Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-08-05 · 31 (5.8.1927) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
31 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613895-2613926--2361-2619825
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

eine rabbinische Entscheidung abzugeben. „Auch das geringste Gebot, im Leben geübt, hat mehr Wert als diese und jene albernen Bräuche, die fremdem, nichtjüdischem Einfluß ihre Entstehung verdanken und mehr oder minder auch bei anderen Böllern sich finden", so sagt der durch und durch konservative Gelehrte Berliner. Es ist üblich, daß man beim Weggehen vom geschaufelten Grab innerhalb des Friedhofs Gräser pflückt und hinter sich wirft; das ist ein dem deutschen Heidentum entnommener Brauch, der bezweckte, den unterirdischen Geistern, die beim Schaufeln erwsüt wurden, ein Opfer darzubringen, um sie los zu werden. Im Mittelalter wurde dieser Brauck auch bei den Juden heimisch, die ihn von ihrer nichtjüdischen Umgebung übernahmen, ohne sich um seinen Sinn zu kümmern. Wenn wir zum Schluß noch kurz eine andere Erscheinungsform des Aberglaubens betrachten, die Möglichkeiten zur Erforschung des Unbekannten, so handelt es sich keineswegs dabei um einen geistigen oder seelischen Vorgang im Bewußtsein des Menschen, etwa um eine Ahnuung, sondern um sinnfällige Ausdeutung rein äußerer, realer Geschehnisse. Zu den Erscheinungen, die außerhalb der menschlichen Willenssphäre liegen, gehören die Träume, die im Volksglauben für unbedingt zuverlässige Künder gelten. (In einem späteren Aufsatz soll auf Träume und Traumdeutung im Judentum näher eingegangen werden.) Auch Todesvorzeichen gehören hierher. Mißrät z. B. der Geburtstagskuchen, so erlebt der Betreffende keinen Geburtstag mehr. Der Mensch begnügt sich aber auf die Dauer nicht mit der Deutung von zufälligen Erscheinungen, sondern er fordert das Schicksal heraus und lauscht ihm seine künftigen Geschehnisse ab. Dazu gehört eine besondere Fertigkeit: das Wahrsagen wird zur Kunst, unter Umständen zum Vorrecht einzelner Menschen (Kartenlegerin, Sterndeuter). Harmloser sind die privaten Wahrsagekünste, z. B. das Bleigießen oder: Will man auf eine bestimmte Schicksalsfrage Antwort haben, so schlägt man irgendwo die Bibel aus; was etwa auf der linken Seite rechts oben steht, enthält die gewünschte Antwort, oder der Satz, den man mit dem Daumen bedeckt. Die Religion des Judentums weist streng und bestimmt jedes derartige Mittel zur Erforschung der Zukunft ab. Ganz besonders Maimonides schärft es immer wieder ein, daß, wer an solche Dinge glaubt, zu den Unvernünftigen gehört, zu den Kindern, deren Verstand nicht ausgebildet ist. Ebenso lehnt er scharf die Zulässigkeit von Amuletten ab, die noch heute, besonders im Kriege, auch bei uns Juden in allen möglichen Gestalten Eingang finden. (Z. B. Afikaumen-Mazze im Arbakanfoth.) — Beim Aberglauben kommt alles daraus an, daß nach der genau vorgeschriebenen Weise gehandelt wird, daß alle Faktoren richtig Zusammenwirken. Vor allem sind wesentlich Zeit, Ort und Zustand des Handelnden; von Orten bevorzugt der Aberglaube solche, wo das Unheimliche in erster Linie waltend gedacht wird, z. B. der Kirchhof. Die Zahlen, die im Aberglauben verwandt werden, sind bei allen Völkern dieselben. Vor allem die Zahl 13, die ja als unglückliche, unharmonische Zahl erscheint, die man