Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 32 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Landes der jüdischen Gemeinden unseres deutschen Vaterlandes, an die zuständigen staatlichen Stellen mit folgender Forderung heranzutreten: Sorget dafür, daß der jüdischen Religionsgemeinschaft die sicherlich längst ersehnte Möglichkeit eröffnet werde, Weekend- Sabbatgottesdienfte einzurichten. Praktisch ließe sich diese Anregung dadurch verwirklichen, daß Freitag nachmittags in den Wintermonaten um drei Uhr, in den Sommermonaten um sechs Ahr staatlicherseits Eeschöftsrnhe einzutreten hat. Die Cefchiiststage würden sich demgemäß auf die Zahl fünf — Montag bis Freitag — beschränken. Etwa ausfallende Arbeitsstunden ließen sich ohne schwierigere Berechnung und ziemlich mühelos den fünf Arbeitstagen zuaddieren, ohne daß im Durchschnitt das System des Achtstundentages einen Schaden erlitte. Im Hinblick auf das ausgedehntere Wochenende, das nunmehr allen Bedürfnissen der Menschcnseele in ausgiebigstem Maße Rechnung trüge, wären sicherlich alle Arme und Kopse dazu bereit, die Älltagsarbeit um ein Teilchen fünf Tage hindurch zu verlängern. Das Ziel der Ruhe und Freude wäre doch zu verlockend» und die soziale Ethik der deutschen Republik würde um ein beträchtliches Stück gefördert werden. In diesem Sinne etwa hätte unser Landesverband mit den staatlichen Obrigkeiten zu verhandeln. --Es sind in der Welt größere Probleme gelöst worden als die Ausheilung dieser Frage vom Weekend-Sabbatgottesdien'st. In Theorie und Praxis könnte von uns Rabbinern in ganz anderer Weise als bisher auf die jüdischen Massen eingewirkt werden, weil wir eine wirkliche Gemeinde um uns versammelt hättet:, mit der wir in d a u e r n d e m Konnex st ä n d e n. Die Predigt gewänne eine neue Kraft, die Seelsorge k ö n n t e unter anderen Bedingungen vor sich geh en, d as W o hlfah rtsw esen würd e sich zu nie geahnter Höhe e n t w i ck e l n. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Deutsche Nabbinerverband in seiner Gesamtheit diese Angelegenheit mit in den Brennpunkt des liebevollsten Interesses'hineinrücken würde. Und Prinzess:n Sabbat, die den Dornr ö s ch e n s ch l a s schlummert, würde aus ihrer Verzauberung erwachen u::d die Welt mit Licht und Wonne erfüllen. Roch einmal „Die neueste Methode im hebräischen Unterricht" In meinem gleichlurtenden Sprechiaalarlikel (s. b. Jüdisch-liberale Zeitung vom 8. April)®atie ich aus pädagogischen, geschichtlichen und erfayrungspsychologischen Erwägungen heraus für Uebcrweisung der hebräischen Gebetssprache, an die berusenen Tie n er der jüdischen Gottesverehrung eintreten zu müssen geglaubt. Dazu erschien in Nr. 7 des „Israelit" aus der Feder des Herrn Obe.rabbiner Tr. Carlcbach in Altona eine Kritik, die ich niedriger hängen möchte. Se. Hochwürden hatten die Güte, einer — sage und schreibe dreieinhalb Zcitungs spalten füllenden Philippika zu meiner liberalen Weltaussassung Stellung zu nehmen, allerdings auch bemerkend, „daß die Darlegungen des Herrn Lehrer Wallach eine Widerlegung nicht verdienten. Es hieße ihnen zuviel Ehre erweisen, »venu man sie einer ernsten Antwort tvürdigcn wollte." — Lassen wir diesen Widerspruch — er ist in seinen Ausführungen nicht der einzigste — einmal passieren. Wenn