Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 32 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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haften Beifall hatte. Er verfaßte auch mehrere andere dichleriiche Werke, die zum Teil jüdisch? Zujets behandeln. Bei der feierlichen Besetzung waren fast alle preußischen und Reichsministeriell vertreten. Auch bemerkte man die Spitzen der Presfeverbändr und der Theaterwelt. Ter preußische Ministerpräsident Dr. Otto Braun tvar persönlich erschienen, um von seinem treuen Mitarbeiter Abschied zu nehmen. Als Geistlicher sprach Rabbiner Tr. Schreiber-Potsdam, ein Vetter des Verstorbenen. Namens der T rutschen Demokratischen Partei hielt Reichstagsabgeordneter Erkelenz dem Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf. Für den Demokratischen Presse-Verein sprach Chefredakteur Landtagsabg. Nuschke, für die Reichspresscstclle Gehcimrat v. Baligand, für den Verband Berliner Theatcrkritiker Dr. Emil Faktor und für den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Goldschmidt. A ls Letzter sprach der Pressechef der preußischen Staatsrcgicrung Ministerialrat .Hans Goslar. Unter den Trauergästen bemerkte man den Intendanten Prof. Jeßncr und den Polizei-Vizepräsidenten Dr. Weiß. Der Sarg mar umhüllt von einer Fülle von Kränzen in den Farben der deutschen Republik. Berlin. (Sport.) Wie erinnerlich, mußte der für Snnnemündc angeietztc Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Fliegengeivicht vertagt werden, weil der Gegner unseres Harrt, Rosenthal II wegen Urlaubsschlvierigkeiten nicht rechtzeitig in Swinemündc sein konnte. Nunmehr ist auch diese Meisterschaft entschieden worden. Harry Rosenthal II von der Jiu-Jitsu-Gruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, Berlin, der schon Deutscher Meister im Fliegengeivicht 192G war, hat diesen Titel auch für 1927 errungen. Damit hat die Jiu- Fitsu-Gruppe des Reichsbundcs jüdischer Frontsoldaten in diesem Jahre zwei Deutsche Meisterschaften und einen zweiten Platz erreicht und somit das vorjährige Ergebnis von Köln 'Rh. weit übertrosscn. Danzig. (W c l t - E s p e r a n t o - K o n g r e ß.) Im Verlause des Gottesdienstes, den die Synagogengemeindc Danzig aus Anlaß des Welt-Esperanto-Kongreffes veranstaltete, brachte Oberkanten Meiscl nach der Predigt eine von ihm selbst vertonte Esperanto-Hymne zum Bortrag, die sür den Kongreß eigens versaßt worden war. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur meldet, tvnrde die große Jubiläumsfeier, an der neben den Kongreß-Mitgliedern auch Vertreter der Tanziger Regierung und des diplomatischen Korps tcilnahmen, ebenfalls mit dem Gesangsvortrag der Esperanto-Hymne durch Herrn Oberkantor Messet eröffnet. Dresden. (Aus dem G e m e i n d e l e b e n.) Tie Israelitische Rcligionsgcmcinde zu Dresden veröffentlicht einen Aufruf, in dem sie daraus hinweist, daß durch die Unwetterkatastrophe im Gottlcuba- und Müglitztal Tausende von Bewohnern des östlichen Erzgebirges um ihr Eigentum gebracht worden sind. An die Mitglieder der hiesigen Gemeinde wird daher die Bitte gerichtet, nach Kräften durch Einzeichnung in die bei allen Banken ausliegenden Listen zur Linderung de: Rot, ivozu der Verlust von 150 Menschenleben kommt, beizutragen. Als eine der ersten össcutlichen Institutionen häl die I s r a e l i t i s ch e Religionsgemeinschaft i n S a ch s c n den Geschädigten einen Betrag von 1500 Reichsmark zur Verfügung gestellt. - Die Israelitische Neligion-sgemeinde hat aus den Erträgnissen des in diesem Frühjahr veranstalteten