Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 33 (19.8.1927)
- Date
- 1927-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2 «i zum Äeichstagsgebäüde, wobei der ganze Weg -votl WndLttttUferEN Zuschauern flankiert war. Im Zuge sah may' e'tm^l'rke^ALkMlM'1^ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. ■T^mnpmt if fliegenden Fahnen. * 1 * ' i L Bei der Verfassungsfeier im Reichstage hiev ^oer/.voWpcHetWhs^. Reichslagsadgeordnete v. Kardorfs die Hauptrede^ Er<Ävm*1lmchAluf^ Walter Rathenau zu sprechen und sagte, Rathxnau;Habe>nenr prutfchtz Außenpolitik eingeleitet, die aus die Freiheit des HAineKWziÄt, pni» er sei dieser Verständigungspolitik zum Opfer HeftzUn. Er'Lühmte'!,. in begeisterten Worten die von Hugo Preuß entworfene Verfassung des deutschen Reiches, die Deutschland zur freiesten Demokratie der Welt gemacht hat. Bei der Massenfeier im Funkhaus hielt der preußische Kultusminister Prof. D. Becker die Festrede und sagte u. a.: Was Hugo Preuß und Friedrich Ebert geleistet, ist nicht das Werk von Einzelnen oder von Parteien, es ist die erste große staatsrechtliche Schöpfung der nach langem Harren endlich Wirklichkeit gewordenen deutschen Demokratie. 8<rN«. (Eröffnung der Schächterschule.) Am 15. August, vormittags 9V2 Uhr, wurde, wie geplant, die Schächterschule des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in ihrem dafür vorgesehenen Heim, Berlin, Rosenstraße 2-4,. feierlich eröffnet. In der Begrüßungsansprache wurde auf die religiöse und kulturelle Bedeutung der israelitischen Speisegesetzgebung hingewiesen. Es wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Schule dazu beitragen werde, die berechtigten Wünsche aller Beteiligten zu erfüllen. Es wird jetzt hoffentlich erreicht werden, daß die Jüdischen Gemeinden Preußens mit Schächtern versorgt werden, die allen Anforderungen dieses schweren und verantwortlichen Berufs gerecht werden können. Darüber hinaus wird aber auch die Schule sicher an der Hebung des gesamten Schächterstandes Mitwirken. Danzig. (Weltkonferenz des Hechaluz.) Unmittelbar »ach dem in Basel stattfindenden Zionistenkongreß wird in Danzig am 14., 15. und 16. September eine Konferenz der zionistischen Weltorganisation „Hechaluz" abgehalten werden. Angesagt haben sich Vertreter aus elf Ländern, die 20 000 organisierte Mitglieder repräsentieren. Die allgemeine Arbeiter-Organisation in Palästina (Histadruth) wird Vertreter entsenden. Essen. (Die Friedhossschändungen.) Ende Juli wurden auf dem alten jüdischen Friedhofe in Essen innerhalb einer Zeitspanne von wenigen Tagen zweimal Grabschändungen vorgenommen. Beim ersten Male wurden fünf und beim zweiten Male etwa 3b Grabdenkmäler umgestürzt und teilweise zerstört. Wie nun der „Lossischen Zeitung" unter dem 15. August aus Essen telegraphiert wird, vermutet man, daß die Schändungen von unreifen Burschen verübt worden sind. Die polizeilichen Ermittlungen' zur Feststellung der Täter sind, wie wir hören, noch nicht abgeschlossen. Es wird jedoch erklärt, daß die Täter aller Voraussicht nach ermittelt werden können. Diese Mitteilung versieht die „Vossische Zeitung" mit folgendem Kommentar: „Wenn demnach bestimmte Anhaltspunkte vorerst nicht gegeben sind, so zwingen doch die auch in anderen Orten sich häufenden gleichen Vorfälle zu dem Schluß, daß es sich um eine systematische „Arbeit" völkischer Kreise handelt, die auf diese Art ihren Haß an geweihter Stätte austoben. Das ist im Zeitraum von zwei Jahren nunmehr der zweiundvierzigste Friedhof in Drutschlanb, der von Grabschändern verwüstet wurde, ohne daß man bei der Mehrzahl der