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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Was ist das? Tr. Fritz Bodenheimer von der Jerusalemer Universität ist nach der Sinai-Halbinsel geschickt worden, um das Geheimnis des „Mannah" zu erforschen. Hierzu entnehmen wir der B. Z. am Mittag vom 26. August nachstchenden Aufsatz. Die Red. „Was ist das?" sagten die Kinder Israel, als sie auf ihrer Wanderung durch die Sinaiwüste eines Morgens die Wüste mit einem seltsamen weißen Etwas bedeckt fanden, das wie mit Honig gesüßtes Brot schmeckte. „Mannah" sagten sie, d. h. „Was ist das?" Und „Was ist das" nannten sie dieses „Brot", das sie 40 Jahre lang aßen. Tr. Bodens heimer glaubt, das Rätsel gelöst zu haben. Eine Mikrobe läßt an einem Nadelbaum ein perlenförmiges süßes Harz austreten. Aber die Meldung ist noch gar zu unklar. Als ich mich monatelang im Krieg als Orientsoldat auf der Sinaihalbinsel aufhalten mußte (im Frieden verzichtet man gern ans diese Salzwüste), kamen unsere Gespräche nur allzu oft auf die alten Wanderberichte der Juden, wie sie in der Bibel stehen. Ich erinnere mich, daß bis in die Nähe des Suezkauals vorgestoßene Patrouillen berichteten, daß sie stellenweise den Boden bedeckt gesehen hätten von weißlichen, ranpenartigen, süß schmeckenden Gebilden, die im heftigen Frühwind angeweht kamen. Ein aller Palästina-Führer, imfer Dolmetscher, berichtete von einer Manila!)-Akazie, die in der Nilgcgend wachse, und deren raupenähnliche Blülcntranbe das sei. Andererseits erzählten mir Araber in Bagdad, daß sie in ihrer Jugend „Mannah" im Sande gesammelt und dann auf dem Markt in Körben verlaust hüllen. Es sei eine Art Pilz, der aus dem Boden wachse und locker und süß schmecke. Und was ist jenes „Manah", das in unseren Apotheken als leisestes Abführmittel für Kinder verkauft wird und weiß ist uuö süßlich schmeckt? Ich weif; weiter nichts Authentisches über das „Was ist das?" Aber zweifellos werden wir über kurz oder lang die Erklärung über eines der „Wunder" finden, die so zahlreich um die älteste Geschichte der Juden weben und-'uns diese Geschichte im Religionsunterricht der „Kleinen" so merkwürdig fremd und unfaßlich macht. Wir Orientsoldatcn hatten uns damals, alle fast, Bibeln angeschafft, nicht aus Frömmigkeit, sondern ans Interesse. Wir waren verblüfft, daß die alten „Wunder" uns plötzlich selber als Realitäten begegneten. Nur von einigen Dingen zu reden: Als das Volk Israel einmal lange Zeit Fleisch entbehrte, war eines Morgens der Wüstenboden von Wachteln so bedeckt, daß sie zusammengefegt uub in Körben gesammelt werden konnten. Auch uns begegnete das „Wunder". Wachteln sind Zugvögel. Erschöpft kommen sie übers Meer. Tie Beduinen pflegen sie in Säcken zu sammeln. Oder: Moses schlägt Wasser aus dem Stein. .Hatten wir nicht auch Rutengänger unter unfern Vortrupps? Wo ihre Rute ausschlug, setzten die Pioniere ihre Wasserbohrer an. Oder die sieben Plagen Aegyptens. Haben wir sie nicht alle erlebt, von der scheußlichen Heuschreckenplage bis zur Fliegen- und Moskitoplage. Oder der Untergang des Pharaonischen Heeres? Auch uns war es verboterl, in den verlockercken „Wadis", den trocknen Flußbetten, zu kampieren. Sie schützen prächtig vor Sandwirü), der dort ständig herrscht. Aber bei plötzlichem Regenfall werden die leeren Flußbetten zu reißenden Strömen, reißender als der Rhein. Oder der Sinai? Daß er ein erloschener Vulkan ist, bezeugten seine Lavamassen. Spie er damals noch> als das Volk Israel zu ihm hingesührt wurde? Wie sagte Moses zum Volk: „Ich sehe da droben einen Busch, der brennt und nicht verbrennt." — Und: als der dritte Tag anbrach, erhob sich ein Donnern