Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 31 (5.8.1927)
- Date
- 1927-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^WchliberalrZeibmg Organ der Vereinigung für das Üverale Judentum e. D. Bezugspreis Durch die GeschästssteÜe A/« jährlich M. 2.50 Einzelnummer 0.20 Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis >m Milgliedsbeilrage enthalten. :: n :: Verantwort!. Redakteur Bruno Doyda vis „JüdifdHiberale Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Redaktion u. Ssschüttssteiis: Berlin 5W> Wilhelmftc. 147. fernruf: kafenyeide 3358. 3359 PoWd)ecfefeonto: Berlin n\V7 flr.moö» (Vereinigung Mit das liberale JuOentum Nachdruck fftmtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung her Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene NoiiparelVqeltt 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark, -ei - « « Wiederholungen Rabatt. :: s n A nze ig en anna hme. »M - Inferatenabteilung: Berlin SD 48, V.'lRA- *nv 1—l- 1 Rr. 31 Berlin. 5. August 1927 7. Jahrgang Aberglaube Moderner Aberglaube Bon Rabbiner Dr. P. Lazarus -Wiesbaden. Ueberaus schwierig ist es, in klaren Worten Begriff und Wesen des Aberglaubens darzulegen. Ob man nun Aberglauben gleich setzt mit Afterglauben -- falschen Glauben, oder aber in Verbindung bringt mit ab, Aberglauben also mit abweichendem Glauben übersetzt, ob man das lateinische superstitio zur Deutung heranzieht und Aberglauben dann soviel heißen soll wie übrig gebliebener Glaube oder ob man endlich sich für die Gleichung entscheidet aber über, und demgemäß Aberglauben als ein zuviel an Glauben — der Quantität nach — hinstellt, — in keinem Fall ist mit all diesen Wortdeutungen das Wesen des Aberglaubens erschöpfend getroffen, und bis heute gibt es keine allgemein gültige Begriffsbestimmung für den Aberglauben. Dennoch scheint einiges wenigstens den Aberglauben näher zu bestimmen. In dem Worte Aberglauben liegt eine negative Wertung, und zwar erfolgt die Abwertung von seiten eines sich legitim wissenden Glaubens, der sich in seiner Existenz bedroht sieht. Zwar kann man niemals eine scharfe Trennungslinie zwischen Glauben und Aberglauben ziehen, denn beide — Glaube und Aberglaube — gehen aus dieselbe Wurzel zurück. Bei beiden handelt es sich um die Beziehung eines Sinnlichen zu einem U ebersinnlichen, doch mit dem Unterschiede, daß der Glaube als Religion Anspruch auf absolute Wahrheit und Gültigkeit erhebt, während auf der anderen Seite — vom Standpunkt des Glaubens aus — gewisse Beziehungsformen für falsch und irrtümlich erklärt und als Aberglauben gebrandmarkt werden. Echter religiöser Glaube muß vom Aberglauben wefensmäßig und grundsätzlich verschieden sein; wäre es nicht der Fall, könnte man jede Religion ja als Aberglauben bezeichnen. Das einzige Kriterium, das eine Scheidung ermöglicht, ist das Moment des Sittlichen. Der religiöse Mensch steht zu seinem Gott in einem ethisch begründeten Verhältnis; der Gott des Glaubens stellt sittliche Forderungen an denjenigen, der ihn in demutvoller Hingabe verehrt, während die Bindung des Menschen an die Mächte des Aberglaubens nur als unsittlich bezeichnet werden können; denn dann erhofft der Mensch für sich irgend welche Vorteile, sei es, daß er sich Heil verschaffen oder daß er Anheil von sich abwehren will; in egoistischer Weise sucht er den dämonischen Mächten seinen eigenen Willen aufzuzwingen und so sein Geschick selbst zu lenken. Auf der einen Seite ist der Aberglauben religiös zu werten, wenn auch in negativer Hinsicht, auf der anderen Seite liegt dem Aberglauben eine Art Wissen zugrunde, und zwar falsches Wissen über die Dinge der Natur, der Welt, des Lebens, — dergestalt, daß die Gegenstände dieses Wissens mit Willen oder Macht begabt werden, die man sich nutzbar machen