Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Erkennungszeichen für diesen Sinn. Symbol ist die Uebertragung eines Abstrakten ins Konkrete, die Projektion einer Idee auf die Fläche der sinnlichen Wahrnehmbarkeit, die Modifikation unseres Innen in das Außen der Dingewelt. Wer fragt, wozu es dieser Symbole bedarf, der überlege zunächst, wie stark auch unser profanes Leben von Symbolen erfüllt ist. Oder ist denn unsere Sprache im Prinzip etwas anderes als Symbolismus? Ist denn das Gesprochene dasselbe wie das Gedachte, oder ist die Sprache nicht auch nur das Erkennungszeichen, das symbolon, für die Gedanken? Wer eine „Aeußerung" tut, der macht eben ein Innerliches zum für unsere Sinne wahrnehmbaren Außen. Genau das gleiche will das religiöse Symbol! Und die Buchstaben, — find sie etwas anderes als wiederum das Ausdrucksmittel stir die Sprache, also Symbole? Gehört nicht auch das Geld in diesen Zusammenhang? Symbolisieren wir nicht durch Alltags-, Festtags- und Trauerkleidung unser Innenleben? Sieht der Symbolverächter nicht den Widerspruch, wenn er aus der einen Seite erklärt, er habe zu den religiösen Symbolen keine innere Beziehung und er sich aus der anderen Seite vielleicht als Literaturbeslissener für den Symbolismus eines Maeterlinck oder Hosmannsthal begeistert? Wieviele, die zu „modern" sind, um an religiöser Symbolik Gefallen zu finden, sind wertvolle und begeisterte Anhänger der Logenbewegung, in der sie doch die prinzipiell gleiche Symbolik, nur in anderen Formausprägungen, wiedersinden? Wer den Willen dazu hat und noch nicht so weit ist, das Wort „Religion" nur mit einem atavistischen Nachgeschmack auf der Zunge aussprechen zu können, wird leicht in die innere Beziehung auch zur religiösen Symbolii kommen. Der wird dann auch nicht einwenden, daß doch die Sprache für die in Frage stehenden Zwecke genüge. Nein, sie genügt nicht dafür: Religion rst eben nicht nur ein Gedankepinhalt, sondern pulsierendes Leben, das sich in Hingabe und Tat äußern will, mrd wie sollte wohl durch Worte allein dieser ganze innerlich bewegte Mensch ausgedrückt werden? Es gibt Dinge, die sich nicht mehr in Worte fassen lassen, — oder warum versagen sich die Worte ganz von selbst dem tief aufgewühlten Menschen und machen dem Symbol Platz, etwa dem freudig oder traurig betonten Kuß, der mehr ausdrücken kann als eine Welt von Worten? Auch da, wo Gedanken, Gefühle, Willensregungen in Worten zwar gerade noch verständlich gemacht werden können, hat das Symbol in seiner Plastizität oft den viel großartigeren Ausdruck und die hinreißende Kraft. Kann z. B. der Wille zur Hingabe an Gott mit Worten so ausgedrückt werden, wie es früher durch das Opfer geschah, als es noch nicht sozusagen zu einem Bestechungsmittel herabgewürdigt war? Denn auch die Opferhcnchlung ist ihrem ursprünglichen Sinne nach eine symbolische Handlung: mit der Darbringung des Opfertieres sollte die Hingabe des Erdenmenschen an das Göttliche symbolisiert werden. Erst als die Opserhandlung ihren symbolischen Sinn verloren hatte, als das Opfer zu einem Geschenk wurde, das man Gott brachte, um unbekümmert ein Leben sittlicher Verwilderung weitersühren zu können, traten die Propheten gegen das Opfer auf; wir haben hier ein maßgebendes Beispiel für die Berwechsiung und folgenschwere Gleichsetzung von Form