dann aber die „ernste Antwort" eines so orthodox sein wollenden Theologen darin bestehen soll, sich in Schimpfereien über seinen Gegner zu ergehen, anstatt ihn sachlich zu lviderlegen, so-ist das eine Kampsesiveise, deren Eignung ich dem Urteil des freundlichen Lesers überlassen muß. — „Man traut seinen Augen kaum", so schreibt .Herr Tr. Carlcbach, „wenn ein jüdischer Lehrer in solch köstlichem Unsinn seine Darlegungcn ausklingen läßt: Geist der Propheten, erwache, Sonne Spinozas, o, leuchte auch uns! Wer den Geist der Propheten und die Sonne Spinozas in einem Atemzuge beschwören kann, hat toeder von dem einen noch voll dem andern eine Ahnung, dem ist die Religion tvie die Philosophie ein Buch mit 7 Siegeln." Es muß hier daran erinnert werden, daß religiöse Begriffe, wie Euuvicklung, Gedankenfreiheit, Aberglaube, Volksverdummung und Liberalismus für buchstabengläubige Gemüler immer etwas Ketzerisches an sich haben. Sie pflegen nicht selten aus sie einzuwirken, wie das rote Tuch auf den Stier. — Ich weiß nun wirklich nicht anzugcben, wie ein Mose, ein Jesaias, ein Jeremias, oder wie das Bild jenes Philosophen und Brilleuschleifers in der Vorstellung des Herrn Oberrabbiners lebt. Vielleicht hätte nach seiner Meinung die Kchillo kedauscho Amsterdam am besten daran getan, einen Baruch Spinoza „zum verdienten Steinigungsprozesse" vor das Tor der Stadt zu führen, und daß er (ich meine den Herrn Einsender) jene (die Propheten) sich als „Melaindim" denkt, die ihren Zeitgenossen eine „Trohschc" halten, um ihnen „M o r e s" zu lehren und „Gesetzestrcue" beizubringen. Dies alles weiß ich nicht, denn ich bin ja nur Seminarikcr und habe keinen Doktortite!, „um meine Wisscnsblöße zu bedecken". Doch eines tveiß ich und behaupte es kühn: daß jene großen, revolutionären Gottesmänner, wenn sie heute noch lebten, den hebräischen Buchstabengötzen über den Haufen werfen würden! Sind sie als die heiligen Gesäße jüdischen Feucrgeistes, die sie über den nationalen Gott hinweg die Hinführung ihrer Volksgenossen zur reinen Menschheitsreligion, zum unverfälschten Gottesglauben predigten, nicht jenem tiefen Denker, sonnenhaften Blicks, aufs innigste verwandt, ihm, der - den Mantel des Gesetzes sprengend — Judentum mit Liebe und Menschentum vermählt, ihm, der die sittliche Erhabenheit der Propheten in seinen Schriften verherrlicht? Und ist die Lehre des Gebannten nicht „Jüdisch-prophetische" Ethik? „Tie Propheten", so sagt er, „haben, das Wort Gottes ans Gottes Befehl verkündet. Tie h. Schrift ist das geoffenbarte wahre Gotteswort." Gehören, so frage ich, Spinozas Werk und das prophetische Judentum nicht zusammen? Sind sie nicht — von seinem philosophischen Hang zum Pantheismus abgesehen - - Verherrlichungen des Judentums, der Liebe, der sittlichen Menschenpslicht? Und haben wir zu Spinozas 250. Todestage (am 22. Februar d. I.) nicht die Gebildeterl aller Nationen der Erde in diesem Sinne vereint gefunden, als die dankbare Nachwelt, die ihm Kränze flicht? .Habe ich als liberaler Lehrer nun das Recht, dem Kultusbeamtenstandc des Judentums zuzurufen: Möge der revolutionäre Geist der Propheten, möge die Leidenschaft ihres Naturells und ihrer Seele über euch kommen und euch Helsen, möge die Sonne Spinozas in ihrer belebenden Kraft in eure Herzen