Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ganz entschieden wende ich mich aber gegen die sogenannte jüdische Abteilung in einer interkonfessionellen Anstalt. Entweder wir haben ein jüdisches Psychopathenheim, oder wir haben keins. Haben wir kein jüdisches H-eim, so müssen wir eben ein solches schassen, und wir werden dann auch die entsprechenden Kräfte haben, die diese abnormen Binder zu betreuen in der Lage sein werden. Es wäre ia geradezu ein testimonium paupertatis für unsere jüdische Lehrerschaft, daß in ihr nicht auch solche Kräfte vorhanden sein sollten, dre diese Arbeit gern und freudig auf sich nehmen, um, mH dem notwendigen Rüstzeug ausgestattet, ans Werk zu gehen. Müssen aber die Kinder gezwungenermaßen in eine interkonfessionelle Anstalt gegeben werden, dann soll inan! keine Sonderabteilung mit ibnen angliedern: es wird da sofort zwischen ihnen und den übrigen Insassen des Heimes eine Scheidewand aufgelan, sie werden von den aderen als nickt gleichgestellt empfunden, sie werden als fremde. Andersgeartete angesehen, und es wird in einem solchen Heime niemals verhindert werden können, trotz toleranter und liberaler Anstattsleitung, daß 'die jüdischen Kinder gereizt uut> verletzt werden. Kinder haben für das Besondere einen s.'iw.-n Bliä, und Neckerei und Schimpf sitzen bei innen sehr lose. Schon die Feier der Sabbate, der wöchentlich sich wiederholende Versammlungskalender j j * i; Abteilung, aber es ist kein jüdisches Hein:. Das jüdische Heim vermag unseren Kindern nur die eigene große jüdisch^ Haushaltung zu gebe::. Möge öaru.m auch dieser Beitraa dazu dienen, das jüdische Heiterzirbunasheim reckt bald er stehen zu lauen. Dirokror B en. Beelirz. Der Niedergang des Zionismus Bei der Wahl für den Zioniftenkongreß wurden in ganz Deutschland 6656 gültige Stimmen abgegeben. Er ist dies ein c r ft a u n 1 i cf) g e r i ngec Pro; e n l s a tz der deutschen Juden, der dein höchsten Forum der zionistischen Bewegung, dein Forum, das dieser Bewegung Richtung und Inhalt gi.br, I n t e r e s s e bezeigt. Nickt minder symptomatisch in das Verhältnis der Fraktionen, das die Wahl geschahen, har. Als Sieger gehen Misrachi (-1 Mandate- und Poale Zion (3 Mandate» hervor, während die ..radikalen" Zionisten uird die „Revisionisten", die beide, wenn auch mit anderen Methoden, den Urzioulsrnus gegenüber dem Opportunismus der gegenwärtigen Leitung Zinker Zentrum mit 4 Mandaten) durchsetzen wollen, mir einem bzw. gar keinem Mandat vernichtend geschlagen erscheinen. Dieses Ergebnis bedeutet nichts geringeres, als oaß sich jene Schichten, die den Zionismus geschaffen habeir, von chrer Schöpfung ab gewendet und sie als Erbe denen überlassen haben, die einst der Bewegung seirrdlich gegenüberstanden. Die Schöpfer des Zionismus waren bekanntlich die Dr e x< geister Herzt und Nordau, deren Zusammenhang mit dem Judentum nicht aus innerer Kohäsion, sondern aus äußerer, durch die soziale Struktur Europas bewirkter Adhäsion beruhte. Heine hatte noch den Tauffchein als Entreebillet zur abendländischen Zivilisation gewertet. Im Zeitalter des Rassenantisemitismus war das nicht mehr möglich. Die Ablehnung des als Juden Geborenen erfolgte unabhängig von dem Inhalt und der Intensität seiner Religiosität. Daher wurde auch die Abwehr dieser Feindschaft von der Religion emanzipiert und als neues Organisationsprinzip der Inden das zoologische, sprich „nationale" entdeckt. Es ist klar, daß die gläubigen Juden von dieser Entdeckung nichts wissen wollen. Sowohl die Liberalen als auch die Orthodoxen weigerten sich, den neuen Weg