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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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In Amerika wird eine Anpassung der Bibel an die seelischen Erfordernisse des modernen Menschen geplant — wie wäre es, wenn bei uns zunächst die unvergleichlichen' Psalmen — dies Juwel jüdisch-veligvöser Poesie — von den oben gekennzeichneten Schlacken gereinigt, d. h. wenn den Gottsuchern — Juden wie Christen — ein auf der Höhe modernen Empfindens stehendes Gebet- und Erbauungs-buch für die private Andacht (nicht für den öffentlichen Gottesdienst! in die Hand gegeben würde? Ter Text braucht Rhythmus und Klangfarbe des hebräischen Originals durchaus nicht nachzubilden. Nur muß die Uebertragung in dem Frommen von heute Andacht urch Gemütserhebung wecken! Zu diesem Zweck müssen die Psalmen aus ihrer — stellenweise — zeitlichen Wegrenzthgit Herausgaben, d. h. es müssen die dem modernen Empfinden widerstreitenden Stellen leise „retuschiert" werden. Ter Levitikus, der Deutero-Jesajas, die Sprüche, Klagelieder etc. bieten tausenderlei gleichfalls göttlich inspizierte Stellen, die eingesetzt werden könnten. Zur Erzielung einer die Andacht weckenden Übertragung dürfen die besten Uebersetzer benutzt werden: neben Luther und Allioli unser Moses Mendelssohn, Michael Sachs, R. S. Hirsch, Spanier; selbstverständlich auch Kautzsch, Baethgen, Stark, Delitzsch etc. Kommt ein solcher „gereinigter" Psalter zustande — und er liegt dem Bernchmen nach bereits fertig vor! — so wird er dem uralten jüdischen Gottesbuche in dem neuen Gewände viele Freunde gewinnen. Vielleicht tragt er an seinem Teile dazu bei, die Kluft zwischen den Bekenntnissen $u; überbrücken und Versöhnung, Gerechtigkeit und Liebe unter allen Kindern des himmlischen Vaters zu predigen. 25'Jahre sind seit dem Lischinewer Pogrom verflossen Kischi new, 28. August (J.T.A.). Am 6., 7. und 8. April 1928 werden 25 Jahre vergangen sein, seitdem der Judenpogrom in Kischinew, der von der Hefe der christlichen Bevölkerung von Kischinew und Umgebung, den sogenannten „Barfüßlern", mit Erlaubnis, ja unter direkter Mitwirkung der Behörden, stattgefunden hat und zahlreichen jüdischen Bürgern von Kischinew das Leben kostete. Dieser Pogrom hat eine Reihe ähnlicher, zum Teil noch grauenvollerer Pogrome in ganz Rußland eingeleitet. Zur Abhaltung einer Gedenkfeier für die Opfer der Pogrome hat sich in Kischinew ein 'Komitee gebildet, dem Dr. I. Mutschnik als Präsident, sowie N. Roitman und Z. Rosenthal angehören. Das Komitee bereitet auch die Herausgabe eines Werkes vor, das alle aus dem Kischinewer Pogrom bezüglichen Materialien enthalten wird. Der Kischinewer Pogrom fand in der Osterwoche des Jahres 1903 statt. S. Dubnow gibt in seiner Geschichte der Juden eine Darstellung des Pogroms, der zu entnehmen ist: Bon irgendwelcher Seite wurden in Kischinew Gerüchte in Umlauf gebracht, daß ein bei einem Juden bedienstet gewesenes christliches Mädchen von Juden ermordet worden sei. In Wirklichkeit war der Fall so, daß das Mädchen in selbstmörderischer Absicht Gift genommen hatte und trotz der Bemühungen des jüdischen Dienstherrn, es am Leben zu erhalten, verstorben war. In der Stadt wurden Flugblätter verteilt, in denen gesagt wurde, ein kaiserlicher Ukas gäbe es der Bevölkerung frei, im Verlauf der drei Tage des christlichen Osterfestes die Juden „blutig zu bestrafen". Die Polizei von Kischinew, die, wie später erwiesen wurde, an der antijüdischen Verschwörung beteiligt war, machte keinerlei Versuche, diese gefährlichen Zirkulare zu unterdrücken. In den christlichen Salons sprach man offen von den im Organisationsstadium befindlichen Pogrom. Die jüdischen Bürger der Stadt sahen schweren Tagen entgegen, niemand aber erwartete, daß es zu einer regelrechten