und Inhalt. Zusammensassend soll also zunächst gesagt werden: Symbol ist das Sinnbild für einen geistigen Inhalt. Die Sprache reicht nicht immer aus, um diesen Inhalt milzuteilen, insbesondere, wenn es sich weniger um Gedanken, als um Gefühle und Willensregungen handelt. Die Gefahr des Symbolismus besteht darin, daß die Erscheinung für die Sache genommen wird, Frömmigkeit sich in mechanischen Verrichtungen erschöpft, Religiosität sich in der starren Ausführung kasuistischer Paragraphensormulierungen manifestiert. Damit wird das Symbol unfruchtbar. Solcher Unsiuchtbar feit zu steuern, seien im folgenden die wichtigsten Symbole synagogalen Kults kurzer Erläuterung unterzogen. * Die Vorschrift fordert, beim Betreten des Gotteshauses die Hände zu waschen. Ueber die hygienische Bedeutung hin aus eine symbolische Handlung: Die jüdische Darstellung^des Satzes: „Mens sana irr corpore sano" - „Gesunde Seele in gesundem (reinem) Körper!" — Tatar des Vorbeters, Gebetmantel (Tallis): Ein ähnlicher Gedanke. Ablegen des Alltagsmenschen, Abschließen von der Welt erdhasten Tuns („Ach, ich bin des Treibens müde..."). Man sagt ja auch in bildlicher Redewendung: „Einen neuen Menschen a n z i e h n." Indem ich mich in den Tallis einhülle (und nur in dieser Enthüllung offenbart der Brauch seinen vollen Sinn, nicht in der heute üblichen Zusammensaltung), ziehe ich in eine anders geartete Welt ein, errichte ich die Trennungs wand zwischen dem Draußen des Tagesgetriebes und dem Drmnen meines Ich Selbst. Die ewige Lampe, das Symbol der Ewigkeit, entbehrt nach meinem Gefühl der Weihe, wenn sie, wie in vielen modernen Gotteshäusern üblich, in Form einer elektrischen Glühbirne betrieben wird. Einschalten — und Auswechseln der Birne, wenn sie durchgcbrannl ist, sind mechanische Verrichtungen, von denen befruchtende Kraft nicht ausgehen kann. Das ewige Feuer muß in Gestalt eines Oellämpchens durch Sorgfalt und Bemühn unterhalten werden, durch die Kette der Geschlechter sozusagen eine Synthese der Ewigkeit hergestellt werden, -- wie stark ist denn die Vergänglichkeit, die Veränderung des Einzelnen und die Dennoch-Ewigkeit des Seins und des göttlichen Wirkens symbolhaft ausgedrückt! (Ein kleiner Ring begrenzt unser Leben, und viele Geschlechter reihen sich dauernd an ihres Daseins unendliche Kette). Wieviele Juden mag es geben, die von den Tefillin (Gebetriemen) nicht einmal wissen, daß sie wirklich „Ge bäuse^ sind, die an Arm und Kops angelegt werden. Texte aus der Thora, auf Pergament geschrieben, eingeschlossen sind? (V, 6, 4—9, V, 11, 13—21; II, 13, 1—10; II, 13, 1D-16). Es soll Religionslehrer geben, die zwar viele Schüler zum Bar-mizwoh heranbilden, es jedoch nicht für nötig halten, ein paar geöffnete Tesillin für Untcrrichtszwecke zur Verfügung zn halten, die sich vielmehr damit begnügen, das Anlegen der Tefillin mechanisch beizubringen. Dabei könnte der Schüler dann so leicht verstehen, welchen Sinn diese symbolische Handlung hat: Kopf und .Herz (dem linken Arm gegenüber!) weiht der Jude mit Tagesbeginn seinem Gotte und läßt das in den Kapseln enthaltene Gotteswock ans sich einwirken, zu welchem vor allem das Sch'nm-Gebet, das Einheitsbekenntnis, gehört. Moderne Salonphilosophen empfehlen, jeden Morgen einen schönen Vers, einen Spruch in sich ausznnchmen und ihn als Talisman