Wohltätigkeitsfestes 1ä00 RM. dem Ferienheim Odcrrochwitz, das im 20. Sommer seines BestehenS erstmalig statt 75 eine Zahl von 100 Dresdner jüdischen Kindern - in zwei Abteilungen ausgenommen hat, zur Neubeschassuilg von Wäsche, Decken, Kissen usw. überwiesen. Welcher Beliebtheit sich das Heim erfreut, zeigte u. a. der auf der zugehörigen schönen Wiese vor kurzem abgchaltene Eltern tag der Ortsgruppe Dresden der Deutsch-Jüdischen I u g e n d g c in c i n s ch a s t. Den zahlreich erschienenen Besuchern wurden nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden Friedrich Borchardt und der Mädchensührcrin Alice Apt auf dem grünen Rasen prächtig gelungene Volkstänze, muntere Spiele, Lieder zur Laute, Sprech- und Gesangschöre geboten. - Das Mitglied der hiesigen Gemeinde, Herr Daniel F a u st aus Weinböhla, hat ein 6000 Quadratmeter großes Areal, das auf einer herrlichen, viele Obstbäume aufweisenden Anhöhe am Orte seines Wohnsitzes gelegen ist, der Dresdner Israelitischen Religionsgemeinde geschenkweise zur freien Verfügung überlassen. -- Am Neujahrs- und Bersöhnungsfest und an deren Vorabenden läßt die Gemeinde außer in der Synagoge Gottesdienst im großen Saal des Künstlerhauses abhalten. Frankfurt a. M. (Hermann Wronker 6 0 Jahr'e alt.) Am 5. August beging Hermann Wronker, Generaldirektor der gleichnamigen Aktiengesellschaft, seinen 60. Geburtstag. Ans diesenr Grunde .war er Mittelpunkt zahlreicher Ehrungen. Die .Handclskreise feierten den mutigen Wirtschastspionicr, der aus kleinsten Anfängen heraus sich zu einem bestimmenden Faktor im süddeutschen Wirtschaftsleben emporgearbeitet hat. Soziale, künstlerische und gesellschaftliche Organisationen beteiligten sich an den Ehrungen für den Jubilar, der ihnen mit Rat und Tat Führer uno Förderer war. Die jüdischen Kreise aber hatten zur Mirfreude besonderen Grund: »var doch der Gefeierte einer der ihren, der stolz tvar auf die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, und der jüdischen Dingen stets vollstes Interesse cntgegenbrachte. Im Dienste jüdischer Wohltätigkeit hat Hermann Wronker stets seine offene Hand bewiesen. Als Ausschußmitglicd des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben hat der Jubilar den Bestrebungen des liberalen Judentums stets reges Interesse cntgegengebracht. Auch dem Vorstand des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehört der Jubilar seit vielen Jahren an. Kassel. (T a g u n g.) Mitte September findet hier eine gemeinsame Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und des Halberstädter Verbandes statt. Tie Sondcrbcstimmungen des kurhessischen Judcngesetzes, die tu letzter Zeit innerhalb der einzelnen Verbände wiederholt Gegenstand der Beratungen gewesen find, sollen dabei erneut behandelt werden. Köln. (Tie F r i e d h o f s s ch ä u d e r ermittelt.) Der Kölner Kriminalpolizei ist cs gelungen, auf die Spur der Täter zu kommen, die vor 8 Tagen den orthodoxen jüdischen Friedhof in Köln zerstört, 71 Grabsteine umgeworsen und zum Teil zertrümmert, sowie die Grabstätten geschändet hatten. Die Annahme, daß es sich um völkische Kreise handelt, hat sich vollauf bestätigt. Die Polizei hat bisher sechs Verhaftungen vorgenommen, deren Namen vorläufig verschiviegen werden. Die Verhafteten, unter denen sich der Haupträdclsfnhrer befindet, sind alle Mitglieder der nationalsozialistischen Arbeiter-Partei. Die Kölner nationalsozialistische Organisation versucht, sich durch die Behauptung aus der Affäre zu ziehen, daß einer der Täter vor einiger Zeit aus ihrer Gruppe ausgeschlossen wurde und, um an den Nationalsozialisten Rache zu üben, andere Nationalsozialisten zur Tat angestiftet hat. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen, es stehen, wie es heißt, weitere Verhaftungen bevor. Magdeburg. (Zum Rücktritt des O b e r p r ä s i d e n t c n.) Im Magdeburger „Jüdischen Wochenblatt" schreibt Tr. Felix .Heimanu anläßlich des Scheidens von Otto Hörsing aus dem Amte u. a.: „Was Hörsing für den Landestcil, dem er lange Jahre in vorbildlicher, hingehender, selbstloser Weise Vorstand, geleistet hat, gehört der Verwaltungsgeschichte des Freistaates Preußen an. Sachsens jüdische Bevölkerung bedauert tief das Scheiden dieses ausgezeichneten Mannes von seinem Posten. Entgegen den Schmähungen seiner politischen Gegner, die ihm persönlich begegneten, weil, sie sachlich an ihn nicht herankamen, kannte er bei seiner Amtsführung nicht Freund noch Feind. Gerechtigkeit war das Fundament, aus dem er baute; und hart und schwer fiel seine zerarbeitete Faust auf alle, die sich ungerecht vergingen. Deutschlands Juden wollen nicht Liebe und Bevorzugung — sie wissen, daß anderen Bcvölkerungskreisen von jeher und heute kaum minder als früher Privilegien offiziell und inoffiziell zustehen, — was s i e fordern ist über bloße Toleranz — welch anmaßendes Wort, wenn es die Gegenseite gebraucht — hinausgeheud, Wahrung ihrer Rechte — unveräußerlich, uneinschräukbar, wohlerworben durch Pflichterfüllung trotz Angriff und Gemeinheit und durch der Brüder hingegebenes Blut. Otto Hörsing hat seines Staatsamts hohe Pflichten auch den jüdischen Einwohnern seiner Provinz gegenüber stets in einzig richtiger Weise aufgefaßt. Wir danken ihm an dem Tage, an dem er uneigennützig und aus^ freier, seit Monaten gefaßter Entschließung den weiten, breiten Schichten des deutschen Volles zu Liebe das Amt äufgibt, an dem er gewiß hing, das ihm aber mehr Bürde war denn Würde. Möge auf dem Fundamente seiner Arbeit d c r weilerbauen, der nach ihm kommt.. Sachsens jüdische Bevölkerung sieht mit Vertrauen dem neuen Manne entgegen. lieber seinem Amtszimmer am Fürstenwall schwebe >vie zu seines Vorgängers Zeiten unsichtbar die oberste aller Tugenden: Gerechtigkeit!" Marburg. (Stiftung.) Bei der Vierhundertjahrfeier der hiesigen Universität ließ die israelitische Gemeinde durch Provinzialrabbiner Tr. Cohn ihre Glückwünsche aussprechen. Das Bankhaus Baruch Strauß stiftete zur Förderung wissenschaftlicher Forschungen 25 000 Mk., die der Gesellschaft der Wissenschaften zur Verfügung gestellt wurden mit einer jährlichen Beihilfe von 1000 Mk., die später evtl, noch vergrößert werden soll. Tie Zuivendung trägt als Karl Strauß- Stiftung den Namen des kürzlich verstorbenen Scniorchess der Firma Baruch Strauß. München. (Bestrafung der S y n a g o g e n r ä u b e r.) Im Januar d. I. brachen der Kaufmann Zucker und der Holzhändler Stockmaun tviederholt in die hiesige Synagoge ein und raubten Altargegenftüude von hohem Wert, die sie zertrümmerten und verkauften. Das Schöffengericht München verurteilte nun Zucker zu zwei Jahren vier Monaten Gefängnis, Stockmaun zu neun Monaten Gefängnis. Sprechsaal > >- Die Psalmen Von Max Hayek. Jahrtausendatte Dokumente eines Volkes, das wie kein anderes sein Weh zu seinem Gotte schrie und seine Freude ihm zujauchzte. Ekstatische Anrufungen, inbrünstig-leidenschaftliche Bitten um Hilfe, vertrauensvolle Ergießungen heißer Herzen, die ihre Hoffnung einzig auf IHN gesetzt haben, den Gott der Götter, den Allmächtigen, dessen Reich der Gerechtigkeit ohne Anfang und Ende ist. Aufblicke der Seelen zu IHM, der