Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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durch Nachprüfung festgestellt hat, sämtlich ungenau sind, ein Beweis für die auch in seinen geistigen Bekundungen herrschende Ungeordnetheit und Ungenauigkeit, die ganz zu seinem liederlichen Leben paßt. Nach feinen Zukunftsplänen befragt, gibt der Jugendliche mit einer ganz außerordentlichen von Sophismen strotzenden Beredsamkeit an, daß ihm die politische Laufbahn eines Volksredners vorschwebe. In dieser Neigung zur Weltverbesserung zeigt sich nicht nur seine jugendliche Unerfahrenheit, sondern es treten auch deutlich die bekannten psychopathischen Züge hervor, die sich auch sonst in den schriftlichen Bekundungen des obzitierten Tagebuches als Zanksucht, Ueberheblichkeit, und im Gegensatz dazu als depressive, an den Rand des Selbstmordes streifende Zustände, die aber ohne jegliche Einsicht in die Selbstverschuldung seines Zustandes verlaufen, offenbaren. Aus den vorerwähnten Gründen ordnec das Jugendgericht! wegen Unzulänglichkeit der häuslichen Erziehung und angesichts der! schweren sittlichen Gefährdung zur Beseitigung der Verwahrlosung! die vorläufige Fürsorgeerziehung an > Br., den .... Mai ....! Amtsgericht Br., Abt 13.! ge;. Tr. Kluge, Amtsgericht-erac. \ Ausgeserttgt: ' ge;. Schreiber, stanzleiangesteltter, als Gerichissckuei-ber. R e P z i u , beit. : Beifolgend die Akten betr. F. L. nebst Anlage (Tagebuch)! zurück an das Kuratorium für die Fürsorgeerziehung mit dem ergebenen Bemerken: Ich möchte mich nach eingehender Prüfung der vorliegenden Schriftstücke gegen die Ueberweisung des jungen Mannes nach R. aussprechen. Trotzdem dieser in sträflicher Weise den Schul-- ' unterricht schwänzt, hat er sich doch ein solches Maß von Wissen ■ und selbständigen Denkens angeeignet, daß eine geistige Förderung in unserer Anstalt nicht erfolgen kann. Dadurch würde aber bei seiner Charakteranlage, die bei allem jugendlichen Leichtsinn einen starken Intellektualismus anfweist, leicht statt der Besserung eine Verbitterung bei ihm Platz greifen, durch die nicht nur das Erziehungswcrk an ihm selbst scheitern, sondern die infolge der starken Beeinflußbarkeit unserer Zöglinge, auf diese übergreifcn würde und dadurch das Ansehen unserer Anstalt, auf der die Aufmerksamkeit der Kritiker ruht, schädigen könnte. Auch au geeigneter Beschäftigung eines solchen Zöglings würde es trotz des wohlwollenden Hinweises der Br.er Fürsorgedame bei uns fehlen. Ich möchte auch, da mich der Fall interessiert hat, mir noch . einige weitergehende Bemerkungen nur unmaßgeblich gestatten. Die Eingabe des Br.er Wohlfahrtsamtes legt aus die Schulsünden und die allzu flotte Lebeussülirung den ausschließlichen Nachdruck und berücksichtigt die an anderen Stellen nicdergelcgteu, weit über das : Alter des Tagebuchschreibers hinausgeheuden Einsichten gar nicht. Man muß aber den ganzen Menschen betrachten, wenn man seine Handlungsweise beurteilen und eine Voraussage für seine Zukunft machen will. Mir scheint es sich um einen frühreifen Menschen zu handeln, der in seiner geistigen Reife den Altersgenossen um mehrere Jahre voraus ist, ohne jedoch die Eierschalen des 15 jährigen schon abgelegt zu haben. Stellt man sich den F. Lals jungen Studenten aus reichem Hause vor, so wird mau seine Lebensweise zwar sehr liederlich, aber doch in Uebereinstimmung mit vielen seiner Kommili- : tonen finden. Deshalb sollte man ihm durch Gewährung einer Bewährungsfrist noch einmal Gelegenheit geben, seine Gymnasialstudien zu beenden. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß er,! zur Einsicht gelaugt, noch einmal ein tüchtiges, vielleicht außer-- ordentliches Mitglied der Menschheit werden wird. Auf die söge-! nannte „Psychopathie" des F. L. lege ich geringen Wert. Aus! meiner reichlichen Erfahrung mit wirklichen Psychopathen, die ich > genugsam in meiner Praxis machen kann — die von einigen meiner! Schutzbefohlenen geführten Tagebücher sehen doch etwas anders aus —, möchte ich eher meinen, daß es sich im vorliegenden Falle nur um den Ueberschwang eines hochbegabten Jugendlichen /handelt. Wer weiß, ob man nicht den jungen Schiller auf der Karlsschule auch für einen Psychopathen gehalten hätte, wenn man damals schon diesen Begriff gekannt hätte? gez.: Bz-, Erziehungsdirektor. Nachschrift. Der Praktiker ist diesesmal der Wahrheit am nächsten gekommen. Wie der geneigte Leser wohl längst erkannt hat, handelt es sich um einen fingierten Fall. Allerdings nicht so ganz. Das corpus delikti, das Tagebuch eines 15 jährigen, auf das die von mir selbst ebenso wie das Gerichtsurteil verfaßte Anzeige an das Jugendamt Bezug nehmen, existiert wirklich und die Zitate sind wörtlich bis auf die kleine zur Aufrechterhaltung der beabsichtigten Illusion notwendige Umrechnung der „guten Groschen" in 10 Pfennige, dem von dem damaligen Breslauer Sekundaner Ferdinand Lassalle im Jahre 1810 geschriebenen und im Jahre 1892 von Paul Lindau in Breslau bei der Schlesischen Verlags-Anstalt, vorm. S. Schottländer, herausgegebenen Tagebuche entlehnt. Weshalb ich die kleine Mystifikation bei einer so feierlichen Gelegenheit versucht habe? Wegen des ernsten Hintergrundes, der sich hinter dieser humoristischen Jugendkriminal- Szene auftut. Was wäre das Schicksal des jungen Feuerkopfes Ferdinand Lassalle geworden, wenn schon damals im Jahre 1840 ein durch soziat-retterischen Uebereifer und schlecht verdaute psychologische Borträge falsch eingestellter junger Sozialbeamter sich seiner gefährdeten Sittlichkeit angenommen und einen arbeitsüberlafteten großstädtischen Jugeildrichter auf den falschen Weg geführt hätte? Und welchen Weg hätte durch Ausschaltung vorc Lassalles Persönlichkeit unsere Kulturentwickelung eingeschlagen? Nun, was Lassalle selbst anlangt, so hätte seine „Besserung" ihn vielleicht vor mancher ungesetzlichen Handlung seines späteren Lebens, ich denke dabei z. B. an den von ihm veranlaßten Einbruch zur Erlangung gewisser Dokumente in dem bekannten Prozeß der Gräfin Hatzfeld und an seinen frühen Tod im Duell, bewahrt. Wie die Arbeiterfrage ohne Lassalle sich entwickelt hätte, mögen Berufenere ausmachen. Aber eine andere Frage möchte ich anfwerfen: Was wäre geschehen, wenn ein Charakter wie der junge Lassalle in einer anderen Atmosphäre, als der des guten Breslauer jüdischen Hauses der Lassalle ausgewachsen wäre, wie hätten sich da die Taren seines Leichtsinnes und wie hätte sich sein Schicksal bei den verschiedenen Instanzen der gesetzlichen Jugendfürsorge ausgewirkt? Rock» manche andere, mehr fachmännische Frage wirft sich auf. Doch ich muß aus Raummangel schließen. Fürsorge für jugendliche Psychopathen. Unter obigem Titel dringt die Indisch liberale Zeitung in ujrer Nurnrner -J einen Bericht üver :n-it Staus der Fürsorge für jugendliche Psychopathen, der einleitend beginnt, dag seit der Düsseldorfec Tagung der ..Zemralwohlsahrlsstelie der Deutimen Juden" der Mangel an geeigneter!. Einrichtungen für vfnchopatytsche :>i inder sich immer emosrndtichsr geltend macht. In dieser allgemeinen Fassung ist die Tarne-lung nicht richtig. Denn nicht erst seit der Düsseldorfer Tagung ist dieser Mangel bedeutend in die Erscheinung getreten, sondern schon von dem Zeitpuntte an, als sich die ernsthafte Forschung um der Erkennung der psychopathischen .Konstitution befaßte, setzte gleichzeitig von heilpädagogiich interessierten Kreisen und Wohlfahrtsorganisationcn die Ernennt ms der Notwendigkeit einer Fürsorge für diese andersgearceten Menschen ein. Es entstand die allgemeine Psychopathenfüriorge, und innerhalb dieser ertönte auch