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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-19 · 33 (19.8.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
33 (19.8.1927)
Date
1927-08-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Die jüdischen )ugendverbände!auf der Ausstellung «Das junge Deukfchland" Am 12. August wurde im Schloß Bellevue zu Berlin di« Ausstellung „Das junge Deutschland" durch den Reichskanzler Dr. Wilhelm Marx in Anwesenheit des preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun, des Kultusministers Dr. Becker, des Reichspräsidenten Paul Löbe und mehrerer hoher Beamter des Reiches und der Länder eröffnet. Veranstaltet wird die Ausstellung vom Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände unter Mitwirkung des Reiches, verschiedener Länder und Behörden der Selbstverwaltung, sowie zahlreicher freier und öffentlicher Körperschaften und Bereinigungen der Jugendwohlfahri. Der Reichsausschuß der jüdischen Iugendverbande tst mit einer besonderen Koje im Saal 11 vertreten. Die Ausstellung bezweckt, auf Grund reichen statistischen. und Bildmaterials einen Ueberblick über die Gesamtlage der deutschen schulentlassenen Jugend in kultureller, sozialer, gesundheitlicher und bevölkerungspolitischer Beziehung zu geben. Diese Aufklärung soll dazu dienen, weiteste Kreise für Maßnahmen gesetzgeberischer und sonstiger Art zu gewinnen, die erforderlich sind, um für die Heranwachsende Jugend Lebensbedingungen zu schaffen, die M ein Reifen zu körperlich gefunden, geistig beweglichen und sittlich verantwortungsbewußten Männern und Frauen ermöglichen. Am 10. August wurde die Ausstellung der deutschen Jugend von einem Kreise geladener Gäste und Vertretern der Presse besichtigt. In 34 Sälen des Schlosses Bellevue sind mit bildlichen und plastischen Darstellungen, mit anschaulichen Tafeln und figürlichen Beiwerk die mannigfachen Gebiete vertreten, die für die Jugend von heute den hauptsächlichsten Wert repräsentieren. Vor der Koje des Reichsausschuffes der jüdischen Jugendverbände begrüßte der Direktor der ZentralwoUfahrtsstelle der deutschen Juden, Herr Magistratsrat Ollendorff, die Pressevertreter und gab Aufklärung über den Anteil der jüdischen Jugendverbände an der deutschen Jugendbewegung. Die Koje soll dem Leitgedanken des Reichsausschusses, dem der sozialen Arbeit d:r Jugend für die Jugend, Ausdruck verleihen. Der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände ist im Jahre 1924 gegründet worden. Zur Zeit umfaßt er 11 Reichs jugendverbände mit etwa 600 Ortsgruppen und 30 000 Mitgliedern. Der Reichsausschuß verfügt über ein eigenes Jugenderholungsljeim lind eine Jugendherberge in Seesen a. Harz. Bei aller Berschiedenh-it der Ziele, welche durch die 11 Verbände verfolgt, und die in ihren Grundgedanken durch die Bilder „Freude am Gesetz", „Lernen der Schrift", „Pflege von Literatur und Volkslied", „Berussumschichtung", „Wandern und Körperkultur" dargestellt werden, vereinigt der Mögen Dovid die gesamte jüdische Jugend zur sozialen Arbeit. Dem Rcichsausschufi der jüdischen Juqendverbände sind zur Zeit folgende Verbände angeschlossen: 1. Agudas Jisroel Jugendorganisation, 2. Arbeitsgemeinschaft der jüdischliberalen Jugendvereine (Zeitschrift: .