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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-12 · 32 (12.8.1927) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
32 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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I (Gehinnom) in der zukünftigen Welt." Es bedarf nur geringfügiger Deutung, um aus den diesem Ausspruch folgenden Worten eine sehr rationelle Anschauung herauszulesen: „Der Heilige führt in jener kommenden Zeit die Sonne heraus, die Gerechten kommen zur Heilung, die Frevler werden von ihr versengt." Das Licht der zukünftigen Welt wird erhellen, daß nur den Gerechten und ihren Taten Ewigkeit beschieden ist; die Frevler sind in die Nacht der Vergessenheit gesunken. Das Reich der zukünftigen Welt wird errichtet durch die Taten der Guten. Die guten und sittlichen Menschen haben durch ihre Arbeit für diese Welt Anteil an der Ewigkeit. Zweifellos ist solche Ansicht nicht die getreue Wiedergabe der Anschauungen des alten Judentums. Aber sie ist notwendiges Ergebnis der Entwicklung des jüdischen Geistes. Nennen wir einige Etappen auf dem Wege dieser Entwicklung: Saadja, Maimonides, Moses Mendelssohn, Hermann Cohen. In der Lehre Saadjas liegt der alte Volksglaube vor. Er bezeichnet seine Lehre selber als die Lehre der Akenge, die er zu rechtfertigen unternimmt. Diese Lehre lautet etwa so' Nach dem Ausscheiden aus dem Körper wird die Seele für die Zeit der Vergeltung aufbewahrt. Der Ort für die Aufbewahrung der reinen Seele ist oben, der für die unreinen unten. Während die Seelen der Frommen in der Nähe des Thrones Gottes weilen, streifen die Seelen der Sündigen, ruhelos umher. Solange bleiben die Seelen vom Körper getrennt, bis die Zahl der zu erschaffenden Seelen voll ist, oann werden die Seelen wieder mit dem Körper vereinigt, um dann den Lohn bezw. die Strafe zu erleiden. Daß wir einer solchen Lehre verständnislos gegenüberftehen, beweist am besten, daß auch die religiösen Grundbegriffe einer Entwicklung unterworfen sind. Auch die sogenannten „ewigen Wahrheiten" des Judentums sind nur ewige Probleme. Das Problem bleibt das gleiche bei Maimonides und bei Mendelssohn und bei allen Philosophen. Aber die Antwort, der Lösungsversuch, ist abhängig von der geistigen Entwicklung der Menschheit. Wie ganz anders lautet die Lehre Hermann Cohens, und doch ist es die gleiche Frage, auf die Saadja eine Antwort zu geben versuchte, die auch ihn beschäftigt. „In der unendlichen Entwicklung des Menschengeschlechts zu seinem idealen Geiste der Heiligkeit kann daher auch nur die Jndividualseele ihre Unsterblichkeit vollziehen. Sie ist immer nur Aufschwung, immer nur Inbegriff von Aufschwüngen, die in der unendlichen Entwicklung sich zusammenfassen." In der Beziehung auf die Allheit, die Menschheit, liegt für Cohen die Lösung des UnsterblichkeitsProblems. Man bat längst hervorgehoben, daß von der individuellen Unsterblichkeit zu trennen ist das Leben der Gesamtheit. „Bei der jenseitigen Seligkeit ist immer nur vom Individuum die Rede; in der diesseitigen Sittlichkeit aber spielt gerade die Gesamtheit die Hauptrolle.... Das Dogma des Jenseits gründet sich lediglich auf eine Philosophie des Ich; alle wahre Erkenntnis aber von der Bestimmung des Menschen, zunächst im Diesseits, wird nur auf dem Grund einer Philosophie des Wir gewonnen werden." (Lazarus.) Die Unsterblichkeitssehnsucht wird immer zunächst eine Sehnsucht des Ich sein. Aber wie nie eine eindeutige Antwort gegeben worden ist auf die Frage, was nach dem Tode ist, so wird immer das Reich des Jenseits eine Welt sein, von der der Satz gilt, den die Weisen auf sie beziehen: „ein Auge hat sie nicht gesehen außer Gott allein." Der persönliche Glaube des Einzelnen wird immer darauf die Antwort geben müssen. Von sittlicher Bedeutung ist aber vor allem die Erkenntnis, daß die Erfüllung des Guten, daß der Fortschritt der Menschheit, daß die Ewigkeit des Geistes bedingt ist durch die Arbeit des einzelnen Menschen. Und diese Einsicht, in ihrer