Metzelei kommen würde. Am Sonntag, den 6. April, dem ersten Tage des christlichen Osterfestes und dem siebenten Tage des jüdischen Passah, begannen zur Mittagszeit alle Kirchenglocken zu läuten. Dies war das Signal für die bereits organisierten Pogrombanden, ihr blutiges Werk zu beginnen. Gruppen von Handwerkern und Barfüßlern fielen an mehreren Stellen der Stadt über die jüdischen Bürger her. Wohnungen und Läden wurden gestürmt und demoliert. Nirgends machte die Polizei den Versuch, dem Wüten Einhalt zu gebieten. In den Abendstunden begann das Morden. Die Huligans ermordeten jeden Juden, dessen sie habhaft werden konnten. Jüdische Bürger wurden aus den Straßenbahnwagen herausgeholt und auf der Straße ermordet. Man drang in die geplünderten Häuser ein, suchte sie von den Dachkammern bis in die Keller durch und tötete die Einwohner unter fürchterlichen Martern. Polizei und Militär verharrten untätig. Aber als eine Gruppe junger Juden, nur mit Stöcken bewaffnet, sich den Mördern, die nun feige zurückwichen, entgegenstellte, griff die Polizei ein und entwaffnete die Verteidiger, so daß die Huligans wieder freien Spielraum hatten. Am 7. April war Kischinew von Tagesanbruch bis zum Abend der Schauplatz bestialischer Taten, wie sie in den barbarischsten Zeitcpochen nicht zu verzeichnen waren. Jüdische Bürger in der Stadt wurden fürchterlichen Martern unterzogen und langsam getötet. Einigen wurden Nägel in die Köpfe geschlagen, anderen die Augen herausgerissen. Kleine Kinder wurden aus Dachgeschossen aufs Pflaster geschleudert. Frauen wurden die Leiber aufgeschlitzt oder die Brüste abgeschnitten, nachdem sie vorher vergewaltigt worben waren. Betrunkene Horden brachen in die Synagogen ein, zerrissen die Thorarollcn, besudelten sie und trampelten auf ihnen herum. In einer Synagoge hüllte sich der alte „Schammes" (Tempeldiener) in seinen Gebetschal nnd stellte sich schützend vor die Thoralade. Er wurde grausam hingemordet. Das Resultat des zweitägigen Wütens war: 45 Tote, 86 Schwerverwundete oder Verkrüppelte, 500 Leichtverwundete. 1500 Häuser und Läden wurden demoliert und geplündert. Erklärung Wir werden um Veröffentlichung sollender Erklärung gebeten. Die Red. Der „Jüdische Verlag" G. m. b. H. und der Verlag „Eschkol" A.-G-, die, wie bekannt, seit Jahren jüdische enzyklopädische Werke vorbereiten, haben in freundschaftlichem Uebereinkommen folgende Vereinbarungen getroffen: Von der Ueberzeugung ausgehend, daß die beiden Werke notwendige Ausgaben, wenn auch verschiedenen Charakters, zu erfüllen bestimmt sind, und um Mißverständnisse zu vermeiden, nennt der „Jüdische Verlag" in Uebereinstimmung mit den Herausgebern das von ihm edierte Werk, dessen erster Band jetzt zur Ausgabe gelangt: „Jüdisches Lexikon" Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Dissens in vier Bänden; während der Verlag „Eschkol" das von ihm vorbereitete, auf 15 Bände berechnete Werk, dessen erster Band im Herbst d. I. erscheint: „Encyclopaedia Judaica" Das Judentum in Geschichte und Gegenwart betitelt. Durch diese Titel soll zum Ausdruck gebracht werden, daß das im „Jüdischen Verlag" erscheinende Werk aus wissenschaftlicher Grundlage, jedoch in allgemein verständlicher Form, den Bedürfnissen des breiten Publikums dienen soll, während das Werk des „Berlages Eschkol" in erster Reihe sich zur Aufgabe stelle, der Wissenschaft des Judentums zu dienen, deren Ergebnisse es der Allgemeinheit zugänglich machen will. Druckfehlerberlchtigung Der Druckfehlerteufel hat natürlich zeigen müssen, daß ein Artikel über die „Unsterblichkeit" nicht in die Welt gehen dürfe, ohne daß er bekunden müßte, daß er auch noch da und unsterblich sei und Proben seiner „Leistungsfähigkeit" ablegen könne. Also hat er in teuflischer Art das Horazische „non omnis moriar" in ein ganz