mitzugehen, bis die Führer dem religiösen Empfinden Konzessionen machten. Die Ablehnung des Uganda-Projekts und die Festle- Berlin-Rordev. L«berat« Synagoge Norden, Schönhauser Alice 162 (Auerbachsches Waisenhaus), Gottesdienst am Freitag, den 26. August, abends 7.15 Uhr. Predigt: Rabbiner Tr. Salomonsli. Sonnabend, den 27. August, früh 10 Ubr. Ili Breslau („Abraham Geiger"» Vorsitzender: Rabbiner Dr. Halpersohn, Breslau 13, Moritzstraße 50. Briefadreffe: Alfred Berger, Breslau 13, Augustastrafie 87, Fernsprecher Stephan 37754. Sonntag, den 28. August, Besuch der GugaU-Ausstellung in Liegnitz. Abfahrt 7.47 Uhr Hauptbai-nhof. Treffpunkt 7.15 Uhr pünktlich vor dem Nordhotel. Unsere aiimöchentlichen Zusammenkünfte finden bis aui weiteres jeden Mittwoch abends von 8.15 Uhr an im Üurgarien, Kürassierstraße 12-18 (hei ungünstigem Weiter im Saale», statt. Gaste find herzlich willkommen. Winke und Wünsche für die Bereinsarbeit im Winterhalbjahr werden gern eutgeqenqenommen. I!« Frankfurt a. M. 1. Vorsitzender: Dr. Hugo Hoffmann, Riedenau 37II, Telefon Maingaü 1873. Daselbst jede nähere Auskunft. Heimabende im Sitzungszimmer der Synagoge an der Kvnigstünerstrage. jeweils urn 20.30 Uhr: Dienstag, den 30. August. Tagesfragen. Iugendgrupve: Heinmachmiltags, Soort, Wanderungen (näheres bei Grete Adler, Beltinastratze 62, Maingau 4414». ginig auf Palästina als das allein für einen Judenstaar in Be-raatt kommende „gelobte" Land brachte den Erweis, wie' sehr zu dieser Zeit das Gefntzlsuromem über die rein praktischen Erwägungen schon gesiegt hatte. Diese Erkenntnis bewog einen Flügel der Orthodoxie zurrt Abschwenken ins - .'.oniüische Lager. So entstand und wuchs der Mrsrachi. Dagegen in sie zionistische Arbeiterbewegung rein, s o z r a >;:i erklären. Der jüdische Arbeiter halle wohl nicht, wie der Bourgeois ä!a Herzt und Nor2au unter der Feme seiner eigenen Gesellschaftskreise zu leiden, er war vielmehr der internationalen Arbeiterschaft ein stets willkommener Kampfgenosse, dagegen spürt er noch mehr als seine andersgläubigen Genossen die Gegnerschaft des Unternehmertums. In der letzten Tagung des preußischen La n d e s v e r b a u * des wurde bekanntlich erklärt, daß ein Jude in Deutschland beute leickier Direktor einer Bank werden kann, als Buchhalter. Damit hat er die Schwierigkeit des jüdischen Arbeit- : nchrners. tu der deutschen .Heimat sein Brot zu finden, genügend ckaraktcrijierr und es erkläärlich zu macken versucht, daß der jüdische Arbeiter des Kopfes und der Hand das, was er zu Hause nicht finden kann, in der Fremde zu suchen geneigt in. Der Zionismus weist ihn nach Zion, es ist aber erinnerlich, daß gerade der letzte Parteitag der Poale Zionisten,; der unmittelbar vor dem letzten Zionistentongreß in Wim uigic, eine Resolution geiaß: bat, m der die Judenkolonisation in Südrußlaud begrüßt wurde. Für die Poale Zion ist also die jüdische W a n d erb e w e g u n g das Primäre und das Ziel der Wanderung ein sekundäres Moment. Die Stärkung; dieser Fraktion bedeutet also durchaus keinen ideellen Erfolg : des Zionismus au sich. Weil eher ist als solcher „Erfolg" die ungeheure Gleich- ' gültigreit der breiten jüdischen Schichten gegenüber dem Zio-! nismus, wie er sich bei den jetzigen K ongreß wählen zeigte, j zu werten. Und zwar das ist das Wichtigste! nicht j bloß in Deutschland! In Polen, wo das Judentum in; großen, geschloffenen Massen beisammen wohnt, schreibt der! jüdischnationale Sejmabgeordnete Jizchat Grünbauin wörtlich: „Tie zionistische Organisation steht vor dem A bste rb e n.; Man fährt nicht mehr nach