>Jli"), 3. Deutsch-jüdische Jugend, 4. Deutsch-jüdische Jugendgemeinschaft (Zeitschrift: „Der Kämpfer"), 5. Esra Jugendgemeinschaft (Zeitschrift „Führerschaftsblätter des Esra"), 6. Hechaluz, Deutscher Landesverband (Zeitschrift: „Hechaluz"), 7. Jung-jüdischer Wanderbund (Zeitschrift: „Mitteilungen des Juna-jüd'schm Wanderbnndes"), 8. Kädimah, Ring jüdischer Wcmder- und Pfad finderbünde (Zeitschrift: „Der jüdische Pfadfinder"), 9. Ka meraden, Deutsch-jüdischer Wanderbund (Zeitschrift: „Jung Mlf', „Mitteilungsblatt"), 10 Misrackn-Jugendgemeinschaft, 11. Verband der jüd'fchen Jugendvereine Deutschlands (Zeitschrift: „Der Jugendbund"). (Jta) Das Ergebnis der zionistische« Kongretzwahle« in Deutschland Die Hauptwahlkommission für die Wahlen zum 15. Zionistenkongreß in Deutschland stellte das folgende endgültige Wahlresultat fest: Abgegeben wurden in allen Wahlkreisen Deutschlands 6656 gültige Stimmen. Davon entfielen aus Liste 1 (Poale Zion) 1570, aus Liste 2 (Linkes Zentrum) 2313, auf Liste 3 (Misrachi) 2076, auf Liste 4 (Revisionisten) 302, auf Liste 5 (Radikale Zionisten) 465 Stimmen. Die den deutschen Zionisten auf Grund ihrer Schekellcistung zukommenden 12 Delegiertenmandate wurden wie folgt verteilt: Poale Zion 3 Mandate, Linkes Zentrum 4 Mandate. Misrachi 4 Mandate Radikale Zionisten 1 Mandat, Revisionisten kein Mandat. (Dieses Ergebnis bedeutet eine entschiedene Niederlage der Revisionisten; aber auch die offizielle Richtung im deutschen Zionismus (Kurt Blumen selb) konnte nur eine Minorität der zionistischen Stimmen für ihre „Liste des linken Zentrums" gewinnen. Auffallend ist das starke Anwachsen des Misrachi. Die Red.) Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Zur Sprache der Bibelübersetzung Die im Zusammenhang mit den Bibelübersetzungen (vgl. Jüdisch-liberale Zeitung vom 20. Mai 1927) behandelte Frage des Einstusses der Bibel auf die Sprache des Alltags best den Juden im Mittelaller legt allgemein den Vergleich der biblischen mit der herrschenden Sprache nahe. Als ein Beispiel hierfür möge die Stelle I. Sam. 25, 29 dienen: Zo sei meines Herren Seele eingebunden in den "Bund des Lebens!" Ihr entstammt die auf jüdischen Grabsteinen übliche Inschrift Tnzbh. Die Vulgata übersetzt das Bibelwort: quasi in kasciculo viventium, wählt also für z’ror eine Wortform, die im Vulgärlatein am seltensten für eine Verkleinerung, vielmehr häufig zu der verschiedenartig gefühlsbetonten Bezeichnung eines vertrauten Wesens oder Dinges, öfter auch zu einer mit ähnlichem Gefühlswert verbundenen Neubildung verwendet wurde. Diese von den romanischen Sprachen übernommene volkstümliche Wortbildung findet sich auch an der angegebenen Stelle wieder, so das altfranzösische faisselot in einer 1534 gedruckten Bibel und altprovenzalisch faycet. Luther aber hält in seiner Übersetzung infolge eines selbst heute noch nicht überwundenen Mißverständnisses der Bedeutung jener vulgärlatein-romanischen Ausdrucksform an ihrer irrtümlichen Wiedergabe fest und sagt: die Seele meines Herrn wird eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen, und noch Kautzsch folgt ihm hierin: in das Bündel der Lebendigen. So führt das starre Festhalten am biblischen Buchstaben bis in die Gegenwart hinein zum fehlerhaften Gebrauch eines Ausdrucks, der in Gedichten wie in Prosastellen bei Goethe, Rückert, W. Alexis, Johannes Müller, Matthisson und anderen den in der täglichen Umgangssprache allgemein üblichen Sinn zeigt. Bei der bildkräftigen Sprache der Bibel aber ist chre durch das angeführte Beispiel gekennzeichnete so beharrlicher Abweichung von jener, die sich nicht auf den Kreis der Judenheit beschränkt, nicht zu verwundern^, doch darf sie auch nicht übersehen werden. Dr. M. Golde- Charlottenburg. Aberglaube Bon Dr. Hugo S v i e g l e r. Zu dem Thema „Aberglaube" haben in Nr. 31 der „Jüdisch-liberalen Zeitung" die Herren Rabb. Dr. Lazarus - Wiesbaden und Max Vogel st ein - Breslau recht anregende Ausführungen und interessante Details gebracht. Ich vermisse aber die systematische Gruppierung dieser Details um ein metaphysisches Prinzip. Dr. Lazarus bestreitet geradezu das Vorhandensein eines solchen Prinzips im Aberglauben und Herr Bogelstein tut im Grunde dasselbe, wenn er sagt: „Aberglauben ist ein Glchuben, dem die sittliche Fundierung fehlt." Vielleicht bietet aber die modernste Wissenschaft, die Psychoanalyse, eine Handhabe zur Auffindung dieser Fundierung und darüber hinaus einer einleuchtenden Deutung jener Gebräuche, die von den beiden Autoren ohne Erklärung aufgezählt wurden. Der Aberglaube — gleichviel, in welchen Formen er sich äußert — ist im Grunde sicher nichts anderes, als dev im Unterbewußtsein weiter dominierende Verdrängungskomplex überwundener und aus dem Bewußtsein der Menschen entschwundener Wettanschauungen. Die Weltanschauung der jungen Menschheit auf der primitivsten Stufe kaum erst erwachender Kultur war begreiflicher Weise p e s s i m i st i s ch. Von der Natur nur sehr stiefmütterlich mit physischen Abwehr- und Angriffswaffen ausgerüstet, sah sich domo sapiens in eine Welt des Grauens versetzt. das unbarmherzig von allen Seiten auf ihn einstürmte. Zunächst ganz realistisch: in der Gestalt der wilden Tiere. Außerstande, sich deren Angriffe zu erwehren, war er weise darauf bedacht, diese wenigstens in geregelte Bahnen zu lenken — nach seinem Willen zu regulieren. Dabei half ihm die Beobachtung, daß die Bestien nicht anzugreifen pflegen, wenn sie satt sind. Er beeilte sich daher, dem natürlichen Drange seiner Feinde Rechnung zu tragen, indem er chnen freiwillig Opfer zum Fräße zutrieb, bevor sie in der Tobsucht des Hungers zum blindwütigen Angriff übergingen, Der so entstandene Gebrauch des regelmäßigen Opferns wirkte sich aber nicht bloß nach außen in der gewünschten Weise aus, sondern hatte auch im Innern des Menschen Folgen moralischer Natur. Indem der Mensch sich anderen Wesen tributpflichtig machte, erkannte er diese Wesen Äs „höhere", chm übergeordnete an. Darauf basiert die göttliche Verkehrung, dre 'primitive Naturvölker gerade den abscheulichsten Eestien zuteil werden lassen (im alten Aegypten den Krokodilen, heute noch manche Kannibalen den Schlangen usw.). Frühzeitig erkannte der Mensch, daß es außer den höchst sinnfällig bemerkbaren Tieren auch noch andere Natnrgewalten gab, die meistens nur durch ihre Wirkungen (Donner, Blitz usw.l erkennbar waren, sich selbst aber in rätselhaftes Dunkel hüllten. Die Sucht, dieses Dunkel zu ergründen, erhob den menschlichen Blick ins Transzendentale. Dabei bediente man sich des Analogieschlusses und folgerte Ms dem Vorhandensein sichtbarer Bestien auf das von unsichtbaren, mit denen man sich Wald und Flur, später auch den Himmel bevölkert dachte. Auch bei der .Abwcht dieser feindlichen Mächte bediente man sich der in der realen Welt bestens erprobten Methode des Opferns. So entstanden die Naturreligionen. Selbstverständlich erlebten diese eine Entwicklung, die mit dem allgemeinem Aufstieg der menschlichen Kultur von den primitivsten zu höchst durchgeistigten Taseinsformen parallel ging. Aber geblieben ist der pessimistische Grundgedanke in der Auffassung des Göttlichen. Das zeigt sich am krassesten auf der höchsten Vollendungsstuse der Naturreligionen: im Hellenentum. Haben die Menschen auch im Laufe der Zeit, besonders seit dem Beginn des Ackerbaues anerkannt, daß nicht bloß böse, zerstörende Dämonen, sondern auch freundliche, schöpferisch wirkende.Kräfte das Weltgeschehen beeinflussen, so bleibt doch der hervorstechendste