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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-12 · 32 (12.8.1927) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
32 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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lagen erlebt bat und also ver.nuüicü von 5 Millionen bildungsbeflissenen Leuten gelesen worden ist. Die Lehre von den Geistigen und vom Volk ist kein Roman; sie ist, lesbar und leicht geschrieben und spannend wie ein Roman, ein Werk der Philosophie. Klarheit und Wahrheit, inner, liehe Bildung und Verbesserung unsres oft genug und mit Recht als miserabel beklagten Lebens bringend. Wird sie ebenfalls fünf Millionen Leser finden? Die Frage mag unbeantwortet bleiben, und genug hier mit der Feststellung; Brunners Werk ist das Allernotwendigste für jeden. George Goetz. Jüdisch-französische Literatur. Bernard Lecache: „Quand Israel meurt“ (Wenn Israel stirbt). Der bekannte französische Schriftsteller-Journalist Bernard Lecache hat eine Reise über Warschau, Moskau, Charkow, Cherson, die jüdischen Kolonien in der Gegend von Nikolajew, Odessa, Kiew, ganz Podolien, ganz Wolhynien und die Regierungsbezirke von Moskau und Kiew gemacht. Die Frucht dieser Reise ist ein erschütterndes Buch über über die russischen und polnischen Pogrome, welchen innerhalb 4 Jahren 300000 Juden zum Opfer fielen. Petljura, Denikin, Wränge!, Grigoriew, Koltschak und Genossen sind für diese Schandtaten verantwortlich. Das Buch Lecaches, welches in strengster Objektivität geschrieben und erdrückend dokumentiert ist, hat in Frankreich das größte Aufsehen erregt. Robert Dreyfus: „Souvenirs sur Marcel Proust“ (Erinnerungen an Marcel Proust). Dreyfus hat Proust als Knabe gekannt und mit ihm in den Champs Elysees gespielt, später drückte er mit ihm im Condorcet-Gymnasium eine Schulbank. ln seinem feinen und fesselnden Buche bringt uns Dreyfus den berühmten Schriftsteller, welcher von den einen in den Himmel gehoben, von den anderen als literarischer Snob bezeichnet wird, näher. Dreyfus gehört zu den ersteren, aber er erspart Proust auch gewisse Vorwürfe nicht. Aimg Pallibre: „Le Sanctuaire Inconnu“ (Das unbekannte Heiligtum). In diesem Buche schildert Palliere, welcher christlicher Abstammung ist, seinen Weg und seine Bekehrung zum Judentum, zu dessen wärmsten Vorkämpfern er heute zählt. Das Werk hat nicht nur das größte Aufsehen, sondern auch mündliche und schriftliche Kontroversen erregt. Es ab sogar eine — durchaus courtoise — Debatte zwischen atholischen und jüdischen Priestern. Andrg Maurois hat ein ungemein fesselndes Buch über den großen englisch-jüdischen Staatsmann Disraeli geschrieben, welcher in Paris jetzt überhaupt im Mittelpunkt der Diskussion steht. Der ehemalige Minister de Monzie hat kürzlich einen sehr interessanten Vortrag über ihn gehalten. Jeröme und Jean Tharaud: „La Rose de Saron“. Ein von Nichtjuden mit feinstem Witz und sympathischer Ironie über die orthodoxen Juden geschriebenes Buch. Panait Istrati und Josu€ Jehuda: „Die Familie Perlmutter“. Die Verfasser bezeichnen dieses Werk als Roman, es sind jedoch drei Erzählungen, welche von einem Familienband zusammengehalten werden. Es handelt sich um die Geschichte dreier Gescheiterter, die aus der jüdisch-rumänischen Familie Perlmutter hervorgegangen sind: „Das betrunkene Schiff“, nämlich Isak Perlmutter, ein enttäuschter Patriot und hartgesottener Sünder, welcher Vergessenheit im Trünke und in der Bigotterie sucht. „Der fliegende Holländer“, Schmike Perlmutter, ein herkulischer Jude, dessen edelmütige Kampflust ihn in allen Ländern, wo er sich aufhält, unerwünscht erscheinen läßt. „Das verirrte Schiff“, Esther Perlmutter, eine gewesene „Grande Bourgeoise“ in Bukarest, welche gezwungen ist, sich mit einem kleinen Laden in Kairo zu begnügen. Der Roman ist eine Anklagerede gegen den rumänischen Antisemitismus. Andrg Billy und Moses