Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V, IWchÄeraleZeMng Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle l/4 jährlich M. 2.5u Ltuzelnummer 0,20 Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 ^ür die Mitglieder ver Vereinigung ist der Bezugspreis »m Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Verantwort!. Redakteur. Bruno Doyda. vis „Jüdisch-liberale Seilung" erscheint jeden Sreitag. Redaktion u. SsschSklssleNe: vsrlin SW, WUfrelmftr. 147. Sernruf: ßofenl>eiOe 3353, 3359 Poftfdjecfcfconto: Berlin n\V7 nr.137069 (Vereinigung für Vas liberal* Judentum Nachdruck sSmtllchsr Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Tie 12 gehaltene Nonpareillezeil« 0.45 Goldmark, die Rtklamezeile 3.00 Gotdmark. bei :: u :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: «Jüdisch - liberale Zeitung" Änseraisuabicilung: Berlin EW48, Wilhelmstraße 147 lHasenheide: 3358 —5A. sowie sämtl. Annoncen-Exped. Kr. 35 Berlin. 2. September 1927 7. Jahrgang Religiöse Symbolik IW 7?nllt7 W in her Rtfiaion! Gott genannt, sie liegt außerhalb der Sphäre alles Ding VW APUe Prr ^IJUIPPIU Ul uri -tmiyiUU > h^ten und kann daher, weil die Sprache nur auf die Dinge Bon George Goetz. Die meisten Menschen, nach der Rolle der Symbolik in I der Religion befragt, würden etwa antworten, daß man durch symbolische Auslegung des Kanons und der Riten die Beziehung zwischen den biblischen Erzählungen und traditionellen Vorschriften einerseits und dem praktischen Leben in der heutigen Zeit andrerseits Herstellen müsse. In der Tat gibt es wohl keine Predigt und keine religiöse Unterrichtsstunde, in der nicht dergleichen symbolische Ausdeutungen versucht werden. Dennoch wird die eben erwähnte Antwort dem wahren Sachverhalt nicht gerecht. Wäre die Symbolik lediglich Schmuck und Zierat der Religion und allenfalls ein gelegentliches Mittel zur Verdeutlichung von Einzelheiten, so müßte die Religion auch ohne Symbolik auskommen können. Das tut sie aber nicht, und der Sachverhalt ist in Wirklichkeit der, daß die wahre Religion in dem, was ihren objektiven Bestand ausmacht, mit dem Begriff der Symbolik völlig zusammcnfällt. — Wer da nun aber mit dem oft gehörten Gegenargument kommen will: „Wenn die Religion weiter nichts ist als Symbolik....!", der wird gebeten, diese Zeilen zunächst zu Ende zu lesen, damit er sehe, zu was die Religion wird, wenn man ihr die Symbolik nimmt, und damit er von dem Wert und Gebrauch der Symbolik eine richtige Auffassung bekomme. Ein zweites Argument, das sich gegen die Symbolik Vorbringen ließe, mag uns ans den Weg helfen. Symbol heißt Sinnbild, und —: „Du sollst dir kein Bild machen!" — So paradox es klingt, es ist doch die Wahrheit, daß nicht die Symboliker, sondern daß im Gegenteil diejenigen, die alles wörtlich genommen wissen wollen, die dauernden Sünder gegen das Zweite Gebot sind. Zwar machen diese Heiden, oder, wie sie mit wissenschaftlichem Ausdrucke benannt werden müssen, diese G l a u b e n s m a t e r i a l i st e n sich nicht Bilder aus Stein oder Gold, aber doch machen sie sich von Gott ein Bild, eine V o r st e l l u n g als von einem Dinge gleich den andern Dingen, die „im Himmel oben oder auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde" sind. Mit Worten behaupten sie zwar, er sei „gestaltlos reiner Geist", aber doch machen sie sich in Wahrheit ein Bild von ihm wie von einem Dinge, indem sie ihn hineingestellt glauben in die allgemeine dingliche Kausalität: ec wirkt in diese Welt der Dinge hinein, wie auch andre Dinge das tun; und infolgedessen kann man auch auf ihn einwirken, wie man auf andre Dinge kann. Der ganze Glaubensmaterialismus läßt sich bestimmen als diejenige Form der Religion, in der an Wechselwirkung zwischen Gott und Welt geglaubt wird. Materialistische, fast möchte man sagen mechanistische