von jüdischer Seite der Rus nach besonderer Behandlung und Erziehung der chychovathisch veranlagten jüdischen Kinder. Schon vor einer Reihe von Jahren wurde von mir die Forderung vach Errichtung von Zwischenansralten erhoben, die einerseits neben den Schlvachsinnigenanstalten, andererseits neben den Fürsorge- und Irrenanstalten zu bestehen hätten. Ich wies daraus hin, daß man jene Kinder, die in der Erziehung immer wieder Schwierigkeiten machten, entweder in Schwachsinnigenanstalten oder Fürsorgeanstalten oder Irrenanstalten unterbrachte, baß aber diese Unterbringung in jedem Falle ganz und gar unangebracht war. In der Schwachsinnigenanstalt sind sie nicht am Platze, weil sie hier nicht die geeignete Erziehung und den geeigneten Unterricht finden. Ihre Unterbringung in der Irrenanstalt ist völlig unzweckmäßig. da sie nicht im eigentlichen Sinne geisteskrank sind. Durch die Gemeinschaftserziehung mit moralisch schwachen Kindern in der Füyorqeanftalt würden sie nur noch tiefer moralisch sinken und die Anstalt schlechter verlassen, als sie hineingekommen sind. Es bleibt für sie eben nur die Zwischenanstalt übrig, oder das Heilerzichungsheim, wie wir es heute nennen. Als dann das Landheim Halbe gegründet wurde, begrüßte ich diese neue Einrichtung und glaubte nunmehr, daß fetzt für die Psychovatben der Platz geschaffen sei, der ihrer Veranlagung unü ihrer Eigenart gerecht zu werden versprach. Aber Halbe erwies sich leider in der Folge nicht als die Erzäehungsstätte, die für die Erziehung und Behandlung von defektiven Kindern in Frage kommen konnte. Mieder wurde der Ruf laut nach dem besonderen Psychopathenheim. Und ebenfalls längere Zeit vor der Tagung in Düsseldorf und bereits vor Herrn Sawady erhob ich En meinem Referate über „Die Behandlung psychopathischer Kinder" im „Verein der Leiter und Leiterinnen jüdischer Erzrcbungsanstalten" die Forderung nach dem jüdischen Heit erziehungsheim. Als besondere Fürsorgeeinrichtungen forderte ich in dem genannten Bortrage. Beratungsstellen, die von sachkundigen Aerzteir und Pädagogen geleitet werden. Tagesheime, um die Kinder vor dem verwahrlosenden Einfluß der Straße zu bewahren. Unterbringung in einer fremden Famili e, weil es dieser oft mehr gegeben ist, das Krankhafte im Wesen des Kindes zu erfassen und ibm gerecht zu werden. Schutzaufsicht durch die Beratungsstellen. Berufsberatung. Es müssen Instanzen vorhanden sein, die sich mit diesen abnormen Kindern beschäftigen. Wichtig ist, für sie den geeigneten Beruf zu finden. Ihr Wunsch ist zu berücksichtigen. Den Mo tlven zur Berufsergreifung ist nachzuforschen. Es ist wichtig, ihre Interessen aufzusnchen und biefeu Interessen nachzugehcn. Im Anschluß an dieses Referat wurden dann auch vom Anstaltsleiterverein besondere Beratungsstellen eingerichtet u>rd in der jüdischen Presse bekannt gegeben. Wir brauchen für unsere Psychopathen ganz besondere Einrichtungen: cs ist aber Voraussetzung für eine erfolgversprecheilde Behandlung, toeuu ihre Eigenart zeitig erkannt und die Therapie rechtzeitig einsetzt. Festzudalten ist, es uandelt sich hier immer nur um Psychopathen und nicht nun Schwachsinnige. Es ist daher vollständig irrrg, wenn Herr Sawady in Rr. 6. der „Jüdischen Schulzeitung" ausführt, das; olle Schwachsinnigen zugleich Psychopathen sind. Schwachsinnige und Psychopathen sind zwei vollständig voneinander differenzierte Kategorien, von denen jede einer besonderen ihrer Ergenart entsprechenden Erziehung und Behandlung bedarf. Es ist unverständlich, wie man alle Schwachsinnigen als Psychopathen bezeichnen kann. Schwachsinnige zeigen Defctte des Intellekts, Psychopathen solche des Gemüts-, Willens und Phamaswiebens. Es gibt natürlich auch Schwachsinnige mit psychopathischem Einschlag, aber das sind in der Regel Psychopathen mir Jntelligenzdefelt, die