unmögliches „unklassisches" Latein umgewandelt, hat Gebete nicht „erhört", sondern „erhöht", hat den Namen Marconi „verschandelt" u. dgl. mehr. Sein diabolisches Spiel möge ihm verziehen sein, da es mir Gelegenheit gibt, noch aus einige Worte Goethes zu Eckermann hinzuweisen, die eine überraschende Aehnlichkeit mit den in meinem Artikel zitierten Worten meines Vaters haben. Sie lauten: „Wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag." Im übrigen würde es sicher interessant sein, noch Aeußcrungen aus weiteren Kreisen über das gewaltige, weitreichende Gebiet der „Unsterblichkeit" zu hören. Sanitätsrat Dr. Scherbe! (Lissa i. P.). ★:! BÜCHERSCHAU j Kunstkalender des Jüdischen Frauenbundes für das Jahr 5688 (1927-28). Verlag Rudolf Schick, Leipzig. Ein schöner und wertvoller Schmuck für jedes jüdische Haus ist dieser Kunstkalender „Das Jahr des Jüdischen Frausenbundes“. Das Bildmaterial hat Herr Jakob Steinhardt ausgewählt; wir begegnen dabei „dem ganzen System verschiedenartiger Gedanken- und Vorstellungskreise, die sich in der Kunst unserer Tage berühren, miteinander streiten und sich gegenseitig ergänzen. An allen ihren Verzweigungen hat die jüdische Künstlerschaft Anteil genommen." Aus der Fülle der Meister, deren Produktionen uns vorgeführt werden, seien hier nur Max Liebermann, Hermann Struck, Abel Pann genannt -res sind aber noch viel viel mehr. — Die von Frau Bertha Frenkel-Ehrentreu ausgewählten Texte passen sich nach Möglichkeit dem religiösen Jahr an; es sind Stellen aus dem biblischen und talmudischen Schrifttum, aber auch von Neueren wie, S. R. Hirsch, M. Lazarus, H. Cohen usw., auch Nietzsche’ fehlt nicht, und es kommen auch Dichter wie Beer-Hofmann, Stefan Zweig, Franz Rosenzweig zum Wort. — Ein wichtiger Teil der Bilder und Texte ist derjenige, der nicht Kunst und Schrifttum, sondern Proben aus der sozialen Arbeit der jüdischen Frauen aller Länder zeigt. Dem schmucken Kunstkalender, der für M. 2,50 bei der Geschäftsstelle des Jüdischen Frauenbundes, Berlin C, Rosenstraße 2, bezogen werden kann, ist weiteste Verbreitung zu wünschen. Er eignet sich natürlich auch zu Festgeschenken. Leopold Nathans on. Die kranken Seelen Von Johanna Thal -Birsen. Es war ein heißer Sommertag, helle Sonnenstrahlen fielen hernieder und erwärmten alle die freundlichen, kleinen Häuser des Dorfes. Einsam und verlassen lag es in der Mittagsglut und nur ein vertrautes Vogelgezwitscher unterbrach die Stille. Schleime stand in seinem kleinen Oarten, die Schaufel in der Hand. Heute wollte die Arbeit so gar nicht gehen; immer und immer wieder verfiel er in Grübeleien. — Heute vor drei Jahren starb ihm seine liebe, gute Frau. Mit seiner einzigen Tochter Esther blieb er allein zurück, sein Kind war sein ganzes Glück. Kein Wunder! War es doch ein reizendes Mädchen, unverdorben und von der Natur mit allen guten Eigenschaften beschenkt. Und so gut ging sie mit dem Vater um. War er mißgestimmt und traurig, kam sie auf ihn zu, legte ihre liebe Hand auf seine Schulter und bat ihn mit süßer weicher Stimme „Vater, sei doch nicht traurig, sieh, du hast doch mich, deine Esther!“... Da sah er sie mit liebevollen Blicken an und vergaß seinen schweren Kummer. Hatte er doch sein teures Kind! — Er wollte nicht wieder murren, daß der Allmächtige sein liebes Weib zu sich genommen! Ließ er ihm doch wenigstens seine Esther zurück. „Estherl.“ — Wie ein Seufzer kam es über seine Lippen und ein Beben durchschauerte seine Glieder. „Wo magst du wohl jetzt weilen, mein liebes, liebes Kind? Warum gingst du fort von mir und ließest deinen alten Vater allein zurück?