Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613928--2378-2619844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

frommen Leute, bie sich seiner unentwegt bedienen, wären sehr entrüstet, wollte,man sie aufklären, daß sie mit dieser Geste nichts Geringeres bezwecken, als den Lenker der Geschicke am Zuhören zu hindern, wenn sie etwas Gutes erzählen ... Und noch gcht auch der Brauch, bei Verlobungen und Hochzeiten Gläser zu zerbrechen, auf dasselbe Motiv zurück. Der Lärm des Festgelages lockt unvermeidlich die Gottheit herbei. Erkennt diese nun, daß das, sie hörte, Jubtt und Jauchzen von Fröhlichen ist, dann erwacht ihr Neid mch sie ruht nicht früher, als bis sie die „Freude in Leid" verwandelt hat, wie es im Nibelungenlied heißt, das ja ebenso wie die' griechische Tragödien — ein dichterischer Ausdruck des rttigiösen Pessimismus ist, der nicht an gute Götter, sondern an böse Dämonen glaubt Nibelungen" heißt ja „Nebelgeister"). Mischt sich aber in den Festesjubel das Klirren zerbrochenen Geschirrs, dann glauben die unsichtbaren Lauscher, daß die Ereignisse einen katastrophalen Verlauf nchmen und daß sie, die Götter, sich, nicht erst bemühen müssen, um ein Unglück herbeizusühren. Sie ziehen also befriedigt ab, das Glück des Brautpaares nicht weiter bedrohend. Daher gilt häs Zerbrechen von Gläsern, Tellern ustv. noch heute als G l ü ck s v e r h e i ß u n gmag auch die Gedankenkette, die zu dieser Schlußfolgerung führte, vergessen sein und der besprochene Brauch zu einem mysteriösen, weil nicht mchr verstandenen Symbol erstarrt sein. Da die pessimistische Auffassung vom göttlichen Wesen nicht aus dem Unterbewußtsein, wohl aber aus dem Bewußtsein der Juden verdrängt ist, müssen die guten Leute die Tücken, die chre heidnischen Borfahren den Dämonen zuschieben, auf ihre lieben Mitmenschen übertragen. So auch den „b ö s e n B l i ck." Die „Fag", die Dr. Lazarus als Abwehrmittel der Ostjuden gegen den bösen Blick erwähnt, ist nichts anderes als ein erotisches Symbol und nur als'solches in diesem Zusammenhang verständlich. Dem Vernichtungstriebe wird eben das Symbol der Zeugung als Ausdruck des Erhaltungstriebes entgegengesetzt. Dieselbe aus dem Gebiet der Erotik geholt? Symboük begegnet uns im „ D a v idschi ld ". Die „Erklärung" der uns unter diesem Namen beiannten Figur als Kreuz,mg der Schilde Davids und Abrahams ist ohne Zweifel sehr poetisch, aber erhellt sie wirklich das Geheimnis des Symbols: Für dessen Deutung ist weniger die Frage entscheidend, j was sich in dieser Figur kreuzt, als die Tatsache der Kreni z u n g selbst. Diese ist das Symbol der Fortpflanzung und Vermehrung. Als solches ist sie nicht nur das Symbol des Judentums, sondern auch das des Christentums geworden. (Auch der ursprünglich zunehmende Halbmond des Islams ist ein Symbol der Zunahme, Vermehrung.) Das Kreuz der Christen hat mit dem altrömischen Hinrichtnngsinstrument nichts zu tun. Dieses hatte (siehe^ Renan, „Das Leben Jesu") die Gestalt eines lateinischen T. Dagegen machte der germanische Bauer, schon lange b'vor er das Christentum kennen lernte, über sein Brot das heute übliche Zeichen des Kreuzes. Dieses ist also ursprünglich kein Symbol der „Kreuzigung", sondern einer der „Kreuzung", der Vermehrung, und als solches wird es auch beute jetzt noch den Schulkindern in der Rechenstunde geläufig gemacht: als Additionszeichen (stehend +) und als Multiplikationszeichen (liegend x). Die Glaubenssymbole des Judentums und des Christentums bedeuten also im Grunde dasselbe. Bn dem einen kreuzen sich zwei Lmcen, bei dem anderen zwei Dreiecke. Das ist der ganze Unterschied. (Ueber die große Rolle der Zahl Drei in der erotischen Symbolik kann man bei Professor Freud Näheres Nachlesen.) Daß die einander kreuzenden Dreiecke auch im Hexenglauben eine Rolle spieen, erklärt sich zwanglos aus dem erotischen Charakter