nur durch Entfernung einer Einheit zu einer harmonischen machen kann. „Von 13 Personen bei Tisch muß also einer sterben." Diesen Aberglauben findet man oft auch bei Juden, obwohl die Zahl 13 soviel jüdische Erinnerungen bietet: die Eigenschaften Gottes, die halachischen Regeln, die Jahre des Barmizwah. Wie weit die modernen Strömungen der Gegenwart — wie Spiritismus, Okkultismus usw. — abergläubische Vorstellungen enthalten, die auch unter den Juden der Gegenwart viel verbreitet sind, müßte'in einem besonderen Artikel in einem anderen Rahmen dargelegt werden. Hier sollte nur auf einige der vielen, bekannten, abergläubischen Gebräuche hingewiesen werden, die mit jüdischen Anschauungen, jüdischen Lebensformen verbunden sind. Es muß der wissenschaftlichen Forschung, ganz besonders der jüdischen Volkskunde, Vorbehalten bleiben, gerade diesem Gebiete immer mehr sich zuzuwenden, um dann auch in die breite Oeffentlichkeit zu tragen das Wissen von der wahren Religion des Judentums. Judentum und Aberglaube Von Max Vogel st ein - Breslau. Die Gefahr, die der Reinheit der Religion Israels von dem Eindringen des Götzendienstes der umwohnenden Völker einst gedroht hat, haben die Propheten in schwerem Kampfe zu bannen gewußt. Mit dem völligen Schwinden des Heidentums in unserem Kulturkreis scheint sie endgiltig beseitigt. Und dennoch ist der Kampf noch nicht beendigt. Heute hat er dem Aberglauben zu gelten. Fast noch gefährlicher erscheint dieser als die groben Formen jener alten Götterverehrung. Denn heimlich schleicht er sich in die Religion ein, untergräbt ihre Fundamente, höhlt ihre Träger aus, um sich an ihre Stelle zu setzen. Wer vermag all die zahllosen abergläubischen Vorstellungen aufzuzählen, die man in allen Schichten unserer Gemeinschaft, bei Gebildeten genau so wie bei Ungebildeten vorfindet. Vielfach kann man noch die Wege feststellen, aus denen dieser Glaube an die Schicksalswirkung von Zahlen, Tagen, Stunden, Gegenständen oder scheinbar nebensächlichen unabsichtlichen Handlungen von außen her in das Judentum eingebrochen ist. Dieser Aberglaube ist ein ernstes Problem, das einmal aufgeworfen werden muß. Man hat oft vergeblich versucht, eine genaue Begriffsbestimmung des Aberglaubens zu geben. Uns genügt es, das Moment herauszustellen, das den Aberglauben entscheidend kennzeichnet gegenüber jeder echten Religion. Aberglauben ist ein Glauben, dem die sittliche Fundierung fehlt. Es ist unmöglich, auch nur eine abergläubische Ansicht sittlich zu begründen. Grundsätzlich erkennt diese Einstellung keinen Maßstab an; weder einen sittlichen, noch einen wissenschaftlichen, noch einen künstlerischen, noch sonst irgendeinen. Jede Kritik, die Fehler aufzeigen will, wird zurückgewiesen. Man verschließt die Augen, will nicht sehen. So ist es nur zu natürlich, daß der Aberglaube sich leicht einnistet und schwer nur sich vertreiben läßt. Zwar hat es den Schein, als wenn er den Menschen einschränkt, allenthalben seinem Handeln Fesseln anlegt. Doch ist dies nur äußerlich. Tatsächlich — und das ist entscheidend — nimmt er dem Menschen die schwerste Last ab, die ihm auferlegt ist, die Last der Verantwortung. Richtet man ein Unheil an, so sucht man die Schuld nicht in sich selber, nicht in dem Mangel an Ueberlegung und Verantwortungsgefühl, sondern in der Tatsache, daß die Handlung an einem sogenannten ,^1nglückstag" oder