Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 7 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613895-2613925--2353-2619816- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erinnerung haftende Illustration des im Unterricht Dargebotenen bedeutet. Dem Besuch von Synagogen mit kennzeichnendem Ritus — wir haben Gottesdiensten aller religiösen Richtungen beigewohnt — werden sich Besichtigungen von Altersversorgungs-, Blinden- und Taubstummenanstalten anschließen, die ja nicht am Sabbat stattzusinden brauchen. Hier wird -den Schülern eine Ahnung von der Vielseitigkeit, Tiefe und Opferbereitschaft der jüdischen Nächstenliebe aufgehen und — hoffentlich — in ihnen den Wunsch wecken, nach Erlangung wirtschaftlicher Selbständigkeit gleichfalls ihre Kräfte in den Dienst sozialer Hilfstätigkeit $it stellen. Seitdem das Chanukayfest in den letzten dreißig Jahren eine ungeahnte Vertiefung erfahren und sich vom bloßen religiösen Erinuerungstage zum Gemeindefesttage gewandelt hat, der die gesamte Jugend zu fröhlicher Feier vereint, sucht der jüdische Reliaionslehrer seine Zöglinge zu befähigen, selber die erforderlichen Segenssprüche beim Entzünden der ChanutahlichLer zu rezitieren, um in ihrem Familienkreise wieder die altehrwürdige Sitte des achttägigen Lichteranzündens am Chanukahfeste zu beleben. Ebenso liegt ihm die Weihe des entziehenden Sabbats durch den Kiddnsch am Herzen: die Einübung dieses schönen Gebetes bereitet keinerlei Schwierigkeiten. Keine Seltenheit ist demgemäß die Wiedereinführung, einer derartigen Sabbatbegrüßung durch öcu Sohn in' Familien, welche sich aus salschoerstandenem Liberalismus von der Ansübnng religiöser Bräuche losgelöst batten. Die Gewinnung der Ingendurch einen, gediegenen Religionsunterricht, der ihr die erhabene Schönheit unseres Glaubens vor Angen führt, ist der eindringliche Mahnruf, der nicht nur an die Lehrer, sondern an alle Freunde unserer guten, heiligen Sache ergeht. Wenn religiöse Anschauung im Tempel und namentlich im Elternhanse diesen Unterricht wirksam unterstützt, kann er nichts anderes als gute Früchte zeitigen. Mehr soziale Betätigung. Bon Alfred Be h r e n ö . Ha mb arg. „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst" heißt es im Lev. 19. 18 und in Vers 34 des gleichen Kapitels wird ausdrücklich betont, daß unter „dem Nächsten" auch der Nichtjude gemeint ist. Diese Pflicht der Nächstenliebe zu erfüllen, ist nicht lediglich Arbeit und Zeitversäumuis. denn die Betätigung der Nächstenliebe trägt schon in sich selbst den schönsten Lohn, nämlich öa* Bewußtsein, mit Rat und Tat eingetreten zu sein für diejenigen, denen ein widriges Geschick nur ein Leben im Schatten gewährt. Diesen vom Schicksal gebeugten Menschen, diesen ustht immer durch eigene Schuld Gesunkenen ein rvenig «sonne, ein wenig Freude und das Vertrauen zur Menschheit zu bringen, ist eine Aufgabe, der sich niemand verschließen sollte, dem daran gelegen ist. das Leben und seine Zusammenhänge kennen zu lernen. Und namentlich sollte sich derjenige sozial betätigen, dKMjes wirtschaftlich gut geht, er sollte auch einmal hinabsteigen in die Niederungen der Menschheit, in die Stätten der Sorge und des Elends, und er wird sich doppelt glücklich fühhen. wenn er dann von seinem Ueberflnß zur Minderung von Not und Krankheit, von Schmerz und Herzeleid beitragen dürfte. Wir Juden haben für alle sozialen Arbeiten stets Interesse und Verständnis gehabt, und wir betätigen uns daher auch vielfach im Dienste der Wohlfahrt unserer