und ein Blitzen. Eine dicke Wolke lag auf dem Berg, und man hörte den Ton einer sehr stariken Posaune. Ter ganze Berg Sinai rauchte und bebte; denn der Herr fuhr im Feuer herab. Und alles Volk erschmt... Moses läßt den Berg abgrenzen, besteigt den Gipfel, erlebt die „Erscheinung Gottes" von einem Felsspalt aus, an dem eine Feuer- und Rauchsäule gewaltig vorüberzieht Er verhüllt sein Haupt: „..aber es war nur die Erscheinung des Höchsten, nicht er selbst..." Und als ec heruntersteigt, nachdem er sein Werk vollbracht, leuchtet sein Gesicht... Ist dieses grandiose Schauspiel von der Erscheinung der Urkraft der Natur nicht überaus packend, wenn man eä; aus der Perspektive der Geologen betrachten und erklären! könnte? Wenn die uns in der Jugend unsaßläch fremden „Wunder" faßlich würden? „Was ist das?" gilt nicht für das Mannahl-Wunder allein. Vielleicht und wahrscheinlich wird die Universität Jerusalem weiter gehen und uns in absehbarer Zeit epochale Entdeckungen mitteilen können? _ Christian Bouchholtz. Leo Sternberg gestorben Aus einer Sommerwvhining in der Nähe von Petersburg (Leningrad) starb vor einigen Tagen Leo Sternberg, der in russischjüdischen und russischen Gelchrtenkreisen hohes Ansehen genoß- Sein Lebenslauf war nicht ganz alltäglich. Er tvnrde 1801 zu Shytomir (Wolynien) in einer religiösen jüdischen Familie geboren, erhielt die traditionelle jüdische Vorbildung und trat in die „Rabbinerschulc" ein (es hat damals in Rußland 2 Schulen gegeben, in welchen sogenannte „Kronrabbiner" ausgebildet wurden). Bald verließ er aber diese Schule und trat ins Gymnasium über. Als Hochschulstudent wurde er Mitglied der geheimen russischen revolutionären Organisation, der „Partei der Volksfreiheit", »vesivegen er 1880 verhaftet u»d nach fast dreijähriger Einzelhaft nach der Insel Sachalin deportiert wurde. Auf dieser öden Insel, deren geringe Bevölkerung, abgesehen voit dorthin verbannten russischen Sträflingen, hauptsächlich aus einigen wilden Eingeborencnstämmen besteh!, mußte er mehrere Fahre verbringen und widmete sich hier dem Studium dieser Stämme: Ghitjakeu, Orotschonen, Araken, Ainus und Tnngusen. Durch zahlreiche ethnographische Studien über diese Stämme, ihre Sprachen, Sitten usiv. während seiner Verbannungszeit und der darauffolgenden Jahre stellte er die Verwandtschaft der Ghiljaken und der übrigen Stämme einerseits mit der Urbevölkerung Amerikas, andererseits mit der Drovidenrasse Indiens fest. 1897 erhielt er aus Grund eines Amnestieerlasses des Zaren das Recht, nach dem europäischen Rußland zurückzukchren, legte die juristische Staatsprüfung ab und wurde am ethnographischen Museum der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg angestellt. Im Aufträge der Akademie machte er später weitere wissenschaftliche Reisen in Ostsibirien (Amurgebirt) und Sachalin. Er wurde später korrespondierendes Mitglied der Akademie. Er veröffentlichte eine Reihe von ethnographischen Untersuchungen in russischer, deutscher und englischer Sprache und war auch publizistisch tätig, namentlich in russisch-jüdischen Zeitungen und Zeitschriften in russischer Sprache im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden. In den für Rußland entscheidenden Jahren 1905—1917 gehörte er der „jüdischen Volksgruppe" an, an deren Spitze der ebenfalls vor kurzem in der Emigration verstorbene Winower stand, d. h. einer Gruppe jüdischer Politiker, deren allgemeine politische Einstellung mit derjenigen der bürgerlich demokralUchen russische!'