im Zusammenhang mit einer „U.nglückszahl" geschehen sei. Ein „unglückbringendes Zeichen" will man aüßeracht gelassen, versehentlich, eine der abergläubischen Sicherungen vorzunehmen, vergessen haben. Diese und unzählige ähnliche Begründungen weiß man zu finden. Sie alle sind nur verschiedene Ausdrucksformen für den einen Gedanken: Schuld an allem ist' das Eingreifen willkürlich oder blind handelnder Schicksalsmächte, d. h. also solcher Mächte, die nicht sittlich bestimmt sind. Und damit kennzeichnen sich diese Anschauungen als unverträglich mit dem Judentum. Ein Gleiches gilt von der Vorstellung, daß durch die Vornahme bestimmter Bräuche eine Art magische Wirkung auf Gott im Sinne der Sündenvergebung ausgeübt werde. Verfolge man doch diesen Gedanken utzd sehe, wohin er führt! Der Gott, der die Gerechtigkeit verkörpert, unbestechliches Urteil und Wahrhaftigkeit von uns verlangt, dieser Gott sollte sich durch Wunderkraft, durch ein Mittel magischer Art dahin beeinflussen lassen, sein Urteil dem Rechte entgegen zu mildern; er sollte es zulassen, daß mechanisches Tun sittliches Vergehen aufhöbe?! Gnade ist sittliche Tat. Erzwungene Gnade verliert diesen Charakter! So sieht der Abergläubische nicht, daß er sich selbst seine Menschenwürde aberkennt, jede sittliche Forderung aufhebt. Nirgends ist darum auch nur eine Spur wahrhaft erziehlicher Wirkung solchen Glaubens zu entdecken. Denn Erziehung und Sittlichkeit sind nicht von einander zu trennen. Nicht nur die Hexenprozesse des Mittelalters zeugen von der entwürdigenden Wirkung des Aberglaubens. Heute noch sind zahlreiche Verbrechen, mit die schwersten Vergehen auf abergläubische Vorstellungen zurückzuführen. Es ist kein Zufall, daß gerade der schlimmste Aberglaube in den Kreisen sittlich und geistig tiefstehender Menschen zu Hause ist, wo denn auch grauenerregende Verbrechen — zum Teil ohne Scheu vor der Oeffentlichkeit — geschehen sind, weil der Aberglaube sie sanktionierte?) Man wird sagen, nicht jeder Aberglaube führe zum Verbrechen, es gäbe auch harmlose Formen. Es gibt keinen „harmlosen" Aberglauben! Jeder Aberglaube trägt als Zauber- und Schicksalsglaube denselben Charakter wie der Aberglaube, aus dem die Verbrechen erwachsen. Der Unterschied liegt einzig darin, daß in dem einen Falle sein verderblicher Einfluß in furchtbar erschreckender Weise manifest wird, während in dem anderen Falle er verborgen als schleichendes Gift wirkt. Aberglauben ist der Kampf des Ungeistes gegen den Geisr. Nichts kann ihn rechtfertigen, und nicht scharf genug kann er bekämpft werden. Doch einem Einwand ist noch zu begegnen. Haben wir es nicht alle miterlebt, daß Ansichten, die man noch vor wenigen Jahren als Aberglauben verlacht hat, von der Wissenschaft haben anerkannt werden müssen? Hat man nicht vor noch kaum zwei Jahrzehnten die Gedanken der Hypnose und des Heilmagnetismus zurückgewiesen, ihnen allenfalls noch einen Platz in den Phantasiestücken eines „überspannten" romantischen Dichters zugestanden? Und heute sind sie Rüstzeug der Wissenschaft. Haben wir nicht heute eingesehen, daß vieles aus dem Volksglauben, namentlich aus der Volksmedizin — wenn auch häufig in abstruser Form — Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung und genauester Beobachtung ist, die erst die jüngste Forschung hat wieder bestätigen können? Das scheint ein gewichtiger Einwand gegen