die Zuflucht der Schwachen, der Verfolgten und Bedrückten ist, der ihnen Trost ist und Zuversicht. Verherrlichungen des Jehova, des einen Gottes, der sein Volk züchtigt und liebt, der ihm Freund ist und Helfer, Herr und Führer, segnender und barmherziger Gewaltiger. Lobpreisungen des Unendlichen, der alles wunderbar gemacht hat. Dessen Ehre die Himmel erzählen, dessen Werk das Himmelsgewölbe verkündet. Von dem ein Tag dem andern Rede zuströmt und eine Nacht der andern Kunde gibt. Was ist der Mensch, gemessen an der Unmeßlichkeit der Schöpfung? Was ist der Mensch, das; Gott seiner gedenke? Und doch steht ER bei ihm, geht ER mit ihm, ist ER seines Fußes Leuchte! Wohin kann der Mensch fliehen vor dem Antlitz Gottes? Stiege er zum Himmel, er fände IHN dort. Bettete er sich in der Unterwelt, er sähe IHN auch dort. Erhöbe er sich mit den. Flügeln der Morgenröte und ließe er sich nieder am äußersten Ende des Meeres: auch dort faßte ihn die Rechte Gottes. Und spräche er: „Finsternis wird mich umhüllen!" — so wäre doch die Nacht lichthell um ihn her, ja, die Nacht wäre wie der Tag und die Finsternis wie das Licht. Geheimnisvolle Allgegenwart, lebendig in den Myriaden Formen der Natur. Da ist das Licht hingespannt über die Himmel wie ein Zelttuch und da ist die Sonne, die heldengleich den Weg läuft, da sind die Meere und die Länder, die Ströme und Bäche, die Blumen und Tiere — uud alles ein Zusammenhang, weisheitsvoll, unerdenklich, unergründlich und unersorschlich dem Geiste des Menschen, der hinsinken muß in Staunen und Stammeln. Hoch oben umwölbt ihn der ungeheure Baldachin der blauen Nacht mit ihrer endlos hingestreuten Glitzerpracht ungezählter Sterne, Welten über Welten dem einen Willen, der geheimnisvoll der Willen aller ist. Eine Weltenwelt ewiger Bewegung und Offenbarung, so wirklich wie unwirklich, so neu wie alt, so täuschend wie wahrhaft, so beredt wie schweigend. . . Liebliche Gesänge voll erhabenster Poesie. Blüten und durchaus nich t nurdie F o l geeinerbedauerns- Blumen in der Farbenpracht des Orients, Bilder und Gleichwerten Gleichgiltigkeit. Dieser Jndifferentismus Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzliche Verantwortung. Sabbatgollesdienst und „Weekend" Bon Rabbiner Dr. Arthur Rosenthal, Berlin-Lichtenberg. Einer der volkstümlichsten Begriffe, schon vom kleinen Kinde im Munde geführt, ist gegenwärtig der vom „Wochenend e". — Diese Weekend-Einrichtung, die Deutschland bei sich nach dem Muster anderer Staaten zur Durchführung gebracht hat, ist vielleicht die wohltuendste Institution unserer Tage. Hat sie doch die herrliche Eigenschaft, der. vom Räderwerk der Woche betäubten und vom Dunst der Straße verstaubten Masse wie auch dem geistig arbeitenden Menschen Ruhe zu gönnen und Freude zu stiften: Ruhe, um mit erneuter Kraft sich der Arbeit des Alltags hingeben zu können, Freude, um neue Eindrücke aufzunehmen, die nicht mit klingender Münze, der harten Bedingung unserer irdischen Pilgerfahrt, in Zusammenhang stehen, sondern mit einem unverlierbaren Idealismus. Er entnimmt seine Säfte der Natur mit ihrer Sonne, ihrem Himmelsglanz, — der Lieblichkeit und dem Grandiosen. Das sind wichtige Werte für das rastlose Geschlecht der Jetzigen, Pfadfinder und erlebtes wie erfühltes Erbgut den Kommenden, Bausteine für ein Gebäude massiverer Gestaltung. Und doch bleibt das Wertvollste nur Scheiuwesen, nie den wahren Gehalt eines Ewigkeitswertes erreichend, wenn aus seinem Bereich das Religiöse ausgeschlossen wird. Ein Gottsucher ist erst derjenige, der seine träumende Seele in das