. „Kadettenpartei" zusammensiel. I. L. Die abgelehnte Minderheit Ais nach vierjährigem Völkermord die Erkenntnis auszuj dämmern schien, daß die Methoden des Kannibalismus doch nicht ganz zweckentsprechend sind, die Beziehungen o?r modernen Staaten zueinander endgültig zn regeln, da wurde es als gutes Omen begrüßt, daß sich;ust aus dem Lager der Gelehrten wett eine Stimme erhob, d.r aus den Fugen geratenen Welt neue Wege zu weisen. Man folgerte ans der Umkehrung des lange genug erprobten Sprichworts „inter arma silent mnsae", daß die Wissenschaft die Macht zeigen werde, nun ihrerseits dem Krieg, und zwar radikal und für aile Zeiten, den Garaus zu machen. Indem man ail das, was die Menschen immer wieder dazu gebracht hatte, einander blutig zu befehden, dem kleinlichen Gezänke ewig wechselnder politischer Strömungen entzog und es auf die allein wertbeständige Basis der abstrakten, Gerechtigkeit stellte, d;e Wechselbeziehungen der Völler statt nach subjektiven Wünschen nach dem Gebot des objektiven Ethos regelte, schien der Apfel der Eris endgültig begraben. Umsomehr, als der Gelehrte, der diese fundamentale Umwälzung des weltgeschicht- Ilchrn Geschehens ins Auge faßte, durchaus die polnische Macht zu besitzen schien, seine Theorien praktisch durchzufnhren: es war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: W i 1 \ o it. Es ist hier nicht der Platz, die Enttäuschung zn schildern,! die die Menschheit nicht zuletzt Wilson seicht von der j Entwicklung des von ihm geschaffenen Programms erlebt hat. Tatsache ist jedenfalls, das; gerade die Mächtigen oer Erd? zu den neuen Methoden so erschreckend w?nft: Tu?trauen zagen, daß sie lieber krampfhaft an den allen, veerusenen s. st halten, wie das Fiasko der Abrüstungskonferenz beweist. Das sei hier nur deshalb erwähnt, um zu zeigen, wie viel Ursa.che zur Vorsicht erst jene geschichtlichen Gemeinschaften haben, die leine politischen Machtmittel in die Wagschche zu ihren Gunsten zu werfen haben. Soweit sie nichts zu risliecen haben, mögen sie immerhin getrost aus die Verheißungen der neuen Richtung pochen. So' war es von Deutschland rlug, in den Völkerbund einzutreten und dort seine i'n ethischen Sinn? unverwirlbaren Ansprüche aus einen Platz in der Sonne gellend zu machen, da ihm ja andere Mittel zu seiner politischen Behauptung derzeit nicht zu Gebot stehen. Ganz anders aber stellt sich die Lage der Juden dar. Niemand weiß besser als wir, daß diese Lage durchschnittlich nicht acklzu rosig ist, niemand wünscht sehnlicher als wir eine baldige durchgreifende Besserung in dieser Hinsicht herbei. Aber es ist doch zu beachten, daß die jüdische Not heute nicht wie im Mittelalter mi Mangel an politischen Rechten' begründet ist, sondern in der geflissentlichen Ignorierung dieser Rechte. Sollen nun die Inden in v c r sch r e d e n e n L ä n d e r n a ä n z l i ch a u f i h r e alterwordenen Rechte verzichten, um sie gegen die Z u t n n s 1 s v c r h e r ß u n g e n der Wilsons ch e n Idole zu vertauschen, oder sollen sie nicht lieber das sichere Unterpfand in ihrer Hand fcsthaltend ihre verbrieften Rechte zu kräftigerer Geltung zu bringen suchen? Tas ist die große Frage, die durch die jüdischnationale Aktivität zur Erlangung jüdischer „Minderhcitenrechte" dringlich geworden ist. Ter Zionismus ist aus dem Weltkrieg moralisch unleugbar aestärkt hervorgegangen. Balfour hat seine Ansprüche auf Palästina, Wilson, bezw. dessen europäisch? Interpreten die jüdischnationalen Belange im „Galuth" anerkannt. Trotzdem steht es um die Realisierung der jüdischen Heimstätte in Palästina trauriger als je. Hierüber wird im Anschluß an den Ziönistenkongrest wohl noch manches zu sagen Gelegenheit sein. Was schon bisher in der letzten Zeit gesagt worden ist - auch von führender zionistischer Seite! - mußte eigentlich die Jüdischnationalen