ein unbedingtes Verwerfen des Aberglaubens zu sein. Doch es scheint nur so. Freilich kann es Vorkommen, daß heute ein Arzt dasselbe Mittel anwendet wie der abergläubische, Geister und Dämonen fürchtende Bauer. Das Mittel wird dann im gleichen Falle den gleichen Erfolg zeitigen, den Kranken zu heilen. Und trotzdem können wir uns damit nicht zufrieden geben. Wohl gilt es zunächst, dick Heilung des betreffenden Menschen. Aber nicht auf die Verordnung und nicht auf das Ergebnis allein kommt es an, sondern auf den Geist, aus dem sie entstehen. Da klafft ein unüberbrückbarer Spalt. In dem einen Falle steht hinter der Handlung die aus dem Streben nach Wahrheit geborene Erkenntnis und das Gefühl sittlicher Verantwortung, in dem anderen Falle nichts als ein verantwortungsloser Zauberglaube. Und das darf uns nicht gleichgültig lassen. Ist es doch — um ein Beispiel zur Verdeutlichung zu bringen — im Ergebnis genau dasselbe, ob ein Mensch durch einen zufällig herabfallenden Stein erschlagen wird oder der Gewalttat eines anderen zum Opfer fällt. Und doch wird kein Mensch auf den Gedanken kommen, die Tat des Mörders darum geringer zu bewerten, weil sie ja auch keinen anderen Erfolg gehabt hat als der stürzende Stein. Wir müssen dabei bleiben: Der Geist, in dem etwas geschieht, ist von entscheidender Bedeutung. In jeder Tat bauen wir das Werk der Gemeinschaft, jede Tat muß sich vor dem Gedanken der Menschheit und ihrer sittlichen Vervollkommnung rechtfertigen können; denn jede Tat ist Erziehungstat. Und darum ist auch der Einwand nicht stichhaltig, aus Aberglaube werde auch Gutes geboren. Das ist nicht zu bestreiten. Doch wir müssen uns fragen: Ist dies ein wirklicher Wert? Und diese Frage müssen wir verneinen. Einer Tat kommt voller sittlicher Wert, kommt das Prädikat „gut" nur dann zu, wenn sie ohne Rücksicht auf Lohn, Strafe oder Gefahr allein um der Sache selbst willen geschieht. Tue ich sie im Vertrauen auf den magischen Schutz eines Talismans oder durch abergläubische Vorstellungen getrieben, so verliert sie ihren sittlichen Charakter als freie Tat. Irrtum aus sittlichem Wollen geboren hat höheren Wert als ein „Gutes", das sein Dasein dem Aberglauben verdankt. Es führt keine Brücke vom Glauben zum Aberglauben. Wir erkennen das, wenn wir einsehen, wie der Glaube, wie wahre Religion im Sittlichen begründet ist, während dem Aberglauben — schon einmal wurde es hervorgehoben — die sittliche Fundierung fehlt. Doch die Aehnlichkeit der äußeren Form hat die verhängnisvolle Folge gehabt, daß manch Abergläubisches für echtes Gut des Judentums gehalten wird. Eine ganze Anzahl von Bräuchen, die in weiten Kreisen für gut jüdisch gelten, sind dem Aberglauben entsprungen, und — was vielleicht noch bedauerlicher ist — selbst Bräuche und Forderungen der Religion und. wie leicht erklärlich, vorzüglich die Symbole werden vielfach, da man ihren Sinn vergessen hat, abergläubisch gedeutet und aus Aberglauben gehalten. Man vergißt dabei, daß sie ihren Wert so verlieren, weil ihr Sinn ins Gegenteil verkehrt ist. Diese Menschen sind sich dessen gar nicht bewußt, daß sie gegen den innersten Geist der jüdischen Religion als der Religion der Sittlichkeit verstoßen. Sie sind vielmehr in dem guten Glauben, wahrhaft fromm und wahrhaft im Geiste der Lehre, die Mose uns geboten, zu handeln. Ja, sie halten es für einen Angriff auf die Relii) Reiches Material bei Hermann L. Strack: Das Blut im Glauben u. Aberglauben d. Menschheit. 