Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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zu müssen, indem sie bei diesem Satze ausspeien. Auch wenn diese hygienische Verrichtung nur eine Berachtungsbezeugung sein sollte, läßt sich ebenfalls über den Geschmack' streiten. — Beim Sprechen des Priestersegens durch die Kauhanim, dem sogenannten „Tuchenen", zitterten wir als Kinder davor, nicht durch eine zufällige Bewegung den Blick aus die auf dem Vorbeteraltar versammelten Ahroniden richten zu müssen, da uns immer wieder eingeschärft wurde, daß wir sofort davon erblinden würden! Die abergläubische Auffassung des Satzes, daß Gott sich nicht „von Angesicht zu Angesicht" schauen lasse! — Bei der Totenfeier für die verstorbenen Angehörigen werden die Kinder, deren Eltern noch leben, hinnusgeschickt, damit sie durch ihre Anwesenheit das Schicksal nicht herausfordern. „Mir grauet vor der Götter Neide..." —, es ist dieselbe abergläubische Vorstellung. Abgesehen von diesen Verirrungen jedoch hat das Symbol Wert, Sinn und Zweck. Ueber das vorhin darüber^ Gesagte hinaus muß noch darauf Hingelviesen werden, daß Symbole vor allem für die Erhaltung einer G em e in s cha ft s - religion vonnöten sind. Jede Lebensgemeinschaft wird erhalten durch gemeinsame bestimmte Lebensformen, anders ist ihre Erhaltung garnicht möglich. Eine solche Lebensgemeinschaft ist auch die Religion, und die Symbole süw die Formen, durch welche in den Anhängern das Gemeinschaftsbewußtsein gestärkt wird. Moses Mendelssohn sagt darüber in feinen Briefen einmal, daß selbst wenn die Bedeutung der Zeremonien ihren Nutzen als Schriftart oder Zeichensprache verloren hätte, ihre Notwendigkeit als Band der Vereinigung dennoch nicht aufhören würde. Insbesondere ist jedoch auf die Bedeutung der Symbole für die religiöse Erziehung der Jugend hinzuweisen. Abstrakte Jdeengänge sind dem Kinde nur bei fortgeschrittener Entwicklung und schwer eingä»glich; für das Kind lebt alles im Bilde, es klammert sich an das Konkrete und macht vor; diesem aus seine Abstraktionen, ein alter pädagogischer Grundsatz sagt, daß nichts im Intellekt ist, was nicht zuvor m der Anschauung war, und so hat denn das anschauliche Symbol auch diesen a s s o c i a t i v e n Wert und bildet den Ausgangspunkt für die religiöse Erziehung des Kindes. In seinem Buche „Vom Geist des Judentums" ziseliert Martin Bub er in schlagenden Definitionen den Unterschied zwischen Religion und Religiosität heraus. Man setze für die Worte Religion und Religiosität - Form und Jwhalt, und man hat das letzte Prinzipielle, das zusammenfassend über religiöse Symbolik zu sagen wäre, in meisterhafter Form vor sich. Wegen der Schönheit der Worte seien darum zum Schlüsse diese Sätze hier zitiert: „Religion ist die Summe der Bräuche und Lehren, in denken sich die Religiosität einer bestimmten Epoche eines Volkstums ausgesprochen und ausgeformt hat, in Vorschriften und Glaubenssätzen festgelegt, allen künftigen Geschlechtern ohne Rücksicht auf deren neu gewordene, nach neuer Gestalt begehrende Religiosität als für sie unverrückbar verbindlich überliefert. Religion ist so lange wahr, als sie fruchtbar in: dies aber ist sie so lange, als die Religiosität, das Joch der Vorschriften und Glaubenssätze aus sich nehmend, sie doch — oft ohne es zu merken — mit neuem glühenden Sinn zu erfüllen und zuinnerst zu verwandeln vermag, daß sie jedem Geschlecht erscheinen, als wären sie chm selber heute offenbart, seine eigenen, den Vätern fremden Nöte zu stillen. Sind aber die Riien und Dogmen einer Religion so erstarrt, daß die Religiosität sie nicht zu bewegen vermag oder sich ihnen nicht mehr fügen will, dann wird die Religion unfruchtbar und damit unwahr. Es ist also Religiosität das schassende, Religion das organisierende Prinzip; Religiosität beginnt neu mit jedem jungen Menschen, den das Geheimnis