Tversky: „Der Fluch des Wissens“, ist der erste Band einer Trilogie, welche die beiden Schriftsteller zu veröffentlichen gedenken. Der erste Band ist bereits sehr vielverheißend und schildert das Leben der russischen Juden vor dem Kriege. L. Gestalten der Bibel ans dem Theater Die ersten Anfänge des Theaters sind ans gottesdienstlichen Handlungen hervorgegangen. Im Mittelalter wurde Theater gespielt im Anschluß an kirchliche Beranftattungenl, zu denen das Volk zu bestimmten Zeiten an einigen Orten von weither zusammenkam, wie auch im heiligen Lande unsere Pater zu den gebotenen Festtagen zum Tempel nach Jerusalem wanderten. Die Entfernungen und die Beschwerlichkeit und Länge des Weges lassen es selbstverständlich erscheinen, daß das Volk sich längere Zeit an diesen Stellen aufhielr, ehe es sich zum Heimweg rüstete; bei dieser (Gelegenheit fand ein reger Warenaustausch statt. Die festlichen Peranslaltungen währten einen Zeitraum von einer Woche, wohl auch noch länger. Nach der gottesdienstlichen Handlung wurden dem Volke ans den Märkten biblische Stoffe in weltlicher Darstellung vorgesührt, die Kenntnis der Erzählungen der Bibel dadurch in sinnfälliger Weise vertieft. Hieralls entwickelten sich die sogenannten „Laienspiele"; ein Rest dieser mittelalterlichen Gepflogenheit hat sich noch in heutiger Zeit in den Oberammergauer Passionsspielen erhalten. Es ist natürlich, daß bei der allgemeinen Kenntnis der biblischen Erzählungen zunächst diese in szenischer Form dargestellt wurden. Erst in spaterer Zeit gelangten Begebenheiten ans weltlichen Stoffgebieten zur Ausführung. Diese Entwicklung erklärt, daß in der aus dem Oratorium hervorgegangenen Oper, derell Entstehen ungefähr zweihundert Jahre zurückliegt und die in diesem verhältnismäßig kürzen Zeitraum eine gewaltige Entwicklung durchgemacht hat, in deren Anfangsstadium biblische Themen behandelt sind. Zuerst gab es zwischen dem Oratorium und der seriösen Oper keinen Unterschied (die komische Oper, opera buffa, entwickelte sich erst später aus den Zwischenspielen des Hanswurst). Bisweilen wurden Opern mit biblischem Inhalt als Oratorien gesungen, wiederum Oratorien auch zur szenischen Aufführung gebracht. Den Beweis hierfür haben wir z. B. in den Vorschriften Anton Rubinsteins, der die von ihm komponierten Oratorien nicht kvnzertmäßig gesungen, sondern szenisch dargestellt wünschte. Zu allen Zeiten bis in die neue Gegenwart haben die patriarchalischen Gestalten des alten Testaments die Phantasie von Dichtern und Komponisten — nicht nur 'von jüdischen — zum Schaffen angeregt; sie haben diese Gestalten in den Mittelpunkt von Bühnenwerfen gestellt und auf 'der Schuche nach dramatischen Vorlagen haben sir oft und gern zu den biblischen Geschichten gegriffen. Die überaus eindrucksvolle Wirkung dieser erhabenen Gestalten, die in weitestem Ausmaße Zeitepochen repräsentieren, erweist sich auch heute noch; selbst in Opern und Dramen der neuesten Zeit sind Geschehnisse und Gestalten des alten Testaments behandelt. Ehe die Schaubühne zur Darstellung von Themen aus der griechischen und römischen Geschichte überging, bildete die Bibel, mehr das alte als das neue Testament, die alleinige Möglichkeit für die darzustelleuden Themen. Während die opera buffa die Figurm ihres Spiels der Umgebung ihrer Zeit entnahm, mußten die Gestalten der opera seria (der ernsten Operaus dem „hohen Kothurn" im tatsächlichen Srnnc des Wortes als überlebensgroße symbolische Figuren sich präsentieren. Fast keine der biblischen Erzählungen und der erhabenen Gestalten des alten Testaments sind als'dramatischer Vorwurf unbenutzt geblieben. Die Schöpfung ist von Joseph Haydn in seinem gleichnamigen Oratorium in breitester Eindringlichkeit musikalisch illustriert worden; neben Adam und Eva treten die drei Erzengel Raphael, Gabriel und Ucieü ans; das Werk ist eines der bekanntesten seines Genres. Die Geschichte der ersten Menschen Adam und