zur größten Bescheidenheit erzögen hüben. Es ist ja klar, daß die Forderung, die Juden als eigene Nation anzuerkennen, nur solang? wenigstens einen Schimmer von Berechtigung hatte, als di? Hoffnung aus eine jüdische Heimstätte Aussichten auf ein politisches Macht Zentrum ervssnete, wie es fast alle anderen Nationen, die irgendwo „Minderheitsrechte" beanspruchen, schon besitzen. Ten Zustand der rechtlichen Absonderung von der stMehrhcitsnation" in den einzelnen Ländern ohne Besitz eines zentralisierten diplomatischen und militärpolitischen Apparats haben die Juden ja im Mittelalter genossen und es ist kaum anznnehmen, daß dieser Genuß irgend einer jüdischen Partei als wieder erstrebenswert vorschwebt. Ein Sieg der jüdischnationalen Ideologie im Galuth bei gleichzeitiger Niederlage des Zionismus in Palästina kann gar nichts anderes bedeuten als eine faktische R >"r ck?? h r ins Ghetto. Tas bedarf wohl keines ausführlichen Bewei>es. Auch im Zionistenlager selbst ist diese Erkenntnis durchaus verbreitet. Nur die Fiihrer scheinen die Lag? nicht zn verstechen. Statt aus der Palästinakrise, die nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern eine politische ist, die Notwendigkeit zur äußersten Zurückhaltung in der Landespolitik abzuleiten, hat der Sejmdeputierie Grün bäum - ich habe die Stelle in der letzten Nummer der „Jüd. lib. Ztg." im Wortlaut zitiert - die Ansicht kundgetau, daß die stliederlaoe des Zionismus in Palästina durch umso eifrigere Propagierung "der jüdischnationalen Belange im Galuth paralysiert werden' soll. Tiefe Logik ist sehr' merkwürdig, aber sie wird offenbar von den Führern in allen Ländern geteilt. Sie waren schon lange nicht so rührig in der Verfolgung ihrer „nationalen" Galutbpolitik wie in diesem Jahre. Zuerst machten sie einen Borstoß im Berlins r K o n - ci r c fj der Völkerbundligen , der sich zu einer Kontroverse mit den Vertretern Rumäniens zuspitzte und iwar mit dem von einem schwedischen Delegiert?» sestgeftessten Resultat, daß sich die Gegensätze statt zu mildern noch verschärften . . . Tiefer Mißerfolg hat die Herren nicht gebindert, eine eigene jüdische Zentrale für die Interessen der „s ü d i s ch n a t i*o n a l e n M i n d e r h c i - ten" zn schaffen, uitd diese Körperschaft hat in Zürich vom 17. bis 19. August getagt. Tie Juden Deutschlands ignorierten diese Tagung ganz. Aus Oesterreich tauchten drei waschechte Jüdischnationale aus, wochlgemrrlt: ohne jede Legitimierung hierzu, da die nichtnationalen Juden, - also die überwiegende Mehrheit der österreichischen Juden, voil diesem 'gefährlichen Sviel nichts wissen wollen. Ebenso haben bedeutende jüdische Organisationen des Auslandes eine Beteiligung entschieden abgelchnt, so daß American Jewish Eomittec (Präsident Louis Marshall), die Alliance Jsraelite Universelle in Paris, das Joint foreign Comittr? (Lucien Wolft und schließlich die Aoudas Jisroel. Ter Kongreß war al,o keine Vertretung der Judenheit, sondern nur eine Zutamwenknnft unlegitimierter Vertreter, deren Beschluss? unverbindlich sind. Interessanter nun als die gehaltenen Reden sind die verhinderten. Zum Genfer Nationalitatenkongrcß wurden nämlich die Oesterreicher nicht z u g e l a s s e n. Mit ihnen wurden die F r i e s e n Deutschlands (!) und die M a z e d o n i e r abgelehnt, und man kann aus dieser Zusammenstellung die begrüßenswert? Tendenz der Konferenz erraten, nur solche „nationale" Minderheiten zuzulassen, die ein durch die Tatsachen gegebenes Recht aus diese Bezeichnung haben. Mit der Ablehnung der österreichischen Juden haben die maßgebenden Faktoren, wenn ste auch formelle Gründe vorschützten, gezeigt, daß sie ein