Gemeinden. Es finden sich immer Männer und Frauen, denen es ein Bedürfnis ist mitzuarbciteu an diesen sozialen Problemen, die in der Wohlfahrt, der Wochenhilse. Kinderhilfe. Ferienaufenthalt usw. mit Pust und Liebe tätig sind, und die in dieser Arbeit ganz Vorzügliches leisten. Aber wohlverstanden — nur in ihrer engeren jüdischen Gemeinschaft. Gewiß, auch hier gibt es in dieser Beziehung außerordentlich viel Arbeit, auch hier gebraucht man erfahrene und taktvolle Männer und Frauen zur Mitarbeit, denn ohne die ehrenamtliche Unterstützung könnte keine soziale Fürsorge geleistet werden. Aber in noch weit größerein Maße als es bisher geschieht, sollten wir uns beteiligen, an der staatlichen Fürsorge ans allen Gebieten, denn auch dort ist man angewiesen ans die ehrenamtliche Mitarbeit sozialdenkender Menschen, die ein empfindsames Herz und eine feinfühlige Seele haben, um sich einzufügen in all die Fragen großstädtischen Elends und gescheiterter Existenzen. kührt ihn zur Höhe der Gefühle, und er findet die Welt daseinswert. In „Franzi" wogt der Kampf zwischen Körper und Seele, zwischen Gut und Böse. Bielleicht gibt es im Leben gar nicht jene Gruben, wenn man reinen Herzens ist. Auch die „zweite" Liebe hat ihre Grate, ihre Sterne. Es kommt nur darauf an. mit welchem Herzen man jeden Menschen erlebt. Beide Romane sind Beichte, sind im Tone des Bekenntnisses, der Rechtfertigung geschrieben. Brods Stimme fließt ruhig und sanft, auch im wildesten Augenblick läßt er sich nicht die Zügel seiner Erzählung entreißen, sondern treibt die Geschehnisse willensstark seinem Ziele zu. Es ist viel Sonne und Wärme. Schönheit und heimliches Geflüster um diese beiden Bücher. Jvrindc, die Göttin, und Franzi, zwei Franengestalten, die man lieben muß. In „S ch l v ß N 0 r n e p h y g g e" überwiegen die geistige Tendenz und die spielerischen Improvisationen des Künstlers. Ein ephebischer Kampf um die Freiheit: Viva 1a Liberta! Eine Jugend offenbart sich in ihrer Ratlosigkeit, ihrem Zwiespalt, ihrem Jndifferentismus,- ihrer Begeisterung und Sehnsucht. Held des Romans ist Wälder Nornephygge. Ein ruheloser Geist, immer auf der Suche nach der wahren inneren Freiheit, alle Kanäle des Lebens dnrchschtwimmt er. ist Don Inan. Aristokrat, Revolutionär und Philosoph. Die Lieblichkeit eines Landmüdchens entreißt ihn der Haltlosigkeit, gibt seinem Leben neue Richtung und neue Werte. Bald kommt aufs Neue die Abenteuerlust über ihn. er entflieht der Bürgerlichkeit, taumelt zwischen Extremen, groß an Sehnsucht und gering an Willenskraft. In diese Wirrnis dringt der Ruf eines Mönches, seines einstigen Freunds, zu ihm: „Tue Buße in der Einsamkeit und dir wird verziehen werden. .... Aber verzage nicht, dir ist Gnade beschieden...." Diese Verkündigung rettet ihn nicht mehr aus dem Untergang. Seine letzte Erkenntnis, schon der Ekstase nahe, ist, daß er sich eins dem Weltall fühlt, die Totalität des Universums in sich spürt. Dann tötet er sich. Seine letzten Worte sind: „Lüge . . . Mißverständnis..." Das Schöne an diesem Buche ist das Spielerische. Farbenprächtige. die Maskerade, das Tänzerische, die glutvolle Phantasie, sind die lädierten Gestalten. In dem kleinen Gespräch „Erlöserin" führt der Weg ans spielerischer Erotik zu ethischer Erkenntnis. Di>: Hetäre wird moralisch rehabilitt«t,. Sie opfert sich aus heiliger Schamlosigkeit, es ist das größte, schönste Opfer, das cur Mensch dem Neben- »enschen bringen Farm. Brods letztes Werk: „Reudens bedeutet einen neuen. Die großen Wohlsahrtsinstitute