dieses Glaubens. Und wenn ein mittelalterlicher Wirt das Zeichen auf seinem G a st hau ss child anbrachte, deutete er den Vorübergehenden an, daß in seinem Hause nicht bloß gastronomische, sondern auch sexuelle Genüsie des Wanderers harren. Diese einleuchtende Deutung wird manchem zum Mystizismus neigenden Gemüt als erschreckend prosaisch erscheinen. Aber sie gibt uns die immerhin tröstliche Gewähr, daß wenigstens unser Glaubenssymbol nicht aus den Gefilden des Aberglaubens geholt wurde, wie sogar viele jüdische Gelehrte Werbt neue Mitglieder! Versammlungskalender Lerlin-Rorden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162 (Aaerbachsches Waisenhaus!», Gottesdienst am Freilag, de« IS. August, abends 7.15 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvusst. Souuabeud, den 20. August, früh 10 Uhr. glauben. Es bleiben auch so nach genug abergläubische Elemente mitder jüdischen Religiosität verwoben und zwar so eng, daß Dr. Lazarus mit Rocht darüber klagt, man wage vielfach gegen jene nicht vorzugohen, aus Angst, diese zu verletzen. Sie sind aber keineswegs dem Judentum fünft* sich von außen aufgepfropst worden, sondern vielmehr, wie ich gezeigt habe, das ursprünglich Vorhandene, die im Unterbewußtsein fortwuchernden Rudimente der verdrängten pessimistischen Gottesvorstellung. Das ist frühzeitig erkannt tvorden und schon die Bibel hat den höchst interessanten Versuch gemacht, dem Nebel mit demselben Mittel an den Leib zu rücken, besten sich heute die psychoanalytische Heilmethode bttnenü nämlich durch Agnoszierung der das Unterbewußtjein vergiftenden Machte und ihre Hervorzerrung ins helle Licht des Tages. Das Produkt dieses biblischen Versuches ist dqch Buch Hiob, in dem es sozusagen zu einer offenen Aussprache zwischen dem bösen Geist, der Unschuldrge leiden laßt, und dem gerechten Gott Israels kommt. Die beiden Repräsentanten extrem.r, einander sonst ausschließender religiös-sittlicher Vorstellungen treten in diesem merkwürdigen Buche als gleichberechtigte Wettpartner auf. Das Problem, das hier tieffinnig zur Diskussion gestellt wird, ist dasselbe wie das, welches heute noch den Bekampfer des Aberglaubens beschäftigt; nämlich die Frage, wie trotz der unleugbaren Beobachtung, die das reale Leben immer wieder bietet: daß auch der Gerechte und Fromme vom Schicksal Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands verfolgt wird, doch die optimistische Gottesauffassung des Judentums über den pessimistischen Dämonengl.auben zum Siege geführt werden kann. Das Buch Hiob löst ^das Problem leider nur theoretisch. Die Praxis steht weit betrüblicher aus; sie dokumentiert sich in der schon besprochenen Beschwörungsformel „Unberufen!" gegen den „Neid der Götter" und in der ostjüdischen Furcht vor dem „bösen Auge". Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß man diesen religiösen Fremdkörpern gerade in den Kreisen der Orthodoxie begegnet, also in jenen Kreisen, die in der unbedingten Pflege des rituellen Zeremonials das integrierende Moment des religiösen Lebenswandels erblicken. Zeremonien sind symbolische Handlungen, deren ursvrimgliche Bedeutung, wie in diesem Auffatz an mehreren Beispielen gezeigt wurde, im Laufe der Züt in Vergessenheit gerät. Daher ist gerade das Zeremonial die Pforte, durch die sich der Aberglaube am leichtesten ins gläubige Gemüt einschleicht. Zur Abwehr dieser Gefahr ist notwendig, die Geister immer wieder vom Zeremoniell zurück zu den klaren Quellen des Glaubens zu sichren. Der Glaubensborn des Judentums ist der Optimismus, der die Erlösung der Welt vom Uebel durch das sieghafte Ethos erhofft und im Triumph der Moral den Sinn des Weltgeschehens erblickt. In dieser Religion hat der pessimistische Glaube an den „Neid" boshafter Schicksalslenker — sie mögen heißen, wie sic wollen, — keinen Platz. Er ist ein zersetzendes Element im Seelenleben