Eva und ihrer Söhne Kain und Abel ist mehrfach von Dramatikern und Komponisten in ihren Schauspielen bzw. Opern verwertet worden: u. a. „Die ersten Menschen", ein Mysterium von Borngräber, Musik von Rudi Stephan; „Kain und Abel", Oper von Felix v. Weingartner; „Kain", Oper von d'Albert; Bernard Shaw führt im einleitenden Teil seines Mysteriums „Zurück zu Methusalem", den er im Paradies spielen läßt, außer Adam, Eva und Kain sogar die Schlange als sprechende Figur vor. Der moderne Dichter und Bildhauer Ernst Barlach betitelt eines seiner Dramen „Die Sündflut". In Mehul's Oper „Joses in Aegypten" treten Jakob und seine Söhne auf. Beer-Hofsmann läßt in seinem Drama „Jaälobs Traum" Jakob, Esau mrd die Stammütter austreten, und widmet einen fnns 'Abende umfassenden Dramencyklus der „Historie vom König David". — In dem Schauspiel eines modernen Schriftstellers Ludwig Klausner-Dawoc, das die Geschichte des Ehepaktes zwischen Jakob und Labans Töchtern behandelt, treten bie Gestalten unserer Stammvater und Stammütter auf. — Die streitbaren Makkabäer, die dem Syrerkönig Antiochus heldenhaften Widerstand leisteten, sind von Händel im Oratorium „Judas Makkabäus", von Anton Rubinstein in einer Oper „Die Makkabäer" (nach der Dichtung von Mosenthal), von Otto Ludwig im gleichnamigen Schauspiel porträtiert worden. Aus diesem Händel'schen Oratorium ist die bekannte Melodie für Psalm 118 im Hallelgebet übernommen worden. Bon Carissimo, dem im 17. Jahrhundert lebenden italienischen Vorgänger Händels in der Komposition von Oratorien, stammen die Werke: David, Jephta- Jona. Händel komponierte außer dem genannten „Judas Makkabäus" die Oratorien: Belsazar, Deborah, Esther, Jephta, Josua, Samson, Israel in Aegypten, Saul. Man ersieht aus den z. B. von Händel gewählten Stoffen, daß man zu feinetc Zeit sich auf die Themen dieser Art beschrankte und bpß erst später in ansteigender Linie auch weltliche GefchehrMe, verarbeitet wurden. — Anton Rubinstein schrieb die Oratorien^ Der Turm zu Babel, Kain und Abel, Moses, und eine Oper „Sulamith". Der Dichter Mosenthal machte die Gestalt der Priesterin Deborah zur Heldin seines Dramas- Die Geschichte der Königin von Saba, in welcher der König Salomo anstritt, ist von den Komponisten Goldmark und Gouubd als Oper vertont worden. Camille Saint-Saens schuf die Oper „Samson und Dalila", in der das Voltk der HebrHey als Chor dramatisch wirksam anstritt. Samson ist auch der Held eines Dramas von Frank Wedekind und eines Dramas des modernen russischen Dichters Leonid Andrejew „Samson in Fesseln". — Der in Berlin übende Komponist Paul Ertel hat einen „Belsazar" nach dem gleichnamigen Heine'scheu Gedicht komponiert. Der gleichfalls in Berlin lebende bekannte jüdische Musiker und Schriftsteller Arno Nadel hat mehrfach alttestamentarische Stoffe dramatisch bearbeitet und vertont. Auch in filmischer Darstellung wurden biblische Themen verwertet, in neuester Zeit der bekannte 10 Gebote-Film und ein Josephs-Film. — Felix Mendelssohn-Bartholdy hat den Propheten Elias für sein Oratorium gewählt. — Die Gestalt der Judith ist die Heldin in Hebbel's Schauspiel, in Reznicefs Oper „Holofernes"; der zeitgenössische Dramatiker Georg Kaiser führt Judith als „jüdische Witwe" satirisch vor. Von G. Klopstock stammen die Dramen: David, Salomo, Der Tod Adam's. — Carl Hauptmann schrieb eine Dichtung: Moses. — Max Bruch komponierte ein Oratorium: „Moses"; auch der Italiener Rossini schrieb eine Oper „Moses". — Die biblischen Namen finden' wir auch als Titel einer ganzen Reihe weiterer dramatischer Werke. — Die Themen der nachbiblischen Erzählungen, z. B. Herodes (Hebbel), Paulus (Werfel) bleiben bei dieser Schilderung außer Betracht. Ebenso sind die Themen der eigens für das jüdische Theater verfaßten StückÄ natürlich meist dem Ideen- und Gestaltenkreis der biblischen Erzählungen entnommen. — Die wirksame Gegenüberstellung von Gestalten ans dem Stoffgebiet