unserer Städte bedürfen dringend unserer Mitarbeit, und wir sollten das Bestreben haben, gerade hier zu zeigen, wie gut wir es verstehen, in sozialen Fragen zu raten und zu taten. Die Wohlfahrtsämter gebrauchen tatkräftige Männer und Frauen aus allen Kreisen zur Bewältigung ihrer Niesenausgabe, die Jugendämter suchen nach Aufsichtspersonen für ihre Schutzbefohlenen. die Kinderfürsorge benötigt der Mitwirkung erfahrener Mütter, die Kleinrentnerhilfe kann die ehrenamtliche Betätigung feinfühliger Menschen nicht entbehren und auch die Ferienheime und Jerieuausflüge sind auf tätige Hilfe der dazu Geeigneten angewiesen. Aber wir haben nicht nur die Pflicht als deutsche Staatsbürger unsere Kräfte solchen sozialen Unternehmungen zur Berfügung zu stellen, wir haben auch die Pflicht als Juden unseren Mitmenschen zu helfen, sie zu beraten und zu stützen, und damit dem Gebote der Nächstenliebe zu folgen. Aber darüber hinaus wirken wir bei solcher sozialen Betätigung auch für unser Judentum. indem wir mit Kreisen in Berührung kommen, die uns sonst vielleicht gar nicht kennen, die sich ein falsches Bild von uns machten. Gerade hier in der Beratung über soziale Fragen, m der Unterhaltung über Fürsorge und Abwehr der Nöte, in der Unterbringung kranker Kinder und der Betreuung altersschwacher Mitmenschen, zeigt sich der hohe sittliche Stand unserer Einstellung zu allen diesen Problemen, und unsere Zusammenarbeit mit unseren christlichen Mitbürgern stärkt auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit und schaltet jede Voreingenommenheit gegen uns aus. Ueberall wo wir Juden, in sozialer Arbeit mit unseren übrigen Volksgenoffen Schulter an Schulter stehen, wird Antisemitismus nicht aufkvmnrcn, weil man uns kennen und schätzen lernt, und weil gerade die christlichen Kreise, welche sich auf sozialem Gebiete betätigen, auch für jüdische Pfleglinge eintreten müssen, denn die soziale Fürsovge kennt keine religiösen Unterschiede, sondern kennt nur ihrer Unterstützung Bedürftige. Wenn ich daher aus eigener Erfahrung heraus dem Wunsch Ausdruck gebe: „Mehr soziale Betätigung", so geschieht es. um alle diejenigen Männer und Frauen im Judentum aufzurüttelu. die in der Lage sind, sich in der allgemeinen sozialen Fürsorge zu betätigen. Die damit aufgewendete Zeit und Mühe wird tausendfältig Früchte tragen, nicht nur bei den ihnen auvertrauten Pflegebefohlenen, sondern noch weit mehr bei ihnen selbst und bei ihren Glaubensgenossen, indem sie zu ihrem Teile beitragen an einer praktischen Bekämpfung des Antisemitismus durch Aufklärung, durch Wort und Tat. Joseph Sieblicki, der schlesische »Ger Zedek". Bon Dr. B. Schrdlof. Die alttestamentliche, die talmndische und die spätere rabbinische Literatur unterscheidet bei den Prvselyten besonders zwei Arten: den Ger Toschab und den Ger Zedek. Während der Ger Toschab sich bloß zur Befolgung der sogenannten Noachidischen Gebote zu verpflichten hatte, wenn er sich als zu den Israeliten gehörend mitzählen wollte, war der Ger Zedek ein vollständig, mit allen religiösen und sozialen Pflichten zum Judentum übergetretcner Proselyt. Als noachidische Gebote — so genannt, weil sich ihnen bereits Noah und seine Söhne unterworfen haben sollen — gelten: Vermeidung von Götzendienst, von Gotteslästerung, Mord, von Blutschande, Raub,- ferner die Anerkennung der Rechtspflege und ihrer Gesetze, sowie Enthaltung vom Genuß vom Fleisch noch lebender Tiere. Das alles, was man vom Ger Toschab verlangte, ein Name, der durch Beisasse, Mitbewohner