“ — Sie wollte in die Großstadt, sie konnte das Dorfleben nicht länger ertragen. Jhr junges Herz verlangte nach Leben — nach Liebe —, dort weit, weit winkte ihr das Glück. Sie wollte lieben und geliebt werden. Gewiß fiel es ihr schwer, ihren alten, lieben Vater zu verlassen. Aber ein bitterer und langer Kampf brachte sie endlich zum Entschluß. So manche Nacht hatte sie wach gelegen, ohne den Schlaf zu finden, so quälte es sie, den alten Vater zu verlassen. Schließlich konnte sie es nicht länger ertragen, eine fremde Stadt zog sie unaufhaltsam einem unbekannten Schicksal entgegen. Das achtzehnte Lebensjahr lag schon abgeschlossen hinter ihr, und noch kannte sie vom Leben weiter nichts als die Arbeit. — Und als nun Rebekka, des Nachbars schöne Tochter, glückstrahlend heimkehrte, einen schmucken Mann an ihrer Seite, wachte auch in ihr das ganze Verlangen ihrer jungen Jahre auf und ihr Entschluß war gefaßt. Ja auch sie wollte in die Stadt, in die Ferne. Vielleicht schenkte ihr das Leben auch einen treuen Begleiter, nach welchem ihr Blut und ihre Jugend so sehr verlangte. Wennsie auch den Vater hatte, so sehnte sie sich doch unbewußt nach der Erfüllung ihres Frauenschicksals. So wollte sie denn so wie Rebekka eine Stellung in der Stadt suchen. Doch sollte es ein Geheimnis bleiben und niemand davon erfahren! Als sie dann eines Tages dem Vater ihren Entschluß schüchtern mitteilte, glaubte der alte Mann, die Erde öffne sich und drohe, alles und sein geliebtes Kind zu verschlingen. Er konnte nicht fassen, daß seine Esther allein in die weite, unbekannte Welt wolle. Das durfte nimmermehr geschehen. Und doch mußte er nach langem Widerstreben ihren verzweifelten Bitten und Tränen nachgeben und sie ihrem eigenen Geschick überlassen, trotzdem ihm vor Kummer schier sein Herz brechen wollte. Ein ganzes Jahr war seit diesem schweren Tag vergangen! Schleime hatte sich schon ein wenig an seine Einsamkeit gewöhnt. Sein Gärtchen war sein einziger Trost. Darin arbeitete er jeden Morgen; jedes Beet, jede Blume war ihm lieb. Mit seinen alten, zitternden Händen pflegte er seine lieben Gesellschafter, sein alles, was ihm geblieben war, und ließ es ihnen an nichts fehlen. Wohlgepflegt lag sein Garten vor ihm. So träumend stand Schleime noch immer da und ließ die letzten schweren Jahre noch einmal an sich vorübergleiten, als ihn plötzlich Schritte aus seinen Grübeleien weckten. Ehe er sich umwenden konnte, fühlte er sich von warmen Armen umschlungen und liebe wohlbekannte Worte schlugen an sein Ohr. „Vater, lieber, guter Vater!“ — Sein geliebtes Kind war zu ihm zurückgekommen; heiße Tränen strömten aus Esthers Augen und wieder und wieder streichelte sie seine blassen, eingefallenen Wangen. Er sah so alt aus, ihr Herz stand fast stille, wenn sie bedachte, was sie ihm mitzuteilen hatte. — Wie würde er diese Nachricht aufnehmen? Würde er sie, seine Esther, verstehen, ohne Vorurteil, sie an seine Brust ziehen, mit ihr weinen und sich trotz allem mit ihr freuen, daß sie zurückgekommen war oder würde er sie zornig von sich stoßen und ihr ihre Zuflucht und Heimat nehmen? II. Teil. Der kalte Winter hatte seinen Einzug gehalten! Das ganze Dorf lag im weißen Gewände und nur hier und da ragte ein kahler schwarzer Ast in den Schneehimmel auf. Die Kinder tummelten sich auf der Straße, lieferten Schneeballschlachten und freuten sich ihres jungen Lebens. Auch das kleine Haus, worin Schleime wohnte, hatte eine weiße Winterdecke und lag in tiefster Einsamkeit da, als sei jedes Leben in ihm erstorben. Der Garten trauerte und schien sich vergebens nach seinem alten Freunde zu sehnen, der ihn einst zu neuem Leben zu bringen pflegte. Ja, wo war eigentlich der alte Schleime? Weit hinter dem Dorfe lag der Friedhof. Dort stand Schleime vor einem Grabe, das noch nicht vor so langer Zeit aufgeworfen schien. Als wolle es die Unschuld der Toten bezeugen, lag auch auf dem Grabe eine schützende, weiße Decke. Schleime sah um viele Jahre gealtert aus. Er hatte so viel in den letzten Monaten gelitten und der bittere Kummer um seine geliebte Esther, die Wunde, die sie ihm geschlagen, ließ ihn langsam dahinsiechen. — — Wieder und wieder blickte er den kalten schneebedeckten Hügel an, der auf seinem schönen Kinde ruhte. „Esther, warum tatest du mir das an, so hör’ doch. Esther, sprich noch einmal ein einziges liebes Wort, alles will ich ja verzeihen, vergeben, nur komm wieder, verlaß mich doch nicht!