Paradies himmlisch wirkender Kräfte hineinzuzaubern vermag. Der Sonnenschein, das Firmament mit dem leuchtenden Heere der Sterne, das brausende Meer, das Dunkel der Nacht und der neugeborene Tag — das alles sind erst die Folgeerscheinungen vom Wirken des einzigen Gottes, dessen Wesen die Sänger der Psalmen in Demut geahnt haben. Mit anderen Worten: das Weekend sollte uns auch diejenigen Gebiete erschließen, die wir eine F eierstunde im Haus e d es Herrn nennen; es sollte uns eine Möglichkeit geben, uns allwöchentlich an Gott esd i enst en in echter Herzensweihe, voll Sammlung und Hingebung, — jenseits von Alltagssorgen —, zur Stärkung der Seele zu erlaben und erheben. Die Psyche des Juden ist auf das Gemütvolle eingestellt. Die Schule des tränenvollen Leides, die er in der steinigen Wüste der Geschichte verfolgungsreich zu durchwandern batte und noch heute durchmachen muß, hat ihm Kräfte anerzogen, die der Verinnerlichung und einer gewissen Abkehr von den Oberflächlichkeiten der Welt zugewandt sind. Ist der Jude doch seit den Tagen der Propheten prädestiniert zum Nachdenken und zum Schauen nach fernen Zeiten messianischen Erlösertums. Diese Veranlagung der jüdischen Seele hat neben dem von der Außenwelt anerkannten einzig dastehenden Monotheismus eine Innigkeit des Familienlebens und eine schlicht ehrwürdige, von glutvoller Begeisterung getragene Ausgestaltung des Gottesdienstes geschaffen, wie sie von den Bekennern der Tochterreligionen aufrichtig bewundert werden. Wenn die Synagogen so oft das erschreckende Bild der Verwaistheit zeigen, so ist dieser traurige Zustand nisse ohne Zahl. Eine Sprache, die an markvoller Deutlichkeit und geprägter Plastik des Ausdrucks ihresgleichen sucht — Dithyramben, wie sie niemals schöner gesprochen, Hymnen, wie sie niemals glühender gesungen, Bekenntnisse, wie sie niemals inniger vor Gott gerufen wurden. Fülle des Lebens und der Weisheit, Klugheit und fromme Erkenntnis, die aus Demut geboren wurde, aus kindhaft-ergebenen Seelen, aus großen Seelen, in denen die Flammen der Inbrunst und des Glaubens loderten. Unvergleichliche Geistesgüter des menschlichen Geschlechtes — die Geschichte der menschlichen Seele und ihrer Aussprache mit dem Schöpfer: das sind die Psalmen, die hochgelobt seien darum, daß sie uns gegeben wurden. Die Menschen von heute sind klug, überklug. Sie wissen alles aus sich selbst und brauchen den lebendigen Gott nicht mehr. Wozu wurde ihnen die Vernunft gegeben, die Wissenschaft, die Natur? Sie wissen nichts mehr vom Kosmos der Seele, vom Dürsten der Seele nach Gott, von der Sehnsucht der Seele nach einer Heimat, die nicht von dieser Welt ist. Und so verdorren sie an sich selber und verzagen an sich selber und diese Welt ist ihnen ein Chavs aus Blut und Qual, aus Niedertracht und Verbrechen. Aber in dieser Welt ist auch Weisheit und Göttlichkeit, Keuschheit, Adel, Geistesglanz, wahre Gerechtigkeit, selbstlose Hingabe bis zum Tode, Opferwilligkeit, die stärker ist als der Tod, Liebe. Wer eine Blume anbeten kann, wird bald auch den Geist anbeten lernen, der sie so schön erschuf, daß Salomo in all seiner Herrlichkeit recht ärmlich neben ihr erscheint. Diese Welt ist sicher gut gedacht — aber Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben. Und nun steht es beim Menschen, gut zu sein oder schlecht und so die Welt gut zu machen oder schlecht. Denn die Welt wird nicht eher vollkommen sein als bis der Mensch vollkommen ist. Die Psalmen sind altgeweihte, geheiligte Dokumente. Nicht nur der Mann Gottes, der Theologe, baut seinen inneren