einer besonderen Be - Handlung in einer Schwachsinnigenansialt erfordern. Wir müssen zwischen Schwachsinnigen und Psychopathen außer ordeutl'ich stark differenzieren: denn vielfach werden sogenannte Psychopathen vorgcführt, die ausgesprochene Schwachsinnige sind. Darum ist es notwendig, ein besonderes heilpädagogisch vorgebildetes Erzieherpersonal heranzubilden, das in der Erkennung und Behandlung der psychopathischen Konstitution Verständnis und Erfahrung besitzt. Es wäre ein nicht wieder gut zu machender Schaden, wenn hier Fehlgriffe geschähen. Für Die Ausbildung des Erzieberpersonals wären folgend« Einrichtungen zu empfehlcir: 1. Kurse, wie sie von heilpädagogischen Organisationen und heilpädagogisch interessierten Kreisen eingerichtet werden, wie seiner Zeit auch die Zentralwohlfahrtck» stelle einen solchen durchgeführt hat, 2. Besuch der Sprechstunden der psychiatrischen Kliniken, 3. Besuch von Vorlesungen über Psychopathologie mit Demonstrationen, 4. praktische Mitarbeit in größeren Anstalten. Es ist für die Art der Behandlung notwendig, die verschiedenartigen Typen, die ich hier wegen Raummangel leider nicht näher charakterisieren kann, zu erkennen und ihre Behandlung entsprechend einzurichten. EIuI Von Rabbiner Dr. Gottsctialk, Frankfurt a. M. I. Und Menschen tvandeln über die Erde. Bon Jahr zu Jahr, Ein dunkles Geschlecbr.. Wer kennt es? Lieben einander Und hassen. Aber die meisten bleiben sich fremd. Und nur zuweilen zieht ein Geschehen Vorhänge weg von schwärzesten Tiefen Und wir erschauern! Doch wieder zuweilen Stehn wir erschüttert In Ehrfurcht Vor Menschengröße, Vor Seelenhelden! — Menschen wandeln über die Erde, Ein dunkles Geschlecht.. Richtet nicht! Hebet die Hände zum wisseiwen Meister. Zum Herrn der Geister: Bewahre uns. Du! Und wo sich Menschen zerhassen, zerquälen. Schaue nicht zu! Führ sie die Pfade milden Verstehens .. Sind Menschen.. Und wandeln über die Erde Ein dunkles Geschlecht! II. Blast! Blast! Und jäh reißt auf aus ihrem Schlummer Die jämmerlichen Selbst gerechten, Auf daß sie vor der Majestät des Rechts, Das andre streng von ihnen heischen, Erschüttert stehn! Blast! Blast! Und zornig rüttelt wach die Feisten, Fetten, Die herzversteint nur nach der Erde gieren Und macht sie bettelarm — Aus Liebe! Blast! Blast! Und in die ewge Nacht jagt hin Die nach der Menschen Blute lechzen! Und haßbefreit soll uns umbrausen Millionenfacher Jnbelschrei: Er kömmt! Er kommt!! Mein Gott — der Friede!! Blaast!' Blaaaft!!! IE „Zuin leyiemnal" — Hörst du des Eluls Rus? „Zum letztenmal" — Und was ein Gott btv schuf. An Glück, an Qual, Bald ifts vorbei. -- — O daß auch, was an I n d e n z ä h r e u Bald leise tropfte, bald sich wild ergoß In Monden, die nun abgelaufen. Geflossen sei — :..v l e tz t e n rn a l ' Jüdische Gedanken ln Marienbad Von G u st a v P r t c ft e r. Auii'v Prom-n.aüe erlauf duc ich folgendes Gespräch: .,Und Idee Gattin?" „Sie wissen doch, daß wir des Geschäftes wegen nicht zusammen reisen können. Wenn i ch wieder in B. sein werde, kommt meine Frau hierher. Sie wollte eigentlich sehr gerne nach Belgien fahren. Aber ich will sie nicht so alleine ins Ausland lassen." „Nicht ins Ausland? Und Marienbad??" „Marienbad ist nicht Ausland. Marienbad ist.. ist.. Ghetto!" — Im vorigen Jahre kursierte über die gleiche Beobachtung folgende nette Anekdote: Die elfjährige Clara schreibt in ihrem Aufsatz „Wie ich meine Ferien verlebte" u. A.: „Wir waren in Marienbad.... Es gibt dort drei Gotteshäuser, eine katholische Kirche, eine protestantische Kirche und eine Synagoge. In die katholische Kirche gehen die Katholiken, in die protestantische Kirche gehen die Protestanten, und in die Synagoge gehen die — Kurgäste." — — Man braucht sich in der Tat nur einige Stunden hier anfzuhalten, um zu erkennen, daß an