Palästina, im Gegenteil: die! Rückwanderung ist gegenwärtig überaus stark..." Ueber diese Tatsache tröstet Grünbaum sich und seine Leser mit dem! Bekenntnis: „Die Aufbauarbeit in Palästina darf nicht als; Endziel des Zionismus propagiert werden, soll vielmehr nur als Mittel dienen, um unsere nalionalpolitis cherr (!) Bestrebungen in der Diaspora zu bemänteln..." Die deut - s ch e n Zionisten versichern bekanntlich stets das Gegenteil! Am schlechtesten aber hat der Zionismus in dem Lande abgeschnitten, wo er entstanden ist: in Oesterreich. Schon das Resultat der letzten Wiener Parlamentswahleu haben, wie in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" (vom 6. Mai 1927) ausführlich geschildert wurde, den Zusammenbruch des -jüdischen Nationalismus gtzeigt. Doch konnte matt damals an ein bloßes Versagen der „Landespolitik" glauben mnd es fehlte nicht an Stimmen, die sich von dem äußeren Debakel eine erhöhte Intensität der i n n e r zionistischen Bewegung versprachen. Nun haben die Kongreßwahlen einett Maßstab für drese Jnntensität geliefert und er ist beschämender ansgefallen, als man je gedacht hätte: In, der Stadt Theodor Herzls wurden im Ganzen 1781 Stintmett abgegeben... Angesichts der geradezu katastrophalen Sprache dieser lächerlichen Zahl ist die fraktionsmäßige Verteilung der Stimmen wohl nur von untergeordneter Bedeutung. Sowohl die „radikale" als auch die Weizmann-RichtUW erhielt je ein Mandat. Dabei haben die „Radikalen" noch etwas mehr Stimmen aufgebracht als die Partei des Obmanns der Weltorganisation. Ob sie aber dieses Sieges froh werden, darf füglick bezweifelt werden. Ist es doch, da sie die zionistische Presse in Oesterreich beherrschen. nämlich durch die „Wiener Morgenzeituug". das einzige zionistische Tageblatt in Mitteleuropa, als chr „Verdienst" anzusehen, wie „populär" die Bewegung seit den Tagen Herzls in der Stadt, in der er gelebt har, geworden ist... Sie schiebe«« die Schuld freilich auf die „herrschende" Richtung im Zionismus, deren DebakÄ ja Weizmann selbst zugegeben hat. Nun, vielleicht verhilft der Kongreß den Gegnern Weizmanns zur Herrschaft. Sie werden dann zu zeigen haben, ob sie es besser machen können. Die breiten jüdischen Massen scheinen das kaum zu hoffen. Die Wahlziffern dieses Kongresses verraten euren nefgehenden P e ss i :n i s m u s im ganzen Zwnistenlager, vorausgesetzt, daß man vvu eurem solckcü über bauet noch sprechen kann. Das Lager ist noä' da aber wo sind die Z i o n i ft e n! Dr. H n a o S v r e a : e r. Niedriger hängen! Herr Dtaatsrat a. T. Dr. Cohn-Dessau schreibt uns: Heure kommt mir die Nr. 28 der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" vom 15. Juli mit einem Bericht über eine Sitzung der Breslauer Gemeindevertreter vom 30. Juni zu Händen. Danach hat in dieser Sitzung der Führer her dortigen Zionisten über ineinen Freund Weil und mich inbezug auf den bekannten Bericht über unsere Palästinareise folgendes ausgeführt: „Es ist festzustellen, daß diese beiden Charlatane, welche in ihrer Broschüre vorgeben, zwei Wochen in „Palästina, uitö Syrien" gewesen zu sein, in Wirklichkeit eine Woche in Syrien urrd nur eine Woche in Palästina warm, während welcher sie noch vier bis fünf Tage dem gewiß sehr interessanten Studium der Archäologie gewidmet und in Wirklichkeit also etwa drei Tage benutzt haben, die neuere Entwicklung des Landes in« Autotempo kennen zu lernen. Sie haben während dieser 'Anwesenheit keine einzige zionistische Siedlung besucht, haben sie nur im Vorbeifahren vom Auto aus gesehen, waren lediglich in Migdal, einer von Baron