Fälle von einer Feststellung der Täter oder Bestrafung gehört hätte. Auch über das Verbrechen in Köln, bei dem über 70 Gräber verwüstet wurden, hüllt sich die dortige Polizei in Stillschweigen!" Hamburg. (6 0. Geburtstag.) Am 16. August beging Bernhard Heinemann seinen 60. Geburtstag. Aus kleinsten Anfängen arbeitete er sich pflichtbewußt als jüdischer Handwerker empor. Noch heute, nachdem seinem Wirken der geschäftliche Erfolg beschießen ist, wirkt er für die Gleichberechtigung des jüdischen Handwerkerstandes in interkonfessionellen Berufsvertretungen sowie als Vorsitzender der Hamburger Ortsgruppe des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands. Er ist der Schöpfer des jüdischen Lehrlingsheims, das in seinem Hause seit langer Zeit eine gastliche Stätte gesunden hat. Seit Jahren gehört er der Repräsentanz der deutsch-israelitischen Gemeinde Hamburgs an, in der er besonders aus sozialem Gebiete eine segensreiche und fruchtbringende Tätigkeit entwickelt hat. Ihm verdankt die Judenheit Groß-Hamburgs die Einrichtung der Berufsberatungsstelle, deren verständnisvoller Leiter er noch heute ist. München. (2 5 Jahre Ferienkolonie.) Der israelitische Verein für Ferienkolonien (Sitz München) kann in diesem Jahre auf einen 25 jährigen Betrieb der Ferienkolonie in seinem eigenen, im März 1902 erworbenen Heim in Hürden bei Krumbach (Schwaben) zurücksehen. Der Erwerb erfolgte s. Zt. hauptsächlich unter der Initiative des erst kürzlich in München gestorbenen, aus Krumbach gebürtigen Albert Landauer. Das Heim dient jetzt außerhalb der Ferienzeit der Aufnahme erholungsbedürftiger israelitischer Frauen und Mädchen. RtztdhaüfrN. (Besetzung des Rabbinats.) Die hiesige täLpMgMeinde besetzte die seit mehreren Jahren vakante RabbinerllcMHLt?Hr.,.Ä. Pfingst, der ein Schstler der Hochschule für die WestsckMt w$ttbentum§ ist, wurde zum Rabbiner gewählt, ^.^«»rstcken. (Ernennung.) Herr Dr. Louis Meyer ist zum Oberregierüntzsrat ernannt worden. _ (start iS». (D r.e Erhaltung des Friedhofes.) Die Erhastüng ihres alteich in früheren Zeiten von mehreren Gemeinden benutzten .'und heute als geschlossen anzusehenden Friedhofs, der aber immer noch von Angehörigen der dort Ruhenden besucht wird, macht der hiesigen Gemeinde finanzielle Sorgen, die um so größer sind, als die Spuren des Verfalls der Grabstätten deutlich zutage treten und die Kosten der Restaurierung recht erheblich sind. Unter dem Vorsitz des Gemeindcältesten Heilbrunn hat sich ein Ausschuß gebildet, der die Beschaffung von Geldmitteln namentlich von solchen auch außerhalb wohnenden Personen zu erstreben sucht, deren Verwandte auf dem alten Friedhof der Gemeinde bestattet worden sind. »28 Judenfinkele Erinnerung aus Alt-Berlin von Max Rosenfeld. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts sah man an jedem jüdischen Feiertage ein altes Mütterchen von der Rosenstraße nach der Synagoge in der Oranienburger Straße trippeln. Die alte Jüdin nannte man überall „Mutter Hiob“, der furchtbaren Schicksalsschläge wegen, von denen sie nacheinander heimgesucht wurde; und was ich als Knabe darüber erfuhr, war geradezu erschütternd. Die Greisin hieß eigentlich Frau Samuel, sie bewohnte in der Rosenstraße ein Parterrezimmer und lebte von jüdischer Barmherzigkeit. Einst hatte sie sehr glückliche Zeiten gesehen, als ihr Mann noch lebte, der Großkaufmann war und am Molkenmarkt ein schönes Haus besaß. Samuels hatten fünf Kinder: Giddel, den Aeltesten, der auch Kaufmann wurde und dem Vater im Geschäft half; dann Alex, der Jura studierte; drittens David, der sich dem Studium der Medizin