übertragen wird. Ter Ger Toschab, der sich also den noachidischen Geboten unterwarf, galt in jeder Beziehung als mit dem einheimischen Israeliten für gleichberechtigt. Bloß von dem Passahmahle war er ausgeschlossen, denn nach der Vorschrift durften nur Bvllisraeliten, also Beschnittene, daran teilnehmen. Der Ger Zedek. der sich beschneiden ließ, galt also schon in biblischen Zeiten und auch später immer, als Volljude. Da die Ausnahme in das Judentum durch die härtesten Gesetze außerordentlich erschwert worden war, fand diese nur sehr selten statt und es bedurfte einer außerordentlichen starken Ueberzengnng um jemand zu veranlassen, sich dem geschmähten und verfolgten Judentum anzuschließen. In der Tat finden die Uebcrtritte auch nur aus solchem edlen Motive statt: irgendwelche cigennützig-maierialistischc Bcweggründe kamen nicht in Betracht Ans reiner Begeisterung für die jüdische Lehre hat auch der schlesische Rektor und Stadtkämmerer von Nikolai in Schlesien, Joseph Steblicki seinen Uebcrtritt zmn Judentum vollzogen. Es erregte nicht geringes Aufsehen, als im Oktober 1783 die schlesische Oberamtsregierung in Brieg dem Justizkomzukunftssrohen Ausstieg. Mag auch dieser Reuaissanceroman zu Beginn des 10. Jahrhunderts sich ereignen, das Thema ist akut, es handelt sich um nichts geringeres als um die Zukunft des Judentums. Renbeur will die Befreiung und Einigung des jüdischen Volkes. Ein Plan, der nach Jahrhunderten sich in neuer Gestalt erhob. Die Distanz zwischen Jndentum und Ehristentnm findet hier nach Brodscher Wahrheit Formung, Ri'nbeni ist eine ganz diesseitige, heidnische Natur, voll michelangeloscher Plastik, heroischem Willen, ein Typus wie er unter Sen Juden, zart und allzumcuschlich, selten zu finden ist. Es ist ein weiter Weg. den er von seinem Prager Ghetto bis zum spanischen Jnquisitionstribnnal zurücklegt, ein Weg der Liebe und der Sünde, der Sehnsucht und der Verfolgung. Trotz seines scharfen Verstandes bleibt er im ewigen Kampf mit dem Gebot, seit er es zum ersten Male gelesen: „Du sollst lieben den Ewigen . .. ailch mit dem bösen Trieb ...". Sündigen um zum guten Ziel zu gelangen'? Er bejaht diese Frage, weil er schon als Knabe erfahren hat. daß die Sünde gute Früchte zeugt. Und er wandert aus dem Prager Ghetto im ahnungsvollen Drang, von Freiheitssucht getrieben, eilt südwärts ... bis er als Bruder des Königs von Ehabor. Ambassadeur des jüdischen Reiches, in Rom einzieht, nm den Papst zu veranlaffen, mit dem jüdischen König ein Waffenbündnis zu schließen, zum Kampf gegen die Türken. Er wendet sich auch an den portugiesischen Hvs. „Acht portugiesische Schiffe mit jüdischen Kriegern erscheinen jm Roten Meer . . Sein Ziel ist Bewaffnung der Inden, Ertüchtigung, gesunde Körper, lebensfrohe Menschen. Ueberwindun-g der Unterdrückung, der Ghettoschmach. Bant sich auch auf Lüge seine Sendung auf, seine Absicht ist edel und gut. Er ahnt, daß das Judentum nur dann Achtung und Anerkennung unter den Völkern findet, wenn cs ein Volk ist, stark und mächtig. Es finden sich Jünger nm ihn. die ihn über sich erheben, zur Messiasgestalt, die er gerade verwirft. In ihm regiert kalter Verstand, in seinen Schülern -glüht die Flamme der Lieche, der Begeisterung für die kühne Idee, Vorbote der Auferstehung. Es ist ein Kampf der weltlichen Kräfte. Reubeni muß unterliegen, seine Machtmittel sind zu gering, denn auch das gespaltene Judentum steht ihm indifferent gegenüber. Die Zeit ist noch nicht reis für sein Werk, so muß er tragisch