und Sinne strahlen, damit es gelinge, auf den Trümmern des zeremoniellen alten ein neues Judentum anfzurichteu in seiner ethisch-ästhetischen Klassizität? - Herr Dr. Carlcbach nennt das Unsinn, weil er erstens sich selbst für weise hält (siehe Jesaias 5, Vers 21), zweitens weil ex, nach seinem Skriptum zu schlichen, ein ruhiges, klares Urteil vermissen läßt, drittens, weil er seiner Einstellung zufolge den radikalen Geist der biblischen Reformatoren überhaupt nicht ersaßt hat und viertens, weil seine Ansicht über modern-pädagogische Tagesfragen dilettantenhaft falsch und lächerlich erscheinen. „Wir lernen Hebräisch", so meint er z. B., „damit wir m die Lehre Gottes ein dringen können, oder weil unsere höchste Aufgabe und Pflicht das Studium der Thora ist, darin jeder forschen soll bei Tag und bei Nacht." (Wie poetisch das klingt!) Wir jüdischen Lehrer haben geglaubt und dies auch in unserm Lehrplan ausgesprochen, daß wir Hebräisch nur traktieren, um das Kind zur verständnisvollenTeilnahme am öffentlichen Gottesdien st anzuleiten. „Bei richtigem Unterricht sängt mit der ersten Chumeschstunde das Forschen, das Suchen, das Fragen, das Entdecken an, ist jedes Wort der h. Schrift Quelle der Belehrung und Erhebung." Hier haben wir zugleich - mit dem köstlichsten Phrasendrusche — hebräischsprachliche Unnatur in höchster Potenz! Herr Religionsschulinspektor von Gottes Gnaden, stellen Sie mir doch mal 1/2 Dutzend Ihrer besten Schüler zur Verfügung, damit ich eben feststellen kann, daß sie noch nicht den 100. Teil des Tenach und nicht die Hülste der hebräischen Thora und nicht mal den vierten Teil der hebräischen Psalmen einwandfrei lesen, geschweige denn übersetzen können! Aber wie dem auch sei — ich bin zu „naiv" und muß bekennen: mir i st die Religion zu hoch und die Bibel zu heilig, als daß ich sie zu talmndischen „Vivisektionen" erniedrigen sollte, noch dazu durch Kreti und Pleti und unsere Kinderwelt. — Thora studieren, Herr Doktor, ist l 0 g i s ch e r w e i s c Ausgabe des Rabbiners und Kultusbeamten, nicht aber der Gemeinde. Wir wohnen nicht mehr hinter Ghcttomauern und haben das Cheder abgestreist. Wir, die Söhne des freien Jahrhunderts, haben auch an den Quellen moderner Kultur getrunken. Dies scheinen Sie nicht zu wissen. Aber ich merke schon, Herr Oberrabbiner, wir reden aneinander vorbei: Sie, der orthodoxe, die natürliche Entivicklung leugnende Theologe, ich, der Aufgeklärte, „Naive", das ideale Erziehungsziel der jüdischen Menschheit begreifende Pädagoge, Sic, der Erstarrte, Tote künstlich züchtend, das Verständnis sür Ihre andersdenkende Mitlvclt, den Sinn sür die Wirklichkeits werte Ihres geistlichen Berufs und Ihrer Weltanschauung mehr und mehr verlierend, ich, die brauchbaren Erfolge der jüdischen Jugenderziehung im Sinne des Weltgeschehens, des Weltganzen suchend aus einem Gebiete, aus dem die maßgebenden Erfahrungen des Lebens und der praktischen Vernunft ausgebreitet vor uns liegen. Hebräopsychosis und kein Ende! Ich vertveise aber auf die Stelle: 5. B. Mos. 31, 10—12. Hier hat Mose den Priestern ausdrücklich zur Pflicht gemacht, je am Ende von 7 Jahren die Lehre einmal dem Volke vorzulesen. Wo ist hier von täglichen Hebungen (etiva wie im Sch'ma) und ewigen Exerzitien die Rede? - Sonnenklar liegt