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Jüdisch-liberale Zeitung · 1927-07-29 · 30 (29.7.1927) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
7 (1927)
Issue
30 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Mitteilungen der flrbertsgemeLnschast jüdischliberaler "fugendvereine Deutschlands * Monatliche Vellage zur Füdisch-liberalen Zeitung Verantwortlicher Schriftleiter: i. V.: Vfans Löwenberg Verlin-Charlottendurg 1, rfavelstraße 13 Vom Menschsein. Von Joseph Weinsaft, Chemnitz. Idealistische Jugend spricht oft: Geht mir fort mit all euren Sonderbestrebungen — ich will Mensch sein. Zweierlei Charaktere können hinter diesem Ruf verborgen sein: oer mutige Führergeist und der Schwärmer. Betrachten wir den Ruf nach Menschsein darum einmal näher. Was ist der Mensch? — Demut und Stolz können uns zu dieser Frage bewegen. Klein mtd nichtig vor den ewigen Gesehen des Alls, vor den Gewalten entfesselter Natnrelemente, groß und mächtig im Sein und Wirken der Zeiten, so steht der Mensch gleichsam zwischen zwei Polen. Hie Ewigkeit, hie Zeitgeschehen, Hie Gott, hie Welt, und in der Mitte der Mensch. Zn Demut blickt er zum Wesen der Unendlichkeit und kann sich eins mit allen Menschen fühlen, als Teil der großen Einheit Menschheit vor dem einen Gotte. Doch wendet er den Blick zur Erde, dann schwindet das Bewußtsein der Einheit, er sieht nicht eine Menschheit, sondern eine Vielheit von Menschen, deren Sein und Wollen bedingt ist von tausend un-beeinflußbaren Erscheinungen elementarer wie menschlicher Natur. Er sieht die grundverschiedene Auswirkung von Boden und Klima auf die Bewohner der einzelnen Zonen, eine Vielheit vor: Ueberzengungen und Willensrichtungen, von Differenzierungen der körperlichen und seelischen Kräfte, von Machtstreben, Furcht, Recht, Gewalt, kulturell und zivilisatorisch größerem oder geringerem Fortschritt. Er sieht Ge mein scha stell, Völker, Staaten, mit Sonderinteressen und eigenem Ziel- Willen, Kulturen, die einander fremd sind, ein Gewirr non Sprachen dringt an sein Ohr. Recht und Unrecht. Gut und Böse lchren auf, absolute, einheitlich klare Begriffe zu sein, Optimismus beherrscht die eine. Pessimismus die andere Gruppe, Aufstieg hier, Abstieg dort— eilte unendliche Vielheit von Göttern und Menschen. Was bleibt vom Begriff „Mensch cm sich"? Lediglich ein biologisches Gebilde. Nahrung, Schlaf und Zeugung, als Grundbegriffe physischen Lebens, gleicher Körperbau — und jenseits dieser Gemeinsamkeiten, relativ schon innerhalb ihrer selbst, beginnen die Verschiedenheiten. „Der Baum" ist als Gebilde aus Wurzel, Stamm, Acsten, Zweigen, Blättern und den Funktionen seines Wachstums und seiner Nahrungsaufnahme hinreichend erklärt, „der Mensch" mit dem Grundban seines Körpers und den Funktionen des physischen Seins. Alles Gestalten und Wirken in der Welt aber hat seinen Ursprung in den einzelnen menschlichen Wesenheiten. Die Seele des Menschen, also die Summe aller aufbauen den und zerstörenden Kräfte in ihm, wie: Wille und Erkenntnis, Machtstreben und Rechtsbewußtsein, Glaube und Zweifel, Güte und Liebe, Haß und Leidenschaft, Fleiß und Tugend, Trägheit und Laster —ist niemals kollektiv zu erfassen. Eine Menschheitsseele gibt es in der Welt des Immanenten, von der hier zu reden ist, nicht. Wohl bestehen ethische Grenzbegrisse, aber ein absolutes Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt es nicht. Ueberzengungen ringen miteinander, im relativen Urteil ergibt sich ein Besser oder Schlechter, so gelangt man zu Anpassung und Ausgleich, doch so etwas tute absolute Wahrheitserkeuntnis für das Gesmntgetricbe der Welt ist nicht zu erreichen. Was bedeutet also der Ruf nach Menschsein? Er kann Ausdruck des Sehnens nach Vervollkommnung. Erweiterung, er kann Zeugnis furchtsamer Müdigkeit fein. Der Starke wie der Schwache rufen nach Verwirklichung zeitloser ethischer Grnndsorderungen: Friede auf Erden, Gerechtigkeit, Liebe tutd Güte unter den Menschen. Der Schwache schreit hilflos nach Menschentum, er weiß nicht, wo er beginnen soll, er findet nicht den Quell seiner Eigenschaft, er hat ihn verloren oder nie gesucht. Leer, wnrzcl- und waffenlos, ein Schwärmer, glaubt er, für etwas zu kämpfen, doch muß das Ziel weit, unerreichbar weit liegen, denn klar gesehene, erreichbare Ziele erfordern ganz bestintmte in der Begrenzung wachsende Mräfte. Die aber hat der Schwärmer nicht, er kämpft romantisch, mit Himmel und Wolken nicht mit den erdgebundenen Mächten. Ersucht weder einen Ausgangspunkt noch einen klaren Weg. Das Ringen derBekenntnisse, Politik, Katnpf um Brot, um neue Gesellschaftsformen, um den Frieden der Völker — das alles sind Nichtigkeiten, Kinderkrankheiten. Werde „Kosmopolit, Weltbürger", und alles löst sich dir! Der Starke erkennt seinen Weg zum Ziele in der Begrenzung. Er sucht und findet den Herd seiner Kraft, und er fühlt, was gerade ihn reif macht zum Eintreten für Menschheitsideen. Er weiß, daß er nicht waffenlos, auch nicht mit hohlen Waffen, in den edlen Streit um eine bessere Welt treten darf. Darum wird er vor allen Dingen sein eingeborenes, ererbtes Geistes- und Seelengut felsenfest irr sich verankern. Er wird zuerst sein organisches Selbst pflegen. Denn ihm ist es klar geworden: Niemand vermag eine Sprosse der natürlichen Stufenleiter zu überspringen: Einzelmensch, Interessengemeinschaft (seelisch, geistig, wirtschaftlich, Volk (ethnographisch, politisch, kulturell), Bund der Völker. Mare, als erreichbar erkannte Ziele ausstellen, den Blick zunächst nicht in unkontrollierbare ferne Jahrhunderte oder gar ans das „Einst am Ende der Tage . . ." richten, sondern auf das, was ist, und was nach menschlichem Ermessen in diesem innerhalb der Ewigkeit kurzen Augenblick eines Menschenlebens, der aber für das Schaffen und Wirken des Einzelnen alles bedeutet, zur Höherentwicklung daraus ausgebant werden muß, — das heißt ethischer Idealismus der Tat, im Gegensatz zum romantischen „Idealismus" der Phrase. Das Judentum ruft jede Generation zu diesem Das M-Programm Das Heim des RcichsaussÄnffes der jüdischen Iugendoerbände in Seesen nimmt noch Mitglieder der Verbände auf. sTagessatz 1,80 M.) Jli-Mitgliicder wenden sich an Hans Löwenberg. Cbarlottcnburg, Hcwelstr. 13. Ali. Breslau. Der Beitrag für das dritte Quartal in Höhe von 2 M. ist seit 1. Juli fällig. Wir bitten um pünktliche Einzahlung auf Postscheckkonto Breslau Nr. 17 443 Alfred Berger. Spenden sind sehr erwünscht. Jli Frankfurt a. M. 1. Borsitzender: Dr. Hugo Hoffmanu. Nicdcnau 87 H (Nähere Auskunft daselbst). Telephon: Mainaau 1878. Heimabende im Sitzungszimmer der Synagoge an der Königsteiner Straße: Dienstag, den 2.. 16.. 