws, Nein. 13. Vcuoir Marcus, Rosenblatk. 16. Aavhthaty Wessely, Wessely. 17. Stetig Samuels Wittive. Wildau. 16. naUmann Moses, Scheslcr. 19. Mändel Philip, 20. Moses Philip, Schlesinger. 21. Berwir Samuel. Schönfeloer. 22. Bcndir Samuel, Schöufetder. 23. Moses Samuel, Schönheim. 24. Jmac Smion, SchotUäuoe! C. Zn Ellrich. i. Mo-'es Ja Vacharach. Bach. 3. Nachmann Jsaac, 1. Raphael Levy, Borcharot. o. Aron Samuel, Coppenhagener. 6. Kaufmann Levy, Dessaner. 7. Hirsch Levti. *. Elias Meyer, EgcrS. 9. Moses Josepy, Frank. 10. Cosel Männchen, Friedländer. 11. Philip Moses, Frohnhausen. 12. Sußmann Moinich, Frohnhausen. 13. Joseph Simon, Greißler. 14. Simon Joseph, Greißler. 1b. Cnsel Seelig, .Hamburger. 16. Nathan Heinemanu, Heir.emann. 17. Liebmann .Herz, 5perzfeld. 18. Rüben Herz, Herzseld. 19. Joseph Gottschalk, .Holländer. 20. Samuel Jacob, Lissauaer. 21. Joseph Levy, Lorech. 22. Manisch Levy, Magnus. 23. 5)erz Männchen, Marknsi. 24. Meyer Gottichatt, Meyer. 25. Cuscl Levy, Oppenheimer. 26. Hirsch Joseph, Pilzer. 27. Moses Simon, Seemann. 28. Levy Mojes, Seemann. 29. Amfchel Levv. 30. Hirsch Joseph, Warburger. 31. Abraham Leiser, Wienmanu. D. Zu Werna. den Zunamen: 1. Bcnoir Joseph, Burchhardt. 2. Salomon Katz, Eckstein. 3. David Wolf, Fleischaer. 4. Joseph Seligmanri, Goldschmidt. 5. Levy Abraham, Holländer. 6. Moics Aron, Lissau. 7. Marcus Levy, Loeiocnthal. 8. Hirsch Israel, Rosenbach. 9. Lehmann Moles, Sande. 10. Leon Mager. 11. Joseph Mager, Schiff. 12. M»ses Baruch, Schlesinger. 13. Jacob Baruch, Schlesinger. 14. Lazarus Ascher, Schulmeister. 15. Jsaac Simon, Seemann. 16. Salomon Mager, Spanier. 17. Abraham Salomon, Waschke. 18. Simon Levv, Wernaer. E. Zu Siilzljain. den Zunamen: 1. Israel Selig. Baumgarten. 2. Hrrich Israel, Frankel. 3. Israel Levy, Franko. 4. Moses Israel, Goldschmidt. 5. Gerson Seelig, Holländer. 6. Meyer Levy, 7. Libra ham Levy, 8. 5?einmann Herz, Marcusy. 9. Marcus .Herz, Marcusy. 10. Ascher Abraham, Sandau. 11. Cuiel Levy, Norohatts-!:, den 14. Oktober 1808. Sander- Der Unter-Präfect des Distrikts Nordhausen, v. Steinmetzen. Man ließ den Juden allgemein die Wahl und so wählten sie, was ja am nächsten lag, alttestamentliche Nam'en, wobei die Personennamen zu Familiennamen gestempelt wurden: Marcusy, Lewy, Karmel. In der Mehrzahl aber wurden neuhochdeutsche Bezeichnungen gewählt. Bezeichnungen von Eigenschaften, wie Dankwerth, Magnus, Frank, sodann Tierbenennungen, wie Ganß, Hecht, mit besonderer Vorliebe Ortsbezeichnungen, wie Jlberg, Eichenberg, Herzseld, Wildau, Eckstein, Lissau, Frohnhausen, Sandau: häufig haben diese Ortsbezeichnungen die Ableitungsendung er, wie Friedberger, Friedländer, Oppenheimer, Schlesinger, Schönfelder, Schottländer, Coppenhagener, Warburger, Dessauer, Hamburger, Holländer, Wernaer usw. Eigentümlich ist die Vorliebe für schönklingende Namen, wie Rosenblatt, Schönhcim, Löiventhal, Rosenbach; nach Beruf benannte finden sich nur Goldjchmidt, Seemann und Schulmeister. Den Gedankengang, der bei so mancher Namensannahme vielleicht nicht klar zu ersehen ist, finden wir