möchte. Diese Welt des Aberglaubens ist in jedem Volk lebendig; er ist das, was wir mit dem Worte „Volksglaube" bezeichnen können, der im Bewußtsein des Volkes primitive, religiöse, weltanschauliche Momente immer wieder neu schafft und lebendig hält. Die Masse der Menschen auf dem weiten Erdenrund denkt in primitiven Formen. Der Mensch will alles ergründen, aber logische Kausalität ist dem größten Teil aller Menschen ebenso fremd wie den Primitiven. Die Ursache alles Geschehens sucht das Volk in einem Willen, der überall lebendig gedacht wird, den man sich nutzbar zu machen sucht. Und da liegt die psychologische Wurzel für eine Fülle abergläubisch-zauberischer Handlungen. Die Masse der Menschen wie der Primitive denkt stark sinnlich-konkret; sie gibt ihren Vorstellungen sinnfällige Form. Dabei spielt das associative Element eine große Rolle. Der Primitive bezieht Vorgänge auf einander, die ohne inneren Zusammenhang sind, die 'in Raum und Zeit zufällig aneinander geraten sind. Sein eigenes Ich ist dabei natürlich stark beteiligt. Wenn z. B. eine Ehe unglücklich verläuft, dann sind nicht die zänkischen Ehegatten schuld, sondern irgend welche Fehler und Verstöße, die bei der Hochzeitszeremonie unterlaufen sind. Ganz willkürlich sind die Beziehungen, die hergestellt werden, immer von dem Gedanken ausgehend, daß zwischen ähnlichen Dingen geheime, unsichtbare Verbindungen bestehen. Alles, was wachsen und gedeihen soll, muß bei zunehmendem Mond begonnen werden; alles, was verschwinden soll, bei abnehmendem Mond. Auch der Name des Menschen wird mit dem Wesen des Menschen verwechselt (Namenglaube). Vielfach wird ein Teil ohne weiteres für das Ganze genommen. Die Lebenskraft der Menschen wird in irgend einem Körperteil konzentriert gedacht, etwa in den Haaren (Simson). Nach diesen einleitenden Bemerkungen wird es klar geworden sein, daß die Grundanschauungen der abergläubischen Vorstellungen und Handlungen verschiedener Völker in den verschiedenen Zeiten im wesentlichen dieselben sind, weil eben die Veranlagung des Menschen, die geistige Haltung, überall dieselbe ist. Der Aberglaube ist also nicht eine Erscheinung, die einmal irgendwo entstand und sich von da aus über die ganze Menschheit verbreitete, sondern er bricht überall, jederzeit spontan schöpferisch, aus den Tiefen des menschlichen Bewußtseins hervor — der Aberglaube ist ein allgemein menschliches Phänomen. Und trotz aller Aufklärung ist 'im volkstümlichen Denken der Welt der Aberglaube heut genau so lebendig wie zu irgend einer Zeit, wenn auch vielleicht im Verborgenen. Juden und Christen, Gebildete und Ungebildete, Gläubige und Ungläubige sind an ihn gebunden. Daher kommt es wohl auch, daß man kaum wagt, gegen irgend welche abergläubischen Vorstellungen auszutreten aus Furcht, Anstoß zu erregen, als ungläubig verschrien zu werden, denn viele unter uns halten ja den Aberglauben für religiösen Glauben, wissen nicht die kulturhistorische Entwicklung, welche die verschiedenen Arten des Aberglaubens im Lause der Jahrhunderte genommen haben; man glaubt, mit der Bekämpfung des Aberglaubens auch den religiösen Sinn zu verletzen; oft lächelt man über ihn, da er „weiter nicht schade". Aber wir Juden müssen uns doch ganz klar bewußt bleiben, daß die jüdische Lehre jeden Aberglauben verbietet, da er immer die Leugnung einer sittlich-freien göttlichen Weltordnung darstellt und auf die sittlich freie Tätigkeit des Menschen einen schädlich-hemmenden Einfluß ausübt. Daher begegnet uns immer wieder im Pentateuch, bei den Propheten die Mahnung, den Weg der Völker nicht zu wandeln. Denn einen jüdischen Aberglauben gibt es nicht; was sich an Aberglauben unter Juden findet — und es findet sich viel — entstammt fast ausnahmslos der nichtjüdischen Umgebung Manches freilich