der Menschheit, die in der Zuversicht auf das Walten eines sittlichen Prinzips einen Halt findet. Einen Halt, dessen die heutige Generation dringender bedarf als;e eine zuvor. Eine Frage der Verwaltung Obgleich die Redaktion grundsätzlich nur die preßgesetzliche Verantwortung für Sprechsaalartikel trägt, «rächten wir doch entgegen den nachstehenden Ausführungen zum Ausdruck bringen, daß nach unserer Auffassung die Gemeinde die Pflicht hat, ihre Verwaltungsausgaben so niedrig wie möglich zu gestalte». Damit dient sie auch am besten der Mehrheit der Steuerzahler. * Die Red. In Nr. 31 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 6. August 1927 wird in der Beilage unter Berlin (Aus den Gemeindebüros) mitgeteilt, daß auch die Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin ihren Bürobetrieb „modernisiert". U. a. hat sie zur Anfertigung eines Teiles ihrer Drucksachen (Formulare) eine sogen. Schwarzdruckpresse mit elektrischem Antrieb und den nötigen Zubehörmaschinen in Betrieb gesetzt. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde scheint nicht daran gedacht zu haben, daß es jüdische Steuerzahler gibt, die Buchdruckereibetriebe unterhalten. Ob es in der heutigen Zeit, wo jeder schwer um seine Existenz zu kämpfen hat, angebracht erscheint, solchen Betrieben, die für derartige Druckarbeiten in Frage kommen, nunmehr diese Arbeiten zu entziehen, ist wohl sehr zweifelhaft. Ob mit der Selbstherstellung gewisser Formulare mit einfachen Mitteln überdies Ersparnisse in der Verwaltung erzielt werden können, halte ich für sehr fraglich. Es ist nur recht bedauerlich, daß man durch eine solche Maßnahme Gemeindemitgliedern, die Pflichten ihrer Gemeinde gegenüber zu erfüllen haben, die Rechte immer mehr und mehr beschneidet. Wenn auf der einen Seite gefordert und erwartet wird, daß alle Mitglieder den Zusammenschluß fördern, so dürfte man aus der anderen Seite wohl über kurz oder lang die Wahrnehmung machen, daß derartige Maßnahmen keine große Begeisterung auslösen. Kleine Ursachen — große Wirkungen! Georg Marcus. i: »: Aus den Gemeinden : *; ^444444444M4 4 444444 ♦44 4 444444 4444444444M4444444 4444* Bergen. (Jubiläum.) Auf eine 25 jährige Tätigkeit als Volksschullehrer im Dienste der hiesigen israelitischen Gemeinde konnte kürzlich Lehrer Heinemann zurückblicken. Die Gemeinde bereitete ihrem allgemein geachteten Beamten eine würdige Feier, die durch musikalische Beiträge und Festansprachen einen weihevollen Rahmen erhielt. Neben dem Gemeindeältesten, der den Dank aller Mitglieder zum Ausdruck brachte, sprachen Prov.-Rabbiner Dr. Gradenwitz und Dr. Koreff Hanau als Mitglieder des Vorsteheramtes der Israeliten herzliche Worte der Anerkennung, ebenso Lehrer Sulzbacher im Auftrag der hessischen Amtsgenossen des Jubilars, der mit bewegten Worten allen Gratulanten den Dank für die ihm bereiteten Ehrungen abstattete. Den kantoralen Teil der Feier hatte Lehrer und Kantor I. B. Levy, Frankfurt a. M„ übernommen und in formvollendeter Weise ausgeführt. Berlin. (7 0. Geburtstag von Georg Gothein.) Am 15. August 1927 vollendete der Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Deutschland, der Reichsminister a. D. Dr. Ing. Georg Gothein, sein 70. Lebensjahr. Georg Gothein entstammt der schlesischen Grenzmark und hat sich um die wirtschaftliche Hebung dieses Teils des deutschen Reichs große Verdienste erworben. Durch Verleihung des „Dr. Ing. ehrenhalber" stattete die Technische Hochschule Breslau Gothein ihren Dank ab. Neben Bamberger, Theodor Barth und Schräder wurde er einer der Führer des Liberalismus in Deutschland. Seit 1893 ist er Mitglied des Abwehrvereins, nach Theodor Barths Tode (Juni 1909) übernahm er die Leitung des Vereins. Nach der Revolution schloß er sich der Deutschen Demokratischen Partei an und gehörte nach Schaffung der Weimarer Verfassung dem Reichskabinett als