erschüttert, Religion will ihm in ihr ein für allemal stabilisiertes Gefüge einzwingen; Religiosität meint Aktivität — ein elementares Sichinsverhältnissetzen zum Absoütten —, Religion meint Passivität — ein Aussichnehmen des überlieferten Gesetzes; Religiosität hat nur ihr Ziel, Religion hat Zwecke; aus Religiosität stehen die Söhne wider die Väter auf, um chren leibeignen Gott zu finden, aus Religion verdammen die Väter die Söhne, weil sie sich chren Gott nicht auferlegen ließen; Religion bedeutet Erhaltung, Religiosität bedeutet Erneuerung." — Anregungen zu geben für den pietätvollen Ausgleich zwischen solcher Erhaltung und Erneuerung war auch der Zweck dieser Zeilen. Die „symbolische Religion" und wir Von einem jüdischen Freimaurer. Nicht von den angeblichen politischen Beziehungen zwi^ scheu Freimaurerei und Judentum soll hier gesprochen werden; davon mögen die Völkischen sprechen, aber nicht wir, die wir wissen, daß weder das Judentum noch die Freimaurerei mit Politik zu tun haben. Die Freimaurerei ist eine Religion, aber eine Religion ganz eigener Art und anders als die andern, die Geschichtsreligionen. Von den Geschichtsreligionen kann man immer nur einer angehören; ein Jude, der Christ wird, hört auf, Jude zu sein. Er erkennt — sofern sein Uebertritt überhaupt aus religiösen Gründen erfolgt — das Christentum für wahr und darum für besser an als sein früheres Bekenntnis, das ihm nun als irrig und deshalb als schlecht erscheint. Mit diesem Anspruch des „Wahr-seins" und des deshalb auch „Besser-seins" stehen alle Geschichtsreligionen einander gegenüber. Gewiß — alle Religionen haben ihre Gleichnisse und Symbole; weil aber die verschiedenen Religionen« verschiedene Gleichnisse bieten und verschiedene Symbole gebieten, so ist Verschiedenheit, Zwiespalt und Verkehrtheit unter die Menschen gekommen, welche, Religion mit Wissenschaft verwechselnd, die Gleichnisse als materiell wirkliche Geschichte und die Symbole als materiell wirkende Handlungen mißdeuteten und daher glaubten, nur eine Religion für wahr und gut und seligmachend halten zu können, während die andern unwahr und schlecht und ihre Anhänger verloren sein müßten. So brachte und bringt die in den Geschichtsreligionen übliche allzu materielle Auffassung der Religion Unfrieden, Religionskämpse und viel, viel Leid unter die Menschen. Das ist ja auch selbstverständlich: diejenigen, die da glauben, daß der wahre Messias vor Jahrhunderten schon in Nazareth geboren ist und daß Gott mit einem Rosenkranz auf Lateinisch angebetet werden will, die müssen natürlich jene Andern verachten und bekämpfen, die das Kommen des Messias noch erwarten und ihren Gott mit Gebetriemen auf Hebräisch anbeten. Und umgekehrt! Wer aber gelernt hat, den Lehrinhalt aller Bekenntnisse als Gleichnis und Symbol für den einen und letzten Gedanken aller Religion zu verstehen, der weiß auch, daß wir den wahren Messias nur innerlich erleben können und innerlich erleben müssen, und daß also alle Erzählungen von einem draußen gewesenen oder draußen kommenden Messias nur Gleichnisse, aber gleich wertvolle Gleichnisse sind, und daß ferner jedes Kleid und jede Sprache an und für sich gleich geeignet sind, der menschlichen Sehnsucht nach Gottverbundenheit Worte und Antrieb zu verleihen. Die Freimaurer kennen keine von Gott befohlenen Opfer und Gebete, keine „göttlichen Satzungen", sondern nur maurerifche Bräuche und Sprüche. Und nicht wenn Sabbat ist, gehen wir in unsre Tempel, sondern wenn wir in den Tempel gehen, ist uns Sabbat. Auch reden wir in der Freimaurerei nicht wie in der Religion von verschiedenen Bekenntnissen, von denen ja immer nur eins richtig sein könnte, während die andern falsch wären und also nicht zum Ziele führten! Bekenntnis — dies Wort ist wieder allzu materiell; in der Freimaurerei kennt man nur Lehrarten. Die Lehre ist immer die gleiche, aber die