Rothschild gegründeter« Kolonie." Freund Weil mag sich, wenn er es für angezeigt halt, selbst dazu äußern. Was mich angcht, so kann ich nur sagen: Soviel Worte, soviel Unwahrheiten! Ich habe in Palästina keineswegs archäologische Studien getriebei«, ich habe Migdcht nie besucht. Ich habe eine volle Woche zu Autofahrten in Palästina benutzt, wobei zu bemerken ist, daß der bei weitem größte Teil des besiedelten und überhaupt besiedlungsfähigen Landes in Palästina sich der Breite nach in zwei Autostunden, der Länge ««ach in sechs Autostunden bequem durchmessen läßt. Im übrigen habe ich eine ganze Reihe von jüdischen nannt werden, dessen inackanter Kopf sofort die bedeutende Persönlichkeit erkennen läßt. — Kurz: man hat den Eindruck, es sind alle da, aus allen Erdteilen und Ländern und Städten. Marienbad ist gewiß nicht der einzige Kurort, der dieses Bild zeigt; im nahegelegenen Karlsbad ist es wohl fast das gleiche, und an einigen anderen Orten, wenn auch nicht ganz so scharf ausgeprägt, doch ein sehr ähnliches. Unwillkürlich erhebt sich die Frage, woher es wohl kominen mag, daß die Juden diese bestimmten Plätze so offensichtlich bevorzugen. Einer hier hat die Antwort so formuliert: Wie groß Gottes Güte ist, ersieht man daraus, daß er einem so tresenen Orte so gute Quellen und so gesunde Luft gegeben hat. In der Tat übt das Bad wohl in erster Reihe eine so starke Anziehungskraft wegen der hervorragenden Heilkraft seiner Quellen. Die idyllische Lage und die reizvolle Anlage tun ein Weiteres. Es ist ja einer der hervorstechendsten Züge im Wesen des Juden, das; er eine besondere Neigung für das Schönste und Beste zeigt. Jüdische Eltern möchten ihre Kinder immer höher führen, als das Schicksal sie selber steigen ließ. Jüdische Geister haben immer weiten Blick für das wertvolle Neue bewiesen, haben Kunst, Literatur, Bühne, Wissenschaft gefördert: sie wissen auch, wo es sich während einiger Wochen der Ausspannung gut sein läßt. (Daß auch die tschechische Valuta vorteilhaft ist, hat er, nebenbei, auch in den Kreis seiner Berechnung gezogen.) Einen nicht geringen Teil der jüdischen Kurgäste zieh: hierher auch der Umstand, daß in reichlicher Weise für die jüdisch-traditionellen Bedürfnisse gesorgt ist. ES gibt hier vier rituelle Speisehäuser. Und sie werden recht ergiebig in Anspruch genommen. Das größte hat in der gegenwärtigen Hauptsaison mittags etwa 700—800 Gäste, die anderen dürsten wohl zusammen mindestens die gleiche Anzahl beköstigen. Ein Beweis, daß die Speisegesetze doch noch recht tief in der jüdischen Lebensgestaltung wurzeln. Das Verlangen nach alter jüdischer Tradition regt sich besonders merklich an Freitag-Abenden mit ihrem „großen Fischessen". Man kann die Karpfen gewiß in anderen Speisehäusern ebenso schmackhaft vorgesetzt bekommen. Aber es ruht ein besonderer Reiz über diesen Karpfen im jüdischen Raume. An zahlreichen Tischen leuchten die Sabbat-Kerzen, es wird Kiddusch gemacht, schir hamaaloß gesungen und gebenscht. Für manchen erwachen Kindheitserinnerungen, die sogar hie und da die Sehnsucht nach lebendiger Gestaltung nicht erlöschen lassen sollen. Die Bevorzugung eines solchen Bades läßt jedoch auch tiefere Zusammenhänge vermuten. Vielleicht sind gerade diese Freitag-Abende Symbol dafür. Da sitzen wohl an 400—500 Juden beisammen. Viele einzelne Gruppen an kleineren oder größeren Tischen. Aber ein Gefühl der Gemeinschaft schlingt um sie alle ein unsichtbares, und doch deutlich empfundenes Band. Das Sehnen nach diesem Gefühl treibt in das rituell geführte Speisehaus viele, die alle anderen Mahlzeiten