für das seelische Wohlbefinden in den Tageslänn mitzunehmen, ans den Wandkalendern, die sogar in den Kontoren hängen, findet man für jeden Tag des Jahres einen solchen Weih-espruch —, wer hindert dich, mit jüdischer Geste und in jüdischem Geiste das gleiche zu tun? Sinnreich ist auch, daß zuerst der für den Arm bestimmte Teil der Tesillin angelegt wird, dansn erst der für den Kopf: In die rechte religiöse Gesinnung kommt man zunächst nicht durch das Verstaudesdenken, sondern zuerst muß das Herz an den Dingen beteiligt sein, dann wird der Kopf schon die Wege finden, die jeden, auf die chm gemäße Art zur religiösen Harmonie führen. — Kiddusch und Hawdoloh, am Sabbateingang und -Ausgang, stehen in einem inneren Zusammenhänge. Kiddusch, die Heiligung des Sabbats und des göttlichen Namens, wird über einen Becher Wein gesprochen, der ein Bild des himmlischen Segens ist. „Der Ewige ist mein Kelch", singt der Psalmist (Ps. 16, 5). Wie der Sabbat nach biblischer Auffassung nicht nur ein Aus ruhetag ist im Sinne des modernen „weelend", sondern selbst ein Symbol ist. („Zwischen mir und zwischen den Kindern Israel sei er ein „Zeichen" für ewig". II. M. 31, 16—17.) So symbolisiert auch der Wein als das ausgezeichnete Getränk wiederum diesen ausgezeichneten Tag. — Den Willen, von dem Sabbatgeist etwas herüberzurettcn in das Alltagsgetriebe der kommenden Woche, symbolisiert die H a w d o l o h (Ünterscheidungs-Gebet) am Sabbat-Ausgang. Darum zunächst noch einmal der Spruch über den Wein: des ferneren ein Segensspruch über Gewürze, deren Tust ein Bild des geistige n Genusses am Sabbat ist, von dem wir Kraft und Weche für das Wochenwerk empfangen sollen. Geruchswahrnchmungen erscheinen uns leichter als nicht sinnliche Wahrnehmungen - wenn diese contradictio Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands llllltlllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUllllllllllllllllllllllllllllllllIUlllltllllllllllSItl in adjecto gestattet ist — als beispielsweise Geschmacks- oder Gesichtswahnlehmungen, weil es uns bei ihnen leichter fällt, die in uns entstehende Empfindung zu trennen von dem D ing, welches diese hervorruft; darum ist gerade der Weiheduft besonders geeignet, den geistigen Sabbatgenuß zu versinnbildlichen. Zur Hawdoloh gehört dann noch der Segensspruch über das leuchtende Feuer einer Kerze, welche ein Bild der göttlichen Urkraft und ihres machtvollen Wirkens ist. Beim Beginn der neuen Wochenarbeit sollst du bedenken, daß auch du nur verursachter Teil dieser Urkraft bist. Die Schlußworte, die eigentliche Hawdoloh, preisen den Wert des Ausgezeichneten, Unterschiedlichen, von dem die Kraft ausgeht, auch auf das Gewöhnliche weiterzuwirken und dieses zu verklären. In diesem Sinne wird außer auf den Unterschied zwischen Sabbat und Werttag auch auf den zwischen Israel und den Heidenvölkern hingewieseu. — Obwohl diese Zeilen nur von den wichtigsten Symbolen des synagogalen Kults handeln sollen (denn die Zahl der symbolischen Bräuche im häuslichen Gottesdienst ist zu groß), möchte ich auf eine Erweiterung des Hawdoloh-Symbols ganz in dem soeben dargelegten Sinne Hinweisen, die ich vielfach gesehen habe. Bei dem auf die eigentliche Hawdoloh folgenden Sang: „Hammawdil ben kaudesch l'chaul..." taucht der Hausvater mit den Fingern in die beim Eingießen