Umkehrung, gibt nun auch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des vergänglichen Einzeldaseins. In der Arbeit für die Gesamtheit ist der Ewigkeitswert des Menschen verankert. Die Menschheit ist das Ewige; in ihr lebt der Einzelne durch seine Tat weiter. „Ganz Israel hat Anteil an der zukünftigen Welt." Das Ganze verschwindet nicht. Nur wer nicht Teil sein will des Ganzen, ist wahrhaft sterblich. Es ist ein Zeichen des Menschheitsbewußtseins des Judentums und zugleich kühnster Ausdruck seines Ewigkeitsglaubens, daß es nicht stehen geblieben ist beim Satze von ganz Israel, daß es darüber hinaus zur höheren Menschheit kommt, einen umfassenderen Begriff der zukünftigen Welt, der somit erst die Ewigkeit zu einem heiligen Werte gestaltet. „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der zukünftigen Welt." Die Ewigkeit ist die Welt der Frommen, die Welt, die durch die Verbundenheit der sittlichen Menschen gegründet wird. Im Messianismus erhält der Unsterblichkeitsglaube seinen versittlichenden, das Dasein veredelnden und heiligenden Charakter. Denn das ist das bedeutsamste Merkmal des jüdischen Unsterblichkeitsglaubens, daß er nie zur Verneinung des Diesseits geführt hat. Mögen auch mitunter Ansätze vorhanden gewesen sein, diese Welt als die vergängliche und sündhafte auch als die übelste und zwecklose anzusehen, es blieb bei solchen Ansätzen. Mochte immer der Glaube gefordert werden, auch der Glaube an das Jenseits als jüdisches Postulat hingesteüt werden, nie wurde der Glaube Selbstzweck. Er blieb Rechtfertigung des Tuns, er war immer nur der stärkste Grund für die sittliche Tat. So ist es gekommen, daß Diesseits und Jenseits keine Gegensätze wurden, daß die Versittlichung des Lebens Hauptinhalt der jüdischen Forderung wurde, daß diese Versittlichung des Lebens Voraussetzung wurde für sie Möglichkeit des Jenseits, für das Erringen der Unsterblichkeit. Ja Diesseits und Jenseits konnten gleichsam zu einer Einheit verschmelzen in dem Begriffe der unendlich fortschreitenden Menschheit. Es ist selbstverständlich, daß, so betrachtet, die Unsterblichkeit der Seele nicht als ein Dogma des Judentums angesehen werden kann. Man hat behauptet, der Unsterblichkeitsglaube sei eines der ewigen Dogmen des Judentums. Nun ist es ja ein Eigenes, daß man sich überhaupt darum streitet, ob das Judentum Dogmen besitzt. Wäre das Judentum ein auf Dogmen — d. h. auf Glaubenssätzen, deren Bekenntnis Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum Judentum und Bedingung für die Erlangung der vom Judentum in Aussicht gestellten Heilswerte — gegründete Religion, dann hätte die Frage nicht entstehen können. Wir sind demgegenüber der Meinung: Das Judentum ist eine Religion der Entwicklung. Jede Zeit hat die ererbten Glaubensvorstcllungeu entwickelt und weiter gefördert. Dabei mögen die Formulierungen Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang die gleichen geblieben sein. Der Inhalt hat sich auf jeden Fall gewandelt. Allerdings mag man oft versucht haben, gewissen Glaubensvorstellungen dogmenartigen Charakter zu geben. Das gilt in erster Linie vom Unsterblichkeitsglauben. Die Auferstehung der Toten war als Glaubensvorstellung umstritten. In den Pharisäischen Schulen legte man aber gerade auf diesen Glauben als ein Zeichen der Rechtglüubigkeit besonderen Wert. So ist es zu verstehen, daß mit scharfen Worten dieser Glaube gefordert wurde. „Folgende haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt: Wer da spricht, die Auferstehung der Toten sei nicht in der Thora gelehrt, und wer die göttliche Offenbarung der Thora leugnet." In diesem Sinne ist auch die Formulierung in unserem Gebet zu verstehen. Hier wird die Auferstehung der Toten geradezu bekenntnismäßig ausgesprochen. Es kann also nicht in Abrede gestellt werden, daß zu gewissen Zeiten der ernsthafte Versuch gemacht wurde, den Auferstehungsglauben als ein Dogma des Judentums zu fixieren. Um dieses Dogma zu stützen, hat man versucht, nachzuweisen, daß die Auferstehung der Toten in der Thora gelehrt