Art, w i e gelehrt wird, ist verschieden. Die Freimaurerei kennt auch nicht verschiedene Religionen; — Religion gibt es nur eine: im Plural gebraucht, hat dieses Wort keinen Sinn, so wenig wie Liebe oder Philosophie im Plural einen Sinn haben. Aber verschiedene Systeme der Religion gibt es, und viel besser stünde es um die Menschen, wenn man, wie in der Freimaurerei nur von verschiedenen Systemen und Lehrarten gesprochen wird, auch in der nichtfreimaurerischen Welt nur von verschiedenen Religions-Systemen und -Arten spräche! Der dreißigjährige Krieg hätte Deutschland dann nicht zur Wüste gemacht, die altdeutsche Kultur wäre nicht von Ludwig dem „Frommen" und die Kulturwelt des alten Mexiko nicht von den „christlichen" Spaniern vernichtet worden, — Jahrtausende langes Martyrium wäre auch der jüdischen Glaubensgemeinschaft erspart geblieben. Der Menschenhaß hätte weniger Orgien gefeiert auf Erden. So ist die „symbolische Religion", die Freimaurerei, keine Religion entgegen den andern Religionen, sondern sie zeigt im Gegenteil jede der Geschichtsreligionen ihren Anhängern in neuem, reineren Licht, so daß ein Jude, ein Christ, ein Moslem, wenn er die neue Religion der Freimaurerei annimmt, nicht aus seiner Glaubensgemeinschaft austreten, sondern ihr im Gegenteil neu zugetan sein wird. Denn Freimaurer sein heißt: allen geschichtsmäßigen Erzählungsinhalt zum persönlichen Erlebensinhalt machen und danach leben. Entgegen aller Verschiedenheit in den bloßen Geschichtsreligionen bringt sie, das ist ihre wichtigste, praktische Konsequenz: Religion und Humanität in Einem. Dies der bleibende Wert der symbolischen Religion auch für den, der auf einer höheren Stufe seiner Entwicklung auch der Symbole sich nicht mehr bedient, weil er alles aus ihnen empfing, dessen er zu seiner inneren, religiösen Reife bedurfte. Zu Amold Zweigs „Ealibau"*) Von Dr. Siegfried Braun-Köln. Spinozas psy-chologischem Scharfblick ergab sich die tiefe Einsicht, es könne erst dann die Herrschaft über die Affekte gewonnen werden, wenn deren Träger ihre Natur erkannt habe. Ter Philosoph dachte hierbei an das asseltkranke Individuum, dem er den Weg 'zur Heilung zeigen wollte. Freilich vermochte Spinoza nicht auch den zur Sicherung des Erfolges erforderlichen Komplex der psychischen Erkenntnisakte auszuweijcn, weil seiner Zeit die Methoden der Tiefenpsychologie fremd waren. Heute, da gerade dieses Feld der Wissenschaft ertragreich angebaut wird, nicht nur von der Seite der philosophischen Forschung her, sondern ebensoseha von der der medizinischen, heute zeigen sich weit eher Wege zur Heilung, sofern es sich um den Einzelnen handelt. Tie Schwierigkeiten wachsen indeß ins Ungemessene, wenn der Versuch gewagt wird, die Natur der Affekte zu erkennen, die bestimmte Menschengruppen beherrschen. Hier tritt dem analysierenden Forscher nicht mehr das Individuum mit einer immerhin bis zu gewissen Tiefen durchschaubaren Seele entgegen; hier findet er eine Masse vor, aus vielen Jchen bestehend, aber doch auch als kompakte» Masse ern Sammelich von besonderer Beschaffenheit bildend. Diese Gruppen umfassen die ungleichartigsten Elemente, Individuen von höchster ethischer und geistiger Qualität, aber auch solche, die vom Stumpsiinn animalischen Daseins erfüllt sind. Und daher erschließen sie sich der ErgrKndung nur schwer und lassen die Möglichkeit einer Affektabdrängung beinahe aus den Nullpunkt herabsinken. Es gibt Gruppenaffekte, die ihre Träger gegen sich selbst itt Bewegung setzen. Tie Befallenen gleichen dem Epileptiker, der schäumenden Mundes in konvulsivischen Zuckungen rast und seinen eigenen Körper ruiniert: sie sind wie die Flagellanten des Mittelalters, die in Dauerextaft ihren Leib geißelten. Derartige Gruppenaffekte bringen zwar die Oekonomie der menschlichen Gesellschaft in Unordnung, aber sie gefährden sie nicht, weil mit einem Abflauen