5.-7. Ausl. München 1900. Bergt, auch die dort S. 2 ff. angeführte Literatur. gion, wenn man diese Vorstellungen, diese Fremdkörper entfernen will. So war es schon vor Jahrtausenden in Israel. Wählen wir uns einen besonders krassen Fall. Da batte nach der Teilung des Reiches König Jerobeam in Dan und Bethel, den Grenzstädten seines Gebietes, goldene Stierbilder aufgestellt. In ihnen verehrte das Volk den Gott Israels. Ganz nach Art kanaanäischen Heidentums war der Kult gestaltet. Rauschende Feste, schwelgerische Gelage und die verderblichsten Ausschweifungen fanden in dem Tempel statt. Das Volk war sich keineswegs darüber klar, daß es Götzendienst trieb, ins schlimmste Heidentum zurückgefallen war. Nein, ganz im Gegenteil. Sie hielten es für die richtige und wahre Art des Gottesdienstes, wie ihn ihr Gott fordere, woran er Wohlgefallen habe. Jahrhundertelang trieb man es so, und der Entartung des Kultus entsprach die Entartung des sittlichen Lebens. Da" steht in den Tagen des zweiten Jerobeam der Prophet Amos auf. In strafender Rede hält er dem Volke seine Verirrungen vor, fordert Recht und Gerechtigkeit, kündet die Religion Israels als die Religion der Sittlichkeit, prophezeit als die Folge der Entartung den inneren und äußeren Zusammenbruch. Und was tut die Priesterschaft, sie, die sich als die Hüterin der wahren Religion betrachtet? Sie wähnt diese Religion durch solche Rede gefährdet und weist den Gottesmann aus dem Lande. —i-Vierzig Jahre später ist Samaria zerstört, die Zchnstämme in die Verbannung geführt. Das Volk, das nur dem Namen nach echte Religion besaß, national und religiös entwurzelt, ist spurlos in den anderen Völkern aufgegangen. Nur die Umrisse des Problems des Aberglaubens geben diese Darlegungen. Sie bedürfen noch einer Vertiefung und Erweiterung in vielfacher Hinsicht. Namentlich aber fordern ' sie — und darauf sei hier wenigstens hingewiesen — eine Ergänzung in der Gegenüberstellung des Problems des Wunders und des Prophetismus. Es müßte nachgewiefen werden, wie diese auf den Gedanken der Sittlichkeit gegründet sind. Unmittelbar würde sich dann die Verknüpfung mit den Forderungen der Erziehung ergeben, die dem Judentum schon durch die Offenbarung gestellt sind. Deutlicher noch als bisher würde es sich zeigen, daß diese Forderungen mit keiner Form des Aberglaubens in Einklang zu bringen sind. So dürfte eines klar sein: Wollen wir in unserer Bewegung Erziehungsarbeit im Sinne positiven Judentums leisten, so müssen wir uns in schärfstem Kampfe gegen den Aberglauben wenden, mag er sich nun offen als solchen bekennen oder versteckt sich als „echt jüdischen" Brauch geben. Nachsicht darf nicht geübt werden. Das würde zu innerem Widerspruch führen, und solche Erziehung wäre zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Wahrhaftigkeit ist hier wie überall die erste Forderung. Der Antisemitismus in Amerika Aus Anlaß von Ford's „Bekehrung". Bon Binjamin Segel. Vor ungefähr einem Jahre äußerte sich in der „Jüdischliberalen Zeitung" einer der hervorragendsten Führer der amerikanischen Juden, Professor Julian Morgenstern, Präsident des Hebrew Union College, über den Antisemitismus in Amerika. Wir in Mitteleuropa lasen seine Worte mit Neid, aber auch mit Skepsis: er behandelte nämlich die ganze