30. August 1927, jeweils 20.30 Uhr, Arbeitsgemeinschaft „I ü d i s ch e Geschichte" (Leitung Rabbiner Dr. Gottschalk): Montag, den 8. August, Niedcnau 37 H, 21 Uhr 14tägig. Arbeitsgemeinschaft „Judentum und Ehristeutum" sLeitung Frau Dr. Edingers: Montag, den 13. August, Bockenheimcr Anlage 49,20,30 Uhr. Iltägig. Ittgendgruppe. Samstag, den 6. August. 17 Uhr, bei Lotte Eichelgrün. Platz der Republik 58 sNähere Auskunft über Samstagveranstaltnngen. Ausflüge, Sport nfrv. bei Grete Adler, Bcttinastraßc 62). Religiöse Feier st u n d c n. Freitag, den 2. September. 20 Uhr. findet unsere erste religiöse Feierstunde statt. Nähere Mitteilung erfolgt noch. Jli Beck in. 1. Vorsitzender Hans Rosenberger, Berlin-Steglitz, oriedrichöruher Straße 50. Gruppe Westen: Führer Hans Rosenberger. Donnerstag. den 4. August. „Bunter Abend". — Donnerstag, den 11. August. „Apostelgeschichte". ~ Mittwoch, den 17. Augnst, „Anfänge der Religionsphilosophie". -- Mittwoch, den 24. August. „Tagcsfragen". — Donnerstag, den 1. September. Thema nach Verabredung. Jedesmal 8 Uhr. Die Mitglieder der Gruppen, die zur Zeit keine Heimabende festgesetzt haben, sind aus unseren Heimabenden willkommen. Anfragen an Hans Rosenberger. Gruppe N e n-Eh a r l o t t e n b nr g. Freitag, den 12. August Uhr, bei Eva Block, Eanerstr. 1. Heimabend. — Sonntag, den 21. August. Grnppenansslug. — Sonnabend, den 27. August, 'A7—8 Uhr. bei Alice Löwenberg, Havelstr. 13, Heimabend. nüchternen, phrasenlos,en ethischen Idealismus. Es sagt einem joden Geschlecht, daß es nicht aus der Welt sei, um zu schwärmen, auch nicht, um in mystischem Glauben einen Ersetz für die Tat zu sehen und die Sorge um das Heil der Menschen einem Gott oder Heiland ans die Schulter ,;u legen. Es hat seine Menschen mit beiden Füßen auf die Erde gestellt: erkennet und bauet. Der Jüdische Mensch", dies sei eine der Erklärungen, ist der die Aufgaben der Zeit mit seinen Augen Sehende, au ihnen in seinem ibesonderen) Simm Schassende lind damit in die Zukunft Wirkende. So handeln wir als In>den menschlich und als Menschen jüdisch. Solcher Probleme, vor die die Zeit uns unmittelbar gestellt hat und die darum z'.l 'jüdischen Aufgaben wurden, sind besonders zwei: Sozialismus und Pazifismus. Wenngleich sie den Rahmen der Jnöenheit spreugeil und allgemein menschliche Fragen sind, er- £ ernten wir iit ihnen unschwer jüdische Gedanken. Doch uian gebt fehl, wenn man glaubt, daß es nunmehr gerade die Judenheit fei. die sich ihnen besonders widme, sie propagiere und fördere. Es fiuö immer nur Einzelne, die ungehemmt, sei es als Führer, sei es als bescheidene Mitkämpfer, all diese Aufgaben herangchcn. Sie aber werden häufig nur ungern zur Gelneillschaft gezahlt. Marl liebt cs nicht, dieses Eintreten für eine Sache als Jude, zumal wenn es sich um heißumstrittene Tinge handelt, die den dafür Wirkenden zum Außenseiter machen. Er mag sich in dieser Rollo „Mensch" nennen oder mag es in seiner Eigenschaft als Deutscher, als Amerikaner, als Sozialist oder Pazifist tun, aber im Zusammenhang mit der sozialistischen und pazifistischen Tat nicht den Juden betonen. Marl glaubt damit als Gemeinschaft freier zu sein, legt aber in Wahrheit seinem besseren Selbst Hemmungen auf. Nicht, daß man weniger sozial dächte, nicht, daß man den Frieden der Völker verlachte, — nein, Sozialismus, Pazifismus sind von großem menschlichem Werte, nur soll mau sie nicht jüdisch nennen, das könnte ihrem Ruf schaden. Dem Ruf unserer Gemeinschaft gegenüber der politischen Anschauung der Massen"? vknn, wer