und völligem Verschwinden gerechnet werden darf. Weit bedenklicher in ihrer Tendenz zur Störung und Zerstörung der Umwelt sind die Gruppenaffekte, die gegen außerhalbstehende Gemeinschaften gerichtet sind. Solange die Kräfte beiderseits in etwa gleichmäßig verteilt ftub, darf die befeindete Gruppe hoffen, zum mindesten den Angriff zu paralysieren und so ihr Dasein sicherznstellen. Erhebt sich aber eine affektgeeinte Mehrheit gegen eilte in sie hinein zersprengte winzige Minderheit, deren Kraft also atomisiert wurde, so liegt die Gefahr des Zerriebenwerdens bedenklich nahe, und es bedarf übermenschlicher Zuversicht und gewaltigster Lebensenergie, um im Kampf nicht zu verzagen. Diese Energie gebiert aus sich heraus in einer solchen Situation nicht etwa gesammelte physische Kraft, die ja doch nicht wirksam werden könnte, sondern geistige Substanz, mit der man hoffen darf, die Existenz zu erhalten. Je stärker und anhaltender der Truck wird, desto reicher entfaltet der Geist der Bedrängten ferne Schwingen. Und wenn auch gemeinhin die aus Brachialgewalt vertrauende Masse Geistigem nicht zugänglich ist, so doch die Führer, die ja die Verpflichtung nicht abweisen können, ihren Kamps auch geistig zu fundieren. Das gibt denn den Bekämpften die Hoffnung auf ein allmähliches Schwinden der Bedrängnis. In dieser Situation lebt die deutsche Judercheit. *) Arnold Zweig, Caliban oder Politik und Leidenschaft. Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus. Potsdam, G. Kiepenhauer Verlag, 1927. geb. 10,— Mk. Es gibt Gruppenassekte, und der Antisemrtismus ist der folgenschwersten einer im deutschen Volke. Diese psychologische Einsicht und diese politische Erkenntnis sind mcht von Arnold Zwerg in seinem „Cäliban" zuerst entdeckt und ausgesprochen worden. Tie dem Dichter eigene Kraft zur Wesensschau, dre Gabe zu leichter, freier und mutiger Bewegung und Einordnung tiefster Forschenserlebnisse aber Xhaben ihn in fernem Buche iene beiden Sätze zu einer feinsinnigen und ertragreichen Untersuchung ausweiten lassen, so daß inan von Zwerg mit gutem Recht sagen darf, er sei als erster mit dem Rüstzeug der modernen Psychologie und Soziologie dem Wesen des Antisemitismus und darüber hinaus dein Phänomen,,Gruppenaffekt" überhaupt zu Leibe gegangen. Daß sich Zweig den Antisemitismus als Schulbeispiel erkoren und, wie er selbst gesteht, ihn con amore durchforscht hat, ist nur. zu natürlich. Gehört der Autor doch der bedrängten Gemeinschaft an, die „allein das Phänomen ganz sieht"*), das seit Jahrhunderten auf ihr lastet. Mit der Festlegung zweier termini beginnt Zweig seine Untersuchung; an ihnen orientiert sie sich in ihrem ganzen Verlauf. Der Centralitätsaffekt bestimmt die Verhaltensweise der Gruppe insofern, als sie sich von dem Bewußtsein getragen weiß, daß ausschließlich die von ihr umfaßten Individuen werttragend und daher daseinsberechtigt seien. Der dem Centralitätsaffekt polar zugeordnete Differenz aff eckt ist nur dessen Konsequenz, die besagt: Ihr andern alle, die Ihr nicht zu unserer Gruppe gehört, seid minderwertig und müßt daher bekämpft werden." Der Difserenzafsekt ist demnach nichts weiter als der zentrifugal gerichtete Centralitätsaffekt, und deshalb wird er von Zweig für beides gesetzt. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß sich diese psychologisch-soziologische Grundlegung als wertvoll erweisen muß für die Analyse des Phänomens „Antisemitismus". Und so breitet denn der Autor, weit ausholend, ein farbenreiches Bild unserer Zeit und ihrer Krankheit vor uns aus. Bei aller Freude an der vielseitigen Betrachtung, bei aller Lust, möglichst breite Gebiete unseres politischen, sozialen und, kulturellen Lebens abzutasten, verliert sich Zweig doch nur an wenigen Stellen ins Abseitige. Und so rundet sich seinem Hellen Dichterauge und seiner Gabe zur Intuition der Aspekt zu einemWerk voll