verbirgt sich unter einer jüdischen Hülle, so daß man es leicht zu etwas Jüdischem stempelt. Nach dem oben Gesagten ist das Reich des Aberglaubens sehr groß und man kann unmöglich auch nur eine kleine Auswahl treffen und sie in ein System bringen. Nur einige Beispiele — soweit sie unsere Zeit und unsere Gegend betreffen — seien herausgegriffen, die erhärten sollen, daß die Juden zu allen Zeiten den Aberglauben ihrer nichtjüdischen Umgebung geteilt haben. Beginnen wir mit den abergläubischen Handlungen zur Abwehr von Unheil, bezw. Schaffung von Heil. Von der Wiege bis zur Bahre ist der Mensch dem unheilvollen Einfluß dämonischer Wesen ausgesetzt. Allem voran steht das Zaubern durch bloßes Ansehen, den „bösen Blick". Für den primitiven Menschen ist der Blick von jeher immer etwas höchst Geheimnisvolles gewesen und die ungezügelte Phantasie hat ihm eine Menge von mystischen Kräften und Eigenschaften zugeschrieben und angedichtet. In tausendfachen Variationen kehrt in der Sage, der Geschichte, dem Roman, dem Gedicht die wunderbare Wirkung wieder, die das Auge und der Blick auszuüben vermag. Und dabei ist es höchst charakteristisch, daß in den meisten Fällen dem Auge eine unheilvolle Macht zugeschrieben wird. Vom Auge geht — nach der allgemeinen Anschauung — ein Zauber aus, der „böse Blick" oder das „böse Auge"; darunter versteht man den Glauben, daß gewisse Menschen, Tiere oder Geister die Kraft besitzen, durch bloßes Ansehen anderer Personen, ganz besonders von Kindern, Schaden zufügen zu können. Deshalb werden auch hier bei uns, vor altem aber im Osten, jüdische Eltern oft unruhig, wenn jemand ihre Kinder ansieht, denn es ist dabei „ein horah" zu befürchten. Man sucht dies dadurch abzuwehren, daß man entweder einige Male ausspuckt oder aber den Daumen der rechten Hand zwischen die beiden nächsten Finger schiebt und den zwischen diese Finger gepreßten Daumen gegen die Person, von der der böse Blick kommen könnte, richtet, natürlich ohne daß sie es merkt („sag"). Der Blick nun, dem diese Zauberkräfte zugeschrieben werden, kann aber auch bewundernd und liebend und mit Worten des Lobes und der Bewunderung verbunden sein; dann haben wir es mit dem Aberglauben des „Berufen" und „Beschreien" zu tun; darunter versteht man das Lob der Schönheit oder Gesundheit einer Person oder die Aeußerung selbstvertrauender Kraft, welche bewußt oder unbewußt die mißgünstigen Geister zum Schaden herbeilockt. Wie viele iiiHHiiiniiniiininimniimiimiiimimuiuitiHiiiiuiiiimHHUiimmiiiiiiuimumuninmiimiiHmnuiimitmtinninmiiiHm Annahme von Bestellungen aus die Jüdisch-liberale Zeitung bei allen Postämtern Deutschlands lllIHtllllllMHIIIItllltllllll niHIIIIIIIII unter uns, bis weit in die höher gebildeten Stände hinauf, haben Angst vor dem Loben ihrer oder ihrer Angehörigen Gesundheit und suchen sich dagegen zu schützen. Man schützt sich, wenn man bei jedem lobenden Wort, welches man hört oder spricht, sofort sagt: „unberufen" oder „unbeschrien". Kaum einer der Glaubensbrüder denkt daran, daß auch diese Zaubermittel wie alle anderen ganz und gar unjüdisch sind.*) Eine Unmenge von abergläubischen Gebräuchen knüpft sich an die Geburt, an die Hochzeit. Auch hier wieder alles Bräuche, die aus der nichtjüdischen Umgebung stammen (cs. Wuttke, A.: „Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart") Sehr .'beliebt ist bei den Juden der Brauch, gerade am Dienstag die Hochzeit zu feiern; man sucht sogar aus der Schöpfungsgeschichte, aus der zweimaligen Verkündung des Wortes beim dritten Tag „und siehe es war gut" eine jüdische Begründung zu geben und denkt nicht daran, daß die Juden der Sitte der deutschen Christen folgten, am Dienstag die Hochzeit stattfinden zu lassen. Und erst in viel späterer Zeit, hinterher, hat man dem Brauch diese