Charakterzug der Götter der Neid, der das Verhältnis zwischen Unsterblichen und Sterblichen immer wieder verhängnisvoll trübt. Es ist das unvergängliche Verdienst des Judentums, diese Anschauung vom göttlichen Wesen fundamental revolutioniert zu haben. Das Judentum hat an die Stelle einer mannigfach abgestuften, in sich feindlich gespalteten, nach Neigung und Charakter höchst uneinigen Götterwett der Antike den einig einzigen Gott gesetzt. Nicht subjektive Leidenschaften, sondern das objektive Ethos lenkt die Wett. Das Verhältnis des Menschen zum höchsten Wesen bestimmt nicht mehr die Angst vor einem dämonischen Vernichtnngswillen, sondern Dankbarkeit gegen den Schöpfer. Eine solche Umwälzung vollzieht sich nicht von heute aus morgen. Unsere ganze heilige Schrift ist erfüllt von dem Kampfe des optimistischen Monotheismus gegen den Pessimismus der Naturreligionen. Daß dieser Kampf fortdauert, das beweist der Aberglaube, und das ist das Betrübliche, Erschreckende an seiner Existenz. Bewußt bekennt sich ja heute wohl niemand mehr zu Baal, aber welch groteske Kapriolen schlägt das jüdische Unterbewußtsein! Ahnt der „gesetzestreue" Mann, die tieforchodoxe Frau, die in jedem Augenblick! bie dreizehn erhabenen Eigenschaften Gottes zu beschwören bereit sind, daß sie beide im Grunde chves einfältigen Herzens den „Neid der Götter" — um im Bilde des Hellenismus zu bleiben — fürchten? Würden sie sonst, wenn sie von irgend einem Glücksumstand erzählen, der diesen Neid heranfbeschwören könnte, fürsorglich das Wort „unberufen!" aussprechen? In den primitiven Zetten des unverhüllten Dämonenglaubens hat man sich nicht mit dieser Beschwörung begnügt, man hat vielmehr physisch die Götter zu hindern gesucht, etwas zu hören, was sie Ms schlechte Gedanken bringen könnte: duuh das Aneinanderschlagen von Massen oder anderen zur Hand befindlichen Gegenständen machte man solchen Lärm, daß unwillkommene Ohcenzeugen keinen Laut erhaschen konnten. Dieser naive Gebrauch lebt als Symbol frisch-fröhlich fort: man begleitet das Wort „unberufen!" mit einem Klopfen aus den Tisch... Freilich wird dieses | Symbol heute nicht mehr verstanden, und die meist sehr Einkehr Bon Arthur Silbergleit. Gott ist Deiner Seele sicher. Wenn Du immer innerlicher, Immer tiefer einsam wirst, Und Du ruhst in seinem Frieden, Traumversunken schon hienieden. Ob auch Meer und Aether birst. Wie der Sanduhr Körner gleiten Sonnen, Monde, Jahreszeiten Im Aeonenlauf dahin; Blüten ließ der Sturm zerstieben. — Herz, was ist Dir noch geblieben Als Dein frommer Kindersinn? Als ein andachttiefes Staunen Ueber alles Märchenraunen In der Muschel und in Dir, Seit Dich Mutter aus dem Schoße * Auswarf in die Welt, das große Ozeanische Revier. Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden Schluß. War die vorangehende Sage eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde im Diesseits der Lehre und den guten Taten gewidmet, köstlicher ist als die ganze Seligkett des Jenseits, so ist die letztere Sage hier wiederum! eine Illustration zu dem Glaubenssatz, daß eine Stunde der ewigen Seligkeit im Jenseüs mehr wert ist, als ein ganzes diesseitiges Leben mtt allen seinen irdischen Genüssen und Ehren. Man kann die in der einen wie in der anderen sich spiegelnde Lebensanschauung nicht Askese nennen, auch nicht Mystik, denn was sich in ihnen spiegelt, ist nur eine Wertung der höchsten Lebensgüter: Erkenntnis und schöpferische Arbeit. » Eine andere Sage von merkwürdiger Phantastik gibt eine kräftige Vorstellung von dem jüdischen Volksglauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen im Jenseits sich danach sehnen, für eine kurze Weile ins irdische Leben zurückzukehren, um dessen flüchtige Wonnen zu genießen. Sie lautet folgendermaßen: . In alter Zeit war ein reicher Mann, der war sehr wohltätig; von allem, was er verdiente, gab er die Hälfte im Verborgenen an die Armen. Da er selber die Armen und deren Bedürfnisse nicht alle kennen konnte, gab er das meiste Geld an den Rabbiner seiner Stadt, einen sehr frommen und heiligen Mann, und dieser verteilte die Summen unter die Dürftigen, ohne daß diese wußten, qpoher sw kamen. Nach Jahr und Tag verlor er sein ganzes Versmögen und wurde so arm, daß er selber vom Rabbiner Unterstützung annehmen mußt«. Eines Tages sagte der Rabbiner zu ihm: „Weißt du was, du solltest doch versuchen, von neuem ein Geschäft anzufanaen. Vielleicht gibt Gott dir abermals Glück, und dein Stern geht wieder auf. Hier ihjast du einen Goldgulden, versuche es, mit Juwelen zu handeln." Der Mann tat, wie ihm besohlen war, und siche da, der Segen des Rabbiners hatte eine gute Wirkung, der JuwelenhäMer wurde bald wieder ein reicher Mann. Einmal war er genötigt, in Geschäften eine wette Reise zu unternchmen, nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Rabbi, um Abschied von chm zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Rabbi sprach: „Gche in Frieden, hier hast du einen versiegetten Brief; du darfst chn nur öffnen, wenn du dich in höchster Lebensgefahr befindest." Der Mann verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise an. Frau und Kinder begleiteten ihn ans Ufer des Meeres. Hier nähte chm die Frau den Brief in das Rockfutter ein. Darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welches in das Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Einmal erhob sich ein Sturmwind. Das Schiff zerschellt«, und unser Mann klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein Ufer trug. Er trat ans Land und sing an, sich umzusehen, wo er sich befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche! Obst¬ und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles war schöner und sarbenf reicher, als sonst in der Well. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nirgends zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuser trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wieder kommen. Am Herd ftandfeN Gerichte; überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu scheu. Dasselbe fand er auch im zweiten und dritten Hause. Er dachte bei sich: Was mag das nur sein? Sind alle Einwohner dieses Landes irgendwohin verreist und haben chre Wohnung unverschlossen gelassen? Seinen Hunger stillte er mit den Früchten der Bäume, die nur Gottes Werk sind, wagte aber nicht, die Gerichte und Speisen zu berühren, denn er fürchtete, ob er sich nicht in der Hauptstadt der Dämonen befand, und wer etwas von diesen genießt, der kanin nimmermehr ihrer Macht entrinnen. Mittlerwette sah er sich immer aufmerksamer in den Häusern um, und fand, daß alles wie zum! Sabbat vorberettet war. In den Leuchtern staken Kerzen, auf den Tischen lagen Sabbatbrote. Wein schimmerte in den Flaschen, Fische schmorten in den Pfannen am Heid. Endlich kam der Freitag. Wie unser Mann ziellos umherirrte, vernahm er eine Stimme, die ausrief: „Ins Bad! JnS Bad!"°) Er folgte der Stimme und fand den Gemeindediener, der, wie üblich, durch die Straßen zog und laut ausrief, die Leute sollten vor Anbruch des Sabbat ein B«d b) Es war Sitte, vor Eingang des Sabbat ein ReinigungSbqb im Gemeindebadehause zu nehmen.

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