enden, legendär hinübergleiten. Ein Vorbote, ein Wegbereiter.... Rönbcni . . . Max Brod . . . Vorbote, Wegbereiter. Gr hat den Zenith noch nicht erklommen, seine kommenden Werke dürfen wir verheißungsvoll begrüßen. miffariat in Pleß den Auftrag erteilte, über die Umstände, die den Stadtkämmerer von Nikolai, Joseph Steblicki, veranlaßt haben konnten, vom katholischen Glauben zum jüdischen überzutreten, eingehende Nachforschungen zu pflegen. Der Fall lag juristisch ziemlich schwierig. Zwar war Schlesien jetzt preußisch, und Friedrich II. hatte doch erklärt, in seinen Landen könne ein jeder nach seiner Fasson selig werden — aber die österreichische, Josephintsche Hals- und Gerichtsordnung war noch in Geltung, und diese bedrohte nach wie vor den Uebertritt zum Judentum mit Leibes¬ und Lehensstrafe. Nicht nur den Prvselyten, sondern auch Me, die bei dem Uebertritt Beihilfe geleistet hätten. Die Regierung wies den Untersuchungsrichter an. die Angelegenhett vorerst nur genau zu prüfen, Zeugen zn vernehmen und dann eingehend Bericht zu erstatten. Als Zeugen wurden vernommen: Marianne Steblicki. geborene Steter, die Ehefrau, und Joseph, sein Sohn; ferner Abraham Samson, der Besitzer des Hauses in Nikolai, in dem sich die Synagoge besano. Ueber den Charakter und den Leunrund Steblicki hatte das Magistratskollegium von Nikolai ausjJlVJ V4j3 V*l* Steblickis Frau berichtete, wie ihr Manu sich schon seit vielen Jahren mit dem eifrigen Studium der Heiligen Schrift abgegeben habe. Nach und nach fing er an unregelmäßig zur Kirche zu gehen. Ab und zu ging er noch beichten und zur Kommunion, aber er verkehrte immer mehr mit Juden, schloß sich ihnen an, nahm an ihren Zeremonien teil und begann Dinge zn tun, die ihr unbegreiflich erschienen. Er aß nicht mehr die Speisen, die sie ihm Mvereitete, nur Kaffee und Milch, er betete mit verhülltem Kopf und mit Gebetriemen. Dann sei er plötzlich ans einige Tage verreist, er habe jedoch nicht gesagt wohin. Nach seiner Rückkehr habe er sich zurückgezogen, sei dann einige Tage krank gewesen — angeblich hätten ihn Kopf und Rücken geschmerzt. Etwa eine Woche nachher sei er aufgestanden und habe, in einen weißen Kittel gehüllt, in der Synagoge an dem Michaelfeste (Bersöhnnngötag) teilgenommen, wo ihn einige Bürger gesehen hätten. Jm übrigen sei ihr Mann in den ganzen dreißig Jahren ihrer Ehe immer ein guter, braver Hausvater gewesen, der für seine Familie ge- IV VH* HHVV» , . * m „Ich glaube/ schloß Frau Steblicki ihre Aussage, „daß mein Mann zum Abfall vom katholischen Glauben nur durch fleißiges BtbelLesen und seinen grüblerischen Charakter, den er stets besessen hat, gekommen ist. Aber mein Mann und ich sind schon alt, und scheiden laßen möchte ich mich nicht von ihm. Die Zeit der jugendlichen Liebe und des Hochzeit, lichen Glücks ist für mich vorbei -7 was mir bleibt, das \\t auszuharren bei meinem Manne, ihn zu pflegen, damit ich am jüngsten Tage nicht den Vorwurf erfahren muß, ich hätte meinem Manne gegenüber meine Frauenpflichten verletzt. Mehr auszusagen weiß ich nicht, denn mein Mann war immer verschwiegen und hat mir nie etwas Näheres über seine Angelegenheiten mitgeteilt/ Die Aussagen des Sohnes deckten sich mit denen der Mutter. Auch er schrieb das ihm sonderbar erscheinende Gebühren des Vaters dessen grüblerischer Natur und dem ständigen Studieren der Bibel zu. Jm übrigen fei er als Vater ebenso wie als Gatte immer gut gewesen, und das Gericht möge mit Gnade und Nachsicht die Angelegenheit beurteilen. Abraham Sauüon