werde. „Die Saddukäer fragten den R. Gamliel: Woher ist es erwiesen, daß Gott die Toten belebt. Er erwiderte: aus der Thora, aus den Propheten und aus den Schriften." Die Notwendigkeit, für die Auferstehungslehre Stützen in der heiligen Schrift zu suchen, zeigt aber, daß in der heiligen Schrift diese Lehre nicht eindeutig genug zu finden ist. Tatsächlich bedeutet der AuferstehungsAaube eine Fortentwicklung der biblischen Anschauungen, gleichgültig ob seine Entwicklung auf Grund der vorhandenen jüdischen Anschauungeu notwendig war, oder ob durch äußeren Einfluß die Entstehung dieser Lehre angeregt und ihre Weiterbildung gefördert wurde. Und ebenso hat sich der Auferstehungsglaube selber gewandelt. Gewiß hat die dogmatische Form der Lehre die Entwicklung gehemmt, und bei Maimonides, der die Lehre von der Auferstehung in seiner Glaubenslehre festlegt, ist zu merken, wie stark er sich durch die talmudische Anschauung gebunden fühlt, und bis Mendelssohn übt die traditionelle Anschauung die stärkste Wirkung aus. Seit Mendelssohn, der, vielleicht ohne sich selbst über die Tragweite seiner Lehre im Klaren zu sein, den dogmatischen Charakter des Judentums überhaupt in Abrede gestellt hat, ist auch die Unsterblichkeitslehre des Judentums weiter entwickelt worden, xum Heile für das Judentum. Denn das Dogma, das starre, bindende Wort, ist Feind des Geistes, ist auch Feind des Lebens. Das aber ist der Sinn des jüdischen Unsterblichkeitsglaubens, daß er das Leben erklärt und das Leben rechtfertigt, daß er so ewiges Leben der Menschheit einhaucht. Mag der Eine in der Hoffnung auf das Weiterleben seiner individuellen Seele seine religiöse Befriedigung finden, mag der Andere in der Verbundenheit mit der Allheit den Sinn der Unsterblichkeit erblicken und durch seine Tat für die Gesamtheit die Ewigkeit des Geistes erstreben, als sinnvoll Md heilig wird das Leben sich uns nur dann offenbaren, wenn wir durchdrungen sind von der Unsterblichkeit unseres Seins, der Ewigkeit unseres Geistes. Unsterblichkeit Von Sanitätsrat Dr. Sch erbet (Lissa i. P.) Je mehr die absteigende Lebenslinie des Menschen sich dem „Reiseziel" nähert, desto öfter entsteht in ihm die Frage: Was dann? Die Jugend hat solche Gedanken nicht. Noch liegt das Leben vor ihr in seiner bunten, vollen Schönheit. Was später kommt, kümmert sie nicht. Es gilt das Leben zu genießen, solange die Jugendkraft anhält. Und in der Mittagshöhe des Lebens sind es soviele andere gewichtige Fragen, drc den Mann, die Frau im Gewühl und Treiben der Welt, in den Nöten des Daseins bewegen, die ihr Leben, ihr Denken und Fühlen aussüllen. Aber dann kommt der stille Lebensabend, und nun entsteht die ernste. Lange Frage: Wohin versinkt 'bie Sonne am Horizont, deren goldener Schein dich jetzt noch beleuchtet; was wird nun dein eigenes Schicksal sein! - In der Tat, das ist die sublimste Frage, die es gibt, die den Menschen seit der Urzeit aus ihrem Bann nicht losgelassen hat: Was wird aus deiner Seele, wenn dein Körper zur Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden Eine Studie zur Volks- und Sagenkunde der Juden. Von B. S e g e l. Will man Welt- und Lebensanschauung eines Volkes ergründen, so genügt es nicht, feine hervorragenden Denker und Dichter zu befragen, man muß die Gedanken der großen Massen belauschen, ihre Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, wie sie eine Generation der anderen im Laufe der Jahrhunderte in den Sagen und Dichtungen überliefert hat, in denen die innere und äußere Erfahrung der im Kampfe ums Dasein sich zu immer höheren Kulturstufen emporringenden Menschen aufgespeichert ist. Lehrt uns der Volksglauben und die Volksdichtung, wie die Dichtung überhaupt, übrigens so wie auch die Philosophie, nicht wie die Weht ist, so lehrt sie uns doch, wie die menschlichen Wesen wünschen, daß sie sein soll, damit sie in ihr leben, leiden und gedeihen möchten). Das tiefe Wort Herbert Spensers „Society is Prior to man" (die Gesellschaft ist früher da aN das Individuum), weiches die ganzen früheren