schließlich auf der Hand, daß jene Gcsetzesverkündung nicht nur von geringem Umsang war, sondern daß sie auch gar nicht in rein hebräischer Sprache stattgefunben haben kann. Sic war vielmehr -- nach dem 400 jährigen Aufenthalt des Volkes in Aegypten ein althcbräisch-ägyptisches Sprachengemisch, wie ja beiläufig bemerkt — auch die hebräische Schriftsprache erst aus der ägyptischen Bilderschrift hervorgegangen ist. Sie, Herr Oberrabbiner, fordern ein hebräisch-theologisches Studium von unseren Kindern, ihr Eindringen in den Geist des Hebräischen. - - (Man glaubt hier Töne aus einer andern Welt zu hören.) Dringen Sic mit ihnen nur ruhig ein — in den Schlacht- und Viehhos von „Wajilro" z. B. mit seinem alten, blutigen Opferkult. .Hier werden sie „Erhebung und Belehrung" finden, besonders auch in den Fragen der „jüdischen Küchenreligion". Wir beten immer: „Tie Lehre Gottes ist voil- 011:1100001000110000102000000001110000100000000000001000000000000000000 2 2 2 2 \ 8 Tage vor Ihrer Reise I 2 2 | müssen Sie bei Ihrem zuständigen Postamt die Ueberg g Weisung beantragen, wenn Ihnen die „Jüdischg 0 liberale Zeitung" auf kürzere oder längere Zeit in die g 2 Sommerfrische nach gesandt werden svll. g □ 2 2 2 222D22220nincl222222220nD220a222C!2222a22DDD222222202a2D222222D kommen, ist offenbar!" Wenn aber die Thora offenbar ist, wozu dann ein dauerndes Forschen darin und ein ewiges Suchen — nach Art von Schüler-Entdeckungsfahrten und kindlichen Exkursionen?, zumal wir ihre ethisch-sittlichen Forderungen anerkannt und angenommen haben, besonders aber — und gerade dieses fällt hier außerordentlich ins Gewicht — weil nach orthodoxer Meinung das, was sie für Wahrheit hält, auch ein für allemal gegeben und unabänderlich ist Ist sie sodann als Offenbarung menschlicher Weisheit (denn göttlicher Herkunft ist sie nicht!) unserm Gemüte verschlossen, unserm .Herzen wesensfremd? „Ist sie hoch oben im Himmel verborgen oder jenseits des Meeres zu suchen, daß du sprechen könntest: Wer bringt sie mir her? Nein, ganz nahe ist sie dir, in deinem Herzen und in deinem Munde, danach zu tun." (5. B. Mos. 30, 11—14.) Apperzipiert ein Schüler den Satz: „Liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst" nicht schneller, wenn er ihm in seiner deutschen Muttersprache geboten wird, als wenn er ihn über „Krummbach", will sagen aus dem schwierigsten Wege einer zungcnbrechcrischcn Fremdsprache erlernen muß? „Hohe Gedanken in erhabener Sprache, so lehrt Herr Dr. Carlcbach, werden sich mit Verständnis nur im Hebräischen lesen lassen." Er muß es als „der große Pädagoge" vor dem Herrn ja wissen. Irreführend ist auch die Behauptung „Ohne Opfer kein Judentum", sinnlos die Forderung „Das jüdische Kind soll gerade durch das Ringen (!) um die hebräische Sprache erfahren, wie schwer cS ist, das Ideal des Thorastudiums zu erringen". Die deutsche Judenheit hat seit den Tagen des Ghettos der Opfer genug gebracht, Opfer des Intellekts und der besseren Ueberzeugung. Sie hat die Sklaveuketten durchbrochen und kennt nur den einen Wunsch, ein freies, glückliches Judentum ihr eigen nennen zu können. Gott wird ihr weiterhelscn, sofern sic immer versteht sich selbst zu helfen. Er hat das gute, jüdische Herz verlangt, das Joch der Thora aber, als das Opfer der Werkheiligkeit, hat