widmete. Als einzige Tochter kam Sidonie, und schließlich Eli, der Jüngste, der Mutter Liebling. Eli hatte den Spitznamen das „Judenfinkele“, weil er, wo er auch weilte, immer pfiff und sang, wie ein froher Fink. Ich belauschte als Knabe oft die Erzählungen Erwachsener, wenn Mutter Hiob vorüberging, da vernahm ich dann, daß Samuels im Kriege 70/71 den ältesten Sohn Giddel verloren hatten. Beugte dieser Schlag die Eltern schon sehr, blieben sie doch nicht von einem bald darauf folgenden Trauerfall verschont: David, ihr dritter Sohn, der Arzt, hatte sich bei dem Ausbruch einer gefährlichen Seuche in Berlin in so aufopfernder Weise zur Verfügung gestellt, daß er selbst angesteckt wurde und sein Leben einbüßte. Zu gleicher Zeit war Alex an einem Lung-enleiden erkrankt, alle ärztliche Kunst nutzte nichts, — auch dieser Sohn mußte dahin. Es scheint, daß manche Menschen, denen anfangs das Glück lächelte, gerade dazu ausersehen sind, Leiden zu erdulden, die man zu ertragen kaum für möglich hält, Leiden, geeignet, an Gott und einer höheren Gerechtigkeit zu verzweifeln. Wir stehen dann vor Rätseln, die nie ein Mensch zu lösen vermag, denn wir können ja nicht fassen, warum gerade dieser oder jener Gute so viel erdulden muß, während ein anderer, der eigentlich ein Böser war, nur Glück und Freude bis an sein Lebensende erfährt. Die letzten Gründe des Leides und des Glückes sind dem Menschen so unbegreiflich wie Zeit und Raum und Ewigkeit. Der jüngste Sohn des Ehepaares Samuel, Eli, das „Judenfinkele“, war Opernsänger geworden, eigentlich gegen den Willen des Vaters, der ihn gern als Kaufmann in seinem Geschäft gesehen hätte. Eine tiefe Entfremdung wuchs zwischen Vater und Sohn; die Mutter nahm dieses mit Wehmut wahr. Als sich Eli sogar taufen ließ, verfluchte und verstieß ihn der Vater, ihn, der Mutter Liebling. Eli ging ins Ausland und blieb verschollen. Von einem Schlaganfall, der den alten Samuel betroffen, erholte sich der bedauernswerte Mann nicht wieder, und als er sein schon längere Zeif schlecht stehendes Geschäft zusammenbrech«! sah, starb er nach kurzer Krankheit. Das Haus am Molkenmarkt wurde versteigert, es blieb der Witwe mit ihrer Tochter Sidonie nur so wenig, daß sie gerade noch ein kleines Schuhgeschäft in der Poststraße übernehmen konnten. Die schöne Sidonie wäre nun der Mutter einzige Stütze gewesen, — aber das Mädchen war zu schön, sie fiel einem Verführer in die Hände, und um ihre Schande nicht aufkommen zu lassen, suchte sie den Tod in den Fluten der Spree. Als ich diese Erzählungen über Mutter Hiob mit Entsetzen vernahm, mußten schon ungefähr achtzehn Jahre seit den Ereignissen vergangen sein. So lange trug die arme Frau schon ihr furchtbares Leid. Wie kam es nur, * daß sie nicht wahnsinnig geworden war? Unbeirrt wandelte sie an den Feiertagen zur Synagoge, und es war rührend, zu sehen, wie sie, schwarz gekleidet, mit ihrem schneeweißen Haar, das unter einem Kapotthütchen hervorquoll, dahintrippelte. Für viele Leute war dieser feste Glaube, der sich auch nicht durch die furchtbarsten Schläge erschüttern ließ, wie ein Wunder, und doch — die alte Jüdin hatte wohl erkannt, daß Gott dem Menschen niemals näher ist, als in dem tiefsten Leid... Und es kamen wieder jüdische Feiertage, wo man aber Mutter Hiob vermißte, sie kam nicht wie sonst zur Synagoge getrippelt, es hieß, sie sei schwerkrank, sie liege im Sterben. Jüdische Barmherzigkeit kümmerte sich sehr um die völlig verarmte Glaubensgenossin, man versorgte und pflegte sie in reichstem Maße.; Und eines Tages ging ein Gewisper umher: „Eli ist wiedergekommen, das „Judenfinkele“, der Sänger, der Getaufte!