übergelaufene Weinslüssigkeit und füllt sich während des Singens damit die Taschen. Er will eben noch etwas vom Sabbat in die kommende Woche mitnehmen. „Sich die Taschen füllen" hat nun aber auch eine etwas materielle Nebenbedeutung, und der Brauch wird nicht ganz frei sein von dem handgreiflichen Wunsch, daß Gott nun auch in der kommenden Woche für gefüllte Taschen sorgen möge. Wozu der ostjüdische Sang, der mir aus meiner Jugend im Ohr ttingt, und der als Variante des hebräischen „Hammawdil" nach diesem gesungen wurde, die beste Illustration liefert: „Hammawdil ben koidesch l'choil —, Wer es hot Geld, dem is woil. Wer es hot obber kein Geld, Dem is doch bitter die Welt!" —- Wer nach diesem Vers dem Sänger des Liedes unterstellt, daß chm das Geld also doch lieber war als die schönste Sabbatweihe, hat zu der Seele des jüdischen Volksliedes nicht die Spur einer inneren Beziehung. Aber das liegt 'in diesen Zeilen: Etwas von der Trauer, daß nun der Sabbat mit seiner Losgelöstheit vom Alltagskram schon wieder vorbei ist und etwas von der wehmütig-lächelnden Resignation darüber, daß zum Leben leider auch Geld nötig ist und daß die Sorgen und das Placken fürs tägliche Brot iwwl wieder an fangen sollen. Man schreibt und spricht so viel von der Freitag-Abend-Stimmung; man sieht: auch der Sabbat-Ausgang, an dem noch die Feierstimmung des hingedämmerten heiligen Tages in den Werkabend hinüberhallt, hat — oder hatte einmal — sein ihm eigenes Fluidum. — Die Symbole des S s e d e r - Abends am Peßachfeste sollen, als zum häuslichen Gottesdienst gehörig, hier keiner Erörterung unterzogen sein. Das Auf stehn während der Verlesung der 10 Gebote am W o ch e n s e st e als symbolische Ehrfurchtbezeugung der Hoheit göttlichen Geistes, gibt Veranlassung, andere Bräuche gleichen Ideengehalts zu erwähnen (Verbeugen vor der Thora, N i e d e r s a l l e n an den hohen Feiertagen, di? orientalische Sitte der Kopfbedeckung u. ä.) und darauf hinzuweisen, daß auch gerade diese Bräuche nur Symbole sind und keineswegs der Anbetung eines anthropo morph gedachten Gotteswesens gleichkommen. Indem ich diese symbolischen Handlungen vornehme, bringe ich mir die eigene Kleinheit und Unbedeutendheit zum Bewußtsein und werde dadurch zur Demut gefühtt —, keineswegs richtet sich meine Verehrung auf etwas sinnlich Vorstellbares. Um jede Möglichkeit solchen Tuns zu unterbinden, ist im jüdischen Gesetz jedes hinge st reckte Beten ausdrücklich verboten. Reich an Symbolen ist das Laubhüttenfest. Die Laubhütte selbst, als geschichtliches Erinnerungszeichen gedacht, ist geeignet, uns die immer größer werdende Ueberfeinerung unserer Bedürfnisse vor Augen zu führen. Gern betreten wir sie und geben uns der freudigen Festesstimmung hin, die in ihr herrscht —, so wie wir ja auch das primitive Wochenendhaus für 1—2 Tage wundervoll finden. Was eine Zeit lang wegen der Abwechslung Lustgefühle in uns weckt, kann, auf die Dauer uns auserlegt, schnell unerträglich wer? den —, man mache sich nur darüber seine Gedanken, wenn man die Laubhütte betritt, daß wir uns in unseren Ansprüchen etwas weit von der Primitivität früherer Zeiten entfernt haben. Der Feststrauß des Laubhüttenfestes ist mannigfaltigster Deutung unterzogen worden: Als Bild ausgleichender, sozialer Gerechtigkeit, des Zusammengehörens aller