beider Konfessionen zum Zwecke des dramatischen Konfliktes finden wir n. a. in Lessinjg's „Nathan der Weise", in Grillparzer's „Die Jüdin von Toledo", in Marschner's Oper „Der Templer und die Jüdin", in Halvy's Oper „Die Jüdin", in Shakespeare's „Der Kaufmann von Venedig", auch in einer Anzahl moderner Werke/. — Ferner finden wir die biblischen Namen häufig als chap rakteristische Stammesbezeichnung auf den Personenverzeichnissen. — Das Wort Oratorium ist von der ursprünglichen Bezeichnung für den Ort übernommen (Betsaal ---= Oratoria), in dem zuerst die ernsten Musikstücke als Andachlsübungenzum Vortrag gebracht wurden. Mancher bei Trauungen zum Vortrag gelangende Gesang ist diesen Oratorien entnommen. —i Wie Richard Wagner sein letztes Bühnenwerk als Weihfestspiel bezeichnete, so sind die Stücke mit den Mlischen Gestalten und ihrem ethischen Gehalt in dem gleichen SiMe zu werten; sie heben die Bühne ans dem Alltagsgetriebe heraus und wirken veredelnd. — Diese Erzählung von musikalischen Werken und Theaterstücken, die bei weitem leine erschöpfende ist, beweist die Tatsache, in welch reicher Fülle die Erzählungen der Bibel dM Tondichtern und Dramatikern zu allen Zeiten Anregungen geboten haben. A. L. kleben Ahasver.... Eine Skizze aus böhmischen Bädern. Von Doris Wittner. Er war eines Rembrandtschen Pinsels wert. Wie er so dasaß auf der versteckten Bank in der grün umbuschten Einsamkeit des böhmischen Kurortes, mit dem mächtigen Haupt, der elfenbeingelben Stirn und den weißen seidigen Schläfenlocken, wirkte er weltverloren und erhaben. Etwas von der brennenden Größe Moses auf dem Berg der Gesetzgebung umloderte ihn. In seinem Auge wohnte die Zeitlosigkeit des Wissens, und um seinen Mund lagerte die Ewigkeit des Schmerzes. Und er hieß Josua Obstteller. In dem böhmischen Kurort waren viele seiner Stammes* und Glaubensgenossen zusammengeströmt. Wie meistens in der Welt ballten sie sich auf einer engen, ihrer Rasse eigens vorbehaltenen Bodenspanne dicht zusammen und füllten ihr Wohnviertel mit Lärm, Verzweiflung und Gebet. Fast alle waren Ausgestoßene, durch den Zorn des langen Krieges Landesvertriebene. Die Sprache der Politik und der Diplomatie nannte sie mit einem höflich glättenden Fremdwort: „Evakuierte“. Und ob sie nun aus Galizien, Polen, Litauen oder den innersten Provinzen Rußlands stammten: ihr Schicksal war das gleiche, heimatlos und herdlos waren sie alle. Aber schließlich, was hieß das anders als eine erneute Bestätigung mehrtausendjähriger Gewöhnung? Nach geraumer Zeit waren sie immer und überall „evakuiert“ worden. In den Ländern, die die Geburt der Sonne schirmten, wie in denen, wo das Gestirn des Tages erlosch. Unsichtbar trugen sie immer den Wanderstecken in ihrer Hand, und in ihren Blicken flackerte Unrast. Der Krieg und der Staatsumsturz hatte furchtbare Erfahrungen unter sie geworfen. Gewiß, aber doch keine neuen, die nicht ihre Väter und Vorväter auch schon gekannt und durchschritten hätten. Hunger, Verbannung, Entrechtung, Austreibung. Schmach und Greuel: bei Jehova! alles das war schon gewesen, von Aegypten und Babylon an. Vielleicht kam es von dieser selbstverständlichen Gewohnheit des Zermalmtfind Zertretenwerdens, daß der Schar der Opfer nicht immer die würdevolle Gebärde eignete, die man eigentlich von der Hoheit des Grams erwartet hätte. Trauer adele und heilige, wähnt der, der nicht trauert. In dem Judenviertel des böhmischen Kurortes war nun von Adel und Heiligkeit nicht sonderlich viel zu schauen. Heftig geführte Gespräche gellten mißtönend gegeneinander: ab und zu schmatzte eine Ruhepause, die der Atzung, der Genugtuung des Leibes diente. Dann schollen wieder die aufgeregten kreischenden Stimmen.... Und mit der Dämmerung warfen sich die Körper gen Osten, in ehrfürchtigen Schauern vor dem Höchsten, dem, dessen Name nicht unnütz genannt werden durfte, und von dem es kein Bild gab, dem, dessen unerforschlicher Wille