Weltanschauung: alles was in der Bibel erzählt wird, hat Gott wirklich getan, die zeremoniellen Vorschriften hat er wirklich angeordnet. Und natürlich gesellt sich zu diesem Materialismus der Anschauung sofort auch der Materialismus der Gesinnung: wer die Vorschriften nicht erfüllt, der beleidigt und erzürnt Gott, macht sich Gott zum Feind und zieht sich Unheil zu; wer die Vorschriften befolgt, erregt Gottes Wohlgefallen, verdient sich Gottes Dank und erwirbt sich — zeitlichen oder „ewigen" — Lohn. — Die biblischen Erzählungen mitsamt den göttlichen Wundern und Offenbarungen und mit den zeremoniellen Vorschriften, die ja einen Teil dieser Offenbarungen ausmachen, — alles bas wird wie geschichtswissenschaftlich wirkliches Tatsachenmaterial geglaubt; die Zeremonien selber, glaubt man, seien ein materiell wirkendes Handeln; und so bedient sich der von Symbolik nicht wissende oder nicht wissenwollende Glaubensmaterialist der Religion, wie er sich der Technik und Medizin bedient: zu eigenem Nutz und „Frommen". Und wirft, wie das selbstverständlich ist, die ganze falsch verstandene Religion über Bord, sobald er auch nur eine Einzelheit seines Glaubensmaterials als von der Philosophie oder der forschenden Wissenschaft widerlegt erkennt. Das ganze hinter uns liegende „Aufklärungszeitalter" huldigte ja diesem Sport, die Bibel als Geschichtsquelle zu disqualifizieren und die Dogmen des Glaubensmaterialismus in allen Konfessionen zu widerlegen; und wenn daraufhin so viele Menschen in allen Religionsgemeinschaften der „Religion" den Rücken wandten, so zeigt das, daß den weitaus Meisten nur das Zerrbild der Religion, der Glaubensmaterialismus, bekannt ist. Denn die Religion kann durch solche Art der Aufklärung wahrlich niemals widerlegt werden; sie kann niemals widerlegt werden. Das wissen in allen Religionsgemeinschaften die wahrhaft Religiösen, die Freien, die sich von Gott kein Bild nach Art des Materialismus machen und die gerade darum Symbokiker sind. Die wahrhaft höchste in uns liegende Idee, von der Philosophie das Absolute, von der Religion geht, mit keinem Worte adäquat benannt werden. Dre Sprache kann den Geist nicht sagen. Aber dennoch will, dennoch muß der gotterfüllte Mensch sprechen von; Dem, dem er so völlig hingegeben ist, muß von seiner Gottesliebe „reden, wenn er sitzt in seinem Haus und wenn er auf der Straße gehet, wenn er sich niederlegt und wenn er aussteht". Und um nun solcherart über Das zu.-reden, was nicht gegenständlich in der Welt vorhanden, wovon man sich mit aller Phantasie kein Bild, keine Vorstellung machen kann und darf, wofür es folglich auch kein Wort gibt in keiner Sprache, um das iit Wahrheit Unsägliche — )ennoch! — zu sagen, sprechen die religiös schöpferischen Menschen, sprechen die Propheten vom G eiste mit. Worten, die der Welt entnommen sind, sprechen gleichnishaft von der Welt und meinen doch den Geist, sprechen von einer durch die geistige Betrachtung wundersam veränderten Welt — ja, die Religion erzählt Wunder und spricht in Gleichnissen! Und was von dem religiösen Geschichtsmaterial gilt, das gilt entsprechend von den zeremoniellen Handlungen. Die biblischen Erzählungen sind keine Beschreibungen materieller Vorgänge in der Welt (denn insofern sie mit den materiellen Vorgängen in der Welt übereinstimmen, gehören sie der Geschichtswissenschaft, nicht der Religion an), und die zeremoniellen Formen sind kein handelndes Verändern der materiellen Vorgänge in der Welt. Wie die biblische Erzählung (insofern sie, unabhängig von ihrer geschichtlichen Wahrheit oder Unwahrheit, der Religion angehört) Gleichnis sein will, so ist die zeremonielle Form, ist das frühere rituelle Opfern und ist das heutige rituelle Beten Symbol, zielt nicht ab darauf, erhört und wohlgefällig ausgenommen zu werden, sondern zielt darauf ab, den Beter zu erheben und