größeres Verständnis für die Steilung der Juden in Oesterreich besitzen als die österreichischen Zionistenführer. Tie r c i ch s d e u t s ch e n Zionisten waren klug genug, sich einer solchen Ablehnung erst gar nicht auszusetzen. Sie wissen, daß sic mit der ^Propagierung einer jüdischen „Mindecheitsnation" nicht erst nach Genf zu gehen brauchten, um sich eine Brüskierung zu holen. Sie würden sich schon in der Heimat eine deutliche Lektion über die Auffassung der deutschen Juden hinsichtlich ihrer nationalen Zugehörigkeit gefallen lassen müssen, die ihnen die Lust zur Beteiligung an Vorstößen des „jüdischen Nationalismus im Galuth" nehmen würde. In anderen Ländern dämmert es bei den Juden erst, aber anck das ist schon erfreulich und ein nicht zn unterschätzendes Ergebnis der hier geschilderten Konferenzen... Tr. Hugo Spiegler. Die gottesdienstliche Versorgung Berlins an Roschhaschono und Jom Kippur Nach religiöser Vorschrift bereitet der Monat Ellul die ernste Zeit der Jomim nauroim, der Ehrfurcht gebietenden Tage vor. Dieses wird durch den Mahnruf des Schosartons am Schlüsse des Morgengottesdieustes vom ersten Tage Ellul ab gekennzeichnet. Schon bei der Neumondsverkündung des Ellul wird durch die Anwendung der traditionellen Melodie ans dem Abcndgottcsdicnst von Roschhaschono und Jom Kippur auf die Stimmung hingewiesen, die beim Gottesdienst au diesen Festtagen durch die bekannten Gesänge die altgewohnte feiertäglich-jüdische Stimmung in den Audachtsstätten wachruft. —• Tie bekannte Tatsache, daß die große Mehrzahl unserer Glaubensgenossen fast das ganze Jahr hindurch, vielleicht mit Ausnahme der Festtage, an denen die Seelcugcdächtuisseicr stattfindet, den Gotteshäusern sernblcibt, läßt sich nicht wegdisputiercn; es ist einmal so und die Gründe dafür sollen hier nicht erörtert werden. Die Jomim nauroim jedoch rütteln in jedem Jahre immer wieder ans? neue die Pietät und Verbundenheit mit dem Glauben der Väter wach und entzünden den Funken der Religiosität für diese drei Tage zur Hellen Flamme, sei es bei manchem auch nur aus Gewohnheit. Ein Koluidre-Abcud z. B. ist für jeden Juden, und sei er dem angc stammten Glauben und dem Judentum geistig oder seelisch noch jo fern gerückt, ohne Teilnahme am gemeinsamen Gottesdienst undenkbar; sogar der „Mcschumed" empfindet an diesem Abend in seinem tiefsten Innern ein Gefühl ivehmutvollcn Erinncrns, das er nur mit Mühe unterdrücken kann, an das Einst des Elternhauses und seine Kinderzeit. Von der Macht und Wirkung der Heiligkeit der Jomim nauroim haben wir oft genug eindrucksvolle Geschichten gehört und gelesen und manch Wankelmütiger in unseren Reihen mag durch die Feierlichkeit der Andacht an diesen drei heiligen Tagen den Weg zur festeren Verbundenheit mit seinem Glauben znrückgcsunden haben. Gleichviel aus »velchen vielfachen Motiven dieses starke religiöse Gemeinschaftsgefühl entsteht, das unsere Bekcnncrschast in seinem Bestand durch die Jahrtauseirde sich bewahrt hat und das an diesen Tagen in unseren Gotteshäusern in jedem Jahre sich auswirkt, — genug, es ist vorhanden und wir haben alle Ursache, stolz darauf zu sein. Es ist ein erhebendes und zugleich beglückendes Gefühl, die Andachtsstätten an diesen Tagen so voll gefüllt zu sehen. — Die Zusammendrängung unserer Glaubensgenossen in den großen Städten läßt inbezug auf die gottesdienstliche Versorgung so vieler Tausend Seelen an den drei höchsten Feiertagen des Jahres gewisse Schwierigkeiten in Erscheinung treten, die jeweils den örtlichen Verhältnissen entsprechend berücksichtigt und denen durch die Einrichtung von Zweiggottcsdiensten in allen größeren Städten außerhalb der ständigen