Vorstellungen von der Entstehung der Gesellschaft aus dem freiwilligen Zusammenschluß der Individuen umgestülpt hat — ist nicht nur zeitlich wahr, sondern auch sachlich: das höchstentwickelte Individuum ist nur die Sublimierung der Gesellschaft; mag es der Masse um Jahrhunderte vorauseilen, mag es im listigsten Streite mit ihr liegen, es gleicht doch immer nur dein Baum, der tief in dem mütterlichen Nährboden verwurzelt ist, mag er mit der Krone hoch in die Wolken hineinragen; in den edelsten Früchten, die er trägt, kreisen die Säfte, die er aus der Tiefe saugt. In den tiefsten und feinsten Gedankengängen der vornchmsten Denker und Dichter wird man stets einen Nachhall des unentwickelten, primitiverl Denkens des Volkes herausspüren, das ihnen seinen edelsten Extrakt abgegeben hat. Und wenn die Systeme der Denker uns einen Schimmer der objektiven Wahrheit — insofern diese uns überhaupt zugänglich ist — enthüllen, so spiegeln die Glaubensvorstellungen und poetischen Gebilde der Volksmasten vielleicht einen noch breiteren Teil der objektiven Wahrheit, nur von einer anderen; Seite. Lchrt nicht eine ganze Richtung der Philosophie, daß die Welt nichts anderes sei, als die Schöpfung des Willens und der Vorstellung des Menschen? * lieber keine der Ewigkeitsfragen haben. die Menschen in unserer Zeit so ernsthaft und schmerzhaft nachgegrübelt, als über das Problem der Seele und des Jenseits, — in unserer Zeit, da es wohl keinen Menschen auf der europäischen Erde gibt, der nicht näher oder ferner von dem grausen, sin,ntosen Sterben berührt wurde, welches vier und ein halbes Jahr über die Kulturwelt dahinraste. Hört mit dem leiblichen Tod alles auf im Weltall, oder gibt es eine Fortdäüer übet daß Grab --- vielleicht das schaüekliche Massengrab. — hinaus? Ist das, was wir Seele nennen, nur die Summe der Lebenstätigkeitcn, oder bildet es eine unabhängig von diesen bestehende Substanz, deren Herrin und Meisterin sie ist? Gibt es im Jenseits ein Wiedersehen für die Seelen, die sich hier auf Erden geliebt und nacheinander gesehnstz haben? Ist das Jenseits eine höhere, vollkommenere Welt, die aber mit der hienieden sichtbaren derart im Zusammenhang steht, sodaß die erstere die Vollendung Her letzteren bildet, deren Idealisierung und letztes Ziel, daß in ihr alle Widersprüche des irdischen Lebeirs ausgeglichen, alle Ungerechtigkeit gesühnt, jeglicher Kummer getröstet, alles unverdiente Leiden belohnt, alle Gewalttat bestraft, das Böse gedemütigt und vertilgt wird und das Gute triumphiert? Alle diese schwersten und „letzten" Fragen, die den Menschen seit jeher keine Ruhe gelassen, tauchen in unseren Tagen aus den Tiefen der Seele von zahllosen ernsten und sinnenden Menschen auf und heischen eine Antwort. Es ist nun äußerst lehrreich, zu erforschen, welche Antwort das jüdische Volk im Verlaufe der Zeiten aus alle diese Fragen sich gab. Daß die Menschenseele eine übersinnliche, rein geistige, göttliche Substanz ist, die den Körper belebt und überlebt, gehört zu den allerältesten Bestandteilen der volkstümlichen jüdischen Weltanschauung, ein Grundsatz, an dem wohl, abgesehen von der zu aller Zeit und unter allen Völkern vorhandenen esprits sorts, niemand ernstlich gezweifelt hat. Sie fand ihren klassischen Ausdruck in den Worten, der Schöpfungsgeschichte: „Gott hauchte dem Menschen den Lcbensgcist ein", nachdem er ihn aus der groben Materie geformt hatte. Das jenseitige Dasein, die Fortexistenz der Einzelseele nach dem Tode des Leibes spielt bekanntlich in der Bibel als ethisches Motiv in der Form der Lohnversi heißung für das Gute und der Strafandrohung für das Böse nur eine'ganz untergeordnete Rolle. Seitdem nun die protestantische Theologie sich zu modernisieren anfing und seitdem das metaphysische Interesse allenthalben erwacht ist, ist es Mode geworden, auf diesen „Mangel" des alten Testamentes mit Nachdruck hinzuweisen und zu betonen, daß dies abermals ein Beweis für die Inferiorität und grob materäalistische Gesinnung des Judentums sei: es wird öfters sogar bestritten, daß