vermochte nachzuweisen, daß dem Bor- Haben Steblickis von seiten der Jndenschaft keinerlei Vorschub geleistet worden sei. Daß er sich öfter in der Synagoge eingefunden habe, konnte man ihm nicht verwehren, auch nicht, daß er in der letzten Zeit bei der Witwe Salomon essen gegangen sei. Als er am letzten Versöhnungstage mit dem Kittel in die Synagoge gekommen und erklärt habe, er., hätte sich selbst beschnitten, und er sei nun ein vollkommener- Jude, habe man ihm die Teilnahme an dem Gottesdienst nicht versagen können. Die böswillige Behauptung, daß jemand, der Jude werden wolle, Christus lästern müsse, ist eine Lüge und Verleumdung wie Steblicki, der ein durchaus ehrlicher und rechtschaffener Mann sei, selbst bezeugen könne. Dieser Ansicht über Steblicki war auch das Magistratskollegium von Nikolai, die ihrem Rektor und Stadtkämmerer das ehrendste Zeugnis ausstcllten. Sie versicherten unter Diensteid, daß Joseph Steblicki das ehrlichste und friedsamste Leben geführt, alle seine Pflichten treu erfüllt, die ihm anvertrauten Gelder korrekt und musterhaft verwaltet und sich in jeder Weise der Achtung und Wertschätzung seiner Mitbürger verdient habe. Zuletzt wurde unter den Zeugen noch der Kreisarzt vernommer, der Joseph Steblicki für einen Melancholiker erklärte und seinen Uebertritt zum Judentum mit allerlei Deformitäten, die er an Steblickis Schädel entdeckt haben wollte, zu deuten versuchte. Joseph Steblicki, selbst vernommen, leugnete nichts. Er sei ganz allein, ohne jede Einwirkung von außen, durch eifriges und ständiges Studieren der Heiligen Schriften zu der Ueberzeugung gelangt, das Judentum sei die einzig wahre Religion. Jesus sei ein Jude gewesen, sei beschnitten worden und habe ausdrücklich gelehrt, daß alle Gesetze, die Gott durch Moses gegeben habe, auf das strengste gehalten werden müßten, auch die Vorschriften der Schriftgelehrten, wie im Evangelium Matthäi ft.28, V. lund 2. zu lesen sei. „Ich bin aus freien Stücken Jude geworden, und ich habe mich, wie Abraham, unser Erzvater es getan hat, selbst beschnitten, und ich gedenke als Jude zu leben und zu sterben. Da ein jeder Mensch, wie ich gehört, nunmehr Gewissensfreiheit haben soll, ich auch niemand etwas Böses getan habe, nichts gegen den König, nichts gegen die Regierung, so hoffe ich, daß man mich straflos lassen wird." Der von Windherm, Beier, Westarp und Reich gezeichnete Bericht ging an Friedrich d. Gr. Der König erließ den Befehl, Joseph Stebnicki in Frieden zu lassen. Bezüglich weiterer Verhaltungsmaßregeln werde öa§ Finanzdepartement verfügen. Joseph Steblicki. der sich (wie fast alle Prvselyten) Abraham bar Abraham nannte, erhielt einen Schutzbrief als Jude. Er lebte nach wie vor mit seiner katholisch gebliebenen Frau zusammen und zog nachher natzj Sorau zn seinem katholischen Sohn. Jm 74. Jahre seines Lebens folgte er seinem ihm ein Jahr vorher im Tode vorhcrgegangenem Weibe. Ans dem jüdischen Friedhofe in Nikolai befindet sich sein Grab. Auf dem Grabstein ist zu lesen: „Hier ruht Joseph, ein Sohn von unserem Vater Abraham, besten Andenken gesegnet sei. Er hat sich mit Leib und Seele hingegeben, nm unter den Glanz der göttlichen Majestät zn kommen, er hat den Namen Gottes geheiligt und hat für den Ewigen gestritten, um unser Gesetz und MM BLUMEN' iJUÜNÖ k /TRAHL Cr FAL.CKC BERLIN-WOG £2£ MAUERSTR. 70 FERNRC7F: ZENTRUM 5023 U. 5024 BLUMENSPENDEN - TRAUERSPENDEN - TAFEL- SCHMUCK. INNENDEKORATION IN KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG. *2 ERSTE PREISE.