“ Nach langen, langen Jahren war er zurückgekehrt, hatte seine alte Mutter gesucht und auch noch gefunden, sie, die ihn immer am meisten von allen geliebt, ob der Vater ihn auch verflucht und verstoßen. Es hieß, Eli säße Tag und Nacht am Bett seiner Mutter und hielt ihre welke Hand in der seinen. Und an einem Spätnachmittage schlich ich in den Hinterhof dort in der Rosenstraße, da standen so viele Leute lauschend vor dem Parterrefenster von Mutter Hiob, und aus allen Fenstern der Hinterhäuser guckten lauschende Köpfe. Und was war denn das — den Hof erfüllten wundersame Töne, sie klangen aus dem geöffneten Fenster von Mutter Hiob. Es war Eli, der seiner Mutter mit seiner herrlichen Stimme noch einmal vorsang wie einst in glücklicher Zeit. Neben mir stand in dem Hof ein alter Handelsjude, dicke Tränen rannen in seinen langen Bart, als er lauschenc^ sagte: „Hört, er singt in unserer alten heiligen Sprache, hebräisch singt das „Judenfinkele“. Ja, er ist wirklich zurückgekehrt.“ An demselben Abend war Mutter Hiob gestorben, als ob sie auf die Heimkehr ihres verlorenen Lieblings gewartet hätte. Die Nachbarn erzählten, es hätte ein überirdisches glückseliges Lächeln auf den Zügen der Toten gestanden. Kalendarium für die Zeit v.20.8. b. 27.8.1S2? August 1927 Ab 5687 Sonnabend 20 22. Wochenabschnitt-r Ekew Haftarah: Jesaia 49,14—26; 50,1—11; 51,1—3 Sabbat-Ausgang: 8.08 Uhr Sonntag 21 23. Montag 22 24. Dienstag 23 25. Mittwoch 24 26. Donnerstag 25 27. Jom Kippur Kolon Freitag 26 28. Sonnabend 27 29. Neumondweihe Wochenabschnitt: R'eih .Haftarah: Jesain 54,11—17; 55,1—5 Sabbat-Ausgang: 7.53 Uhr Der Preußisch« Landesverband Mischer Gemeinde« beabsichtigt, zum Beginn des Wintersemesters d. I. in Berlin , eine Anstalt zur Ausbildung von Religionslehrern und Religionslehrerinnen zu eröffnen, in der musikalisch befähigte junge Männer auch für das Amt eines Kantors vorbereitet werden sollen. Vorbedingung für die Ausnahme ist die Reife für die Obersekunda einer höheren Lehranstalt oder das Schulzeugnis eines Lyzeums und das Maß von Wissen im Hebräischen und in den religionskundlichen Fächern, das in einer Religionsschule oder, nach dem neuen Lehrplan für höhere Schulen bis zur Versetzung nach OII erworben wird. Die Anstalt soll sich in eine 3 Jahreskurse umfassende Vorbereitungsanstalt und eine Religionslehrer-Akademie mit 2 jährigem Kursus gliedern. In der Borbereitungsanstalt wird außer im Hebräischen und in den religionskundlichen Fächern auch in den profanen Wissenschaften unterrichtet. Ziel dieses Unterrichts ist die Befähigung zur Ablegung der Reifeprüfung an einer höheren Schule. Die eigentliche Ausbildung für das Amt eines ’ Religionslehrers und Kultusbeamten liegt der Akademie ob. Bedürftigen Schülern können Unterhaltszuschüsse und freie Lehrmittel gewährt werden. Schulgeld wird nicht erhöhen. Anmeldungen nimmt das Büro des Landesverbandes, Berlin N. 24, Oranienburger Straße 29, bis zum 1. September entgegen. Nett Nr. Z ckie seit.Jahren vergriffene Broschüre von Dr. JOSEPH NORDEN Elberfeld Preis 0.75 Mark Bestellungen beim Verlag der Berlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Malerarbeiten jeder Art führt aus Robert Gulheim Berlin W 50, Lulmbacher Straße 7 Lützow 6260 — Kostenanschläge gratis — Predigtamt zu den diesjährigen Herbstfeiertagen gesucht. Erstklassige Zeugnisse vorhanden. Nähe Berlins erwünscht, aber nicht Bedingung. Angebote unter Kn. 89 an die Expedition dieses Blattes. Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. 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