das antike Judentum den sublimen Seelenbegriff gekannt habe. Vollends zu jener idealen Höhe, die den ganzen Zweck des Daseins, des Lebens der Individuen wie der Völker in die Sphäre des Uebersinnlichen verlegt, habe erst das Christentum die Menschheit emporgeführt. Auch die wenigen jm alten Testament vorkommenden Andeutungen und Hinweise auf ein Jenseits des Seelenlebens seien nicht jüdisches Eigengut, sondern Entlehnung aus der „arischen" Gedankenwelt. Es existiert hierüber eme ganze Literatur. Eine eingehende Untersuchung würde die vollkommenle Haltlosigkeit dieser Ansicht zeigen. Sie würde auch den Beweis, erbringen, daß die moderne Bibelkritik durch! diese Behauptung mit sich, selber in einen krassen Widerspruch gerät. Soviell-ist- »her ,sicher, daß die Juden aufs äußerste erstaunt sein müßten, wenn man ihnen ein reden wollte, dass, sie an die Unsterblichkeit der Seele und an Lohn und Strafe im1 Jenseits je gezweifelt hätten. So weit unsere Erinnerung und Tradition zurückreicht — und sie reicht bekanntlich eine ziemlich weite Strecke zurück, weiter als die aller anderen europäischen Völker — hat diese Vorstellung stets einen integrierenden Teil unserer Welt- und Lebensanschauung gebildet. Daß sie namentlich bei den biblischen Schriftstellern so sehr in den Hintergrund tritt, hat seine sehr guten historä-' scheu und ethischen Gründe. Doch das bildet ein Kapitel für sich. Einstweilen wollen wir zusehen, welche Gestalt diese Grundvorstellung in der Phantasie des jüdischen Volkes, besonders in der neueren Zeit, angenommen hat. Treffend malt die Anschauungen des jüdischen Volkes über das Verhältnis des Einzelmenschen zum Diesseits und zum Jenseits folgende Sage: Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz zu schauen, seinen Segen zu empfangen und Abschied von ihm zu nehmen. Wie groß war ihre Verwunderung, als sie das Lager des Meisters umgaben und bemerkten, daß sein Antlitz von Tränen übergossen war. Er weinte: Ein Staunen erfaßte sie und eine Angst, da sie sich nicht erklären konnten, woher dieser Ausbruch der Trauer in solch feierlicher Stunde käme, da ihr Lehrer vor Gottes Angesicht erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifelt da. Schließlich faßte sich der jüngste unter ihnen, der ein Liebling des Rabbi war, ein Herz, trat au den Sterbenden heran und redete ihn folgendermaßen an: „Rabbi, weshalb weinst? Tut es dir leid, diese eitle, irdische Welt zu ve.lassen und diesen Körper von Staub, in dem du gefesselt bist? Hast du nicht selber bei Lebzeiten dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns gelehrt, dieses flüchtige, irdische Dasein zu verachten? Oder hast du etwa au der Gnade Gottes verzweifelt, und es überkommt dich eine Angst bei dem Gedanken an das himmlische Gericht? Oder hast du noch etwas in diesem Leben zu vollbringen, was du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht dich eine solche Trauer, da Gott dich zu sich ruft? Antworte, belehre uns und kläre uns auf, denn wir sind durch dein Weinen in der Seele gerührt und verwirrt und wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortan leben sollen." Ter Meister wischte sich die Tränen aus den Angen und antwortete wie folgt: „Ich weine nicht, als ob es mir leid täte, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur die Vorhalle der künf.igen Well sind, wo erst das nxahre und echte Leben beginnt. Auch die Strafen, die mich für meine SüiÄen in der anderen Welt erwarten, fürchte ich nicht, denn so groß der Zorn Gottes wegen meiner Sünden auch sein mag, seine Gnade ist noch größer. Auch lasse ich hier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich zu vollbringen hatte, habe ich vollbracht, ich könnte in Ruhe von dannen gehen. Aber weh tut es mir, Gottes Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, daß man in einem kurzen Augenblick durch eine einzige Tat, durch einen einzigen Gedanken, wenn man einem Hungernden einen Bissen Brot reicht, einem Unglücklichen Hilfe und

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