Menschenklassen, der Vereinigung der verschiedensten Werte, kann er jeden anregen, zu einer gehaltvollen Einstellung diesen Problemen gegenüber zu gelangen. Eine alle Vorzüge — Geschmack. Geruch, schönes Aeußere — in sich vereineripe Frucht, dev Eßrog, vereinigt sich mit dem Lulow (Dattelpalme), die schon weniger vollkommen ist, da Geruch ihm fehlt, mit der Myrte, die keinen Geschmack besitzt, und mit der ganz unscheinbaren Bachweide, der jeder Vorzug fehlt, zu einem einheitlichen Ganzen —, die symbolische Darstellung des Satzes: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat nicht eiti Gott uns erschaffen? Warum sind wir treulos gegeneinander? (Mal. II, 10.) Der Brauch, ckm Hauschanoh-rabboh, dem 7. Tage des Laubhüttenfestes, ein Bündel Bachweiden abzuschlagen, ist, wenn er mit der abergläubischen Vorstellung verbunden ist, daß wir unsere Sünden ans die Blätter übertragen und diese auf die genannte gewaltsame Weise entfernen, abzulehnen; etwa als Symbol dafür, wie selbst unscheinbare Pflanzen bei Wassermangel verdorren und ihre Blätter verlieren (am darausfolgenden Tage wird das Gebet um Regen feierlich verrichtet), kann er uns noch heute etwas sagen, wenn wir ihn zum Anlaß nehmen, uns eürmal über die Kausalität im Weltgeschehen bis in die letzten Konsequenzen Gedanken zu machen und zu erkennen, wie zur Erhaltung auch des geringfügigsten Dings immer die Schöpfung in ihrer Totalität vonnöten ist. Dazu ist jedoch nicht nöttg, mit der Bachweide so lange und so laut auf der Bank herumzuschlagen, bis auch wirtlich alle Blätter abgeschlagen sind — und die Würde des Gottesdienstes aufgehoben ist. Symbole drücken sich am häufigsten in für den Gesichtssinn wahrnehmbaren Formen aus. D aß auch Gehörswahrnchmungen geeignet sind, den Zweck religiöser Symbolik zu erfüllen, beweist das Widderhorn (Schofar), dessen aufrütlelnde Töne uns als Weckruf ins Gewissen dringen sollen, und welches darüber hinaus ein Symbol für die geforderte Hingabe und völlige Aufgabe des erdhaften Triebmenschen ist, da es (siche vorhin) an ein Opfer erinnert, an die Opferung Jsaacs, an dessen statt Abraham einen Widder darbrachte. — Ist es nötig zu sagen, daß dem aus Furcht durchgeführten Fa st e n am Versöhnungstage, wie allen Symbolen, keinerlei Wert an sich beikommt, daß es aber als gern und freudig übernommene Kasteiung die Kraft besitzt, unser Ich zu heben durch das befriedigende Gefühl der Fähigkeit zn Opfer und Verzicht, daß wir an unserer inneren Reinigung nur gelbst arbeiten können und daß die Spekulation auf einen Saldo-Ausgleich unseres Sündenkontos durch mechanisches Tun eine gänzlich unfruchtbare ist? Nein, es ist nicht nötig; denn drohender, besänftigender, glühender, treffender, begeisterter —, kurz: prophetischer könnte es nicht gesagt werden, als der Prophet Jesaja es in der Haphtarüh, die am> Versöhnnngstage zum Vottrage kommt, tut. (Kap. 57/58.) Kurz hingewiesen sei noch auf die Trauer symbole des 9. Aw, der nach meinem Gefühl vom libemlen Judentum eine bedauernswerte Vernachlässigung erfährt. Dieser Tag, an dem es jedem, der über den nationalen Zusammenbruch nicht Kagen will, sreisteht, dies über die Zerstörung des Tempels zu tun, dieses Symbols jüdisch-religiösen Geistes, hat seine ganz eigene Note. Schwach erleuchtet ist der Raum des Gotteshauses, alle schmückenden