ihm bildhaft vor Augen zu bringen Das, wovon es kein BUd gibt noch geben darf. Wir haben eingangs gesagt, daß die Religion in dem, was ihren objektiven Bestand ausmacht, mit dem Begriff der Symbolik zusammenfällt. Das heißt also: Religion manifestiert sich als Symbolik; es heißt nicht: Religion ist Symbolik. Denn dieses letzte, das wäre ganz dumln Es würde darauf hinauslaufen, daß auch Gott lediglich ein Symbol wäre, und damit wäre die Religion zu einem läppischen Geschwätz gemacht. Gott ein Symbol — dann wäre er weniger als die Welt, weniger als jedes einzelne Ding in der Welt, denn den Dingen und der Welt kommt doch wenigstens die relative Existenz zu; ein Symbol aber wäre eine bloße Fiktion ohne jede Existenz. Gott aber ist mehr als die einzelnen Dinge und mehr als die ganze relative Welt, weil ihm, ihm allein, die absolute Existenz zukommt, weil er Das Absolute ist. Das Absolute, Gott, erkennen und mit ihm leben — das ist Religion. Der Gott des wahrhaft religiösen Menschen ist kein materiell wirkendes Ding und also auch kein Ding, auf das man einwirken könnte! Wie sich der religiöse Mensch jeglicher materialistischen Anschauung von Gott entschlagen hat, so auch jeglicher materialistischen Gesinnung in Sachen der Religion. Er tut Gutes nicht, weil er hofft, daß dann auch ihm Gutes geschehe, oder weil er fürchtet, daß sonst ihm Böses geschehe — das ist die abergläubische Meinung der Glaubensmaterialisten —, sondern er tut Gutes, weil er als religiöser Mensch in des Wortes tiefstem Sinn gar nicht anders kann; und er nimmt böse Schicksalsschläge als unabänderlich hin, was ebenfalls nur der religiöse Mensch kann: angesichts des Todes seiner Liebsten Gott preisen mit den Worten Hiobs oder mit den Worten der Kaddisch-Lobpreisungm. So ist die Religion (und mit ihr die Philosophie) dasjenige, was den naturnotwendigen Materialismus des Lebens überwindet und den Menschen über sich selbst erhöht. Die durch Religion und Philosophie gegebene Erkenntnis des Absoluten, die Gotteserkenntnis allein gewährleistet ein Leben der Liebe, der sozialen Ethik; und es glaube nur keiner, die soziale Ethik könne auf sich selber stehen. Wenn sie nicht herfließt aus der das natürlich-egoistische Leben überhöhenden Gotteserkenntnis, so steht sie lediglich auf dem zu ihr nicht passenden, sie nicht tragenden Fundament des gewöhnlichen Lebens und wird jedem Ansturm, jedem Zorn, jeder Not, jedem Leid, jeder Versuchung erliegen. Dies alles ist von der Religion selber gesagt, von dem, was sie ist, was sie in jedem einzelnen religiösen Menschen ist. Ihr äußerlich, in festen Formen sich manifestierender Bestand ist ein System der Symbolik. Man denke nur an Israels Wüstenwanderung, die die Lebensreise jedes religiösen Menschen ist: die Fahrt aus der ägyptischen Finsternis und Knechtschaft unsres Lebens durch Leidenschaft, Wüste und Gefahr hindurch zur Offenbarung und zum schöneren, innerlich freien Leben in einem gelobten, von Gotteserkenntnis überglänztem Land: und man vergegenwärtige sich den erschütternden Anblick, wenn beim Ertönen der yerzandringenden Klänge des Kol Nidre die beiden Gemeindeältesten, neben dem in weißes Gewand gekleideten Vorbetcr stehend, namens der ganzen Gemeinde und namens ganz Israel das Joch der Thora auf ihren Schultern tragen! Man vergegenwärtige sich dies und vieles andere, und man wird verstehen, wie aus den ewig gültigen Gleichnissen der Bibel und aus den tiefsinnigen Symbolen und eindrucksvollen Gesten unserer Tradition der religiöse Mensch immer wieder Antriebskraft, Erfrischung, Erneuerung schöpft. Symbolik ist die Sprache der Ewigkeit in unsrer Zeitlichkeit. Die religiösen Menschen verstehen diese Sprache und finden in den Erzählungen und Bräuchen trotz aller Wiederholungen immer wieder Neues, trotz manchen ungereimt scheinenden Merkwürdigkeiten immer