diesen Witzworten recht viel Wahres ist. Da gehst du durch die Hauptstraße (einst hieß sie die „Kaiserstraße"). Daß du alle paar MinutenBekannte aus deincmGesellschastskreise begrüßen kannst, nimmt dich nur kurze Zeit wunder. Sehr bald staunst du darüber, daß nicht auch Herr X und Frau D da sind; aber es stellt sich heraus: — sie sind da. Denn alle sind da. Kommst du nämlich zur Brunnenpromenade (es gehören übrigens besenstielstarke Nerven dazu, um sich durch dieses Massengewühle vorwärtszuschnecken), dann stößt plötzlich aus der Masse einer auf dich los. Du siehst ihn an, er sieht dich an: beide wie aus einem Munde: Bist du's wirklich?? Und er ist's wirklich. Ein Studiengenosse, ein Schulkamerad, ein Uebervetter, ein Kamerad aus dem Kriege: Menschen, mit denen dich vor zehn oder zwanzig Jahren mehr oder weniger enge Beziehungen verknüpften, oder die dir bei besonderen Gelegenheiten nahekamen, hier stehen sie unerwartet vor dir. Erinnerungen erwachen, längst entschwundene Zeiten werden wieder lebendig, glückliche Tage oder gemeinsam verlebte frohe Stunden stehen wieder da in ihrer ganzen beglückenden Gegenwart, wie weit sie auch zurückliegen mag. Es ist einer der besonderen Reize dieses Weltbadcs, daß Fäden wieder angeknüpft werden, die längst gerissen waren. Beziehungen, die mir im Grunde gerne pflegen würden, gleiten ja so oft unmerllich auseinander, wenn wir unsere eigene Entwicklungnehme:'., wenn Berus und Geschick uns in ihren Bannkreis ziehen. Und nun mit einem Male stehen sie wieder wie unversehrt da. Eine große, weitverzweigte Familie hat sich, ohne Verabredung, ganz unbewußt, ein Stelldichein gegeben: man Hai den Eindruck eines gesellschaftlichen Judentages. Diese Empfindung wird noch durch gewisse Momente gesteigert, die das jüdische Element unter den Kurgästen noch deutlicher betonen. Der promenieren zahlreiche Persönlichkeiten, die durch ibr Wirken ine öffentlichen jüdischen Leben bekannt sind. Erne stattliche Reihe von Rabbinern, jüdischen Gelehrten, Vertretern der Gemeinden und der jüdischen Organisationen. Alle religiösen und potitischcn Richtungen sind vertreten: Prediger Dr. L e h m a u n von der Berliner Resormgemeinoe, Rabbiner Tr. W e i ß e, der geistige Führer der Berliner Mittclpartei, und Oberrabbiner Dr. Spitzer- Hamburg, einer der führenden Orthodoxen. Dr. KoNenscher - Berlin (jüdische Volkspartci), Prof. Türk-Berlin, der bekannte Vertreter des liberalen Judentums. Dr. B r a u n s ch w e i g c r- Oppeln, Mitglied des Hauptvorstandes des C.-V. Wohl zwanzig deutsche Rabbiner aller religiösen Schattierungen, zahlreiche Rabbiner aus der Tschechoslowakei, aus Bulgarien, Jugoslawen, Rumänien, Oesterreich, Amerika, Palästina, aus Polen und Litauen. Diese Letztgenannten — eine andere bemerkenswerte Erscheinung: ehrwürdige Gestalten aus dem Osten in der charakteristischen Tracht ihrer Heimat. Der Westjude ist leicht geneigt, bei dem Bilde eines Juden im Kaftan, mit langem Bart und Schläfenlocken an den gedrückten, schnorrend Umhcrwandernden zu denken. Die Mehrzahl dieser „Oestlichen" hier sind aber ehrsurchtgebietende, würdige Erscheinungen. Durchgeistigte Köpfe mit gütigen, echte Wärme strahlenden Augen. Unter ihnen sind die bedeutendsten und berühmtesten Vertreter ostjüdischen Lebens. Der allgemein bekannte Wunderrabbi aus Belz, der lange Zeit Jahr für Jahr hier zur Kur weilte, ist im Laufe des letzten Jahres verstorben; aber sein Sohn weilt hier und versammelt abends und morgens in seinem Zimmer ein Minjan, um Kaddisch zu sagen. Bor kurzem ist auch der „Gerer" hier eingetroffen; er kgm von Palästina, wo er sich den Haß seiner früheren agudistischen Verehrer zugezogen hat, weil er dem Großrabbiner Kuk einen längeren Besuch abgestattet hat. Hier darf auch der andere palästinensische Großrabbiner Jakob Meir ge-