Vorhänge, die Silberbehänge der Dhorarollen sind entfernt; der Vorbeter sitzt auf den Stufen zum Altar, um die Klagelieder mit weinenhev Stimme vorzutragen —, wer einmal Gelegenheit hatte, dem aufwühlenden Klagegesang russischer Chasanirn zu lau schell, dem werden all diese Trauersymbole des 9. Aw als Ausdruck jüdischer Seele bei aller Verbundenheit mit der modernen Kullur unauslöschlichen Eindruck gemacht haben. — Diese Darstellung und Erläuterung religiöser Symbole im jüdischen Gottesdienst erhebt weder den Anspruch ans Vollständigkeit, noch den auf Allein-Gültigkeit der jeweiligen Deutung. Allein die Tatsache, daß unsere Rabbiner mit Vorliebe ihren Predigten die jeweiligen Festsymbole zugrunde legen und zn immer neuen interessanten Auslegungen gelangen, beweist, wie mannigfach die Möglichkeiten sind, Symbole inhaltlich zu erschöpfen. So soll es ja aber auch sein. So wie manche Wörter der Sprache im Lause der Zetten einen Bedeutungswandel durchmachen, d. h. der Inhalt des Begriffs sich ändert, während die Bezeichnung die gleiche bleibt, so ist es auch mit den Symbolen. Bei detz: Forderung nach Aufgabe überalterter und Schaffung neuer Formen (meistens erscheinen sie dem überaltert, dem sie nicht durch Hebung und Gewöhnung ans Herz gewachsen, sind) wird häufig übersehen, daß es ja ans die Form erst in zwetter Linie ankommt und der I nh a l t das Maßgebende ist. Dieser gestattet jedoch jederzett eine veränderte Auffassung. Gewiß kann auch die Form selbst als mit dem jeweiligen Geschmack nicht vereinbar zur Ablehnung führen. Zwei Beispiele für diese Art kultischer Symbolik seien erwähnt: Am Ssimchas-Thauroh-Fest, das gewiß seinem Namen entsprechend der Freude geweiht sein soll, findet man vilelleicht noch heute kleinere Bethänser, in denen als handgreisi lichcr Ausdruck dieser Freude Honigkuchen mit Branntwein den Betgenossen gereicht wird. — Zur Vorlesung des Esther- Buches (Megilloh) am Purim erhielten wir als Kinder Jahrmarttskuarren, und jedesmal, wenn in der Vorlesung der Name Ha man vorkam, war es uns gestattet, unserer Freude über seinen Untergang dadurch Ausdruck zu geben, daß sich sämtliche Knarren in Bewegung setzten und einen Heidenlärm verursachten, der sich erst nach ausgiebigen Verhandlungen des Synagogendieners mit jedem einzelnen Kinde und beschwichtigenden „Scha"(Stille)-Rufen seitens der Erwachsenen, verbunden mit immer ungeduldiger werdendem Klopfen auf die Betpulte, wieder legte. Freu d e hat das den Kindern nun ja gemacht, aber über den Geschmack, ob hier sowohl Form wie Inhalt des Symbols der Würde eines Gotteshauses entsprechen, läßt sich streiten. Aus die Gefahr, die in der Gleichsetzung von Form und Inhalt liegt, nämlich auf die völlige Unfruchtbarkeit einer dogmatischen Verrichtung ohne die geistige Besinnung, ist schon hingewieseu worden. Ueber diese negative Gefahr hinaus kann das Symbol aber auch noch durchaus positive Verkehrtheit bedeuten, nämlich in das Reich des Aberglaubens führen. Auch hierfür einige praktische Beispiele: Bei dem Satz des Olenu-Gebets „Waanachnu kaur^ im..." glauben manche, da durch diesen Satz der Unterschied zwischen der monotheistischen Gottesauffassung Israels und ^der der vorher genannten Heidenvölker festgestellt wird, ihre Seele vor jeder Berührung mit dem Götzendienst auch nur in Geöanken retten