wieder Packendes; sie finden darin ihr Bleibendes, ihr Ewiges. So wird ihnen die Religion zu einem immer sprudelnden Quell des Lebens; und: wer — nicht in der Sedernacht nur, sondern sein Leben lang — „am meisten vom Auszug aus Aegypten zu erzählen weiß, der gilt als der Weiseste". Nur natürlich muß dies Erzählen kein Schwätzen sein, sondern ein wahrhaftes Leben mit den wahrhaften Gedanken, mit den Gedanken, die die Religion uns ans keine andre WeHe als ganz allein in Symbolen auszudrücken vermag, die wir aber, nachdem sie uns solcherart und in fortdauernder Uebung nahegebracht sind, in aller Stärke fühlen, in aller Klarheit wissen, und nach denen auch unser Wollen, das Wollen und Tun des religiösen Menschen sich richtet. Symbolik im jüdischen Gottesdienst Von Hauptkantor Bernhard Alt -Danzig. Unabhängig von der Arbeit oder von dem Kampfe, den jede Bewegung, sei sic politischer, religiöser oder irgendwelcher anderen Art, gegen die G e g n e r der Bewegung zu leisten hat, erwachsen ihr Aufgaben in den Reihen ihrer eigenen Anhänger. Falsch verstandene Grundsätze der Bewegung oder deren zu wert geführte individuelle Auslegung wandeln die Anhänger in schädliche Anhängsel, weck gerade gegen sie, nicht gegen die maßgebenden Vertreter der Gegner seine Angriffe richtet — trotzdem die Zugehörigkeit dieser sogenannten Anhänger nicht durch Ueberzeugnng, Willen und Tat, sondern nur durch die äußerliche Mitgliedschaft an sich sanktioniert ist. In dieser Beziehung hat der Liberalismus in der Hauptsache eine zweifache Ausgabe zu erfüllen: Er hat gegen die Mitläufer zu kämpfen, die den Namen der Bewegung mißbrauchen, um ihrer Lauheit, ihrem Jndifserentismus einen schützenden Mantel umzuhängen, die sich einfach „liberal" glauben nennen zu können, um ihr Gewissen zu salvieren und denen Liberalismus eine Entschuldigung vor den andern und vor sich selbst für ihr völliges Desinteressement an allen religiösen Problemen oder für ihre geistige Bequemlichkeit bedeutet. Zweitens müssen die religiös zweifellos interessierten Anhänger immer wieder darauf hingewiesen werden, daß Liberalismus nicht nur eine graduelle Abstufung religiöser Riten bedeutet, sondern eine prinzipielle Betrachtungsweise. Nicht das Mchr oder Weniger an ausgesührten Zeremonien entscheidet über Zugehörigkeit zum Liberalismus; in seine Reihen gehört auch derjenige, dem zur Befriedigung seiner seelischen Bedürfnisse sämtliche Vorschriften des „Schulchan aruch" notwendig sind, — wenn er die Bräuche nicht um ihrer selbst willen tut, sondern in ihnen den Geist aufsucht und findet, der es vermag, eine Aufwertung seines Jchs herbeizuführen und — wenn er großzügig genug ist, dem andern das Recht auf andere Möglichkeiten seelischer Höherwuchtnng zuzuerkennen. Treffend drückt es Seligmann in der „Geschichte der jüdischen Reformbewegung" aus: „Liberalismus ist nach seiner historischen Grundbedeutung zunächst weder ein positives Programm noch ein System, weder eine Organisation noch eine tarlei, überhaupt keine dingliche Wirklichkeck, sondern eine timmung, eine Geistes- und Wcklensrichtung, eine Denkweise, eine Gesinnung, eine Seelenverfassung!" Bei der Spezialisierung der oben genannten Ausgaben ist die Vermittlung einer fruchtbaren Einstellung zu dem Problem der religiösen Symbolik von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Gehören doch die Symbole in die Klasse dev Riten, Bräuche, Zeremonien, und gerade an diesen scheiden sich ja die Geister. Nur eine oberflächliche Betrachtungsweise kann zu einer Ablehnung der Symbole kommen. Denn das hieße zu einer Ablehnung eines großen Teiles religiiossittlicher Ideen kommen. Denn mit dem Symbol steht es doch so: Es hat keinen Wert an sich als dinghafter Vorgang, sondern es beheimatet einen Inhalt. Symbol heißt: das Sinnbild, d. i. also das Bild für einen Sinn, das i J