er verschmäht. (Siehe auch Pirke Aboth 2, 9.) Als eine der markantesten Belegstellen möge hier der Vers eine Stätte finden: „Und nun, 0 Israel, was fordert der Ewige, dein Gott von dir, als daß du ihn chrsürchtcst, in allen seinen Wegen wandelst und ihn liebest." (5. B. Mos. 10, 12.) - Wenn dem Herrn Einsender so viel daran gelegen ist, Opfer zu bringen, so möge er doch bei sich selbst anfangen und (zum Besten der jüdischen Religionsgemcinschast) einen Teil seines Eigensinns und seines Dogmas dem gesunden Menschenverstände opfern. Statt dessen predigt er Buchstabcnkultus, religiösen Ringkamps und Thorasport. .Handelt es sich denn aber bei diesen furchtbaren Widersprüchen um ein Ringen nach Wahrheit? Sie ist für ihn doch sestgelegt. Nein, cs ist der Geist der ewigen Disputicrerei, der Rechthaberei, der talmudistifchen Spiegelfechterei, die jeden Fortschritt unmöglich macht, die in ihrer Einseitigkeit zur Hebraisierung, zur Ueberladung des jüdischen Intellekts, zu geistiger Abnormität, zur Ueberspanntheit führen, Degeneration erzeugen und zuletzt zum gänzlichen Ruin des Judentums führen muß. Gegen diesen Aberwitz hat die deutsche Judenheit aus Gründen ihrer Selbsterhaltung, wie auch aus ihrer Liebe zur deutschen Sprache und Kultur und aus ihrer Treue zum deutschen Vaterlande Front zu machen! Das Judentum ist eine Religion der Freude, des Frohsinns, der bindungsloscn Freiheit des Individuums (inmitten seiner Religionsgemeinschaft). Wir bekämpfen daher hebräische Unnatur, tvie die nichtssagenden Zeremonien in ihrer geschmacklosen Form. — Symbol und Brauch, wie wir sie wünschen, müssen durch ihre Schönheit geheiligt sein, rm Gegensatz zur Carlebach'schen Ideenwelt, die nur die Acsthetik des Häßlichen kennt. In unserem Liberalismus bestärkt uns die Ueberzeugung, daß alle Menschen Kinder des einen, ailiebcnden Vaters sind. Er ist ein Gott der Liebe (s. auch das 2. Gebot), und schon deshalb konn die Strenge des Gesetzes (einschließlich der hebräischen Zwangserziehung), kann wie bisher ein Fasten und Beten, ein Frömmeln und Heucheln nur als Entartung der Religion, als Spekulation des primitiven Mcnschengeistes aus die Schwächen einer aniropomorph gedachten Gottheit gewertet werden. , Wir resümieren das Gesagte wie folgt: Dem Altonaer Raw kann eine „Führerrolle in Israel" nicht zngesprochen werden! Er leugnet die Entwicklung des jüdischen Individuums zur Karikatur. Seine Anschauungen sind die eines lies im Ghetto Verwurzelten, eines dem Leben der Gegenwart völlig Fremden. Darum ignoriert ec die Tatsachen der Geschichte, bekämpft er den Fortschritt, die Anpassung, die Assimilation. Er will den Menschen vom Mensch» trennen, den Brüher vom Bruder, das Herz der Eltern von ihre. Kindern reißen. Die Kritik des Herrn Oberrabbiners ist daher nicht bloß eine einzige wissenschaftliche Entgleisung, sie ist auch, wenn man so sagen kann, ein Faustschlag ins Gesicht der jüdischen Ethik und der jüdischen' Gottesverehrung! Lehrer Hermann Wallach, Aachen. ■4444*; BÜCHERSCHAU j *4-444»4444 44 4»4-4 »4444444*4+44444444»44444»444»44 : * ^4 Qiementine Krämer: Die Rauferei. Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam, 1927. Leinen M. 2.50. Clementine Krämer entwickelt sich zu einer unserer besten Erzählerinnen. Von einer Urwüchsigkeit und Natürlichkeit sind ihre Schilderungen, die von tiefster Verwurzelung in ihrem süddeutschen Heimatboden zeugen; und durchweht von einem bebenden Hoffen, das Erbgut jüdischen Geistes ist. Vornehmheit der Gesinnung und vortreffliche Anschaulichkeit machen das vorliegende Buch zu einer interessanten und schönen Lektüre, die man in einem Zug von der ersten bis zur letzten Seite genießt. Die Krämer weiß, daß der Pazifismus nicht nur eine Frage des friedlichen Zusammenlebens der Staaten ist. Wichtiger noch ist der Wille des Einzelnen zum friedlichen Zusammenleben mit seinen Nebenmensclien. Der Geist des „Du sollst nicht töten“ wird hier der scheinbaren Naturregel bäuerischer Gemeinschaft, der Rauferei, entgegengesetzt. Aus diesem Geist entstand diese Novelle, die zu dem Besten der pazifistischen Literatur gehören dürfte. Ein prächtiges Erziehungswerk für unsere Generation! Bruno Woyda. Constantin Brunner: „Die Lehre von den Geistigen und vom Volk.“ Zweite Auflage. Gustav Kiepenheuer Verlag. Potsdam 1927. Daß wir Juden uns mit Brunners Lehre auseinanderzusetzen haben, hat seinen Grund zu allerletzt in der Tatsache, daß Brunner jüdischen Stammes ist; eher schon darin, daß er in den meisten seiner Werke Dinge sagt, die auch uns Juden als Juden sehr angehen. Vielleicht aber ist der Hauptgrund der, daß er nichts Geringeres behauptet, als daß die Lehre von den Geistigen und vom Volk aus dem Judentum herstammt, wofür er denn am gehörigen Ort den Beweis erbringt. Alle diese Umstände haben indessen nicht vermocht, auch das-Geringste daran zu ändern, daß Brunners Lehre, seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1908 bis heute, wie von der allgemeinen so auch von der jüdischen Öffentlichkeit fast unbemerkt geblieben ist. Daß dem so sein würde, hat; Brunner selber vorausgesagt und auch die Gründe dafür angegeben. Um so inniger wäre zu wünschen, daß nunmehr, nach Erscheinen der zweiten Auflage des seit langem vergriffenen Werkes, die Öffentlichkeit und auch die jüdische Öffentlichkeit es bemerke. Zur Begründung dieses Wunsches mögen zunächst einige Sätze wiederholt werden, die ich anläßlich des diesjährigen 250. Todestages Benedikt Spinozas in einem Aufsatz „Propheten und Philosophen“ hier schrieb: „Propheten und Philosophen lehren beide das gleiche Eine.... Sie sprechen von der vorhandenen, erkennbaren, ewigen und unveränderlichen Wahrheit; der Prophet nennt sie „Gott“; der Philosoph nennt sie „das Absolute“.... Wir aber, die wir weder Propheten noch Philosophen sind, wir bedürfen der Belehrung durch beide. Das geisterfüllte Wort und Leben der Propheten soll uns zum Geiste erheben; die wissenschaftsmäßige Methodik und Systematik der Philosophen soll uns der Erkenntnis des Geistes so weit annähern, als Wörter, Begriffe und Konstruktionen dies vermögen.... Das Ergreifen der Wahrheit ist nicht Angelegenheit des bloßen Verstandes, Gott wird nicht nur so gelegentlich einmal zur Kenntnis genommen, sondern die Erkenntnis Gottes beeinflußt, durchdringt, modifiziert unser ganzes Leben. Darum sind Philosophie und Gotteserkenntnis nicht bloße theoretische Konstruktionen, sondern vielmehr das urgewaltig Praktischste für den Einzelnen wie für die menschliche Gesamtheit.... Bei der Betrachtung Spinozas und bei der Betrachtung der