Innenminister an. Dem Abwehrkamps gegen den Antisemitismus widmete sich Gothein im Kulturinteresse des deutschen Volkes. In seiner Rede aus der Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Köln im vergangenen Jahr hat Gothein gesagt: „Deutsch ist, wer deutsch als Muttersprache spricht, wer sich als Deutscher fühlt, wer in des deutschen Vaterlandes Not sein Leben für es einsetzt." Berlin. (V e r f a s s u n g s f e i e r.) An der am 11. August im großen Saale der Funkhalle stattgefundenen Massenkundgebung, die von der Reichsregierung, der Preußischen Staatsregierung und der Stadt Berlin gemeinsam veranstaltet worden war, und der neben dem Reichskanzler Marx, dem preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun und dem Oberbürgermeister der Stadt Berlin Dr. Böß die führenden Männer der Politik, des Wirtschaftslebens, der Wissenschaft und Kunst beiwohnten, nahmen auch zentrale jüdische Organisationen, die offiziell eingeladen worden waren, teil. Vom Preußischen Landesverband war Prosessor Türk erschienen. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hatte einige leitende Persönlichkeiten entsandt. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland war durch ihren Vorsitzenden, Kurt Blumenseld, bei der Feier vertreten. Den Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vertrat dessen Vorsitzender Justizrat Dr. Julius Brodnitz. Nach Schluß der Feierlichkeit in der Halle bewegte sich von dort quer durch die Stadt Berlin ein riesiger Fackelzug, dessen Teilnehmer nach Zehntausenden zählten. nchmen. Unser Mann war sehr erfteut, endlich einen lebenden Menschen zu finden, aber der Gemeindediener sprach kein Wort zu ihm, zeigte ihm nur stumm den Weg zum Badehaus. Hier war es voll von Leuten. Nachher eilten sie alle in die Synagoge zum Gottesdienst. Einer der Anwesenden lud, wie üblich, den fremden Gast auf den Säbbat in sein Haus. Man feierte den Sabbat gar fröhlich und munter, bei erlesenen Speisen und Getränken; man sang alle Sabbatilieder und jubelte, wie es unser Mann sein ganzes Leben lang nicht geschen hatte. Er war sehr neugierig, zu erfahren, wer und was die Leute sein mochten, mußte aber seine Neugierde bezähmen, bis der Sabbat vorüber wäre, denn an diesem Tage darf man nicht von werktäglichen Dingen reden. Als am Abend der Hausherr den Scheidesegen gesprochen hatte, und unser Mann im Begriffe stand, ihn auszufragen, waren alle auf einmal verschwunden. Der Mann irrte wieder eine ganze Woche einsam umher und wußte nicht, was aus ihm werden sollte. Endlich erinnerte er sich an den Brief des Rabbiners, den ihm seine Frau in das Rockfutter eingmäht hatte. Jetzt war die Zeit, ihn zu öffnen. Darinnen stand zu lesen, er solle seinem Witt, während er den itzcheidesegen spricht, die Hand in den Gürtel stecken und zu chm. sprechen,: „Ich beschwöre dich im Namen Gottes, daß du mir sagest, wer chr seid, und mir den Weg nach meiner Heimat zeigest." Als der nächste Sabbat kam, tat der Mann, wie ihm geheißen war, und darauf erzählte chm der Hausherr folgendes: „Wir sind keine lebenden Menschen wie du, wir sind langst verstorben. Vor langen, sehr langen Zeiten wohnten wir in einer fernen Stadt. Da gab auf einmal der Könßg ein Gesetz heraus, wir sollten uns alle taufen lassen, sonst würden wir gemartett und dann hingerichtet werden, Wir erbaten uns drei Tage Bedentzeit, aber nur, um vor dem Tode Buße für unsere Sünden tun zu können. Der dritte Tag war Sabbat. Wir feietten den Sattmt, wie Gott es gebietet, mit Lobgesang und Liedern, hielten alle drei Sabbatmahle ab, aßen und tranken und priesen Gott und freuten uns, als sollte nichts geschehen, denn wir wollten die Heiligkeit dieses Tages nicht durch Trauer entweihen, sondern chu ein letztes Mal auf Erden so feiern, wie wir es all unser Leben getan. Als der Abend kam, beschlossen wir alle, zu sterben. Wir zogen das