vor der Oesfentlichkeit dargelegt in einem Inserat des Harzdcpartementsblatts (Königreich Westfalen) vom Mittwoch, den 29. März 1809, welches diese Ausführungen beschließen soll. „Nach den Königlich Westpsalischcn Gesetzen bin ich verbunden, meinen Familiennamen für mich und meine Nachkommen anzunehmen. In Betracht, daß mein eifriges Bestreben dahingeht, die Schmerzen meiner Nebenmenschen zu lindern, habe ich den Namen „Linderer" angenommen und empfehle mich mit dieser Anzeige einem hochgeschätzten Publikum zu meiner Ankunft, welche in 3 Wochen erfolgen »vird, ganz gchorsamst. Hildesheim, den 21. März 1809. Callmann Jacob Linderer, sonst Callmann Jacob genannt, approbirter u. patentisirter Zahnarzt." Die Psalmen und der moderne Mensch Von Professor Tr. Eu g e n W o l b e. Wer über die moralische Kraft — vor allem aber über die Selbstbeherrschung — verfügt, den Wechselfällen des Lebens gegenüber die von der stoischen Philosophie gepredigte völlige Gleichmut zu bewahren, der findet in der Ausübung seines Berufs, in erhöhter Pflichterfüllung und in gesteigerter Fürsorge für seine Nächsten Trost und Aufrichtung. Und dennoch: wenige Naturen find stark genug, das Leid ihrer Seele so zu beschwichtigen, daß ihnen die über sie verhängte .Heimsuchung im Augenblick ihres schmerzvollen Erlebens als abgetan, als erledigt erscheint. Gefühlsweiche Naturetr — und diese stellen die Mehrheit des Menschengeschlechts dar! -- vermögen eine solche „aequitas aniinae" nicht aufznbringen. Trotzdem erliegen sie weder der Verzweiflung noch ergehen sie sich in Anklagen gegen das angeblich unbarmherzige Schicksal. Seit Jahrtausenden schöpft der religiös eingestellte Mensch — aller Bekenntnisse — Trost und Aufrichtung ans seinem Glauben, der in der Gefühlsinnigkeit, der Goltesbegeisterung nnd dem Geborgenhcitsbewußtsein unserer jüdischen Psalmen wurzelt. Auch heute noch? Jawohl, auch heute noch. Wen schmerzliche Enttäuschungen niederbeugen, der befennt ergebungsvoll: '„Wenn ich Dich nur habe, was frage ich dann nach Himmel und Erde!" (Ps. 73, 26.) Welcher Sohn hebt nicht den träncnverschleierten Blick zum Himmel empor, wenn ihm am Sterbelager seiner Mutter die tröstliche Botschaft cntgegenklingt: „Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, Du aber, o Gott, nimmst Dich meiner an!" (Ps. 27, 10.) Wen im Hasten und Jagen des Erwerbslebens tue ein Sehnen nach religiöser Erbauung durchwebte, wie ruft er in einem Stündlein seelischer Einkehr erhoben aus: „Wäre nicht Deine Lehre mein Trost, ich wäre im Elend längst vergangen!" (Ps. 119, 92.) Daß diese hauptsächlich in den siebzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft — ja selbst noch in der Makkabäerzeit — entstandenen Gebete, Lob-, Trost- und Danklieder vielfach die Vergangenheit auf Palästinas Flur streifen und mithin an mancherlei örtliche, historische, kultische nnd persönliche Beziehungen mit dem Leben der Heimat anknüpfen, darf nicht wundernehmen. Allerdings sind viele dieser Anspielungen heute nicht mehr verständlich: „Hörner des Altars", „Du erhöhst meine Kraft, wie die des