Bewegung mit sorgloser Herablassung, im besonderen Henry Fords gewaltige Propaganda, die wir an allen Punkten Europas schmerzlich verspürten, war für ihn eine quantite negligable: „außerhalb des Automobilismus habe Mr. Ford in Amerika keine Bedeutung". Diese Worte erinnerten uns an Stimmungen und Anschauungen, denen in Deutschland gewisse, zum Glück wenig zahlreiche, Kreise sich Hingaben, als 'Ende der siebziger Jahre Treitschke seine ersten Artikel zur Judenfrage veröffentlichte. (Einige Jahre darauf loderte der Antisemitismus flammenhell empor.) Diese Analogie wurde noch verstärkt durch die amerikanische Literatur über den Gegenstand, die wir hier sehr genau verfolgen und die uns lebhaft an Treitschkes Art und Denkweise und an seine Zeit erinnert. Das gilt ganz besonders von John Spargo's „Jews and American ideals" und Hendrick's: „Jews in America". Diese beiden Bücher erschienen uns, jedes von einer andern Seite, wie Sturmvögel, deren Botschaft sehr wohl zu beachten ist. Und nun kommt dieser ungeheure Jubel über die „Bekehrung" Ford's, deren Bedeutung gewaltig übertrieben wird, der aber bezeugt, daß die Juden in Amerika die unbändige Propaganda dieses „ersten Großindustriellen der Welt" viel schmerzlicher empfanden, als sie es nach außen hin und vielleicht auch sich selbst eingeftehen mochten. In Amerika befolgte man nämlich (ebenso wie in London und Paris) seit dem Jahre 1921 den antisemitischen Anklagen gegenüber, namentlich betreffend die berüchtigten „Protokolle der Weifen von Zion", diese Hauptwaffe in den Händen Ford's, die Politik, überhaupt davon nicht zu sprechen, von ihrer Existenz keine Kenntnis zu nehmen, alle Bemühungen, ihre Unechtheit zu beweisen, ruhen zu lassen — in der Hoffnung, daß die ganze Sache dadurch in Vergessenheit geraten würde. Wir in Deutschland, die wir eine fast fünfzigjährige Erfahrung im Kampfe gegen den Antisemitismus haben, wissen genau, wie trügerisch diese Hoffnung ist und welche Gefahren eine derartige Vogel-Strauß-Politik mit sich führt. Aber in Amerika (und England, in einem gewissen Sinne auch in Frankreich) ist der moderne Antisemitismus eine viel zu neue Erscheinung, mit seinen Methoden und seiner Psychologie ist man dort noch nicht vertraut und man ist geneigt, seine Gefahren zu unterschätzen. So ist es gekommen, daß Henry Ford erst jetzt von der Unechtheit der Protokolle überzeugt wurde, nachdem er sieben Jahre lang dieses famose Dokument in allen möglichen Sprachen der Welt, in den weitesten Schichten der Bevölkerung verbreitete und den daraus fließenden Glauben an die Weltverschwörung der Juden in das U n t e r b e w u ß t s e i n der Völker einhämmerte. Es bedurfte dazu des Eingreifens von Artur Brisbane, des berühmten Publizisten und Redakteurs des „New-Aork American". Artur Brisbane gewann aus dem im Jahre 1924 in Berlin erschienenen Buch des Verfassers dieser Zeilen, „Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet, eine Erledigung", die Ueberzeugung, daß man es hier mit einer dreisten Fälschung zu tun hatte, und diese Ueberzeugung hat er dem ihm innig befreundeten Automobilkönig beigebracht und ihn bewogen, öffentlich zu bekennen, daß er irregeführt wurde und seinen Irrtum bereue. Es ist natürlich nicht die Schuld Artur Brisbane's, daß er so spät in den Besitz dieses Buches gekommen ist (eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.