jüdische Färbung gegeben, die vollkommen unsinnig ist (cf. Berliner). Ebenso ist der abergläubische Brauch, am Montag oder Mittwoch keine neue Arbeit oder Reise zu beginnen; es wird dies auf einen nachteiligen astrologischen Einfluß des Mondes an diesen Tagen zurückgesührt, wovon nur die kabbalistischen Schriften etwas wissen; auch dieser Brauch stammt aus heidnischer Zeit. Auch die alten Deutschen glaubten, daß am Montag nichts unternommen werden dürfe, was dauernd sein soll, denn es wird wie der Mond nicht wochenalt. Mittwoch ist ein Unglückstag, es ist Wodans Tag und hat Beziehung auf Sturm und Ungewitter; nichts, was von Dauer sein soll, darf an ihm begonnen werden. In diesen Zusammenhang gehört auch der Brauch, Hochzeiten an den Tagen während des Vollmondes zu machen, denn gerade die Beachtung der Mondzeiten ist eine der uralten, durch alle Völker hindurchgehenMn Gestalten des Aberglaubens. — Ueberall bekannt ist auch der nach dem Trauungsakt geübte Brauch, mit dem Fuß ein kleines Glas zu zertreten; allgemein herrscht die Ansicht vor, daß das Zertreten des Glases durch den Bräutigam in diesem freudigen Moment an die Zerstörung Jerusalems erinnert; wir möchten jedoch glauben, daß auch dieser Brauch mit einem gewissen Aberglauben in Verbindung steht. Das Zerbrechen des Glases, ebenso der zerbrochene Topf oder Teller bei der Verlobung soll gleichsam die bösen Geister versöhnen, soll gewissermaßen ein Tribut bezw. Ersatz als „Sündenbock" für ein etwa beschiedenes Unglück sein. Noch heute hört man im Osten, falls etwas zerbrochen wird, worüber der Eigentümer sich grämen könnte, ihm zurufen: „Masel tow, es soll dies eine kapure (Sündenbock) für Dich und Deine Familie sein!" Kein Wunher ist es, daß besonders der Tod bei allen Völkern im besonderen Maße Gegenstand des Aberglaubens ist. Nur auf einige wenige der unzähligen abergläubischen Gebräuche sei hier hingewiesen. Das Seelenlicht, d. h. das zur Erinnerung an den Abgeschiedenen angezündete Licht, spielt während der Trauerwoche, daun während des ganzen Trauerjahres sowie an den alljährlichen Gedenktagen eine große Rolle. An dieses Licht nun sowie an alle anderen Totengebräuche hat sich eine Menge abergläubischer Vorstellungen geknüpft, die aber mitunter in ihrer Naivität poetisch wirken. Es ist Sitte, alle sieben Trauertage hindurch im Sterbegemach ein Licht brennen zu lassen; da aber an all diesen Tagen in diesem Zimmer auch Gottesdienst abgehalten wurde, stellte man auch ein Gefäß mit Wasser auf und legte ein Handtuch daneben, damit das vorgeschriebene Waschen und Abtrocknen der Hände vorgenommen werden konnte. Alltäglich früh und abends Gottesdienst im Sterbezimmer abzuhalten, war immer seltener geworden, aber das Wassergefäß und das Handtuch blieb bestehen, es schrumpfte immer mehr zusammen, bis daraus ein kleines Wasserglas und ein winziger Leiuensetzen wurde. Daran knüpft sich nun die kindliche Vorstellung, daß die Seele des Verstorbenen in der ersten Trauerwoche allnächtlich herabkommt, um im Wasserglas ein Bad zu nehmen und sich dann mit dem Leinenfetzen zu trocknen. — Gerade beim Sterben und Begraben hat sich eine Menge abergläubischer Vorstellungen eingeschlichen, bei denen eine große Aengstlichkeit in der Erfüllung entwickelt wird und bei denen ein jeder sich berufen fühlt, *) Im Rahmen eines Zeitungsartikels kann natürlich hier nur kurz gestrcijt werden, was ausführlich dargclegt werden müßte. Ich verweise den Leser nur aus das zweibändige Werk von S. Selkgmann „Der böse Blick und Verwandtes" (1910), auf die Artikelserie von S. Rappoport „Aus dem religiösen Leben der Ostjuden", im „Juden" Jahrgang 2 ff. und auf die „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", hcrausgegeben 7>on M. Grunwald, die eine Fülle von Material bringen.