feinster künstlerischer und wissenschaftlicher Reize. Und da ihm die Leidenschaft zur Sachlichkeit durchweg die Feder führte und nicht etwa der Differenzaffekt der Gruppe, der er zugeordnet ist, so dürfen wir mit ihm vielleicht geistige, sachliche und politische Folgen seines Buches erhoffen. „Es braucht dem Antisemitismus nicht den Garaus zu machen — o nein, aber es könnte ihn denkenswert, diskussionsreif, menschenmäßig machen, indem ihm und seinen Trägern ein Schuß Nachdenken ins Blut geimpft wird." * So sehr auch die Betrachtung des Antisemitismus im Vordergrund der Zweigschen Untersuchungen steht, so ergiebig und wertvoll sich auch dieser das Ganze des Werkes bestimmende Teil für eine fruchtbare Auseinandersetzung der Gruppen erweist, uns Juden, für die ja der „Caliban" auch geschrieben wurde, mag vielleicht der in ihn verwobene andere Teil noch reizvoller erscheinen, aber auch noch bedeutungsvoller, weil der Autor es darin unternimmt, durch Ausbreitung der Geschichte unseres Schicksals auf deutscher Erde die Selbstbesinnung zu wecken und der deutschen Judenheit Aufgaben zuzu weisen, die ihren Eigenwert fördern sollen. So vollzieht Zweig bewußt die Wendung aus dem Bereich Heteronom bestimmter Abwehr zur autonom gerichteten Zielsetzung hin. Religiöse Auseinandersetzungen spielen, das steht trotz der angeblichen Rennaissance fest, innerhalb der deutschen Judenheit keine merkliche und die Entwicklung irgendwie vortreibende Rolle mehr. Das Zeitalter metaphysisch unterbauter Religionsdisputationen ist abgelöst von einer Epoche, in der realpolitische Erwägungen schicksalbestimmend in den Vordergrund drängen. Sie gruppieren sich um die Begriffe Nationalismus und Assimilation, die denn auch den Charakter der Zweigschen Denkergebnisse zu tiefst mitbestimmen. Arnold Zweig hat Triebkräfte aus beiden Bereichen empfangen und sie im zweckfreien Spiel erhabener Absichtslosigkeit wachsen und wirken lassen. Sie haben ihn zum glühenden Zionisten gebildet, dem aber jüdisch-völkischer Chauvinismus ebenso fern liegt wie das „Assimilautentum" der sich mit der Tarnkappe des Ueberdeutschtums unsichtbar machenden Brüder. Diese Weite des geistigen Horizontes läßt ihn Worte schärfster Abwehr finden gegen die lleberheblichkeit auf beiden Seiten und behütet ihn davor, dem Differenzasfekt zu erliegen, der, das ergibt sich aus der Natur der Sache, auch innerhalb der Judenheit zuweilen ein teuflisches Spiel treibt und dessen Gewalt auch der Autor sich nicht immer zu entziehen vermochte. (Wobei nebenher bemerkt sei, daß dieser Affekt im Haushalt der Menschheit geradezu unentbehrlich ist.) Und so knüpft denn Amold Zweig am Ende die Fäden seines bunten Gedankengewebes zusammen zur Verkündung der Aufgabe an die Inden: ihr Leben so einzurichten, daß eine Synthese vollzogen werde zwischen herzhaft bejahter, aber doch überwundener Assimilation und einem edlen, urgegebenen jüdisches Wesen treu bewahrenden Nationalismus, der ein in sich ruhendes Darleben seiner selbst sicher stellt. Diese kurze Betrachtung hat sich nicht das Ziel gesetzt, die Anschauungen Zweigs kritisch zu wägen; sie will weiter nichts als den Leser aus ein Werk Hinweisen, das nicht ohne tiefgehende Wirkung auf unser Geschlecht bleiben wird. Wenn man aber den Schreiber dieser Zeilen ftagte, an welcher Stellet seiner Meinung nach eine Kritik einzusetzen hätte, die wirklich die Dinge fördern könnte, so würde er die Prüfung der Möglichkeiten für die von Zweig geforderte Synthese empfehlen, aber auch eine bis in die letzten Einzelheiten eindringende Untersuchung des nach seiner Auffassung darzulebenden Jüdischseins, in dessen Wesensbeständen ja wohl nach Zweigs Meinung das Religiöse nur noch einen bescheidenen Platz einnimmt. *) entstammt übrigens diese gewiß nicht zutreffende Meinung Zweigs nicht auch der Zone des Differenzasfektes? Der Vers. Werbt neue Mitglieder!