Propheten ist schließlich auch des Mannes zu gedenken, der in heutiger Zeit, seit Generationen zum ersten Male wieder, gewagt hat, die Wahrheit zu nennen und zu lehren. Gegen allen Relativismus und Subjektivismus in der heutigen Philosophie hat Constantin Brunner das Werk Spinozas und die Lehre der Prophetie neu geschaffen/) Dies möge nun nicht etwa so verstanden werden, als wäre Brunner lediglich ein Spinoza-Kommentator. Freilich wird es heutzutage manchen geben, dem das Verständnis der in der krausen Terminologie der mittelalterlichen Scholastik geschriebenen Lehre Spinozas erst durch den neuzeitlichen und deutschen Constantin Brunner erschlossen wird, ähnlich wie auch mancher erst durch Brunner zum genauen Verständnis, und das heißt in diesem Falle: zur Ablehnung Immanuel Kants kommen wird. Aber Brunner ist weit mehr als Kant-Kritiker und Spinoza-Kommentator: mit der Urgewalt des originalen Denkers und in hinreißender Sprache, welcher zwischen lyrischem Plauderton und dramatischer Wucht, zwischen beißender Ironie und prophetischem Pathos kein Register fehlt, entwickelt er uns sein eigenes, mit mathematischer Strenge durchgeführtes und in sich geschlossenes philosophisches System, dadurch Klarheit und Festigkeit bringend jedem ernsthaft und furchtlos Suchenden. "Wir müssen zugeben: er hat es uns nicht leicht gemacht, ist scharf und streng und vielfach bewußt beleidigend. Uns uden und überhaupt den religiösen Menschen muß es ja eleidigen, wenn wir lesen, daß Brunner Religion, Metaphysik und Moral in den — Aberglauben verweist. Und doch sollten wir uns dadurch nicht schrecken lassen, so wenig wir uns schrecken lassen durch Arnos und Micha, die das Opfer verwerfen und sich damit scheinbar in Widerspruch setzen zu Moses und dem „Gesetz“. Wie wir heute längst gelernt haben, daß da in Wirklichkeit kein Widerspruch, so können wir auch lernen, wenn wir erst Brunners Terminologie kennen und das Wort „Religion“ im Zusammenhang seines Werkes lesen, daß keine Gegensätzlichkeit, sondern im Gegenteil Uebereinstimmung zwischen der alten Prophetie, zwischen Spinoza und ihm. Auf welche Weise er selber diese Uebereinstimmung ausspricht, das mögen folgende Sätze aus der das Werk einleitenden „Ankündigung" dartun: „Die Eine unfehlbare Wahrheit — ich weiß, sie sagen heute, die ließe sich nicht wissen So gehören wohl alle die, welche so sagen, nicht zu denen, welche wissen können. Die allergrößten unter den Menschen haben anders gesagt. Sie haben gewußt. Und zwar mit einer Gewißheit, nicht zu vergleichen mit der Gewißheit, womit jene andern Wahrheiten gewußt wurden, die sich endlich als Irrtum und Aberglaube herausgestellt haben.“ Es kann nicht Aufgabe dieser Besprechung sein, das System der Brunnerschen Philosophie hier darzulegen. Nur hingewiesen soll sein auf das Werk dieses Mannes, das uns heute im Zeitalter des Materialismus, der Skepsis und des Indifferentismus wieder hinführen kann zu jener Einen und Ewigen Wahrheit, die wir alle, wir mögen sie kennen oder nicht, im Grunde unsres Herzens suchen, weil wir fühlen, daß unsre Erlösung und wahrhafte Seligkeit daran hängt. Das Werk ist nahezu 1200 * Druckseiten lang. Es gibt in der deutschen Literatur dieses Jahrzehnts einen Roman vom gleichen Umfange, der bereits siebenundsiebzig Auf-