so denkt, ist in Wahrheit ein llioderuer Ghcttojudc, denn er will für sich nach außen keilte Freiheit der Gesinnung. Die Richtllttg der Mehrheit, die gewöhnlich die bequemere ist, macht er auch jeweils zur seinen. Und daß es dem Rufe dieser Bewegungen schaden könnte, wenn man der Welt klar macht, daß Judentum ein Schrittmesser des Weltforischritts sei, ist wohl bestreitbar. Es ist wie mit der Judenfeindschaft im allgemeinen: Wollte man auf sie Rücksicht nehmen, so bliebe nur übrig, wie ein Witzbold sagte, daß wir alle an einem Tage uns erhängten, vorher aber sämtliche damit verbundenen Kosten hinterlegten. Eine dritte, allerdings im Rahmen der Judenheit bleibende Bewegung, die auch über Theorien hinaus zur Tat geführt hat, der Zionismus, sei in diesem Zusammenhang nur erwähnt. Wir müssen als Juden den Blick auf die Menschheit richten. Doch klar sehen kann nur, wer vom Wachtturm seines höheren Jchs, seiner Gemeinschaft, Ausschau hält. „Wächter, wie weit ist's in der Nacht?" Vieles an religiösem und kulturellem Gut kann das Judentum den Menschen noch geben. Darum gilt es, Geist und Herz mit seinen Schätzen zu erfüllen, sich so zum Menschsein zu erziehen und damit den Wert der Gemeinschaft zu steigern. Dann mögen die Besten, bewußt als Juden, sich den Gesamtcmfgäben zuwenden, die ihrer harren. Sie werden sich nicht in romantischer Verblendung darauf stürzen, wahllos alles hinnehmen imglauben, sondern werden nach dem Matzstabe indischer Ethik sondieren nnd klären, werden immer wieder den Kontakt mit dem suchen, was ja Ausgangspunkt ihrer Entscheidung war: mit der jüdischen Gedankenwelt. Das Judentum ist unser Menschentum. Darum müssen wir es kennen und lieben. Wir müssen seinen Geist in uns verankern itnd dann die Bewegungen und Organisationen, die dem ethischen Fortschritt dienen, damit befruchten, sei es als Führer, sei es als bescheidenster Mitarbeiter in irgendeiner Organisation oder Gruppe, sei es in kleinstem Kreise. Auch die unscheinbarste Tat ist hier zu werten, die kleinste soziale Arbeit, Hinwendung zu reinerem Menschentum durch Abkehr von gewissen üblen Lebensformen, Berbreitrtng pazifistischer Schriften nsw. Jedenfalls Tat, nicht fruchtlose Grübelei. Seid jüdische Menschen, indem ihr das Ererbte liebend zu erwerben trachtet, um es innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft Früchte tragen zu lassen. Erkennet und bauet! Zu dem Aufsatz: „Ende der Jugendbewegung? Bon Walter Simon, Brannschweig. Irr Haus Löwenbergs Aufsatz sieht es „untröstlich allerwärts" ans. Es gibt aber, Gott sei Dank, Gesichtspunkte, von denen aus betrachtet das Phänomen der Jugendbewegung in etwas anderem, hellerem Lichte erscheint. Hans Löwenberg unterscheidet ganz richtig zwischen zwei Epochen der Bewegung, der Vorkriegszeit und der Nachkriegszeit. WaL er dagegen über Jugendbewegung in engerem oder weiterem Sinne sagt, erscheint mir zum mindesten ziemlich falsch gesehen, woraus sich die so betrüblichen Resultate seiner Folgerungen erklären. Er macht nämlich den Fehler, jette Gruppe der Jugendbewegung^ die er: Jugendbewegung in engerem Sinne nennt, z. B. den Wandervogel, als die Jugendbewegung anzuschen. Jedenfalls deutet die Ueberschrist, die ausdrücklich von der gesamten Jugendbewegung spricht, darauf hin. In Wirklichkeit kommt er aber nttr zn dem Ergebnis, daß eine kleine, ehemals wichtige Gruppe, heilte scheinbar im Untergang