Reem", „Verhärtet nicht euer Herz wie zu Meribah, wie am Tage von Massa in der Wüste" etc. Von den Bezeichnungen der heute ganz unbekannt gewordenen Musikinstrumente ganz zu schweigen! Auch die vielfachen, ans dem Geist der Zeit heraus verständlichen Verwünschungen des Unterdrückers nnd des Feindes stehen mir dem humanen Empfinden unserer Zeit, das auch in dem Feinde den Menschen achtet, nicht im Einklang. Wie groß ist die Gemütserhebung, die der fromme Beter dem 137. Psalm entnimmt: „An den Wassern Babels, da saßen wir und weinten, wenn wir Zions gedachten", und wie eisig weht's ihm ans dessen Schlußversen entgegen: „Du verstörte Tochter Babels, heil dem, der dir den Lohn heimzahlt für das, was du uns getan Hast. Heil dem, der deine zarten Kindlein packt und am Felsen zerschmettert!" Psalm 103, der die wundervolle Lobpreisung ausweist: „Herr, Deine Güte reicht so weit, so weit der Himmel ist, und Deine Wahrheit so weit die Wolken ziehen", schwelgt im Gefühl des zu erwartenden oder schon gewonnenen Sieges: „Gott redete in seinem Heiligtume. Des bin ich froh nnd will Sichem teilen und das Tal Sukkoth abmessen. Gilead ist mein, Manasse ist auch mein, und Ephraim ist die Macht meines Hauptes, Juda ist mein Szepter. Moab ist mein Waschbecken; ich will meinen Schuh über Edom strecken. Ueber die Philister will ich jauchzen. Mit Gott wollen wir Taten vollbringen. Er wird unsere Feinde niedertreten" (Ps. 108, Vers 9, 10 und 14). Psalm 133, der so prachtvoll anhebt: „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander weilen", fährt geradezu grotesk fort: „Wie köstliches Oel, das herabfließt vom Haupte Arons in seinen Bart, das herabfließt auf den Saum seiner Gewänder". Offenbar ist dieser in der heutigen Fassung nur drei Verse umfassende Psalm, dessen Eingangsvers das Thema „Bruderliebe und Eintracht" ankundigt, ganz verstümmelt überliefert. Daß er in der vorliegenden Form keine andächtige Stimmung auszulösen vermag, ist klar. Wie ermüdend wirkt ferner die Litanei im Psalm 136 mit ihrem durch 26 Verse durchgeführten Refrain „Denn ewig währet Seine Güte!" Das wäre freilich nicht schlimm^ wenn nicht die Verse 17—22 wiederum die Freude über den Untergang der Feinde zum Gegenstand hätten: „Der große Könige schlug — nnd erwürgte mächtige Könige — Srchon, der Amoriter König, — Und Og, den König von Basan, — Und gab ihr Land zum Erbe — Zum Erbe seinem Knecht« Israel." Ferner: gedächte heutzutage jemand im Ernst das Anerbieten des Psalmdichters (Ps. 66, 15) zu verwirklichen: „Feiste Opfer bring' ich Dir mit dem Dufte der Widdert; ich opfere Rinder und Böcke"? Den modernen Menschen — mag er noch so religiös gerichtet sein — stören unerklärtbare Ausdrücke, stört überhaupt alles Unwahre in seiner Andacht. Tie häufige Bezugnahme auf den einstigen Opferdienst läuft dem modernen Empfinden gleichfalls zuwider. Man kann ein begeisterter Freund und Förderer des Wiederaufbaugedankens sein, und braucht doch die wiederholte psalmistische Kennzeichnung Zions als des Sitzes der göttlichen Majestät, die ja überall waltet, nicht gutzuheißen!