Menschen an ihnen aus. Dem Leiden jeder Art können sie Refugium sein, Quell der Ermutigung und Erneuung. Der alte Landmann liest in der Postille das Wort: „Du krönest das Jahr mit deiner Güte!" — und er, der ganz in die Hand Gottes gegeben ist, fühlt die Wahrheit eines solchen Wortes. Die greise Mutter liest mit halberblindetem Auge das Wort: „In deinem Lichte sehen wir das Licht!" — und weiß, daß es so ist. Diese Sprüche von klarer Tiefe sind wie ein großes Haus mit vielen Wohnungen: jeder wird, wenn er eiutritt, gerade die Kammer finden, die ihm in diesem Augenblicke willkommen ist. Ja, diese Psalmen geben der Not der Seele immer die rechte Antwort. Schlage sie auf, wann du willst: der Tau ihres Zuspruchs wird dich segnend netzen und du wirst sogleich eine Kraft dir zuströmen fühlen, die aus der großen Kraft, aus der unendlichen Kraft des Guten quillt. Die Psalmen sind ein Lebensbuch wie wenige andere — deshalb sollen sie ins Leben wirken und Lebensgut eines jeden Menschen sein. widerspräche dem durch die Entwickelung herangebildeten Charakter jüdischer Hoheitswerte. Braucht man doch nur einen Blick in die Gotteshäuser zu werfen, um zu erkennen, wie gut es um die Frequenz bestellt ist, wenn zufällig ein Freitagabend, Sabbat oder Fe st tag mit einem staatlichen Feiertag zusammenfällt. Eine große Gemeinde stimmt dann begeistert die Lieder zum Lobe Gottes an und betet andachtsvoll. Her erste Tag des diesjährigen Schowuaussestes, der mit dem christlichen Pfingstfest zusammentraf, ist eine klare Bestätigung unserer These. Als ich an diesem Tage in gehobener Stimmung im Gotteshaus meiner Gemeinde eine ungeheuer große Anzahl wahrhaft andächtiger Beter erblickte, die an meinen Lippen hingen und hingebungsvoll den Ausführungen meiner Predigt lauschten, stieg Freude und Wehmut zugleich in mein Herz. Mir kamen unwillkürlich Bileams prophetische Segensworte von der Kraft eines zukunftsfrohen Israel in den Sinn. Andererseits überkam mich ein Jammergesühl ob der Schicksalsschwere einer sonst gähnenden Leere der jüdischen Gcbetsstätten. In strenger Verantwortlichkeit, die unser aller Pflicht ist, frage ich mich seitdem noch eindringlicher nach dem tief zu bejammernden Grunde dieser Tatsache und denke darüber unverwandt nach, ob es nicht einen Ausweg gibt, der uns aussichtsreicheren Zeiten entgegenführen könnte. Ich glaube, die Antwort auf eine derartige Frage dürfte nicht allzuschwer zu finden sein. Nur die Beständigdigkeit einer Uebung führt, auf welchem Gebiete es auch sei, zum Erfolge, und in der beharrlichen Kleinarbeit ist berechtigterweise viel mehr Wirksamkeit zu erblicken und zu verspüren als in zufälligen sogenannten in die Augen fallenden Momenten wie etwa in Ge st alt der hohen Fe st tage unserer Religion oder des gelegentlichen Zu summe nt r e f f e n s unseres Sabbats oder irgend sonst eines Gedenktages mit einem staatlichen Ruhetage. Wie ist es zu bewerkstelligen, daß nicht nur an Tagen letztgenannter Art ein ansehnliches Publikum unsere Gotteshäuser aufsucht? Wir müssen Weekend-Sabbatgottesdienste einrichten!! Wir leben in einer Republik, zu Deutsch Freistaat, im Gegensatz zur Monarchie, die mehr oder minder einen Polizeistaat darstellt. In einem Freistaat sollte man aber den geistigen und moralischen Bedürfnissen aller Konfessionen nachzukommen suchen und nicht nur einseitig den Ruhetag einer staatlich anerkannten Konfession sanktionieren. Von diesem Standpunkt der gegebenen Gleichberechtigung der Ideen in einem Freistaat ausgeherü), halte ich es für eine hochwichtige Ausgabe des Landesveri