Synagogen Rechnung getragen werden muß. Ganz besonders schwierig liegen diesbezüglich die Zustände in der Metropole Berlin mit der besonders großen Zahl Glaubensgenossen und ihrer Familien, deren religiöse Betreuung die jüdische Gemeinde zu Berlin für den gesamten Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin zu übernehmen hat. Hier verursacht die gottesdienstliche Versorgung für Roschhaschono und Jom Kippur in erhöhtem Maße Schwierigkeiten durch die räumliche Ausdehnung des Stadtbildes und die weiten Entfernungen. Dies machte sich schon in den Jahren vor dem Weltkriege bemerkbar und cs trifft umsomehr zu nach dem Zuzug vieler Tausende aus den abgetretenen Gebieten. So ist die Berliner jüdische Gemeindeverwaltung vor die Bewältigung einer großen Ausgabe gestellt, die von Jahr zu Jahr schwieriger wird und zu deren Durchführung der Umsang einer geschäftlichen Organisation notwendig ist. Es tut der religiösen Feier der Festtage keinen Abbruch, wenn einmal aus die unbedingt uotlvcudige verwaltungstechnischc Seite hingewieseu wird, ohne welche die Durchführung der großen Zahl von Gottesdiensten nicht möglich ist. Im folgenden soll versucht werden, die Grundzüge dieser Organisation auszuzcigen; sie gliedert sich in zwei Hauptteile: 1. die Festgottesdicust-Kommissiori, 2. das Plätzevermietungs-Büro. Der Festgottesdienst-Kommission obliegt die Vorbereitung und Durchführung des umfangreichen Apparates, den die große Zahl der an diesen drei Tagen außer den ständigen Gemeinde-Synagogen — z. Zt. elf — in den vielen gemieteten Sälen — ungefähr 50 — veranstalteten Gottesdienste erfordert. Die Synagogen fassen nur den kleineren Teil der Andächtigen, die größere Zahl verteilt sich auf die Saalgottesdienste. Der Unkundige kann sich keinen Begriff von den weitverzweigten Vorbereitungen machen, welche das ganze Jahr hindurch notwendig sind, um die einzelnen Teile zu einem befriedigenden Ganzen zu fügen, damit alles „klappt", um der von unseren lieben Glaubensgenossen im Gotteshause so gern geübten „Kritik" möglichst lvenig Gelegenheit zu bieten. Von der Mietung der Säle, die leider als Behelssmittel benutzt werden müssen, bis zum Bortrag des Vorbeters und des Chores ist cs ein weiter Weg, dessen einzelne Etappen in wohlgcfügtem Kreislauf des ganzen Jahres die Zeit von einem Roschhaschono bis zu dem des nächsten Jahres aussüllen, bis zu der Stunde des Beginnes der Festtage, wenn der Inhaber am Erew Roschhaschono „seinen" Platz einnimmt. Zur Heranbildung eines Nachwuchses von Funktionären für die vielen Betsaal-Gottcsdienste veranstaltet der Vorstand der jüdischen Gemeinde seit Jahren durch einige der anerkanntesten Interpreten ihres Faches Vorbereitungskurse für Vorbeter, Dirigenten und Organisten, die durch ihre Teilnehmer nicht nur Berlin, sondern auch die Provinz mit Funktionären versorgen. Den Abschluß der Kurse bildet alljährlich eine Prüfung zur Feststellung der Eignung der Teilnehmer. Da Berlin die für die Zweiggottesdienste notwendige Zahl von Rabbinern bezw. Predigern nicht stellen kann, werden von auswärts eine Anzahl am hiesigen bezw. am Breslauer Seminar ausgebildeter Rabbinats-Kandidaten hcrangezogeu. Nicht leicht ist die notwendige Zahl an guten Schosarbläsern zu finden. Wie schwer die Fertigkeit ist, den Schofar blasen zu können, lvird jeder wissen, der es versucht hat. Die weiten Entfernungen der Großstadt machen es notlvendig, die Täligkeit der Amtierenden mit möglichster Rücksichtnahme auf ihre Wohnungen in den in der betr. Stadtgegeud vorhandenen Bekstätren anzuordnen. Diese Einteilung verursacht nicht geringe Schwierigkeiten.

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