anderwärts einnehmen. Und uns will scheinen, als ob ein gleiches Verlangen auch in der Ansammlung jüdischer Gäste in bestimmten Bädern sich bekundet. Ezieht den Juden zum Juden. Unter uns überwiegt doch bei weitem die Zahl derer, die sich lieber im jüdischen Kreise bewegen, selbst wenn sie sonst jüdisch-indifferent leben. Besonders in den Wochen, die Entspannung bringen sollen. Selbst diejenigen, die nichtjüdische Freunde suchen, wollen wenigstens dann frei sein von diesem Druck der Belauerung durch die anderen. Hier kann sich der Jude ungezwungen als Jude geben. Sämtliche Etablissements sind aus Juden eingestellt. Es ist garnichts Auffallendes, daß am Sonnabend zahlreiche Gäste nicht bezahlen. Manche Zählkellner sagen, daß die Juden, die am Sonnabend nicht bezahlen, bezahlen: und die, die am Sonnabend bezahlen, nicht bezahlen- (Bei dem Hochbetriebe hier soll das Vergessen Vorkommen, selbstverständlich nicht etwa nur hei den Nichtjuden.) Antisemitismus kennt man hier nicht; nur ganz vereinzelt werden Juden in den Häusern abgelehnt. Manche behaupten allerdings, daß das nur für die Saison gilt; im Winter mache sich dann Luft, was für die Dauer der Erwerbsmöglicbkeit in ine dunkelsten Kammern des Herzens versenkt wurde. Bewußtsein der Einheil mit oen Glaubensgenossen bewährt sich denn auch in schönster Weise bei den Gelegenheiten, die hier zur Betätigung jüdischen Sinnes gegeben werden. Die Kultusgemeinde bedarf der Unterstützung durch die Kurgäste zur Ausrcchterhaltung ihrer gemeinnützigen Einrichtungen, vor allem des Kurhospitals, das bedürftigen Juden die .Heilmöglichkeiten des BadeS bieten soll. Sie veranstaltet deshalb alljährlich mehrmals einen besonderen Frcitagabcndgottesdienst mit einem hervorragenden Kantor. Ob es geschmackvoll ist, daß zu dieiem Gottesdienst, der, wie es heißt, in feierlicher Weise „zelebriert" wird, Eintrittskarten nur gegen mehr oder weniger imeist mehr) hohe Spenden verausgabt werden, mag dahingestellt sein; aber die Synagoge ist dann ungeheuer überfüllt. — In den Speisehäusern werden fast täglich Sammlungen für bedürftige Kranke, mit gutem Erfolge, veranstaltet. Ja. in breitester Oeffentlichteit wird auch ein Blumentag für „jüdische Krankensürsorgc" durchgeführt. Kaum einer entzieht sich der jüdischen Pflicht, wenn auch die gespendeten Beträge nicht immer ein Opfer für den Spender bedeuten. So bewährt sich die durch das religiöse Leben seit uralter Zert lies verwurzelte Gemeinschastsgcsinnung. Der jüdische Gottesdienst, auf der Grundlage des Minjan ruhend, in seinem betenden „Wir" die Zusammengehörigkeit betonend, gab dem Juden das Bewußtsein seiner Bedeutung für die Gemeinschaft; die Eigenart der jüdischen Geschichte gab ihm die Erkenntnis, welche Bedeutung die Gemeinschaft für den Einzelnen hat. Die Notwendigkeiten des Lebenskampfes verurteilen vielfach den Wunsch, diesem Bewußtsein im Leben Raum zu lassen, zum Schweigen. Dem Kurgast regt sich, wohl mehr im Unterbewußtsein, das Verlangen, dem Verdrängten freien Lauf zu geben, sich wieder einzugliedern in das Ganze, dem er so viel an innerstem Fühlen verdankt, seinen Glauben an die Menschen, an sich selbst und seine sittliche Ausgabe. Darum ist der Jude nie so empfänglich für jüdische Eindrücke, überläßt er sich nie so willig jüdischen Impulsen, als wenn er als Kurgast seinen alltäglichen Menschen zuhause gelassen hat. Böhmen hat bekanntlich viele Reste einer sehr alten jüdischen Vergangenheit bewahrt. Prag mit seiner Alt-Neuschul, seinem alten Friedhof inmitten des alten Ghettos läßt den Blick durch mehrere Jahrhunderte