Los, wer zuerst in den Tod gehen sollte. Ihm folgten dann die anderen. Denn wir chatten gefürchtet, wenn wir lebend in die Hände des Peinigers fielen, könnten wir abtrünnig werden. Im Himmel aber entstand darob ein großer Aufruhr. Sollten solche Menschen derart vor der Zeit sterben, uni> was sollte ihr Lohn sein? Wiv gingen darauf ins Paradies zum ewigen Leben ein. Aber zum Lohn dafür, daß wir den letzten Sabbat im Lebech ohne des bevorstehenden Todes zu achten, so gefeiert hatten, dürfen wir auf jeden Sabbat wieder irdische Gestalt annehmen, dann steigen wir auf diese Insel nieder, wo wir den Sabbat in Freuden und Jubel begehen, gleich wie wir es am letzten Tage unseres irdischen Lebens getan." * Aus der überreichen Fülle der psychologisch und philosophisch äußerst lehrreichen jüdischen Bolkssagen, die das Jenseitsproblem zum Gegenstand haben, möge noch folgende hergesetzt werden: Einer Witwe starb ihr einziger Sohn, kurz bevor er Hochzeit machen sollte. Anstatt chn unter die Chuppa, zu führen, führte sie chu auf den Friedhof hinaus und bettete ihn ins kalte Grab. Wochen und Monate lang war sie wie verwirrt, saß stumm da und sprach kein Wort zu einem' Menschen. Nachher weinte sie Tage und Nächte ununterbrochen. Aber auch, als das Trauerjahr vorüber war, legte sie die schwarzen Gewänder nicht ab, weinte die Nächte hindurch, wandte sich von den Menschen ab, ging jeden Tag auf das Grab ihres Sohnes und verbrachte lange Stunden mit dem Betrachten des Grabhügels und des Denksteins darauf. Alle Trostworte und Zureden ihrer Verwandten und Freunde wies sie von sich. Sie sch nie sich nach dem Tode, um mit chrern geliebten Kinde endlich vereint zu sein, oder wenigstens es ft» Traume zu scheu. Einmal erschien chir der verstorbene Sohn im Traum. Sein Gesicht war schwarz vor Kummer und Harm, er war in einen Sack gehüllt und mit Asche bedeckt. Das Herz der Mutter krumpfte sich bei diesem Anblick zusammen, und sie konnte kein Wort hervorbringen. Der Sohn sprach zu ihr; „Mutter, warum hörst du nicht auf, um mich zu trauern? Das läßt mir auf der anderen Welt keine« Ruhe, und ich bin noch keinen Augenblick in die Pforten des Paradieses eingelassen worden, sorüiern muß obdachlos umherirren. Dein unablässiges Trauern und Weinen beleidigt Gott; alle anderen Seelen strahlen in dem Anblick Gottes, die Engel des Himmels bringen die guten Taten herauf, die ihre Hinterbliebenen zu ihrem Gedenken verrichten, von dir aber kommen nur ewige Klagen und Vorwürfe gegen den unabänderlichen Willen Gottes, der doch allein weise und gütig ist und am besten weiß, was den Sterblichen frommt. Wenn du mich wirklich lieb hast, mußt du endlich die Trauergewänder oblegen und den Schmerz aus deinem Herzen verbannen. Anstatt um den Tod deines Sohnes unablässig zu weinen und zu klagen, mußt du aus Erden zu seinem Andenken das tun, was ihm zu vollbringen verwehrt wart Ich habe kein Kind zurückgelassen. Aber in derselben Nacht, als ich starb, wurde in dieser und dieser Gpsse, in diesem' und diesem Hause ein Kind geboren, und die Mutter, deren Mann einige Wochen zuvor aus dem Leben geschieden, starb kurz darauf. Suche das Kind auf, nimm es zu dir, hege und pflege es, als wäre es das Kind deines einzigen Sohnes, habe Freude daran, tröste dich über den Tod deines einzigen Kindes. Damit wirst du den Willen Gottes tun und memr Sette von den Qualen erlösen, die ich wegen deiner unablässigen Trauer erdulde." Am nächsten Morgen war das erste, was die Frau tat, das verlassene Waisenkind aufzusuchen. Sie nahm es zu sich und tat, wie ihr verstorbener Sohn ihr anbefohlen. Nach ttniger Zeit erschien der Mutter abermals der Sohn ftn Traume. Er war in die strahlenden Gewänder der Zedakah (lewusche zedakah dinehirin) gekleidet, sein Antlitz, leuchtete, seine Augen glänzten, und er lächelte selig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.