“ Heiße Tränen rollten über seine magern Wangen und wieder vernahm er ihre letzten inbrünstigen Worte, ihre Bitten und ihre Klagen! „Vater, vergib mir doch, stoß mich nicht von dir. Sieh, wir haben uns so lieb;; wir wollen ja heiraten, sobald er mehr verdienen kann, Vater!“ — Ganz deutlich hörte er sie so sprechen und i ihm schien, er höre noch ihr verzweifeltes, herzzerreißendes Schluchzen. „Komm her zu mir, mein Kind, meine Esther, komm in meine Arme, alles, alles will ich dir vergeben!“ Er schreckte aus seinem bitteren Grübeln auf. Es war ja zu spät, Esther war tot und nie mehr würde er ihr fröhliches Lachen vernehmen, nie mehr würde sie ihre warmen Arme um ihn schlingen. Er hatte sie ja dieselbe Nacht noch aus dem Hause gejagt, ihr die letzte Zuflucht und Heimat nehmend. So hart war er zu ihr gewesen und nun war sic tot. Die Schmach und das Verurteilen und Verstoßen ihres eigenen Vaters überlebte das arme unglückliche Geschöpf nicht. Wie konnte sie der Vater so herzlos verstoßen, wo nichts als reinste Liebe sie zu ihrem Josef, ihrem besten Freunde, geführt hatte. Liebe war ihre Hingabe gewesen und nun konnte sie der Vater verstoßen wie eine Verworfene! — Das war zu viel für sie gewesen. So glücklich hatte sie sich an der Seite ihres Verlobten gefühlt, der sie anbetete wie ein Heiligtum, und das junge Leben, das sie in sich keimen fühlte, hatte ihr Kraft gegeben, mutig allen Enttäuschungen zu trotzen, allen Anfechtungen ihrer Mitmenschen stand zu halten. Ueber alle Vorurteile wollte sie hinweggehen. Was gingen sie die Menschen mit ihrer verdorbenen Moral, ihren verworfenen Sitten an. Sie waren nicht besser als sie; nein, viel, viel schlimmer. Durch wieviel Schmutz zogen sie das Gewand, Moral genannt? — Außen war alles rein und gut und der goldene Reif an ihrem Finger verdeckte die Heuchelei und Verderbtheit so mancher Ehe! Wehe, wenn man einmal die Masken lüftete, hinter denen das wahre Antlitz lauerte. War sie nicht ehrlicher als manche verheiratete Frau?-Ihren Josef liebte sie mit ihrer jungen keuschen Liebe, und heilig war ihr ihre Hingabe gewesen. Ihr Kind sollte einst heranwachsen, ohne sich seiner Mutter schämen zu müssen. Sie wollte es mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit pflegen, dieses Kind ihres geliebten Mannes. Trost und Glück würde es ihr einst sein. Nein, das Kind trug nicht die Schuld daran, daß sich das junge unglückliche Weib das Leben nahm. An Sitten, an verdorbene Moral, die Menschen schufen, die sie zu einem geltenden Gesetz erhoben, ging das schöne Geschöpf zu Grunde. An der Engherzigkeit eines Vaters, der seine egoistische Liebe bedroht sah und die Menschen fürchtete, ihr Reden und ihre Kleinheit! Nichts war mehr gut zu machen, zu spät war seine Einsicht gekommen. Und jetzt, am Grabe Esther's, fühlte und verstand er erst ihren Schmerz und ihre bittere Not; sein Leben gäbe er dahin, um das ihre wachzurufen. Zu alt, zu schwach war er, um diesen Schicksalsschlag, diese schwere Schuld zu überleben, und verzweifelt flehte er um Ruhe — um ein Aufhören der bitteren Qual. — — Und Gott erhörte Schleimes Gebet. Eines Morgens fand man ihn tot am Grabe seines Kindes liegen. Die j armen Seelen durften Frieden finden und Versöhnung. ln einer anderen, unbekannten Welt vereinten sich ihre I kranken Seelen zu neuem Leben. — — — — —

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