jüdischen Lebens »vandern: Hunderte nehmen die Gelegenheit wahr, diesen tiefen Eindruck auf sich wirken zu lassen. Ein besonders bevorzugtes Ausflugsziel von Marieubad ist Bad Königswart. Hunderte besuchen die aus dem 14. Jahrhundert stammende Synagoge, hören mit Staunen, daß katholische Patrone ihr ihren Schutz angedeihen ließen, daß die heilige Lade (ein wahres Kunstwerk der .Holzschnitzerei) eine Spende dieser Patrone sei, vielleicht sogar ursprünglich katholisch-kirchlichen Zwecken gedient habe; betrachten mit Bewunderung einen Thora-Vorhang mit kunstvoller, reichster, fast gar überladener Goldstickerei. — So besuchen die einen Eger, andere Kuttenplan, entdecken überall speziell jüdische Beziehungen und nehmen jüdische Eindrücke mit. Die Bereitschaft für jüdische Gedanken haben denn auch jüdische Gruppen und Parteien wohl erkannt und sind bemüht, sic für die Heimat tvirksam zu machen. Die Logen des U. O. B. B. veranstalten Woche für Woche Zusammenkünfte, um den geistigen Zusammenschluß, und Gesellschaftsabende, um persönliche Beziehungen zu vermitteln und zu festigen. Ordensmitglieder aus verschiedenen Ländern und Städten treffen zusammen, tauschen ihre Gedanken über Ziele und Mittet der Ordensarbeit, lernen einander in ihrem Fühlen und Wollen kennen. Woche für Woche vereinigen diese Veranstaltungen Hunderte, und alle nehmen Anregungen nach Hause. — In einer Zusammenkunfi „zur Förderung lhoratreuer Gemeinden in E r e z Israel" sprechen der Großrabbiner von Palästina Jakob Meir, Rabbi Jonathan Horowicz und andere rabbinischc Thoragrößen vor einem stattlichen Publikum über die Notwendigkeit, die orthodoxen Gemeinden in Palästina, vor allem die des Rabbi Chajim Sonnenfeld in Jerusalem, durch Spenden ausrecht zu erhalten: Jeder Jude, auch wenn er nicht in Palästina lebe, müsse sich als Mitglied einer palästinensischen Gemeinde anschen und eine freiwillige Steuer auf sich nehmen. Das Bild des palästinensischen Großrabbiners mit seinem eigenartig geformten farbigen Barett und seinem mit langem Ordensband geschmückten Tatar wird allen denen, die ihn gesehen und gehört haben, unvergessen bleiben und damit auch die Sache, für die er sich eingesetzt hat. — Die Zionisten veranstalten eine Hcrzl-Feier: Kurt Blumenseld hat Gelegenheit, vor einem ausnahmebereiten Publikum die Ideen des Zionismus zu erörtern, über den Fortschritt des Palästina-Aufbaus zu berichten und den Gegnern einige Liebenswürdigkeiten zu sagen. Viele, die zu Hause keine Neigung oder keine Zeit oder keine Gelegenheit haben, diesen Gedankengängen nahezukommen, werden von diesem Abend an sich mit den Fragen, die da vor ihnen aufgerollt werden, vertraut zu machen suchen, und dieser und jener werden vielleicht dankbar der Stunde in Marienbad gedenken, die sie angeregt hat, sich mit den Problemen des Zionismus zu befassen. — Man mag innerlich dieses Werben und Mühen um die Kurgäste ablehnen, mag darin eine Störung des Ruhebedürfnisses sehen, das diese hierher getrieben hat. Und kann doch nicht umhin, zuzugestehen, daß die Psyche des Kurgastes diesem Borgehen entgegenkommt, und daß ihm eine gewisse Wirkung nicht abgesprochen werden kann. Um so schmerzlicher berührt das alles aber den Jüdisch-Liberalen: Wo bleibt seine Organisation? Kanu es überhaupt eine Mischliberale Organisation geben, die in dieser Weise an den Gemeinschaftssinn ihrer Anhänger appelliert? — Man weilt nicht im Bade, um tiefste Fragen zu lösen. Aber wenn ich heimgekehrt sein werde, will ich darüber Nachdenken, warum unserer Organisation die Werbckraft fehlt, die die anderen groß macht. J