ihrer aller Qual gebot. Josua Obstteller aber hatte kein Teil an diesem Tun. Und Josua Obstteller ward gemieden von all seinen Brüdern. Jemand Fremdes setzte sich auf die Bank, worauf der greise Jude Zuflucht gesucht hatte. Josua rückte nicht zur Seite. Es schien, als gewahre er die Nähe eines Fremden gar nicht. Sein schwarzer Kaftan, der ehemals ansehnlich gewesen sein mochte, schimmerte. Das Messer der Zeit hatte ihn blank gewetzt. Weicher Sommervvind stahl sich mit schmeichelnder Schelmerei in das winterlich erbleichte Haar, das unter dem schwarzen Käppchen hervorquoll. Schwere Lider aber deckten die Augen Josua Obsttellers, diese Augen, hinter denen Träume und Gesichte, Vorposten der Seele standen. Und diese Lider hoben sich nicht. Wußte Josua Obstteller vielleicht doch, daß ein Fremdes neben ihm atmete? „Woher kommt Ihr, ehrwürdiger Mann?“ Schüchtern zirpte die Frage durch die Luft. Da rührte sich eine Hand, die gemeißelt war von dem großen Bildner Schmerz, eine Hand, aus deren steinernweißem Gehäuse das Blut sich längst erschrocken geflüchtet hatte. Und zu dieser leben verlassenen Hand trat eine Stimme, die schwer war von Ferne, ein Gefäß, klingend von Fremdheit. „Ich komme aus der Zeit und schreite in die Zeit.“ „Was ist Zeit?“ Wieder schwebte die Frage wie Grillenzirpen durch Mittsommertag. „Zeit ist der Fluch, den Adam hinter sich her schleppte, als er die Schwelle des Paradieses überschritt. Alles, was atmet, muß werden, sein und vergehen nach den Gesetzen des Stundenglases. Und der Mensch kennt den Fluch, weiß um sein eigenes Gesetz der — Vergänglichkeit, fühlt den Wurm in seinen Knochen, noch ehe er nagt.“ „Und Ihr? Wer seid Ihr, daß Ihr seiner zu spotten scheint?“ „Ich bin das Leid. Das Leid, das größer ist als die Zeit, denn es ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich war, und ich bin, und ich werde sein. Mir rinnt kein Sand.“ Wie ein wildes Triumphlied klang das seltsame Bekenntnis. „Und wieso kommt es, daß Ihr Kleid und Sprache und Abzeichen des Volkes tragt, das dorten lärmt und klagt und Psalmen singt?“ „Weil ich die Seele des Volkes bin, das lärmt und klagt und Psalmen singt. Auserwählt wurde dieses Volk, als Leid gestaltet, die Zeit zu besiegen. Israel ist das Leid, der Pilger aus Ewigkeit zu Ewigkeit.“ „Euer Name und Beruf in der Welt?“ „Heute heiße ich Josua Obstteller, morgen werde ich vielleicht Isaak Lustgarten heißen. Was verschlägt's? Vielleicht hieß ich einstmals Kartaphilos, und vielleicht werde ich dereinst Elia Himmelfahrt heißen. Mein Beruf? Vielleicht war ich einstmals ein Schuhmacher von Jerusalem oder der Türhüter eines Römlings, bin heute vielleicht ein Trödler und morgen ein Sterndeuter. Was verschlägt's? Mein Beruf ist, ein Wanderer zu sein.“ Die Stimme fragte nicht mehr. Auch dann nicht, als längst die Dämmerung gesunken war und der Schattenriß des Greises langsam hinausschritt aus dem engen Raum in eine wesenlose Weite. Vielleicht ging „Josua Obstteller“ jetzt umher unter seinen Volksgenossen, die seiner nicht achteten, und deren er nicht zu achten brauchte; weil sie ja in ihm waren. Wo er auch weilte, er ließ sie nicht;* sie ließen ihn nicht. Den Fremden auf der Bank fiel ein Frost an. Hatte eine Gruft sich geöffnet, oder warum roch es plötzlich nach Moder, nach Blut und Tränen? Er schloß die Augen. Da war der feindliche Hauch verweht. Und die Erkenntnis flog dem Fremden zu: er hatte auf einer Bank mit Ahasverus gesessen. Tönende Leere sang ringsum. Gegen einen erblassenden Nachthimmel aber zeichnete sich die drohende Silhouette des ewigen Wanderers ab. In dieser Nacht ward in einer böhmischen Grenzschenke der jüdische Althändler Josua Obstteller ermordet. — In dem Judenviertel des böhmischen Kurortes aber kam nächsten Morgen ein neuer Sonderling an, den die Masse mied, weil er eigene Wege suchte. Er ward als Isaak Lustgarten gemeldet.

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