begriffen ist. Das in dieser Behauptung etwas Richtiges liegt, ist unbestritten. Hans Löwenbcrg vergißt aber vollkommen, daß heute, — und schon einige Jahre lang — die Jugendbewegung gänzlich ihren Schwerpunkt geändert hat und daß jene kleine Gruppe, von der er auf die Gesamtbewegung schließt, eigentlich kaum noch eine Rolle spielt. Daß dem so ist,' sehen wir am besten aus der Entwicklung der Bewegung,' und ich halte ihre Darlegung in Hauptpunkten als beste und gründlichste Erwiederung erttf Hans Löwenbergs Aussatz. Um die Wende des Jahrhunderts entstand ein Kreis junger Menschen, die die allgemeinen Gefahren jener Zeit des Ue'berschwaugs — des wilhelminischen Zeitalters — mit ihrer Hohlheit und Hochmütigkeit erkannten und begannen, den Kamps gegen sie cmfzunehmen. Sie sahen, daß es nicht ein Gebiet, eine Sphäre tvar, iit der sie sich gegen das Schlechte zur Wehr setzen mußten, sondern Haß es die Lcbensmrfsasfnng jener Zeit war, dem sie dadurch entgegenwirkteu, daß sie bewußt ein anderes, neues Leben mit anderem Sinne führten. In diesem Sinne wollten sie „Alles oder Nichts". Sie fanden eine damals neue Art des Lebens, die Einfachheit cm die Spitze stellte, Einfachheit nnd Ehrlichkeit. Das waren aber in jener Zeit des Ueberschwangs und der Selbstüberhebung durchaus Prinzipien, lieber Hans Löwenberg, die keine Selbstverständlichkeit bedeuteten. Diese Grundsätze wollten jene jungen Menschen also, die vornehmlich in zwei Bünden vereint waren, im Wandervogel und im Bund Deutscher Wanderer mit ihren verschiedenen Untergruppen, — durch ihr ganzes Leben verwirklichen. Sie mußten sich also hüten, durch das Hineinbringen irgendwelcher anderer Tendenzen, religiöser oder politischer Art, außer der ihr eigenen, die Stoßkraft ihrer Bewegung zu schwächen. In diesem Sinne mar Programmlosigkeit ihr größtes Gut. Diese Programwlosigkeit bildete das Kriterium zwischen ihnen und einer anderen Formation, die sich der Jugend annähm> der Jugendpflege. Wir können diese kurz etwa so definieren: Eine Organisation, die sich einer gewissen Idee — sei sie politisch, religiös, lebensresormertsch nsw. — wegen gebildet hat, braucht Nachwuchs und findet ihn, oder glaubt ihn zu finden, getreu dem Sprichwort: „Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft in der Jugend. Zwar ist es durchaus möglich, daß sie der Meinung ist, diese Idee diene zum Besten der Jugend — dennoch handelt sie primär nicht mn der Jugend willen, sondern um der Idee willen. Die Jugendbewegung aber, die nur eine Tendenz hat, die Tendenz einer Lebensreform im Sinne der Jugend, ist u m d e r I u g e nd willenaktiv, nicht einer Tendenz zuliebe. Daraus erklärt sich auch die scheinbare Passivität der Bewegung in ihrer ersten Epoche. Nach außen hin hat sie nicht viel Erfolge errungen, war ja auch ihrer ganzen Einstellung wegen gar nicht fähig dazu, alle ihre Großtaten find in ihrem Innern, der gewöhnlichen Außenwelt unzugänglich, erstanden. Wir müssen vor allem der Entwicklung ihres Kerngedankens Beachtung schenken', der Forderung nach eignem, jugendlichem Leben. Gustav Wyneken hat —< was man über ihn in anderen Dingen auch sagen mag — das unbestrittene Verdienst, diese Idee als erster in fester Form proklamiert zu haben-. Näher auf sie einzugehen, verbietet «die Zeit — wer sich dafür interessiert, lese die betreffenden 'Kapitel in

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